Historische Fallstudien zur Anomalistik, GH Hövelmann

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Content: Zeitschrift fьr Anomalistik
Band 10 (2010), S. 202-236
Editorial Historische Fallstudien zur Anomalistik Gerd H. Hцvelmann
The past is a foreign country: they do things differently there. Leslie P. Hartley (1953)1 Sine ira et studio, frei von Zorn und Ereiferung, vielmehr objektiv und ausgewogen solle der Geschichtsschreiber berichten, schдrfte der rцmische Historiker Tacitus (um 58 ­ um 120) den Angehцrigen seiner Zunft ein. Er meinte damit ausdrьcklich auch sein eigenes Werk ­ dachte aber keinen Moment daran, dem selbstgesetzten Anspruch gerecht zu werden. Denn selbstverstдndlich verfolgte er mit der Niederschrift seiner Annalen und Historien (Tacitus, 1982, 1984) sehr konkrete Zwecke und Wirkungsabsichten, die er um so leichter zu verbergen trachtete, als er behauptete, keine zu haben. Perspektiven der Geschichtsschreibung Dass Historiker sich zuweilen ein wenig unbedarfter, ja unschuldiger geben als sie es bei nдherem Hinsehen tatsдchlich sind, hat sehr wahrscheinlich nicht erst mit Tacitus begonnen. Ganz sicher aber hat es nicht mit ihm geendet. Teils bewusst verheimlichte, teils auch geradezu unwissentlich mitgeschleppte verborgene Agenden finden wir in Werken der Geschichtswissenschaft auch heute allenthalben. Und sie betreffen nicht nur, wie bei Tacitus, die vordergrьndig politische Historiografie, bei der man entsprechende, notfalls tarnungsbedьrftige Interessenlagen vielleicht am ehesten vermuten wьrde, sondern zweifellos auch die professionell-historiogra- 1 Dies ist der (insbesondere auch unter Historikern [prominent etwa Lowenthal, 1985]) viel zitierte und inzwischen fast sprichwцrtlich gewordene Erцffnungssatz aus Leslie P. Hartleys metaphernreichem Roman The Go-Between (Hartley, 1953), der spдter ­ mehr sei hier nicht angedeutet ­ um folgende Sдtze ergдnzt wird: "`But men still shoot each other, don't they?' I asked hopefully. `They shot me,' he answered, with what I took to be a smile."
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fische Aufarbeitung von Sachverhalten und Entwicklungen beispielsweise in der Religions-, Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. Dabei sind mehr oder weniger absichtlos unterlaufene Missgeschicke bei der geschichtswissenschaftlichen Betrachtung sicher hдufiger und zuweilen auch bei weitem spannender als willentlich inszenierte. Einsichten in die Unzulдnglichkeiten der klassischen, gerade ab den 1960er Jahren florierenden, mit sozialgeschichtlicher Orientierung betriebenen Modernisierungstheorien der Geschichtswissenschaft und ihre zunehmende Ablцsung durch kulturgeschichtlich und ­ wenigstens partiell ­ auch handlungstheoretisch verfasste historiografische Ansдtze (vgl. Landwehr & Stockhorst, 2004; Daniel, 2006) haben im vergangenen Vierteljahrhundert auch vermeintlich vormodern-irrationale Handlungsweisen und Weltsichten und damit nach und nach den gesamten weit gespannten Themenbereich anomalistischer Forschungsbemьhungen in das Blickfeld der modernen Kultur- und Wissenschaftsgeschichtsschreibung gerьckt (eine knappe, aber vorzьgliche Ьbersicht ьber diese Entwicklung bieten Freytag & Sawicki [2006b]). Diese kulturhistorisch orientierte Entwicklung, der ,,Cultural Turn", scheint andererseits ­ nicht nur aus Sicht einer mittlerweile дlteren Historikergeneration (vgl. Wehler, 1998), sondern auch in der AuЯenperspektive ­ unterschwellig, wenn nicht mit einem plцtzlichen Kompetenzverlust, so doch mit der unvermittelten Einsicht in ein lдngst bestehendes, zuvor aber allenfalls unwillig zur Kenntnis genommenes Kompetenzdefizit einhergegangen zu sein. Diese Einsicht wie derum ist eine, die mehr als nur beilдufig an einen Befund erinnert, den der GieЯener Philosoph Odo Marquard, wenn auch freilich mit konzentriertem Blick auf seine eigene Zunft, die Philosophie, weiland als ,,Inkompetenzkompensationskompetenz" beschrieben hat (Marquard, 1981), also als den Verlust jeglicher disziplinдrer Kompetenz mit Ausnahme derjenigen zur (in der Philosophie immerhin noch zeitweilig erfolgreich gewesenen) Kompensation der eigenen Inkompetenz. Dies geht stets, im besonderen aber soweit es die erst jьngst hof- und universitдtsfдhig gewordene geschichtswissenschaftliche Betrachtung anomalistischer Fragestellungen betrifft, mit einem ausgeprдgten, ja geradezu programmatischen Urteilsverzicht und einem Rьckzug auf sogenannte ,,Narrative" oder ,,Konstrukte" einher, denen es grundsдtzlich gleichgьltig ist, wie und weshalb ­ und ob ьberhaupt ­ ein beschriebener Sachverhalt sich tatsдchlich zugetragen hat, solange sich nur ьber die stets deskriptiven Narrative prдchtig rдsonnieren lдsst, die insbesondere keine ontologischen Betrachtungen oder gar Urteilssprьche mehr verlangen oder in Aussicht stellen. ,,Ohnehin hat es den Anschein," hat auch der Ethnologe Hans-Peter Duerr bemerkt, ,,daЯ manche [...] sich im Zuge des ,postmodernen' und ,konstruktivistischen' Verlustes der Wirklichkeit gar nicht mehr dafьr interessieren, wie es wirklich gewesen ist, sondern nur noch fьr eine kohдrente Theorie, die [...] fьr viele wirklicher zu sein scheint als die Wirklichkeit selber." (Duerr, 2005: 441, kursiv im Original) Nach einigen Wendungen unseres Weges werden wir auf diese entschiedene Urteilsenthaltsamkeit wieder zurьckkommen.
