Abschied vom psychiatrischen und psychotherapeutischen Größenwahn: Konstruktionen einerPosttherapeutischen Welt, E Epstein, M Wiesner, L Duda

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Content: Abschied vom psychiatrischen und psychotherapeutischen GrцЯenwahn: Konstruktionen einer `Posttherapeutischen Weltґ Eugene Epstein, Manfred Wiesner, Lothar Duda Abstract: Die Autoren gehen von der These aus, dass der psychiatrische und der psychotherapeutische Diskurs (in der westlichen Welt) inzwischen die gesamte Gesellschaft infiltriert haben. Mit dem DSM--5 dehnen sich diese Diskurse weiter aus. Das Denken und Sprechen ьber psychisches Empfinden und Leiden wird damit zunehmend global uniformiert. Im Resonanzraum dieses Vokabulars sind wir alle potentielle PatientInnen. Hierdurch bietet sich das DSM--5 im Sinne eines ,,MacGuffins" auch als Vehikel an, den Wirtschaftsfaktor psychiatrisch/psychotherapeutische Versorgung weiter am Laufen zu halten. Die Pathologisierung des Individuums und die Trьbung des Blicks fьr gesellschaftliche Verдnderungsnotwendigkeiten sind hierbei zwei Seiten einer Medaille. Der globalen Homogenisierung des Blicks auf psychisches Befinden stellen die Autoren die Kultivierung von Diversitдt bei der Beschreibung und Einordnung psychischen Empfindens und Leidens gegenьber. Sie proklamieren die Ьberwindung der Hegemonie des traditionellen psychiatrischen und psychotherapeutischen Diskurses und rufen dazu auf, mit der Entwicklung einer ,,posttherapeutischen Welt" zu beginnen.1 In einer ersten Annдherung hieran gehen sie darauf ein, wie die Ausbildung von ,,Helfern" im Lichte eines solchen verдnderten Denkens gestaltet werden sollte. Die Globalisierung westlicher Psychiatrie und Psychotherapie "...the regions of the world with the most resources to devote to the illness -- the best technology, the cutting--edge medicines and the best--financed academic and private--research institutions -- had the most troubled and socially marginalized patients." ­Ethan Watters ,,More than at any other time in history, mankind faces a crossroads. One path leads to despair and utter hopelessness. The other, to total extinction. Let us pray that we have the wisdom to choose correctly. ,,--Woody Allen (1980) In ihren jьngsten Werken beschreibt Eva Illouz die vielfдltigen Weisen, in denen psychotherapeutische, psychiatrische und psychologische Diskurse unsere gesamte Kultur und Gesellschaft infiltriert haben:2 Wirtschaftsunternehmen verwenden emotionspsychologische Konzepte bspw. zur Optimierung ihrer Fьhrungskrдfte und zur Harmonisierung innerbetrieblicher Interaktionen, um ihre Produktivitдt zu steigern. Illouz (2009) spricht in diesem Zusammenhang vom »emotionalen Kapitalismus« (vgl. auch Neckel, 2006). Versicherungswesen und Justiz beziehen sich in ihren Entscheidungen auf Kategorien psychischer Beeintrдchtigung. Schulen fьhren Prдventionsprogramme mit Blick auf die soziale und psychische Gesundheit ihrer SchьlerInnen durch (z. B. Klasse 2000; vgl. auch Duttweiler, 2013). In Talkshows und Dokusoaps stellen psychische Probleme eine gut verkдufliche Ware dar, -- ganz zu schweigen vom Geschдft der Pharmaindustrie mit dem 1 Gerade mit Blick auf die Entwicklung einer ,,posttherapeutischen Welt" entschieden sich die Autoren fьr einen Schreibduktus, der nicht ausschlieЯlich wissenschaftlich und psychiatrisch--psychotherapeutisch ausgerichtet ist. 2 Fьr Illouz ist "Die Psychologie (...) ein kulturelles Konstrukt, in dem eine Unmenge geschriebener Texte die Praktiken und Sprechweisen mьndlicher Interaktionen organisiert und strukturiert", sie bieten ,,Szenarien an, mittels deren Akteure ihre emotionale Erfahrung kognitiv einьben und darьber nachdenken kцnnen, wie andere emotional agieren und sich ausdrьcken" (Illouz, 2009, S. 36 u. S. 39). 1 http://www.systemagazin.de/bibliothek/e_bibliothek.php/epstein_posttherapeutische_welt.pdf
psychischen Leid (vgl. z.B. arte 2010/2011; Greenberg 2010; Horwitz & Wakefield 2007, 2012; Kutchins & Kirk 1997). Psychologische Ratgeber leiten uns unter Bezug auf entsprechende Theorien und Techniken an, unser Selbst, unsere Beziehungen und unsere Familien zu optimieren (Illouz, 2009; Sieben, Straub & Sabisch--Fechtelpeter 2012; Straub, 2012). Seit vielen Jahren hat sich Ken Gergen in seinen Arbeiten kritisch mit dem expandierenden Vokabular psychischer Krankheiten befasst und hierfьr den Begriff ,,cycle of progressive infirmity" geprдgt (Gergen 1990, 1994, 2006). Er betrachtet den psychologischen Diskurs aus einer relationalen Perspektive und stellt vor diesem Hintergrund kritische Fragen ob des Wertes / Nutzens (statt der Wahrheit) ­ er fragt, inwiefern diese Terminologien kulturelle Muster erhalten oder verдndern, welche Funktion sie innerhalb der Kultur im Allgemeinen erfьllen und ob solche Begriffe wьnschenswertere Formen menschlicher Beziehungen fцrdern oder verhindern.3 Die genannten expansiven Tendenzen zeigen keine Anzeichen, in absehbarer Zeit nachzulassen -- auch wenn etwa der britische Nuffield Council on Bioethics, ein weltweit geachteter Think--Tank bestehend aus Philosophen, Дrzten und Wissenschaftlern schon 2002 vor der Medikalisierung des Lebens als neuen Megatrend warnte: ,,Eines der Probleme liegt in der diagnostischen Ausbreitung oder der Tendenz, dass Stцrungen so breit definiert werden, dass mehr und mehr Individuen im Netz der Diagnose gefangen werden" (Blech, 2003). Der Medizinhistoriker Roy Porter konstatierte einen gewaltigen ,,Druck ­ erzeugt von Medizinern, dem Geschдft mit der Medizin, Medien, aggressiv werbenden pharmazeutischen Unternehmen und pflichtbewussten (oder anfдlligen) Einzelpersonen --, die Diagnose behandelbarer Krankheiten auszuweiten"; dabei erlдgen Behandler und Konsumenten zunehmend der Vorstellung, ,,dass jeder irgendetwas hat, dass jeder und alles behandelt werden kann" (Blech, 2003). Auch die mit globalem Geltungsanspruch auftretenden, neuerlichen