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Das klingt nun freilich alles ein wenig despektierlich, gerade so, als solle im Folgenden partout eine Fehde mit der geschichtswissenschaftlichen Fakultдt angezettelt werden. Letzteres ist keineswegs der Fall, aber ich rдume ein: Um ein spezifisches Problem griffig zu illustrieren, scheue ich mich nicht, mich hier und auf den folgenden Seiten bisweilen ьbertrieben pauschal ьber die Profession der Kultur- und Wissenschaftshistoriker zu дuЯern. Dies geschieht jedoch in dem Wissen, dass es erstens immer auch (und oft ьberaus respektable) Gegenbeispiele fьr Geschichtsschreiber mit ausgefeilteren Sicht- und Vorgehensweisen als den hier vorgestellten, mit meinen Vorbehalten versehenen gibt und dass zweitens ­ wer wьsste das besser als die Historiker selbst? ­ jede Beschreibung einer gegenwдrtig beobachtbaren Praxis selbst auch nicht mehr als eine historische Momentaufnahme ist, die ьber das Potential fьr kьnftige Entwicklungen allenfalls geringen Aufschluss gewдhrt. Betrachten wir zunдchst nochmals zwei verschiedene historische Sichtweisen auf Geschehen der Vergangenheit, zwei Sichtweisen freilich, deren Formulierung sehr unterschiedlichen Alters und Ursprungs ist und die mit vцllig verschiedenen Geltungsansprьchen auftreten, deren Vergleich aber dennoch nutzbringend sein kann. Die erstgenannte Sichtweise verdankt sich einer literarischen Fiktion, letztere hingegen entstammt einem kulturhistorischen Fachaufsatz zu einem mindestens anomalienrelevanten Thema. 1939: In seiner Erzдhlung ,,Pierre Menard, Autor des Quijote" lдsst der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges (1939/1992) seine Titelfigur, den fiktiven Autor Pierre Menard, den Don Quijote mehr als drei Jahrhunderte nach Miguel de Cervantes noch einmal schreiben. Mit groЯer imaginativer Kraft und kreativem Schwung erschafft Menard den Quijote vцllig neu. Zwar stimmt diese Neuschцpfung, genau betrachtet, mit dem ursprьnglichen Text von Cervantes wцrtlich ьberein, aber dennoch hat Menard ein vollkommen anderes Werk kreiert als sein namhafter Vorgдnger.2 Warum Letzteres so ist und inwiefern gerade darin der Reiz der Erzдhlung liegt, muss uns an dieser Stelle nicht weiter beschдftigen. Wichtig ist mir vielmehr, dass Borges seiner Titelfigur die folgende Auffassung zuschreibt: ,,Die historische Wahrheit ist fьr ihn nicht das Geschehene; sie ist unser Urteil ьber das Geschehene." (ibid.: 43) 2011: Der Historiker und Religionswissenschaftler Helmut Zander scheint in einem Aufsatz ьber die ,,Plausibilitдtsbedingungen eines katholischen Wunders" eine gegenteilige Auffassung zu vertreten: ,,Historische Wissenschaft urteilt nicht ьber die Wahrheit von Erscheinungen, sondern interpretiert nur die Texte und Bilder, die von den Medien dieser Wahrnehmungen
2 ,,Der Text von Cervantes und der Text von Menard sind Wort fьr Wort identisch, aber der zweite ist nahezu unendlich viel reicher. (Zweideutiger, werden seine Verlдsterer sagen; aber die Zweideutigkeit ist ein Reichtum.) / Es ist eine Offenbarung, den Quijote Menards dem von Cervantes gegenьber zustellen." (Borges, 1939/1992: 43)
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zur Verfьgung gestellt werden." (Zander, 2011a: 171; Hervorhebungen von mir; G.H.H.)3 Wir haben, besagt dies, als Historiker gar keinen unmittelbaren Zugang zu einstmals Geschehenem und damit auch kein wahrheitsfдhiges Urteil ьber dieses. Alles, worauf unser Urteil Bezug nehmen kann, sind erhalten gebliebene Texte und Bilder. Diese kцnnen allenfalls interpretiert, aber nicht nach den Gesichtspunkten ,,wahr" oder ,,unwahr" hinsichtlich der Tatsдchlichkeit eines beschriebenen oder behaupteten Geschehens geschieden werden. Das ist nun eine Einsicht, der man einerseits seine Zustimmung nicht versagen wird, die andererseits aber in der historiografischen Praxis ­ grundsдtzlich beabsichtigt oder beilдufig unterlaufen ­ Folgen mit sich fьhrt, die uns zwangslдufig beschдftigen mьssen, weil sie einigen (zuweilen fatalen) Missverstдndnissen Vorschub leisten. Welche der vorgenannten Sichtweisen ist nun die richtige? Gibt es eine richtige? Inwiefern widersprechen sie sich ьberhaupt? Oder etwas weniger rigoros gefragt: Welcher Sichtweise wollen wir uns bei der Betrachtung von Geschehnissen in der Wissenschaftsgeschichte bedienen? Sind diese Fragen ьberhaupt angemessen gestellt? Warum betreiben wir eigentlich Historiografie (und auch die Geschichtsschreibung der Wissenschaft), wenn alles, was uns zu diesem Zweck ьberhaupt zugдnglich ist, nicht das Geschehene, sondern lediglich die kontingente mьndliche oder schriftliche Erzдhlung oder die bildliche Wiedergabe des Geschehenen ist? Welchen Grad von Gewissheit kann historisches Wissen beanspruchen? Ein ZeitschriftenEditorial ist zweifellos nicht der Ort, auch nur eine dieser Fragen letztlich angemessen zu diskutieren oder sie gar einer belastbaren Beantwortung zuzufьhren. Immerhin, so zeigt Zanders Bemerkung, ist sich die neue kulturwissenschaftliche Historiografie jedoch ihrer Zustдndigkeits- und Kompetenzgrenzen bewusst, und sie hat sich zugleich von den mannigfaltigen Einseitigkeiten traditioneller Sozialgeschichtsschreibung verabschiedet. Mit welchem Recht aber beansprucht die Geschichtsschreibung gleichwohl, dass historiografische Sдtze (bis auf Widerruf) verlдssliches Wissen von vergangener Praxis seien? Einige Einsichten, die sich der vielgepriesene ,,Cultural Turn" gerne als Verdienst anrechnet (vgl. z.B. Landwehr & Stockhorst, 2004; Daniel, 2006), hat der Philosoph Rudolf Lьthe (1987) bereits formuliert, als die meisten ,,kulturgewendeten" Historiker sich noch als gestandene Sozialgeschichtler sahen und Reformwege allenfalls am Horizont zu erahnen waren. Insbeson- 3 Ich ignoriere hier den problematischen Umstand, dass die Autoren ein wenig leichtfertig ьber eine potentielle Wahrheit des Geschehenen (Borges) bzw. ,,die Wahrheit von Erscheinungen" (Zander) reden (was immer dies jeweils meinen mag). Die Eigenschaft, wahr (oder auch unwahr) zu sein, kann freilich immer nur Behauptungssдtzen zugesprochen werden. Behauptungen ьber Erscheinungen kцnnen folglich wahr oder nicht wahr sein, aber nicht die Erscheinungen selbst. Da dies sowohl Borges als auch Zander zweifellos klar (gewesen) ist, war vermutlich gemeint, dass Letztere, die empirischen Erscheinungen, als authentisch, als ,,echt" oder ggf. als auf nicht bekannte Weise zustande gekommen gelten mцgen.
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dere hat Lьthe in der angefьhrten Arbeit, der publizierten Fassung seiner Habilitationsschrift, einen fьr unser Thema erheblichen Konflikt herausgearbeitet, nдmlich eine zumindest scheinbare Unvereinbarkeit von Wissenschaftlichkeit und Geschichtlichkeit: ,,Der [...] Konflikt zwischen dem Begriff der Wissenschaft und dem der Geschichte", bemerkt Lьthe, ,,beruht auf den Annahmen, Wissenschaft impliziere Empirie und Geschichte impliziere Totalitдt" (ibid.: 53), sowie andererseits auf der Einsicht, dass Totalitдt der Geschichte gar kein mцglicher Gegenstand empirischen Wissens sei, was bereits durch den offenkundigen Umstand bewiesen werde, dass die Zukunft nicht Gegenstand jetziger Erfahrung sein kцnne (ibid.: 48).4 Bereits fьr das vorwissenschaftliche Wissen ьber Vergangenes stellt Lьthe (ibid.: 125-127) fest, dass bei weitem nicht alles, was ьber Quellen, Texte und Bilder direkt oder indirekt noch zugдnglich sein mag, tatsдchlich in ein solches Wissen eingeschlossen wird. Vielmehr wird ьber den hinzunehmenden Bereich einer den Umstдnden und der Quellenlage geschuldeten ,,unfreiwillligen Wissensbeschrдnkung" hinaus immer schon ein zusдtzlicher Wissensverzicht geleistet, der nicht den Unwдgbarkeiten einer ,,objektiven Erkenntnislage", sondern ausschlieЯlich einer ,,subjektiven Interessenlage" geschuldet ist. Es geht also ­ schon bei vorwissenschaftlichem historischen Wissen ­ nicht um das Wissen als solches. Denn wдre dies der Fall, dann mьsste das angestrebte Wissen mit dem mцglichen Wissen identisch sein. Schon das vorwissenschaftliche Wissen und sein Erwerb dienen also, Tacitus zum Trotz, bestimmten, im Einzelnen immer auch angebbaren praktischen Zwecken oder Handlungsorientierungen: ,,Das historische Wissen des Alltags ist demnach dadurch charakterisiert, daЯ gemдЯ bestimmten Zwecken, die sich aus der Situation des Wissenden als eines Handelnden ergeben, aus dem Bereich mцglichen Wissens ein bestimmter Ausschnitt gewдhlt wird, weil er im Sinne dieser Zwecke relevant ist." (ibid.: 127) Fьr den traditionell Wissenschafts- und Geschichtswissenschaftsglдubigen ausgesprochen irritierend ist nun allerdings der Umstand, dass vorstehende Diagnose eines bewussten, zweckeund interessenabhдngigen Wissensverzichts nicht nur bezьglich vorwissenschaftlicher historischer Wissensbemьhungen gestellt werden kann, sondern dass sie ­ wie der Praxis unschwer zu entnehmen ist ­ gerade auch im Bereich der historischen Wissenschaften einschlieЯlich all ihrer (religions-, kultur- oder wissenschaftsgeschichtlicher) Sparten zum Tragen kommt. Selbst dort wird nicht alles, was ьberhaupt ьber vergangenes menschliches Handeln und Hervorbringen in Erfahrung gebracht und gewusst werden kann, zum Gegenstand des Forschens. Auch die (historische) Wissenschaft trifft also ihre Auswahl. Anders als bei vorwissenschaftlichem historischen Wissen bedьrfen diese Auswahl und die Kriterien, denen sie folgt, im Bereich der Geschichtswissenschaft jedoch ­ gerade insofern sie Wissenschaftlichkeit fьr sich in Anspruch 4 Schon dies ist freilich ­ auch wenn es in unserem Kontext wenig zur Sache tut ­ unlдngst erneut zur strittigen Frage geworden; vgl. die umfдnglichen, kontrovers gefьhrten Diskussionen um Bem (2010).