Revisionen der psychiatrischen Diagnoseschlьssel (DSM 5, ICD 11) versuchen ein weiteres Mal das Bewusstsein der Menschen zu kolonialisieren, indem sie das ,,richtige" Beschreibungsvokabular fьr psychische und soziale Befindlichkeiten und Erlebnisweisen normieren. Der Chairman der Task Force zur Erstellung des DSM IV, Allen Frances (2009, 2010), bewertete rьckblickend schon bestimmte Folgen des DSM IV kritisch: ,,Our panel tried hard to be conservative and careful but inadvertently contributed to three false ,,epidemics" ---- attention deficit disorder, autism and childhood bipolar disorder. Clearly, our net was cast too wide and captured many ,,patients" who might have been far better off never entering the mental health system." (Frances, 2010, S.1; Frances, 2009) Mit Blick auf das DSM--5 werden von Kritikern дhnliche Folgen vorausgesehen. Es ist zu befьrchten, dass diese erweiterte ,,Identifikation" sogen. kranken psychischen Erlebens -- mit ihren stigmatisierenden Folgen ­ noch intensiver in den Kanon alltagssprachlichen Sprechens ьber sich und andere eingehen wird.4 Die mediale Vervielfдltigungsmaschine wird ihr Ьbriges dazu tun und uns veranlassen rasch alltдglich zu vergleichen, ob wir vielleicht irgendwelche Symptome bei uns oder anderen entdecken kцnnen. Und so wie Franзoise de La 3 Siehe auch Burkart (2006): ,,Der Individualismus ist eine neue Form der Zuschreibung von sozialen Ereignissen auf individuelle Motivlagen und Handlungen, und die Individuen ьbernehmen diese Zuschreibung in ihre Selbstbeobachtungen und Selbstbeschreibungen, die reichhaltiger werden. Man erlebt und erfдhrt sich als Individuum, das sein Schicksal selbst in der Hand hat, das sich selbst klassifiziert, interpretiert, das sich letztlich selbst erschafft." (S. 17). 4 Siehe z.B. Horwitz & Wakefield 2007 und 2012, und Wakefield 2010. 2 http://www.systemagazin.de/bibliothek/e_bibliothek.php/epstein_posttherapeutische_welt.pdf
Rouchefoucauld ьber die Liebe sagte: ,,Es gibt Leute, die hдtten sich nie verliebt, wenn sie nie von der Liebe hдtten reden hцren." (La Rochefoucauld, 1665/2012, S. 50), lдsst sich fragen, welche Auswirkungen diese dominanten Erzдhlungen der Psychiatrie fьr unsere Lebensfьhrung haben werden. Skepsis ist angesagt, denn ,,das Morgen ist schon im Heute vorhanden, aber es maskiert sich als harmlos" (Robert Jungk, zitiert in Kluge, 2009). Schlimmer noch: was heute noch gar nicht vorstellbar scheint, kann morgen bereits bitterer Ernst werden.5 Diagnose als MacGuffin ,,Eine der verbreitetsten Krankheiten ist die Diagnose" ­Karl Kraus Die Revisionen der Diagnoseschlьssel folgen dabei letztendlich einer positivistischen Denkfigur (Strong 2012), die glauben macht, dass es gelingt, sich den wirklichen und wahren Dimensionen anzunдhern und dafьr die passende Sprache parat zu haben. Vermeintlich lautere Begrьndungen werden herangezogen, dieses Vorgehen zu legitimieren. Voran steht das ,,Wohl der PatientInnen" . Dies kцnne z.B. von adдquateren Beschreibungen und Kategorisierungen profitieren, da bessere Diagnosen bessere Therapien versprдchen. Eine bessere Vergleichbarkeit psychopathologischer Zustдnde befцrdere die entsprechende Forschung, die wiederum dem Wohl der Bevцlkerung diene. Psychiatrisch--infrastrukturell noch wenig gesegnete Regionen der Erde kцnnten in Ihrer Entwicklung durch die weitere Verbreitung der psychiatrischen Nomenklatur vorankommen, da damit der Zugang zu Behandlungsmцglichkeiten erst erschlossen wьrde. Kritiker vermuten hingegen verdeckte Interessenslagen der Pharmaindustrie und der Gesundheitswirtschaft, fьr die als krank zu definierende oder von Krankheit potentiell bedrohte Menschen die wirtschaftlich interessanten GrцЯen sind ­ Gesunde und Tote sind in diesem Sinne uninteressant.6 Jules Romains (1997) stellte bereits 1923 in seinem Lustspiel ,,Knock oder der Triumph der Medizin" auf ironische Weise dar, wie es einem Mediziner gelingt, eine gesunde Bevцlkerung zu Dauerpatienten zu machen und nahm vorweg, wie die Kommerzialisierung der Medizin zur ,,Erkrankung" der Bevцlkerung beitrдgt (s. auch Wulff 1971 und Conrad 2007). Auf den Punkt brachte der irische Psychiater David Healey (2009) die Charakterisierung eines pharmagestьtzten Lebens als ,,Geburt, Ritalin, Prozac, Viagra, Tod". Diese Kritik gilt nicht nur fьr die Psychiatrie, sondern inzwischen ebenso fьr die Psychotherapie. Auch die Psychotherapie selbst hat sich durch das Geld aus den Versicherungssystemen korrumpieren lassen ­ wie unlдngst Bob Fancher aufzeigte: "Talk therapy sold out" (Fancher, 2012): ,,We must remember that before psychiatry won its battle to cast intense suffering as a matter of mental illness, the question facing our society ­ and people suffering intense distress ­ was not how to treat mental illness. The question was 5 Vgl. auch Angelika Meiers Roman ,,Heimlich, heimlich, mich vergiss", 2012 6 "For drug companies, ... unlabeled masses are a vast untapped market, the virgin Alaskan oil fields of mental disorder" (Kutchins und Kirk, 1997, S. 247). 3 http://www.systemagazin.de/bibliothek/e_bibliothek.php/epstein_posttherapeutische_welt.pdf
how to understand and treat debilitating distress. (...) For the most part, non--physicians understood themselves to be offering an alternative to medical treatment. They didn't make the argument, »We're doctors, too,« but, »We have a legitimate way of understanding and helping human suffering, and people should have the option of looking at their problems as we do«." (...) ,,In pursuit of money, the professions of psychology and social work have largely abandoned their historical efforts to provide an alternative to the medical model of understanding suffering. Indeed, they have insisted upon, fought for, and funded lobbying battles on behalf of the medical model."(Fancher, 2012) Das inzwischen weit verbreitete stцrungsspezifische psychotherapeutische Vorgehen macht deutlich, wie sehr sich die Psychotherapie am psychiatrischen Diskurs anlehnt, ja ihn auf diese Weise perpetuiert. Hierbei haben in der Vergangenheit Legitimierungsbestrebungen der Psychotherapie eine maЯgebliche Rolle gespielt. Es scheint uns daher angemessen, fьr einen kurzen Moment innezuhalten, um in Anlehnung an die polemischen Aussagen von Karl Kraus (s.o., 1911, S. 41) und Jules Romain: ,,Gesunde sind Menschen, die nicht wissen, dass sie krank sind" (»Doktor Knock« in Romain, 1923, S. 18) einer grundsдtzlichen Infragestellung von »Diagnosen« Raum zu geben. Wir greifen dabei eine Darstellungs-- und Analyseperspektive auf7, die der deutsche Soziologe Thomas Lemke bei seiner kritischen Bewertung des Gen--Konzepts eingenommen hat (Lemke, 2004). Lemke wollte dabei akzentuieren, dass der wissenschaftlich eigentlich unklare Begriff des Gens gerade durch seine Unbestimmtheit eine Fьlle von Funktionen in politischen und wissenschaftlichen Diskursen ermцglicht hat, deren Existenz wiederum im Sinne eines circulus vitiosus dabei hilft, die eigentliche Unschдrfe des Konzepts zu verschleiern. Vieles von dem, was Lemke ьber die »Gene« gesagt hat, lдsst sich unseres Erachtens auch auf die psychiatrische Diagnose ьbertragen. Psychiatrische Diagnosen, legitimiert und sanktioniert durch die international angewendeten Diagnoseschlьssel DSM und ICD, treten im Gewand wissenschaftlich fundierter Konzepte auf, die glauben lassen, es bestьnden spezifische Ursache--Wirkungs--Zusammenhдnge. Dies ist jedoch bei weitem nicht der Fall (Carlat, 2010; Wakefield 2010; Horwitz & Wakefield 2012; Axelson et. al. 2012). Analog zu Lemkes Ьberlegungen erscheinen uns auch psychiatrische Diagnosen als das ,,Resultat eines Zusammentreffens von experimentellen Anordnungen, theoretischen Vorannahmen und diskursiven Praktiken" (Lemke, 2004, S. 90). Und obwohl es sich bei Diagnosen um das Ergebnis eines komplexen Geschehens handelt, an dem quasiobjektive ,,Instrumente" wie Tests und Checklisten ebenso wie zeitgemдЯe Interpretationsfolien mitwirken, werden Diagnosen immer wieder als naturhaft gegeben aufgefasst. Doch wie konnte die Diagnose eine solch groЯe Bedeutung fьr das Gesundheitswesen und die Gesellschaft erlangen? Folgen wir Lemkes -- auf den ersten Blick -- unorthodoxer Betrachtung, so liefert eine mцgliche Antwort Alfred Hitchcock mit seiner Idee des »MacGuffin« (Truffaut 2003/1966). ,,Hitchcock verstand darunter eine bestimmte Art von Objekten, denen in seinen Filmen eine zentrale Bedeutung zukam, auch wenn sie selbst vцllig irrelevant waren. Diese MacGuffins sind laut Hitchcock »lдcherlich«, »nichtig«und »leer«, da sie nichts bedeuten, sich aber zugleich die gesamte Handlung um sie herum dreht. 7 Im weiteren ,,ьbersetzen" wir Lemkes Ьberlegungen zum >>Genbegriff<< bewuЯt eng entlang dem Duktus des Autors auf den >>psychiatrischen Diagnosebegriff<<. 4 http://www.systemagazin.de/bibliothek/e_bibliothek.php/epstein_posttherapeutische_welt.pdf
Hitchcock erklдrte das Prinzip des MacGuffin anhand seines Films Der unsichtbare Dritte. »Das ist ein Spionagefilm, und in der Geschichte geht es nur um eine einzige Frage: Was suchen die Spione? In der Szene auf dem Flugfeld von Chicago erklдrt der CIA--Mann Cary Grant alles. Der fragt dann im Hinblick auf James Mason: >Und was macht der?< Darauf antwortet der andere: >Sagen wir Import--Export.< >Ja, aber was verkauft er denn?< >Na, eben Regierungsgeheimnisse.< Sehen Sie, da haben wir den MacGuffin, reduziert auf seinen reinsten Ausdruck: nichts (Truffaut 1998, S. 127)." (Lemke, 2004, S.92, Herv. dort) Spinnen wir diesen Gedankengang ­ in Anlehnung an Lemke (vgl. ebd. S. 92) -- einmal weiter: Wenn wir psychiatrische Diagnosen in diesem Sinne als MacGuffins auffassen, dann kann man fragen, welche Narrative sie lancieren und welche Aufgaben sie in unserer Gesellschaft ьbernehmen. Und, wie ist die Karriere des psychiatrischen Diagnosediskurses seit Kraepelin und Freud zu verstehen? Kurz und gut,was ist das »Regierungsgeheimnis« der psychiatrischen Diagnose? So wie Lemke es mit Blick auf »die Gene« getan hat, mцchten auch wir danach fragen, welche ,,strategische Rolle" der Bezugnahme auf psychiatrische Diagnosen heute zukommt? Wдhrend in frьheren Jahren emotionale Probleme mehr vor dem Hintergrund negativer Umstдnde bspw. am Arbeitsplatz bzw. in der Schule oder mangelnder sozialer Sicherung reflektiert wurden, liegt heute die Betonung auf »schlechten« individuellen Prдdispositionen und individuellen Lebenspraktiken (wie z.B. mangelnder Gefьhlsausdruck, schlechtes Zeitmanagement, falsche Copingstrategien, einseitige Lebensfьhrung etc.). Zusammen mit der potentiellen Bedrohung durch psychische Abweichung wird ein »happy end« (vgl. ebd. S. 93) versprochen, denn die psychiatrische und die psychologische Forschung verheiЯen erfolgreiche Prдvention und Therapie. Der psychischen Vulnerabilitдt wird die Behauptung zur Seite gestellt, das Leben durch die Modulation der psychischen Voraussetzungen und Zustдnde entscheidend optimieren zu kцnnen (vgl. ebd. S. 93). Was bleibt also dem Individuum anderes ьbrig als Prдvention und Therapie zu zentralen Leitgedanken der persцnlichen Lebensperspektive zu machen. Letztendlich weiЯ zwar inzwischen niemand mehr zu sagen, was denn nun eigentlich noch »normal« ist, gleichwohl ist der gefьhlte Druck immens, auf jeden Fall und dauerhaft »normal« zu sein. Auf diese Weise profitiert der psychiatrische Diagnosediskurs (und an ihn geknьpfte Institutionen) auch von jenen Sorgen, die er selbst nicht zuletzt mitverantwortet. Und zudem leistet er, ebenso wie Lemke es fьr die Gene angenommen hat, eine Anдsthesie gesellschaftskritischer Betrachtungen. Das ist das »Regierungsgeheimnis« des Diagnose-- MacGuffin. Heiner Keupp (2013), problematisiert aktuell in дhnlicher Weise auch die ,,soziale Amnesie" der heutigen Psychotherapie. Verschiedene Kritiken, die auf sozialpolitischer Ebene thematisieren, dass die Psychotherapie die dominante kapitalistische soziale Ordnung unterstьtzt und stabilisiert, kцnnen schon in der fachlichen Literatur der zweiten Hдlfte des letzten Jahrhunderts gefunden werden.8 8 Als Beispiele fьr solche Kritiken siehe Zaretsky 1976/1986, Kovel 1981, Foucault 2006, Jacoby 1975, Deleuze & Guattari 1972/2004. 5 http://www.systemagazin.de/bibliothek/e_bibliothek.php/epstein_posttherapeutische_welt.pdf