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nimmt ­ der expliziten Rechtfertigung. ,,Die beste Rechtfertigung jeder Auswahl ist ihre Unvermeidlichkeit," betont Lьthe (ibid.: 128). Diese Frage der Unvermeidlichkeit einer Auswahl aber verweist unumgдnglich auf den Sinnanspruch historischer Forschung. Meine These lautet: Bei vielen der inzwischen in stattlicher Zahl vorliegenden wissenschafts- und kulturhistorischen Studien vor allem zur Parapsychologie, aber auch zu allen ьbrigen Abteilungen einer semiprofessionell betriebenen Anomalistik ist die Auswahl dessen, was erforscht und letztlich gewusst werden soll, aber auch dessen, was gegebenenfalls unberьcksichtigt bleiben und ignoriert werden darf, oft unzureichend geklдrt und zuweilen ohne irgendeine nachvollziehbare Rechtfertigung. Aber selbst dort, wo solche Auswahlen hinreichend gerechtfertigt erscheinen, trдgt die oft ungenaue bis unglьckliche (und manchmal geradezu schlampige) Rede ьber solche Entscheidungen ein betrдchtliches Potential fьr vermeidbare Missverstдndnisse und Konflikte. Dies ist nun nicht der Ort, solche Behauptungen flдchendeckend zu belegen; wir werden uns also auf einige typische, exemplarische Fallbeispiele beschrдnken. Plausibel gemacht werden aber mьssen sie in jedem Fall. Manchmal fьhrt ein Umweg direkter zum Ziel.
,,Alles tod ding"5 Hцchste Verehrung genossen in den mittelalterlichen Schatzsammlungen die religiцsen Reliquien (wцrtlich: Ьberbleibsel). Der Reliquienkult ist jedoch, was gerne vergessen wird, keine bloЯe christliche Angelegenheit. Vielmehr hat er in der griechisch-rцmischen Antike, aber auch auЯerhalb der europдischen Welt mancherlei Vorlдufer und Begleiter. Im Mittelalter stellte eine Reliquie fьr eine Stadt oder eine Kirche jedenfalls eine begehrenswerte Attraktion dar. Allerdings wurde es in der abendlдndischen Kirche erst durch das Konzil von Reims im Jahre 867 zur sanktionierten Sitte, Reliquien auf Altдren zur frommen Betrachtung auch zu exponieren, und erst 350 Jahre spдter, im Jahr 1215, legte das Laterankonzil fest, dass Reliquien nur in geeigneten Behдltnissen gezeigt werden dьrften. Beachtlich viele Reliquien sind seither als Objekte der Verehrung selbst meist unsichtbar geblieben; sie sind beispielsweise in den mitunter auЯerordentlich prдchtigen Kopfreliquiaren (vgl. Kovacs, 1964) und vergleichbaren Behдltern verborgen. Ihre Verehrung geht dann zumeist in der frommen Gewissheit oder doch
5 ,,Es is alles tod ding, das niemand heiligen kann," notierte Martin Luther (2000-2007: Bd. 35/I, 145) ьber die exzessive Reliquienverehrung der rechtglдubigen, katholischen Konkurrenz. Vgl. zum Reliquienkult generell auch die einschlдgigen Schriften des Religionshistorikers Angenendt (etwa 1991, 1994 und 2000: 394) sowie den Kirchenkritiker Deschner (1990: 257-260; 1994: 215-220). Ьber allerlei Kuriositдten und Absurditдten des Reliquienkultes informiert ferner Herrmann (2003) sehr anschaulich.
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wenigstens der freudigen Hoffnung von der Reliquie auf das Reliquiar ьber, dass Letzteres das Erstere tatsдchlich (noch) enthalte. Wegen dieser praesentia, der realen, kцrperlichen Anwesenheit der oder des betreffenden Heiligen, wurden (und werden mancherorts noch heute) diese Kultgegenstдnde fast abgцttisch verehrt. Sie waren nicht nur Gegenstдnde frommer Ehrerbietung, sondern besaЯen auch unschдtzbare Anziehungskraft fьr Pilger aus aller Welt. Fьr entsprechend privilegierte Orte und Institutionen waren sie das, was man im ЦkonomenUndeutsch heute ein ,,Asset" nennt, ein Teil des Anlagevermцgens der betreffenden Kommune oder religiцsen Einrichtung, ein wohlfeiles Mittel des Selbsterhalts. Auch ein Nichtglдubiger kann sich, wie ich versichern darf, der Faszination dieser seltsamen Gegenstдnde glдubiger Zuwendung mitunter schwer entziehen. In erster Linie liegt das an den Objekten selbst, die zur ehrerbietig-frommen Beschau ausgestellt (oder eben verborgen und ersatzweise versinnbildlicht) werden: zerbrцselnde, gelbliche Knorpel, fragile Gelenke, geschwдrzte Fragmente von Irgendwas, fьr dessen menschliche Herkunft man sich ungeachtet der oft prдchtigen Einkleidung nicht ohne Weiteres verbьrgen mцchte. Wenigstens ein Teil dieser Faszination endet just in dem Moment, in dem man beginnt, sich die Ursprungs- und Herkunftsgeschichten dieser obskuren Objekte zu vergegenwдrtigen oder (schlimmer noch) sie sich erzдhlen zu lassen. Ein besonders eklatantes und inzwischen jeden religiцsen Charme entbehrendes Beispiel ist das Johannes des Tдufers, der wдhrend der vergangenen knapp 2000 Jahre ­ wenn auch stьckweise, hochfragmentiert, in der Form verschiedenartigster Reliquienbrцckchen ­ ganz schцn herumgekommen ist. Der tote Kцrper Johannes des Tдufers ist vermutlich die zerstьckeltste Leiche der gesamten Kirchen- und auch der Kriminalgeschichte. Glaubt man den Schilderungen, weist sie einen Grad der Zerlegung auf, der jeder pathologischen Erfahrung Hohn spricht. Ьberschlagen wir nur ganz grob Zahl und Art der johanneischen Reliquien und versuchen sie zusammenzusetzen, dann wird klar: Johannes der Tдufer muss nicht nur mehrere Kцpfe besessen haben, sondern ein vielkцpfiges Monstrum gewesen sein. Jedenfalls ist er, vertraut man den Quellen oder dem, was als historische Quellen ausgegeben wird, einige Male enthauptet worden. Salomй hatte Scharen von Nachahmern. Umberto Eco (2009) kommt auf einen дhnlichen Befund und lдsst sich die Gelegenheit nicht entgehen, dessen Absurditдt auszukosten: In alten Chroniken ist zu lesen, dass im 12. Jahrhundert in einer deutschen Kathedrale der Kopf von Johannes dem Tдufer im Alter von zwцlf Jahren aufbewahrt wurde. Auch ohne ihn je gesehen zu haben, kцnnen wir uns die rosa Дderung des Schдdels vorstellen, den aschgrauen Knochen, die bizarren Linien der zerbrцselten Kiefer, den Schrein, in dem er aufbewahrt wurde, mit blauem Email aus Verdun und einem Kissen aus verblichenem Satin, bestreut mit vertrockneten Rosen; in sein Vakuum gebannt, sieht man ihm seine zweitausend Jahre nicht an. Spдter wuchs der Tдufer heran und verlor unter dem Schwert des Scharfrichters sein anderes Haupt, das heute in der Kirche San Silvestro in Capite in