Kultur, Sprache und Psychisches Leid ZEIT: Sie glauben nicht an Therapie. Foster Wallace: Lassen sie es mich so sagen: Man kann nicht auf der Welt sein, ohne in Schmerzen zu leben, seelischen und kцrperlichen Schmerzen. Wir haben Mechanismen entwickelt, um mit diesen Schmerzen umzugehen, sie irgendwie zu ьberwinden. Therapie, Religion und Spiritualitдt, Beziehungen, materiellen Erfolg. All das kann funktionieren, aber auch selbst zum Problem werden. --David Foster Wallace Im Folgenden wollen wir der im DSM--5 enthaltenen Uniformierung des Denkens ьber psychisches Empfinden Perspektiven gegenьberstellen, die die Diversitдt von Beschreibungsmцglichkeiten kultivieren. Wie einstmals (und noch heute) die Missionare wussten, dass (u.a.) ein wesentlicher Schlьssel zur erfolgreichen Verbreitung der ,,frohen Botschaft" die Sprache ist, scheinen auch die ,,Eliten" der westlichen Psychiatrie in der Globalisierung ihres Vokabulars den Schlьssel zum Erfolg zu sehen. Ihre Verbreitungsform ist nicht zuletzt die `Schulungґ -- die Schulung der TherapeutInnen (und anderer helfender Berufsgruppen), die wiederum die Laien9 und PatientInnen10 schulen ­ untermalt von einer mehrfachen medialen Verstдrkung. Schon lange gelingt es den anhaltend geschulten Bьrgern in der westlichen Welt die psychiatrischen und psychologischen Begriffe wie Alltagssprache auf sich und andere anzuwenden (Illouz, 2009). Das Sagbare ьber mich und dich nдhrt sich in der westlichen Kultur mehr und mehr aus dem Sprachschatz von Psychiatrie und Psychologie.11 Ethan Watters (2010) problematisiert die globale Homogenisierung des psychischen Empfindens und Leidens entlang westlichen psychiatrischen Denkens und warnt vor der Missachtung und Verdrдngung anderer kultureller Beschreibungs-- und Bewдltigungsformen. Glaubt bspw. das westlich psychiatrische Denken, dass sogn. Posttraumatische Belastungsstцrungen im Kopf des Individuums zu verorten sind und Behandlungen dort anzusetzen haben, weisen andere Kulturen sozial orientierte Copingformen auf, die auf die Stдrkung und Sicherung der sozialen Einbettung setzen. (Bracken, 2010; Wulff, 1978) 9 Z.B. im Kontext der Selbsthilfe, der Seelsorge oder der Prдvention (z.B. betriebliche Gesundheitsvorsorge oder schulische Prдventionsprogramme) 10 Z.B. im Rahmen der Therapiegesprдche, durch Psychoedukationsveranstaltungen oder mittels Informationsbroschьren 11 Inwieweit das Aufgreifen des psychologischen und psychiatrischen Vokabulars durch andere Diskurse (Цkonomie, Recht, Versicherungswesen, um nur einige zu nennen) bzw. Wechselwirkungen mit diesen zur Karriere und spezifischen Entwicklung des psychologischen und psychiatrischen Diskurses beigetragen haben ist in den Arbeiten verschiedener AutorInnen wie Illouz (2009), Duttweiler (2013) und Keupp (2013) nachzulesen. So meint bspw. Duttweiler, dass psychotherapeutische Leitideen wie Selbstverwirklichung und Selbstverantwortung einen Widerhall in der Selbst--Konzeption des Neoliberalismus, dem ,,unternehmerischen Selbst", finden oder dass die Ausweitung des Ideals der Prдvention das Selbst in ein Marktmechanismen gehorchendes ,,Investitionsobjekt" verwandle. 6 http://www.systemagazin.de/bibliothek/e_bibliothek.php/epstein_posttherapeutische_welt.pdf
Nimmt man eine kulturhistorische Perspektive ein (Frevert, 2011; Illouz, 2011) lдsst sich ein Wandel von Gefьhlsnormen und des Umgangs mit Leid ьber die Jahrhunderte hinweg nachvollziehen und macht plausibel, dass unsere heutigen vom psychologisch-- psychiatrischen Diskurs imprдgnierten Vorstellungen vom Psychischen und Sozialen nicht naturhaft konstruiert werden mьssen. Leid und Leiden stellen sich den gen. Autorinnen zufolge heutzutage im Vergleich zu frьheren Epochen als weniger akzeptabel und eher stцrend dar. Lцst Leid heutzutage rasch einen ,,Reparaturreflex" aus, konnte es bspw. in der Romantik noch als Agens der Charakterbildung ausgehalten und als fцrderlich angesehen werden.12 Schon in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts zeigte bspw. die Ethnopsychiatrie bzw. transkulturelle Psychiatrie mit ihren Untersuchungen auf, inwiefern kulturelle und sprachliche Bedingungen bzw. Unterschiede sowohl Beschreibung als auch ,,Therapie" psychischer Auffдlligkeiten wesentlich zu beeinflussen vermochten. Der Psychiater Wulff (1978a) veranschaulichte dies an Hand seiner beruflichen und wissenschaftlichen Tдtigkeit in Vietnam. Beispielsweise beschrieb er, welche Auswirkungen das Fehlen eines allgemeinen Begriffs fьr ,,Ich" in der vietnamesischen Sprache auf die Diagnose und die Reaktion auf abweichendes Verhalten hat. 13 12 Die Idee einer kulturellen und historischen Einbettung unserer Vorstellungen vom Psychischen wurde von einem der Grьndervдter der Psychologie, Wilhelm Wundt (1913), bereits im vorletzten und letzten Jahrhundert wissenschaftlich proklamiert, ist jedoch, so der Soziologe Werner Vogd (2013), in der Folgezeit im Rahmen der disziplinдren Abschottung verloren gegangen. 13 So gibt es im Vietnamesischen keinen Allgemeinbegriff fьr >>Ich<<. Die Selbstbenennung richtet sich vielmehr nach der jeweiligen Rollensituation in der sich der Sprecher mit Blick auf sein Gegenьber gerade befindeT. Das mдnnliche ,,Ich" ist dann entweder ,,Herr (GroЯvater), kleiner oder groЯer Bruder, Onkel, Meister, Sklave" (Wulff, 1978a, S. 164--165). Wulff schlussfolgert hieraus: ,,Die Notwendigkeit zu einem hдufigen Rollenwechsel, der einen Wechsel der Selbstdefinition und ­benennung und damit, im westlichen Verstande, auch der eigenen >>Identitдt<< einschlieЯt, ergibt sich also bereits aus der Struktur der vietnamesischen Sprache; und er wird von den Kindern, indem sie >>anstдndig<< sprechen lernen, bereits praktiziert" (ebd., S. 165). Typisch fьr die personale Ich--Entwicklung sei in Vietnam die Herausbildung eines ,,Gruppen--Ego". Im Indogermanischen typische Sprachelemente wie besitzanzeigende Fьrwцrter oder die dort ьbliche Subjektprдponderanz prдgen (neben anderen nicht--sprachlichen Faktoren wie цkonomischen Produktionsverhдltnissen in einer Kultur) im Gegensatz hierzu ein individualistisches Ich. Fьr Wulff ergeben sich hieraus Konsequenzen fьr die Diagnostik abweichenden Verhaltens; so erklдrt sich Wulff, sogn. Ich--Stцrungen in Vietnam vor dem Hintergrund einer Sozialisation, die nicht auf den Aufbau eines Individual--Ichs abziele, in Vietnam kaum beobachtet zu haben (ebd. 170 ff). ,, Wo hingegen Sozialisationsinstanzen ­ und praktiken als sozialtypische psychische Struktur ein >>Gruppen--Ego<< hervorbringen, fьr das die Gedanken--, Gefьhls-- und Kцrperwelt des Einzelnen nicht als geschьtzter, ver-- und geborgener Innenraum einer individuellen >>Meinigkeit<< scharf abgegrenzt ist, sondern bereits normalerweise in den EinfluЯ-- und Zustдndigkeitsbereich der erweiterten Innengruppe der Sippen-- und Dorfgemeinschaft sowie der diesen zugehцrig gedachten >>ьbersinnlichen<< Krдfte gehцrt, und fьr sie alle offen zugдnglich daliegt, dort wird ein Eindringen in eine solche unversperrte und nur wenig individualisierte Gefьhls--, Gedanken-- und Kцrperwelt des einzelnen auch nicht als die personenvernichtende Katastrophe erfahren werden, nicht als der vergewaltigende Einbruch und Aufbruch, den die meisten westeuropдischen und amerikanischen Kranken dabei empfinden." (ebd. S. 178) Gleichwohl Wulff seinerzeit noch einem klassischen Diagnosebegriff verhaftet ist, vermцgen seine Schilderungen und Reflektionen die Bedeutung kultureller Aspekte fьr die Beschreibung ,,abweichenden Verhaltens" eindrьcklich zu illustrieren. Mit Blick auf die deutschen Wurzeln der heutigen westlichen Psychiatrie kritisiert Wulff: ,,Die wissenschaftlichen Begriffe der deutschen psychopathologischen Klinik, die in der Welt Schule gemacht haben, vor allem die Begriffe KRAEPELINS, BLEULERS und der Heidelberger Schule (von JASPERS und GRUHLE bis zu K. SCHNEIDER), sind samt und sonders als Abweichungen von den Kultur-- und Sozialnormen des Bьrgertums in der ersten Hдlfte des 20. Jahrhunderts definiert worden, ohne daЯ die aus 7 http://www.systemagazin.de/bibliothek/e_bibliothek.php/epstein_posttherapeutische_welt.pdf
Die US--amerikanische Psycholinguistin Lera Boroditsky (2010; 2011) liefert mit ihren gegenwдrtigen Studien zum Einfluss der Sprache auf das Denken bemerkenswerte Forschungsergebnisse dafьr, wie verschiedene Sprachen, ja schon kleine grammatikalische Verschiedenheiten, unterschiedliche Auswirkungen auf unsere Sicht der Welt und von uns selbst haben kцnnen. So unterscheiden sich Sprachen bspw. auch danach wie sie Persцnlichkeiten beschreiben. Im Jiddischen gibt es eine Vielzahl von `noun--categoriesґ fьr jede Art von Persцnlichkeitstyp, den man sich vorstellen kann. Nominativen Zuschreibungen ist nach Boroditsky eine grцЯere Permanenz zu eigen als adjektivischen oder in der Verbform vorgenommenen Beschreibungen. Je nachdem, welche Sprache Menschen sprechen kann dies zur Folge haben, dass sie annehmen, Persцnlichkeiten kцnnen sich дndern oder nicht. 14 Die an der Schnittstelle zwischen Kognitions-- und Sprachpsychologie liegenden Forschungsergebnisse von Gregory Walton & Mahzarin Banaji unterstьtzen diese Perspektive, sie kommen in ihrer Studie zu dem Fazit: ,,These results imply that language may be an important vehicle through which we create and maintain our sense of self: who we are, what our attitudes are, and perhaps even who we would like to be" (Walton & Banaji 2004, S. 208--209) Aus philosophischer und historischer Perspektive untersuchte auch Ian Hacking (2006), inwiefern Bezeichnungen mit dem Bezeichneten interagieren. Er beschreibt einen von ihm als ,,looping effect" bezeichneten rekursiven Prozess, in dem Personen, die auf eine bestimmte Weise bezeichnet worden sind dazu tendieren, sich nach und nach entsprechend zu verhalten. Zusдtzlich entwickeln sie sich auch auf ihre eigene Weise, so dass die Klassifikationen und Beschreibungen wiederum auch kontinuierlich revidiert werden mьssen.15 Im Lichte dieser Forschungen ist unseres Erachtens zu hinterfragen, welche Implikationen die psychiatrisch--psychologische Sprache des Westens mit ihren nominalistischen diagnostischen Zuschreibungen fьr die Mцglichkeiten des Selbsterlebens haben. Was dieser Tatsache sich ergebende Einschrдnkung ihrer Gьltigkeit ihren Schцpfern je zum BewuЯtsein gekommen wдre. Kommt man in ein Land wie Vietnam, so muЯ man erkennen, das die meisten von ihnen selbst fьr praktisch--diagnostische Zwecke unbrauchbar sind." (ebd. S. 158) 14 Vgl. auch Paul Valйrys (2011, S. 141--165) Ausfьhrungen zur Sprache: ,,Die Rьckwirkung der Sprache auf das Denken wurde bisher weit weniger bedacht als die Wirkung des mit Sprache vermengten Denkens. Ich meine, und habe das auch vorgetragen, daЯ in der Mehrzahl der Fдlle die Prдexistenz der Wцrter und Formen einer gegebenen Sprache, die wir von klein auf so innig in uns aufgenommen haben, daЯ wir sie von unserem organisierten Denken nicht unterscheiden ­ eben weil sie, sobald das Denken sich organisiert, schon mit im Spiele ist, schon im Keim unsere mentale Produktion einengt, sie auf Begrifflichkeiten einstellt, die uns in der Illusion wiegen, wir seien ьberaus klar oder ьberaus stark -- dieses Denken mehr gestaltet, als daЯ sie es ausdrьckt ­ und es sogar in eine andere Richtung entwickelt als die, die es zu Beginn eigentlich nehmen wollte." (ebd. S. 146) 15 Hacking beschreibt diesen Effekt schon frьher etwas detaillierter folgendermaЯen: ,,Being seen to be a certain kind of person, or to do a certain kind of act, may affect someone. A new or modified mode of classification may systematically affect the people who are so classified, or the people themselves may rebel against the knowers, the classifiers, the science that classifies them. Such interactions may lead to changes in the people who are classified, and hence in what is known about them. That is what I call a feedback effect. Now I am adding a further parameter. Inventing or molding a new kind, a new classification, of people or of behavior may create new ways to be a person, new choices to make, for good or evil. There are new descriptions, and hence new actions under a description. It is not that people change, substantively, but that as a point of logic new opportunities for action are open to them." (Hacking 1995, S. 239) 8 http://www.systemagazin.de/bibliothek/e_bibliothek.php/epstein_posttherapeutische_welt.pdf