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Rom aufbewahrt wird, obwohl es einer frьheren Tradition zufolge in Amiens sein sollte. Der in Rom aufbewahrte Schдdel ist jedenfalls ohne Kinnlade, die ihrerseits in Viterbo in der Kathedrale San Lorenzo liegt. (ibid.: 176-177). Leidlich praxiserfahren bei der Unterscheidung zwischen Altem und Aufaltgemachtem sowie allzeit gut gerьstet dank der vielen, zeitlos nьtzlichen Ratschlдge in den berьhmten Anleitungen zu wissenschaftlichen Beobachtungen auf Reisen, weiland herausgegeben von dem nachmals berьhmten (und geadelten) Geophysiker und Polarforscher Georg (von) Neumayer (1875), hatte ich vor wenigen Jahren Gelegenheit, beide Reliquien in Rom und Viterbo im Abstand von nur zwei Tagen in Augenschein zu nehmen. In San Silvestro in Capite ­ die rцmische Kirche verdankt schon ihren Namen der Gegenwart der anbetungswьrdigen Reliquie ­ wird die Schдdelkalotte des Tдufers ohne den Unterkiefer in einem groЯen teiltransparenten Reliquiar auf rotem Samt in goldgestьtzter Glasvitrine aufbewahrt. Sie befindet sich in der ersten Kapelle auf der linken Seite hinter dem Hauptportal, worauf eine kaum zu ьbersehende dreizeilige ziselierte Tafelinschrift den Besucher aufmerksam macht. Den Unterkiefer in der Kathedrale von Viterbo bekomme ich hingegen nur nach vielmaligem Bitten und der freundlichen Fьrsprache eines ortsansдssigen Freundes (Ulisse di Corpo) zu Gesicht: Auf einem, wie es scheint, ehemals blau gewesenen Samtkissen ist die Kinnlade gelagert, von einer inzwischen weitgehend erblindeten Glashaube ьberkuppelt. Allerdings werden beide Schдdelfragmente, letzteres zumal, nicht so sehr vorgezeigt als vielmehr trotz der mal bereitwilligen, mal zцgerlichen Prдsentation recht eigentlich verborgen gehalten. Die Bedingungen, unter denen am einen wie am anderen Ort eine Betrachtung ьberhaupt erfolgen kann, sind jedenfalls dergestalt, dass sie allenfalls noch der Ehrfurcht, aber gerade nicht der Erforschung dienlich sind. Und dennoch ­ niemals, da lege ich mich fest, haben dieser Schдdel und diese Kinnlade zu einem und demselben Kopf gehцrt. Damit sind die johanneischen Absonderlichkeiten aber bei weitem nicht ausgeschцpft: Weitere Torsi, oft grцЯere Fragmente, des Schдdels (oder zusдtzlicher Schдdel) des Heiligen werden, so ist zu erfahren, in Halberstadt und in Kцln aufbewahrt ­ und in der Kathedrale von Amiens, in Soissons und Tournai, in Paris (Ste. Chapelle) und Florenz, in Genua, Siena und Venedig (San Marco), in Istanbul ebenso wie im syrischen Hims, ferner im дgyptischen Kloster Abu Makar sowie, selbstverstдndlich, in Damaskus in einem Johannes dem Tдufer geweihten Schrein, einem imposanten Kunstwerk ganz eigenen Rechts, in der Omayyaden-Moschee. Aufwendige Kopfreliquiare des Johannes aus dem 14. bzw. 15. Jahrhundert sind ferner in der Kirche Saint-Servais in Maastricht sowie in der Pfarrkirche von Quarante (Hйrault) zu sehen. Und ein zusдtzlicher, angeblich vollstдndiger Kopf Johannes des Tдufers ist soeben erst (im Sommer 2011) in einem Kloster auf der bulgarischen Insel Sweti Iwan im Schwarzen Meer ausgegraben worden, das seit Jahrhunderten den Namen des Mдrtyrers trдgt. Und wenn es
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nicht gleich der Kopf dieses Heiligen sein muss, ganz oder portioniert, sondern auch andere seiner Kцrperteile notfalls zum Zwecke der Verehrung in Frage kommen, dann sind die sich bietenden Mцglichkeiten nachgerade unerschцpflich: Altinger (1996: 119-122) stellt dem Interessenten eine solide Ьbersicht ьber pilgerbewдhrte Aufbewahrungsorte zur Verfьgung. Weshalb aber beschдftigen uns die multiplen Hдupter Johannes des Tдufers an dieser Stelle ьberhaupt? Weil die Befassung mit ihnen exemplarisch Licht auf die Frage werfen kann, welche Sorten von Wissen die historische Betrachtung hier gegebenenfalls zu vermitteln in der Lage ist. Wдre das gesamte Reliquien(un)wesen nicht zu Recht seit Jahrhunderten so hoffnungslos diskreditiert, wьrden wir die eine oder andere Frage im Zusammenhang mit Reliquien doch mцglichst sicher geklдrt haben wollen. Nicht, ob dieses oder jenes Objekt der frommen Verehrung tatsдchlich ein Schдdelfragment Johannes des Tдufers sei, kцnnte hier sinnvoller Weise gefragt und empirisch untersucht werden (was sollten auch gegebenenfalls die Geltungskriterien einer entsprechenden Behauptung sein?), sondern allenfalls, ob vorliegende Knochenfragmente ьberhaupt zum selben Kцrper gehцrten, ob sie das fьr die genannte Identifizierung nцtige Alter haben und ob sie aus der erforderlichen, genauer zu umschreibenden geografischen Region stammen. Gerade diese Fragen aber, die wenigstens in vielen Fдllen mittels moderner wissenschaftlicher Methoden einigermaЯen verlдsslich beantwortbar sein kцnnten, sind diejenigen, die der Geschichtswissenschaftler sich nicht vornimmt, sondern ausklammert, weil er sich fьr sie nicht zustдndig oder kompetent fьhlt. Ihn interessiert die Frage nicht ­ oder jedenfalls nicht in erster Linie ­, ob das hier in Rede stehende Objekt tatsдchlich ein Kцrperteil einer konkreten identifizierbaren Person ist; vielmehr beschдftigt ihn die Frage, wie es zu der Vorstellung hat kommen kцnnen, dass dies so sei, unter welchen historischen Vorzeichen diese Vorstellung entstanden ist und sich entwickelt hat, welche Personen, Interessen und Umstдnde zur ihrer Verbreitung und Verfestigung beigetragen haben, wie eine vergangene oder gegenwдrtige Kultur mit dieser Vorstellung umgegangen ist oder heute noch umgeht usw. Eine solche Interessen prдferenz ist einerseits absolut legitim.6 Andererseits bringt sie aber, und eben darum geht es 6 Und sie ist nicht nur in der Geschichtswissenschaft anzutreffen, sondern beispielsweise auch in der Kriminologie, der es ­ so jedenfalls der Eindruck, den eine unlдngst erschienene, einigermaЯen kuriose Anthologie (Peters & Dellwing, 2011) nahelegt ­ ebenfalls nicht so sehr um die faktische Rekonstruktion vergangener Ereignisse (etwa eines mittels kriminalistischer Tatsachenermittlung beschreibbaren Verbrechens) als vielmehr um eine Einschдtzung von Umgangsweisen mit eben solchen Ereignissen zu tun zu sein scheint. Kriminelles Handeln, so die Diagnose, stцЯt auf geringeres Interesse als der gesellschaftliche Umgang mit solchem Handeln. Die historisch-systematische Detailrecherche auch zu wissenschafts- und kulturgeschichtlichen Sachverhalten weist im ьbrigen, wie gerade der Fall historischer Reliquien plausibel machen kann, noch weitere grundsдtzliche Parallelen zur kriminalistischen Ermittlung, im besonderen zur Tatortrekonstruktion auf. Ein Tatort ist nдmlich, so bemerken Hдusler & Henschen (2011: 7), ,,die rдum liche Eingrenzung eines Verdachts, des Verdachts einer verbrecherischen Tat. Ausgangspunkt fьr eine
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uns, auch einen programmatischen Wissensverzicht im zuvor in Anlehnung an Lьthe (1987) schon beschriebenen Sinne zum Ausdruck, mit dem wir es auch bei der professionellen historischen Befassung mit Diskurs- und Entwicklungsgдngen anomalistischer Disziplinen stдndig zu tun haben und auf die wir daher notgedrungen zurьckkommen mьssen.
Radikal halbherzig ,,Das Geheimnis ist der Liebling der Geschichte," versichert der erste Satz des wundervollen kleinen Romans Verirrt in den Zeiten von Oswald Levett (1933).7 Vielleicht liegt in dieser innigen Wechselbeziehung zwischen Verborgenem, Verheimlichtem, im eigentlichen Sinne ,,Okkultem" und einem wissenschaftlich motivierten Ermittlungs- oder Aufklдrungsantrieb der Grund ­ oder jedenfalls einer der Grьnde ­, weshalb die kulturhistorisch gelдuterte Geschichts- Ermittlung ist zunдchst nicht der Ort, ist zunдchst nicht die Tat, sondern eben diese Vermutung." Eine solche Vermutung verlangt nach mцglichst gewissenhafter Recherche und Abwдgung mцglichst aller nicht nur faktisch, sondern potentiell relevanten Details mittels des gesamten Methodeninventars, das die moderne Kriminaltechnik und die sonstige Wissenschaft zur Verfьgung stellt. Erforderlich ist mithin, auch im hier gemeinten ьbertragenen Sinne, das, was Sittler (2011: 198, passim) als ,,Ver tatortung" bezeichnet (wenn auch bei Sittler durchgдngig in der aufdringlich didaktischen Schreibweise ,,Ver-Tatort-ung"): nдmlich die Rekonstruktion des Ortes eines Geschehens ,,als Tatort". Dass auch diese Recherche- und Ermittlungstдtigkeit im Einzelfall mit einem hohen, bisweilen fatalen Irrtumspotential und groЯen Scheiternsrisiken behaftet ist, wird nicht selten ьbersehen, weil aus dem Blick gerдt, dass vorfindliche Spurenlagen durchaus mit sehr verschiedenen Tathergдngen in Ьbereinstimmung gebracht werden kцnnen. Dies illustrieren sehr eingдngig bereits die nicht selten skurrilen, aber eben doch empirisch vorkommenden Todesarten, die schon Joseph Anton Keller (1890) in seinem Buch Vierhundertvierzig merkwьrdige und seltene Todes-Arten in vielen Einzelheiten beschrieben hat (Keller, 1890): Wir erfahren von Unglьcklichen, die in den Trichter eines Mahlganges gestьrzt oder von einer Kuh ins Wasser gezogen worden sind, von jenen, die eine Blindschleiche verschluckt haben, von einer Katze gebissen oder von einem Fisch erschossen worden sind. Englische Statistiken scheinen zudem zu belegen, dass Ende des 19. Jahrhunderts 43.000 junge Damen an zu enger Korsettschnьrung verendeten ­ Jahr fьr Jahr. Es bedьrfte zweifellos der genaueren und umfдnglicheren Ausfьhrung, aber die Rekonstruktion eines faktischen Geschehens, etwa die empirisch basierte Unterscheidung zwischen einem Tatort und einem Unfallort, die zwischen einem Verbrechen und einem Schicksalsschlag, bietet in jedem Fall ein breites Anschauungsfeld fьr den Historiker, der sich eben nicht (um im Bild zu bleiben) mit einer nachtrдglichen Analyse der diskursiven Dynamiken der Interaktion zwischen verschiedenen Tatortermittlern bescheiden will, die sich ggf. nicht haben einigen kцnnen. 7 Der Autor, Oswald Levett (um 1895 ­ ?), vermutlich ein цsterreichischer Jude, ist heute vцllig unverdientermaЯen vergessen. Selbst seine Zeitgenossen wussten kaum mehr ьber ihn, als dass er zum Bekanntenkreis von Leo Perutz gehцrte, mit dem zusammen er zwei Bьcher von Victor Hugo ьbersetzte. Immerhin hat der Suhrkamp-Verlag Levetts Roman im Jahr 1986 als Reprint wieder zur Verfьgung gestellt, was dem seinerzeitigen Reihenherausgeber Franz Rottensteiner zu danken sein dьrfte.
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wissenschaft sich wдhrend des vergangenen knappen Vierteljahrhunderts so ausgiebig mit der Historiografie praktisch aller Teildisziplinen der Anomalistik, bei weitem am ausfьhrlichsten jedoch wiederum mit der der Parapsychologie und ihrer Vorlдufer und Begleiterscheinungen beschдftigt hat. Dass alle diese Gebiete gerade aus wissenschaftlicher Perspektive eine besondere, bis vor kurzem von vielen Wissenschaftlern einschlieЯlich Historikern nur nicht zugestandene Faszination ausьben, liegt eigentlich auf der Hand. Kaum etwas charakterisiert eine Gesellschaft ­ und ausdrьcklich auch eine Wissensgesellschaft ­ anschaulicher als das, was sie ausgrenzt, was sie als abweichendes, anomales Verhalten oder Handeln definiert, charakterisiert und nicht selten stigmatisiert (Truzzi, 1968). Es ist daher nur folgerichtig, dass sich gerade die Geschichtswissenschaft zusehends intensiver mit den verschiedenen Erscheinungsformen des tatsдchlich oder vermeintlich Devianten und Anomalen sowie mit deren zeitlichem Wandel befasst. Dabei ist es zunдchst unerheblich, ob es sich beispielsweise um abweichendes Verhalten von einem verabredeten gesellschaftlichen Wohlbetragen handelt, fьr das dann gegebenenfalls die historische Kriminalitдtsforschung zustдndig ist (Schwerhoff, 2011), oder um Abweichungen in wissenschaftlichen oder anderen besonders kulturrelevanten Tдtigkeitsfeldern (Ben-Yehuda, 1985). Aus dem Blickwinkel des professionellen Geschichtswissenschaftlers, namentlich auch des Kultur-, Religions- oder Literaturhistorikers, haben alle diese devianten Bewegungen und Wissensbestrebungen ein inzwischen wohlerkanntes Aufklдrungspotential fьr die historischen Zeiten und Umstдnde, in bzw. unter denen sie auftreten. Dass dies nach Jahrzehnten der Ignoranz nun endlich auch im akademischen Umfeld, ganz ausdrьcklich sogar in der studentischen Ausbildung nachhaltig Frьchte trдgt, habe ich in dieser Zeitschrift unlдngst schon bei anderer Gelegenheit feststellen kцnnen (Hцvelmann, 2010). Bei sehr vielen der wдhrend der letzten beiden Jahrzehnte vorgelegten geschichtswissenschaft lichen Untersuchungen zu vermeintlich oder tatsдchlich devianten (methodisch aber bisweilen ьberaus konservativen) Erkenntnisbemьhungen handelt es sich um akademische Abschlussarbeiten, zumeist Dissertationen, die nachtrдglich oft auch in Buchform und bemerkenswert hдufig bei international angesehenen Universitдtverlagen erschienen sind. Zu ausnahmslos allen Teildisziplinen der Anomalistik liegen inzwischen zahlreiche von Geschichtswissenschaftlern verfasste und entsprechend historisch ausgelegte Arbeiten vor. Exemplarisch genannt seien zur Astrologie etwa Knappich (1998), Stuckrad (2003) und Campion (2008), zur Alchemie z.B. Schьtt (2000) und die griffige regionale Kurzьbersicht bei Beyer (2009). Zur Radiдsthesie, der Geschichte und Technik des Wьnschelrutengehens, ist die klassische kritische Studie der beiden Technikhistoriker Klinckowstroem & Maltzahn (1931) allerdings auch heute, nach acht Jahrzehnten, noch immer unьbertroffen. Auch die detaillierte Untersuchung zur UFO-Kontroverse in den Vereinigten Staaten der 1940er bis 1970er