bedeutet es, eine Depression oder eine paranoide Persцnlichkeitsstцrung ,,zu haben", welche Folgen haben solche Eigenschafts(selbst--)zuschreibungen fьr unsere weitere Lebensfьhrung? Wie sehr kann ein solches Eigenschaftsdenken unsere Entwicklungsmцglichkeiten beeinflussen? Nimmt man die Ьberlegungen der Nocebo-- Forschung16 hinzu kann man sich fragen, inwiefern auch die uns zur Verfьgung stehenden habitualisierten sprachlichen Kategorien unsere Erwartungen und in der Folge unser Empfinden, Denken und Handeln beeinflussen.17 Was bedeuten die angeschnittenen Perspektiven fьr die Betrachtung des DSM--5? Dass unsere jeweilige Sprache voraussetzungsreich ist (Boroditsky, 2011), dass die Bedeutung unserer Worte und Sдtze in einem historischen, kulturellen, gesellschaftlichen, situativen und beziehungsbezogenen Geflecht (Wittgenstein, 2011/1953) entsteht und dass die Bedeutungen sich permanent zu wandeln vermцgen (Gergen, 2009), all diese Ideen scheinen von jenen, die das DSM--5 voran getrieben haben ignoriert worden zu sein. Das DSM lokalisiert mit seiner Art des diagnostischen Denkens sogn. psychische Auffдlligkeiten vornehmlich im Individuum und vernachlдssigt gesellschaftliche, kulturelle und historische Betrachtungen.18 Diese Sichtweise wird auch in der neuesten Revision mit einem globalen Gьltigkeitsanspruch vertreten. Die sprachliche -- und damit kulturelle -- Normierung des Psychischen und des Sozialen entlang des psychiatrischen und psychologischen Vokabulars stellt aus unserer Sicht inzwischen19 eine Verengung des Mцglichkeitsraumes in Bezug auf das Denken ьber sich, andere und Die Welt dar. TherapeutInnen und KlientInnen, deren Wortmaschinen rasch wohlfeil ineinander verzahnen, drohen in einem Wortgefдngnis zu landen. Die Fragen der TherapeutInnen werden zu Sagbarkeitsslots (BOAG, 2010) fьr die KlientInnen, die die Sprachwelten der TherapeutInnen zu bedienen wissen. Kommunikationen, die diese Sprachwelten ьberschreiten, werden unwahrscheinlich und damit auch die Sinnrдume jenseits von Psychologie und Psychiatrie. Mцgliche andere Systeme der Bedeutungsgenerierung verlieren ihre hermeneutische Relevanz in der KlientIn--TherapeutIn Interaktion.Die Mцglichkeit eines Klienten bspw. seine Wahrnehmung von Personen, die andere nicht sehen kцnnen, nicht als Ausdruck eines gestцrten BewuЯtseins, einer gestцrten Psyche ­ als psychotische Symptome -- zu verstehen, sondern bspw. als bemerkenswerte Kreativitдt seines Gehirns, als Schutz vor 16 Siehe Barsky et al., 2002; Di Blasi et al., 2001; Rief et al., 2006; und Spiegel, 1997. 17 Der US--amerikanischen Pharmaindustrie gelang es mittels einer Mega--Marketing--Strategie "die Depression" in Japan unter der kulturell anschlussfдhigen Bezeichnung ,,Schnupfen des Herzens bzw. der Seele" als etwas alltдgliches zu implementieren und dabei enorme kommerzielle Gewinne zu erzielen. (arte 2010/11) 18 Kritische BeobachterInnen der gesellschaftlichen Rolle der Psychotherapie (Keupp, 2013; Duttweiler, 2013) bringen vor, dass die neoliberale Gesellschaftsordnung durch den Individualismus besser bedient werde als durch andere Konzeptionen des Menschen. Scheitern bspw. ist im Persцnlichen wie im Цkonomischen leichter dem Individuum zuschreibbar als politischen, sozialen oder цkonomischen Faktoren. So ergibt sich denn auch das Individuum als Ansatzpunkt fьr ,,Reparaturen" und nicht andere Faktoren und Prozesse. Bezeichnenderweise, so der britische Soziologe Colin Crouch, ist der ,,einfдltige Neoliberalismus" aber nun nicht etwa ,,erfolgreich", vielmehr ,,bildet er die Interessen der Reichen, also Mдchtigen ab und sagt schlicht, was sie hцren wollen (...) Es geht um Macht, um Interessen, aber nicht um Erfolg" (Heppe & Mьhlhausen, 2012, Ausl. d. Verf.) ­ und somit konsequenterweise auch nicht >>wirklich<< um individuelle Gesundheit. 19 In frьherer Zeit war der psychologische und der psychiatrische Diskurs neu und anders als das Gewohnte und stellte einen alternativen Sinnraum dar. 9 http://www.systemagazin.de/bibliothek/e_bibliothek.php/epstein_posttherapeutische_welt.pdf
Einsamkeit, als Zugang zu anderen Perspektiven, als Gabe ... ist im Geltungsraum der westlichen Mainstream--Psychiatrie kaum denkbar. Die Sprachen von Psychiatrie und Psychologie sind hegemonial geworden und genau darin liegt ihr Nachteil (Watters, 2010; Illouz, 2009). Ken Gergen wies in seiner Arbeit schon frьh auf die Einengungen hin, die aus der Hegemonisierung von Diskursen resultieren: ,,[...] die stдrksten Zwдnge hinsichtlich dessen, was ьber mentale Ereignisse gesagt werden kann, sind sprachlichen Charakters. Was ьber Denken, Emotionen, Motivation und dergleichen gesagt werden kann, hдngt wesentlich von den vorhandenen sprachlichen Konventionen ab. Dies konfrontiert die TheoretikerInnen der Psychologie mit einem besonderen Problem. Wenn sie ьber die bestehenden Konventionen hinausgehen mьssen, um irgendwas von besonderem Interesse zu sagen, mьssen sie die herrschenden Sprachmuster verдndern. Aus der derzeitigen Perspektive gesehen benцtigt diese Verдnderung den Gebrauch von Metaphern: den Einbau von Sprachmustern aus alternativen Kontexten." (BOAG, 1990, S.47, unter Bezugnahme auf Gergen o.J.) Die Entwicklung einer posttherapeutischen Welt "The world...can change from one moment to the next, for our reality is always but one possibility out of many." --Etgar Keret ,,In the post--modern narrative we can give up the modernist obsession with psychic measurement, diagnosis, classification and normative therapeutic intervention". ­Harry Goolishian Die Annahme, dass sich das Erleben des Psychischen und des Sozialen absolut fassen, vereinheitlichen und im medizinischen Sinne final kategorisieren lieЯe, ist aus unserer Sicht grundsдtzlich zu hinterfragen. 