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Jahre (Jacobs, 1975) ist das Resultat einer geschichtswissenschaftlichen Promotion. Und etliche spдtere bzw. aktuelle und oft enorm detailreiche historiografische Untersuchungen zum UFO-Thema in Buch- oder Aufsatzform (etwa Dolan, 2002, 2009; Stothers, 2007) stammen ebenfalls von professionellen Historikern. Entsprechendes gilt auch fьr andere ungewцhnliche Himmelserscheinungen, die teils noch einer angemessenen wissenschaftlichen Erklдrung harren. So sind historische Vorlдufer der Hessdalen-Lichterscheinungen mitunter schon frьh auch von Geschichtswissenschaftlern untersucht und (versuchsweise) eingeordnet worden (etwa Maclagan, 1897); selbst der in den letzten Jahren sogar in der Tagespresse viel diskutierte sogenannte ,,rote Regen" von Kerala, der inzwischen tatsдchlich als ein im wesentlichen exobiologisches Phдnomen weitgehend aufgeklдrt zu sein scheint (Louis & Kumar, 2006), hatte manche interessante historische Vorlдufer (vgl. Tatlock, 1914). Seelenwanderungs- und Reinkarnationsvorstellungen durch die Geschichte waren vor einigen Jahren Gegenstand einer ungemein detail- und kenntnisreichen Untersuchung durch einen ausgewiesenen Kultur- und Religionshistoriker (Zander, 1999), dem auЯerdem eine voluminцse zweibдndige Geschichte der Anthroposophie (Zander, 2007) sowie eine Biografie ihres Urhebers (Zander, 2011b) zu danken sind. Besonders zahl- und umfangreich sind zudem die von professionellen Geschichtswissenschaftlern verfassten Untersuchungen zur Geschichte der Kryptozoologie samt all ihrer recht verwinkelten Nebenpfade. Zu den ьberwiegend renommierten kleineren oder grцЯeren historischen Arbeiten zдhlen u.a. Armstrong (1887), Wittkower (1938) und Smalley (1946) sowie, alle jьngeren Datums, Mobley (1997), Stothers (2004), Armendt (2006), Dendle (2006), Woodley et al. (2011) sowie, als besonders empfehlenswerte mikrohistorische Studie, das soeben erschienene Buch von Smith (2011) ьber die ,,Bestie von Gйvaudan". Die bei weitem zahlreichsten und zweifellos per saldo auch qualitativ gediegensten anomalistik-relevanten Arbeiten professioneller Historiker hat wiederum die Parapsychologie auf sich gezogen. Das einschlдgige Schrifttum zur Parapsychologie und ihren Vorlдufern und Begleitern, das aus der Feder professioneller Wissenschafts-, Kultur-, Sozial-, Literatur-, Photographie-, Religions- und Etcetera-Historiker stammt, ist mittlerweile derart umfangreich, dass man lдngst geneigt ist, nicht so sehr nach Tauglichem zu suchen als vielmehr Mindergeeignetes mцglichst gleich auszusortieren. Erwдhnt seien, damit auch diese Abteilung ­ gerade sie ­ nicht ohne Beispiele bleibt, ebenfalls einige Untersuchungen, die in vielen Fдllen wiederum auf akademische Abschlussarbeiten zurьckgehen und oft in renommierten Wissenschaftsverlagen verцffentlicht worden sind. Methodisch beispielgebend, ja geradezu schulbildend war hier einerseits die bemerkenswerte mikrohistorische Studie von Blackbourn (1993) zu den berichteten Marienerscheinungen von Marpingen wдhrend der Bismarck-Zeit8, andererseits ­ und deut- 8 Blackbourns enorm detailreiche Marpingen-Studie hat wohl auch fьr einige bedeutende mikrohisto-
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lich nдher an der Parapsychologie als experimenteller Wissenschaft ­ die klassische Untersuchung der beiden amerikanischen Historiker Mauskopf & McVaugh (1980) ьber die Origins of Experimental Psychical Research. Gerade diese Abteilung mit Aufsдtzen und Bьchern professioneller Historiker zur Geschichte der Parapsychologie und ihrer Vorlдufer und Nebenschauplдtze ­ mittlerweile auch theoretisch immer wieder neu sondiert (vgl. z.B. Alvarado, 1982; Noakes, 2008) ­ wдchst ,beinahe tдglich` und ist fьr einen nur kursorischen Beobachter inzwischen kaum noch ьberschaubar, geschweige denn in seiner Gesamtheit rezipierbar und beurteilbar. Hingewiesen sei, ьber die bereits genannten Arbeiten hinausgehend, exemplarisch noch auf die Studien der Historiker Lattimore (1934), des extrem fleiЯigen Kurzweg (1976), Lammers (1982), Finucane (1982), Krauss (1992), Linse (1996), Noakes (1999, 2004), Gruber (2000), Hagen (2001), Heimerdinger (2001), Luckhurst (2002), Sawicki (2002), Freytag (2003), Geppert & Braidt (2003), Mйheust (2003), Lamont (2004, 2005), Treitel (2004), BaЯler et al. (2005), Chйroux et al. (2005), Leonard (2005), Pytlik (2005, 2006), Freytag & Sawicki (2006a), Hausmann (2006), Doering-Manteuffel (2008), Heuser (2008), Kaiser (2008), Kaplan (2008), McGarry (2008), Monroe (2008), Mьller-Funk & Tuczay (2008), Enne (2009), Gutierrez (2009), Hahn & Schьttpelz (2009), Hamilton (2009), Klein (2009), Lehman (2009), Magnъsson (2009), Wolf-Braun (2009), Wolffram (2009), Asprem (2010), Galvan (2010), Smaji (2010), Geppert & Kцssler (2011), Lachapelle (2011), Scherer (2011) oder Vogel (2011). Dieses stattliche und sehr zeitdichte Verzeichnis9 ist ­ was sich durch weitere Hinzufьgungen leicht belegen lieЯe ­ nicht mьhsam zusammengesucht. Vielmehr kompiliert es sich angesichts der bemerkenswert hohen und noch weiter anwachsenden einschlдgigen Publikationsfrequenz wдhrend der vergangenen zwei Jahrzehnte beinahe von selbst. Gerade Letzteres spiegelt fьr diejenigen, die die Geschichte der Parapsychologie und anderer anomalistischer Forschungsbemьhungen bereits seit lдngerem beobachten oder aktiv begleiten, eine ganz bemerkenswerte Entwicklung wieder. Wдhrend einem heute bei entsprechender Nachfrage an die Adressen von Historikern bedeutet wird, ein gediegenes kultur- und wissenschaftshistorisches Interesse an ungewцhnlichen, gegebenenfalls devianten Wissenschafts- und Weltverstдndnissen, zumal an den langfristigen Einflьssen von Mesmerismus, rische Untersuchungen zu spдten Erscheinungsformen und kaum noch erwarteten Auswьchsen der Hexenverfolgung (Robisheaux, 2009; Beck, 2011) sowie fьr eine sehr umsichtige Untersuchung zu Besessenheitserscheinungen im frьhen modernen Katholizismus (Skuhovsky, 2007) Pate gestanden hat. 9 Und man beachte, dass hier ­ von wenigen wichtigen Ausnahmen abgesehen ­ lediglich Buchpublikationen (eine Auswahl von Monografien und Anthologien) berьcksichtigt sind. Die Zahl von Aufsдtzen in historischen und sonstigen fachwissenschaftlichen Zeitschriften, die demselben Generalthema verpflichtet sind, ist mittlerweile ungleich hцher.
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Spiritismus und frьher Psychical Research auf die Wissenschaft, Kultur und Lebenswelt seit Beginn des 19. Jahrhunderts, sei fьr einen Geschichtswissenschaftler doch vцllig naheliegend und beinahe verpflichtend, hдtten ­ und haben! ­ Vertreter derselben wissenschaftlichen Zunft dem Fragesteller vor fьnfundzwanzig Jahren nur verstдndnislos bis mitleidsvoll nachgeschaut. Dass die Zeiten und die fachwissenschaftlichen Betrachtungsweisen sich binnen vergleichsweise kurzer Frist so radikal wьrden дndern kцnnen, hдtte vor den besagten zweieinhalb Jahrzehnten wohl kein Vertreter der Parapsychologie oder einer anderen Disziplin der Anomalistik fьr mцglich gehalten. Mьsste man also mit einer so unerwartet rasanten Entwicklung, die mindestens die Beschдftigung mit Themen der Anomalistik erstmals auf recht breiter Front aus der Wissenschaft selbst heraus zu legitimieren scheint, nicht ausgesprochen zufrieden sein? Sollten wir Historikern nicht rote Teppiche auslegen, wo immer sie sich zeigen? Die Antwort ist not gedrungen mehrgliedrig. (1) Die erste Antwort ist ein bedдchtiges: Nun, allenfalls bedingt. Bedingt, weil die Verhдltnisse weitaus komplizierter sind als es nach der bisherigen Diskussion den Anschein haben mag. Denn ungeachtet allen historischen Ermittlungs- und Analyse-Eifers scheinen einigen Geschichtswissenschaftlern diese neuen Gegenstдnde ihrer Aufmerksamkeit ­ und zumal ihre eigene Nдhe zu diesen ­ dann doch nach wie vor nicht so recht geheuer zu sein. Das mag einerseits mit gewissen, selbst historischen Belastungen dieses Verhдltnisses zu tun haben, denen sich die Historiker im allgemeinen nicht zu stellen bereit sind: Molly McGarry (2008) ist eine der wenigen Vertreterinnen der Historiker-Zunft, die unumwunden einrдumen, dass die Befassung der Wissenschafts- und Kulturgeschichtsschreiber mit der Geschichte beispielsweise der Parapsychologie bis vor kurzem ьberaus einseitig war: Stets habe man bereits vorausgesetzt, was man eigentlich zu erklдren beabsichtigte (ibid.: 12): dass es sich nдmlich durchweg um antiaufklдrerische Gegenbewegungen zur Wissenschaft und zu den letztlich erfolgreichen Modernisierungsbewegungen gehandelt habe. Schon fьr den Spiritismus aber, bemerkt McGarry, sei dies nachweislich nicht zutreffend gewesen, um so weniger fьr wissenschaftsnдhere Richtungen wie die ,,Psychical Research" als direkte Vorlдuferin der heutigen Parapsychologie. All zu ,,unkritisch" hдtten die Historiker sich lange Zeit auf das Urteil besserwisserischer ,,detractors and debunkers" (ibid.: 6) verlassen. Zungenschlдge dieser Art sind freilich selten zu vernehmen. (2) Zum zweiten kommen manche der einschlдgigen Texte von Fachhistorikern ganz ungeachtet der vorstehend geschilderten, bei vielen durchaus vorhandenen besseren Einsicht nach wie vor mit einen denunziatorischen Subtext daher, der mal wohl vorsдtzlich initiiert wird, mal einigen unbedachtsameren Vertretern der historischen Zunft im Ьbereifer eher zuzu stoЯen scheint. Letzteres illustrieren (woran in manchen Fдllen freilich auch die betreffenden Buchverlage eine Mitverantwortung tragen dьrften) beispielsweise der Untertitel Diskurse zum Ьbersinnlichen der Anthologie von Mьller-Funk & Tuczay (2008) und der Haupttitel des Buches von Lachapelle (2011), Investigating the Supernatural. Ihre Untersuchungsgegenstдnde
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und deren Personal qualifizieren diese Historiker mit solchen gedankenlosen Formulierungen, die schon die bloЯe Mцglichkeit, dass es sich um wissenschaftlich respektable Gegenstдnde handeln kцnnte, bestreiten, bereits auf ihren Buchtitelseiten ab. Das ist ein Дrgernis. Andere historiografische Texte erschleichen sich ihre wiederum parapsychologische (oder ьberhaupt wissenschaftliche) Relevanz durch kaum zu rechtfertigende oder nachvollziehbare inhaltliche Ausfьhrungen ­ etwa Enne (2009), zur Kritik siehe Schellinger (2010) ­ oder durch die Situierung der eigenen Diskussion in Kontexten und mit wissenschaftlichen Referenzrahmen, die bestenfalls an den Haaren herbeigezogen sind ­ etwa Gutierrez (2009), zur Kritik siehe Gauld (2011). Es ist rдtselhaft wie solche Studien als akademische Qualifikationsarbeiten durchgehen und teils in die Programme renommierter Wissenschaftsverlage (Gutierrez' Buch immerhin bei Oxford University Press) aufgenommen werden konnten. (3) Fьr ein weiteres Дrgernis besonderer, wenngleich ganz und gar nicht untypischer Art mag beispielhaft ein Buch von Roger Luckhurst stehen. Der allerletzte Satz seiner ansonsten in mancherlei Hinsicht klugen, wohlinformierten, zu Recht vielfach gelobten und fast rundum empfehlenswerten Studie The Invention of Telepathy, 1870-1901 lautet: ,,But no, in case you're asking, I don't believe in telepathy" (Luckhurst, 2002: 278). Nach einer fast 300seitigen Diskussion, einer kenntnisreichen Chronologie von Telepathie-Vorstellungen im Kontext der Geschichte der Society for Psychical Research ausgangs des 19. Jahrhunderts, in der es ganz wesentlich auch um die Einsicht geht, dass die Frage nach Glaubenshaltungen und ­bereitschaften unter der MaЯgabe wissenschaftlicher Evidenzkriterien ganz und gar irrelevant ist, ist seine Formulierung vermutlich die deplazierteste, mit der er seine Monografie hдtte beschlieЯen kцnnen. Vorsichthalber schien es dem Autors dieses nьtzlichen Buches aber offenbar doch geraten, sich an der letztmцglichen (darum aber gerade besonders aufmerksamkeitstrдchtigen) Stelle des Bandes doch noch von dessen Thema zu distanzieren. Er denunziert damit nicht nur auf eine besonders dreiste und unglьckliche Weise den Gegenstand seiner eigenen Studie, sondern nimmt mit diesem einen Satz viele wertvolle Einsichten etwa in methodologische Probleme des Nachweises von Telepathie, die ьber eine betrдchtliche Strecke seines Buches eine prominente Rolle spielen, wieder zurьck. Das ist ein Jammer fьr alle Beteiligten, den Beschreibenden und die Beschriebenen. (4) Wirklich entscheidend aber ist schlieЯlich, viertens, noch ein weiterer, viel verbreiteterer Aspekt fachhistorischer Untersuchungen beispielsweise zur Parapsychologie, aber auch zu allen anderen Rubriken der Anomalistik. Er bringt die schon an Luckhursts Beispiel ganz augenfдllige gewordene radikale Halbherzigkeit vieler historischer Auseinandersetzungen mit der Geschichte anomalistischer Gebiete und Forschungsfragen vollends zum Vorschein. Gemeint ist der schon oben im Anschluss an den Philosophen Rudolf Lьthe (1987) diskutierte, zwar unvermeidliche, in wissenschaftlichen Zusammenhдngen aber stets streng rechtfertigungspflichtige Verzicht auf mцgliches Wissen. Die Einsicht, nicht alles wissen zu kцnnen, ver-