20 Um diese Frage weiter zu untersuchen, lassen wir uns von anderen akademischen Disziplinen und auch der Kunst inspirieren. Bezugnehmend auf die Kunst ist unserer Ansicht nach der Kinofilm `Brownian Movementґ (2011), in dem die Protagonistin, eine Medizinerin, sonderbare unerklдrliche Verhaltensweisen an den Tag legt und therapeutische und psychologische Verstehens-- und ,,Reparaturprozesse" nicht helfen einem Verstehen des seltsamen Verhaltens nдher zu kommen, ein cineastischer Ansatz, die Therapiegesellschaft mit ihren diagnostischen und therapeutischen Instrumenten und ihrem hiermit verbundenenGrцЯenwahn in Frage zu stellen. Der Film erhebt unseres Erachtens die Frage, wie genau menschliches Verhalten anders beschrieben und diskutiert werden kann, wenn wir das traditionelle therapeutische Vokabular zurьckweisen. Die in Literatur und Kunst (und nicht nur dort) verschiedentlich reflektierte Idee multipler Subjektivitдt21 bietet eine weitere Perspektive fьr die Anerkennung von Uneindeutigkeit 20 Einladende und gleichzeitig kluge Formen der Dekonstruktion diagnostischer psychiatrischer Gewissheiten stellen unseres Erachtens satirische und humoristische Befassungen mit dem Thema dar (z.B. Martenstein, 2012; Levy, 1992). 10 http://www.systemagazin.de/bibliothek/e_bibliothek.php/epstein_posttherapeutische_welt.pdf
und multipler Beschreibung. Beispielsweise in Anlehnung an Alexander Kluge sollten wir dabei die psychotherapeutischen Diskurse offenhalten fьr das, was auЯerhalb dieser Diskurse Geltung hat, auch wenn es unkodierbar und vage erscheint, und dem Subjekt Rьckzugsmцglichkeiten diesseits des Verstummens und des Verrьcktseins zugestehen: ,,Mein Subjekt ist ein Palast mit vielen Zimmern, und ich kann einen Raum so ausrьsten, dass ich jederzeit fдhig bin, mich dorthin zurьckzuziehen. Und gleichzeitig bleibe ich gesellig und bin im Chatroom der Gesellschaft. Ich bin mehr als ein Mensch, ich bin viele. Wenn die Daten so zunehmen, verwandeln wir uns in polyphone Lebewesen" (Kluge, 2009). Ein kursorischer Blick in Richtung anderer wissenschaftlicher Disziplinen kann die Aufmerksamkeit auf weitere Ideen lenken, die sich als nьtzlich erweisen, die therapeutischen Diskurse zu цffnen und zu weiten. Beispielsweise aus systemtheoretischer Perspektive proklamiert Peter Fuchs (2011), dass wir es im Bereich des Psychischen und Sozialen und auf dem Feld der Psychotherapie mit ,,vagen Dingen" (in Anlehnung an Paul Valery) zu tun hдtten. Gerade der Umgang mit dem Uneindeutigen sei das Spezifische an der psychotherapeutischen Arbeit und nicht die Herstellung von Eindeutigkeit. Der Soziologe Werner Vogd (2013) sieht uns heutzutage in einer polykontexturalen Gesellschaft, in einer semantischen und kulturellen Vielheit, leben. Nicht an die dominanten Einredungen unserer Gesellschaft blind zu glauben, sondern ,,auf der Klaviatur all dieser Register zu spielen, ohne sich dabei allzu sehr mit den hiermit verbunden Spielen identifizieren zu mьssen" (ebd. S. 45) ist aus seiner Sicht die Perspektive moderner ,,Schamanen". Ein solcher Helfer ,,hдtte die Komplexitдt zu leben, die unsere heutige Gesellschaft auszeichnet, ohne jedoch von der Gesellschaft in ihrer dominanten Kultur gefangen zu sein" (ebd. S. 45). In frьherer Zeit kann unseres Erachtens bspw. Michel de Montaigne (1533 ­ 1592) in gewisser Weise als ein solcher Wanderer zwischen den Welten gesehen werden, der aus einer philosophisch--skeptischen, antiessentialistischen Perspektive heraus Verallgemeinerungen suchte zu vermeiden und stattdessen sich bemьhte konsequent kultur--, kontext-- und einzelfallbezogen zu denken (Montaigne, 1998; Perler, 2011). Solchen Ьberlegungen folgend wollen wir fragen -- und beginnen zu skizzieren --, wie posttherapeutische Welten aussehen, klingen und sich anfьhlen kцnnten, die den traditionellen psychiatrischen und psychologischen Diskurs verlassen und die sich ihrer sozialpolitischen Implikationen bewusst sind. Eine besondere Rolle spielt dabei erneut die kritische Reflexion unserer Existenz als »Lebewesen in Sprache«: ,,In der eigentlichen Sprachkritik, die heute vergessen ist, ging es (...) darum, was Sдtze anrichten kцnnen, unabhдngig davon, ob sie richtig oder falsch geschrieben wurden. Es ging darum, welcher Sachverhalt mit welchen sinnfreien Floskeln beschцnigt, getarnt, ьbertьncht, vernebelt oder vertuscht wird. Es ging darum, was Sдtze verschweigen, indem man gerade sie ausspricht. Und es ging darum, was in der Textur eines Textes verborgen liegt und vielleicht fьr immer verborgen bleibt. In der eigentlichen 21 Siehe z.B. Weber, 2010; Kцnig, 1981/1965; Mayrцcker, 1988; Pessoa, 2003; Dix, 2005; Gergen, 2009; Reckwitz, 2006; Welsch, 1990; Walton, Paunesku, & Dweck, 2012. 11 http://www.systemagazin.de/bibliothek/e_bibliothek.php/epstein_posttherapeutische_welt.pdf
Sprachkritik, die heute vergessen ist, beinhaltet Kritik also auch immer eine Kritik an denjenigen, die das Sagen haben, die цffentlich sprechen dьrfen, die eine Definitionsmacht haben. Eine eigentliche Sprachkritik ist ohne eine Kritik an den nicht denkbar." (Orheim, 2008, S. 3) In einer ersten Annдherung an solche posttherapeutische Welten glauben wir, dass die Ausbildung zum ,,Psychotherapeuten" / zur ,,Psychotherapeutin" mit Blick auf die oben genannten (kulturellen, gesellschaftlichen, sozialen, historischen, linguistischen und politischen) Aspekte anders konzipiert werden mьsste. Schon das Studium dьrfte keine Fokussierung auf eine Disziplin (sei es Medizin, Psychologie, Sozialpдdagogik oder дhnliches) mehr sein. Therapeutinnen ­ wenn sie in diesem Denken denn ьberhaupt noch so hieЯen ­ wдren keine fachsimpelnden Psychiaterinnen, Psychologinnen oder Psychotherapeutinnen mehr, sondern Kennerinnen und Sammlerinnen mцglichst vieler Wirklichkeitsnarrative, die unsere polykontexturale Gesellschaft bereithдlt. Sie wдren vergleichbar zu KuratorInnen aus dem Kunstbereich, die fьr spezifische Gesprдchsanlдsse denkbare Wirklichkeitsnarrative zusammenstellen. Sie wьrden angesichts der von KlientInnen dargebotenen spezifischen Sinnprobleme und ­fragen ein differenziertes Angebot von Sinnkonstruktionen, das nicht vornehmlich der Psychiatrie und der Psychologie entstammt, offerieren und mit den KlientInnen unaufdringlich und ohne apodiktisch zu sein unter Rьckgriff auf ihre Gesprдchskunst reflektieren kцnnen. Unaufhцrlich ­ auch wдhrend ihres Berufslebens ­ mьssten sie Wanderer zwischen den Sprachwelten sein, statt sich immer weiter im Psychiatrie-- und Psychologie--Sprech zu spezialisieren. Eine solche Wirklichkeitskuratorin sollte in vielen Disziplinen (Philosophie22, Literaturwissenschaften, Soziologie, Kulturwissenschaften, Geschichte, Kunst, Politik, Psychologie, Medizin, Pдdagogik ... um nur einige zu nennen) ausgebildet und bewandert sein ­ auch naturwissenschaftliche Weltverstдndnisse sind einzubeziehen.23Diese Herangehensweise an die Ausbildung von ,,TherapeutInnen" kдme letztlich eher der Idee eines ausgedehnten studium generale nahe. So wie der durch seine sprachwissenschaftlichen Forschungen am Amazonas bekannt gewordene Linguist und Ethnologe Daniel Everett (2012) uns mahnt, die Vielfalt der Sprachen auf unserer Erde als kulturellen Schatz, der unsere Mцglichkeiten, uns auf die Welt zu beziehen birgt, zu bewahren, plдdieren wir fьr eine Neubesinnung der Psychotherapie, die diese Vielfalt zu ihrem Agens macht und in die Bewдltigung von Sinnverlusten einbringt. AbschlieЯend beziehen wir uns auf einen kleinen Dialog zwischen Johnny Depp (Don Juan de Marco) und Marlon Brando (Dr. Jack Mickler) aus dem Hollywoodfilm ,,Don Juan de Marco" von 1994, in dem Don Juan vorausahnend eine posttherapeutische Zukunft entwirft, die ьber das hinausgeht, was das nackte Auge sehen kann: B (Dr. Jack Mickler): Why don't we talk about who I am. D (Don Juan): Yes I know who you are. 22 Der Sozialpsychiater Klaus Dцrner (2001) weist fьr Deutschland in diesem Zusammenhang auf die Klдrung von Lebensproblemen in ,,Philosophischen Praxen" hin (S. 28 ff). 23 So mag die im Funktionieren eines Tripelpendels enthaltene Unvorherbestimmbarkeit der Zukunft in dem einen oder anderen ,,therapeutischen" Zusammenhang durchaus eine spezifische hilfreiche Sinnleistung sein. (Vgl. Hausa, 1999) 12 http://www.systemagazin.de/bibliothek/e_bibliothek.php/epstein_posttherapeutische_welt.pdf
B: Who am I? D: You are Don Octavio de Flores the uncle of Don Francisco de Silva. B: And where are we here? D: I haven't seen a deed but I assume this villa is yours. B: What would you say to someone who said to you that this is a psychiatric hospital and you're a patient here and I am your psychiatrist. D: I would say that it is a rather limited and uncreative way of looking at the situation. Look, you want to know if I understand that this is a mental hospital. Yes I understand that. But then how can I say that you are Don Octavio and I am a guest at your villa, correct? B: Yaa... D: By seeing beyond what is visible to the eye. Now there are those of course who don't share my perceptions, it is true... Don Juan de Marco (1994), Director: Jeremy Leven Literatur Allen, Woody (1980): http://en.wikiquote.org/wiki/Woody_Allen Arte 2010/11: Krankheiten nach MaЯ -- In den Fдngen der Pharmalobby http://www.youtube.com/watch?v=YFBrbhvpJdk Axelson, D. et. al. (2012): Examining the Proposed Disruptive Mood Dysregulation Disorder Diagnosis in Children in the Longitudinal Assessment of Manic Symptoms Study. Journal of Clinical Psychiatry 2012; 73(10):1342--1350. Barsky, A., Saintfort, R., Rogers, M. & J. Borus (2002): ,,Nonspecific Medication side effects and the Nocebo Phenomenon", Journal of the American Medical Association, Vol.287, No.5, S. 622--627. Beise, Uwe (2010):DSM--5: GroЯe Ambition, schwache Methodologie? ARS MEDICI 7 2010, S. 266--268. http://www.rosenfluh.ch/rosenfluh/articles/download/1300/DSMV.pd (24.09.12) Blech, J. (2003): Die Krankheitserfinder. Frankfurt: Fischer. Bochumer Arbeitsgruppe fьr Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprьfung (BOAG) (1990): Unpublished manuscript from K. Gergen, Metaphors of the Social World. In BOAG Arbeitspapier Nr.7. Variationen ьber den Konstruktivismus. http://www.boag--online.de/index2.html Bochumer Arbeitsgruppe fьr Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprьfung (BOAG) (2010): Zur Legende vom reflexiven . Zeitschrift fьr systemische Therapie und Beratung, 28. Jahrgang, 2/2010, S. 47--54. Boroditsky, Lera (2010): http://fora.tv/2010/10/26/Lera_Boroditsky_How_Language_Shapes_Thought (29.09.12) Boroditsky, Lera (2011): How Language Shapes Thought. The languages we speak affect our perceptions of the world. http://psych.stanford.edu/~lera/papers/sci--am--2011.pdf (15.07.2012) 13 http://www.systemagazin.de/bibliothek/e_bibliothek.php/epstein_posttherapeutische_welt.pdf
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E Epstein, M Wiesner, L Duda

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Title: ANZJFT Artikel dt. Version Lesemodus 28.02.13[1]
Author: E Epstein, M Wiesner, L Duda
Author: Tom Levold
Published: Thu May 9 06:31:07 2013
Pages: 18
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