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pflichtet selbstverstдndlich zu dem Entschluss, im Ernst auch nicht alles wissen zu wollen, und dazu, ьber die zu fдllenden Prдferenzen und Entscheidungen und deren Begrьndungen und Rechtfertigungen im Einzelfall dann Aufschluss geben und Rechenschaft ablegen zu kцnnen. Manche Kultur- und Wissenschaftshistoriker ­ vorbildhafte Beispiele sind in dieser Hinsicht etwa Blackbourn (1993: u.a. 13-14), Noakes (2008), Hamilton (2009: 1-2) oder Magnъsson (2009: 23-27), dieser teils orientiert an Gruber (2000) ­ sind in dieser Hinsicht sehr reflektiert und lassen ihre Leser an den Ьberlegungen, die zu ihren Prдferenzen und Auswahlen gefьhrt haben, auch teilhaben. Die beste Rechtfertigung jeder Auswahl, hatte Lьthe (1987: 128) bemerkt, sei ihre Unvermeidlichkeit. Als schlechterdings unvermeidliche Forschungs- und damit als notwendige Wissensrestriktion haben viele Kultur- und Wissenschaftshistoriker nun ­ bald explizit, bald unterschwellig und allenfalls zцgerlich eingestanden ­ ihre eigenen fachlichen Kompetenzgrenzen ausgemacht. Nein, erfдhrt man dann entweder freigiebig oder auf dringlichere Nachfrage, nein, nein, zur Beantwortung der Frage, ob an diesen oder jenen Behauptungen, ьber deren Ursprung, Befьrworter, Gegner und Streitpotential der Historiker sich bereits vielhundertseitig verbreitet hat, irgendetwas Wahres sei, kцnne man nichts Verlдssliches sagen. Denn fьr die Beantwortung fachwissenschaftlicher Wahrheitsfragen sei man nun einmal nicht zustдndig. SchlieЯlich sei man Historiker.10 ,Ьber den Realitдtsgehalt solcher angeblicher Erscheinungen', so erfдhrt der Interessent vom Geschichtsprofi, ,soll an dieser Stelle nichts ausgesagt werden.' ­ Inkompetenzkompensationskompetenz. Diese Problematik der ­ oft zudem kaum oder mindestens unzulдnglich begrьndeten ­ Urteilsenthaltung kann man an fast allen der zahlreichen, an frьherer Stelle bereits zitierten historischen Studien (und an vielen weiteren) im Detail verdeutlichen.11 Wдhlen wir die in letzter Zeit vielzitierte Doktorarbeit der australischen Historikerin Heather Wolffram, die unter dem Titel The Stepchildren of Science: Psychical Research and Parapsychology in Germany, c. 1870-1939 im Jahr 2009 bei Rodopi in Amsterdam als Buch erschienen ist. Der Inhalt dieser historischen Untersuchung in Buchlдnge kann an dieser Stelle aus Platzgrьnden nicht angemessen referiert werden (eine Verlegenheit, aus der mich der Umstand befreit, das eben dies in der vorangehenden Ausgabe dieser Zeitschrift bereits geschehen ist ­ in einer recht freundlichen Rezension von Andreas Sommer [2010]). Frau Wolffram ist im Ganzen sehr fleiЯig gewesen, hat beachtlich Vieles gelesen (obgleich mit wichtigen, unerklдrten ­ unerklдrlichen ­ Auslassungen) und letztlich meist quellennah gearbeitet, wozu ihre guten Deutschkenntnisse beigetragen haben. Dennoch bleiben ihre
10 Ganz treuherzige, ein wenig einfдltige Seelen beteuern gar, sie seien ,,doch bloЯ Historiker". 11 Wiederum sind Ausnahmen, die ggf. auch namhaft gemacht werden kцnnen, stets zugestanden.
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Untersuchungen der deutschen Parapsychologie ьber den genannten Zeitraum von sieben Jahrzehnten hinsichtlich der eigentlichen parapsychologischen Problematik merkwьrdig uninspiriert. Die Autorin referiert das Gelesene: ,,He postulated", ,,he said", ,,he maintained", ,,he argued", ,,according to him" etc., treu und brav, Seite um Seite, im Wechselspiel der Stimmen den Quellen abgeschaut. Nachgewiesen sind diese Quellen mit, wenn man sie denn alle nachverfolgen will, ermьdenden mehr als 1000 Endnoten (an denen man nach Guttenberg ja auch gar nicht herummдkeln will). Aber ­ einen wirklich originellen Gedanken, einen innovativen Blickwinkel, historisch oder nicht, sucht man vergebens. Fast nichts enthдlt das Buch, das Kennern der Parapsychologiegeschichte nicht seit langem vertraut (und nicht selten vertrauter) wдre. Stattdessen wird oft der Augenschein zum eigentlichen Analyseinstrument. Im Extremfall fьhrt das dazu, den handelnden (gar von nachtrдglichen Historikererwartungen abweichend handelnden) Akteur als einen Reaktionsdeppen darzustellen. Das, was die Autorin nicht kennt, nicht gelesen oder nicht berьcksichtigt hat, sagt oft mehr ьber ihre Arbeit, als das, was sich tatsдchlich im Druck widerspiegelt. Ist es denn von einer historischen Dissertation ­ und die von Heather Wolffram zдhlt ganz gewiss nicht zu den schlechteren12 ­ zuviel verlangt, dass sie wenigstens an der einen oder anderen Stelle, in der einen oder anderen Hinsicht mehr weiЯ als die Fachwissenschaftler, ьber die sie rьckblickend redet? Zahllose filigrane Details werden dem interessierten Leser von Frau Wolffram und ihren Zunftgenossen penibel mitgeteilt (meistens jedenfalls), nur das, worьber das jeweils von den Historikern in die Pflicht genommene zeitgenцssische Personal sich mit zuweilen deutlicher Wortwahl ausgetauscht und gestritten, womit sie gerungen oder sich zuweilen blamiert haben, kommt in der professionell-historischen Betrachtung oft lediglich als dekorativer Pastiche fьr die Ausgestaltung des zeitgenцssischen Hintergrunds vor, nicht aber als eigentlich zu stellende und erwartbar oft auch heute noch beantwortbare Forschungsfrage. Welche seinerzeit mit Wahrheitsanspruch vorgetragene Behauptung eventuell auch heute noch (und aus welchen Grьnden) Geltung beanspruchen oder eben nicht beanspruchen darf ­ diese Sorte von Wissenserwerb und ­vermittlung ist in der Erkenntnisarbeit des Historikers von Kultur und Wissenschaften im allgemeinen nicht vorgesehen. Ja, sie kommt von vorneherein als prinzipiell unerbringlich gar nicht erst in den Blick. Dabei werden diese Fragen auch dem Historiker mutmaЯlich nicht vцllig einerlei sein, denn irgendwoher muss ja auch er schlieЯlich seinen Frage-Ehrgeiz und seine konkrete Themenwahl beziehen. Aber zur Bearbeitung, gar zur Beantwortung solcher Fragen fьhlt er sich als Historiker weder berufen noch befдhigt.
12 Problematisch scheint mir allerdings, dass die methodologischen Fallstricke der Verwendung von Gerichtsakten, deren Heather Wolffram sich vielerorts als historische Argumentationsmasse bedient (auch bereits in Wolffram, 2004), an keiner Stelle diskutiert und berьcksichtigt werden (vgl. dazu Schwerhoff, 2011: 65).
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Nun ist es ja (sicher auch im Sinne Odo Marquards) sehr wohl zu begrьЯen, wenn eine wissenschaftliche Disziplin sich ihrer Kompetenz- und Zustдndigkeitsgrenzen bewusst ist und diesem Bewusstsein auch entsprechenden Ausdruck verleiht. Wдhrend es unter Historikern angesichts der Parapsychologie und verwandter Gebiete frьher bisweilen Usus war, lieber nicht zu sagen, was Sache ist ­ wofьr es immerhin verstehbare Grьnde bis hin zu dem des akademischen Existenzerhalts gegeben haben mag ­, will man heute nicht mehr wissen, ja behauptet, gar nicht mehr wissen zu kцnnen, was Sache ist. Nun ist, wie wir diskutiert haben, der planmдЯige Wissensverzicht wegen unzureichender fachwissenschaftlicher Kompetenz auf seiten der Geschichtswissenschaftler keineswegs unangemessen. Zudem soll ja auch niemandem eine Autoritдt zugesprochen werden, die der Betreffende schon von sich aus nicht nur nicht beansprucht, sondern die er ausdrьcklich von sich weist. Meine verhaltene, freundschaftliche Kritik an den Historikern entzьndet sich folglich auch gar nicht an dem Umstand, dass sie sich mit eigenen Wahrheits- oder auch nur Geltungsurteilen zugunsten phдnomenaler, existenzialer, sprach- oder diskursanalytischer Untersuchungen so ьberdiskret zurьckhalten. Schwierig wird es allerdings dann, wenn allen Anderen die eigene ontophobe Verzagtheit auch noch als tugendhafte Einsicht in die generelle Unmцglichkeit einer Entscheidungsfindung nдhergebracht werden soll. Kritikbedьrftig ist also die Tatsache, dass die meisten Historiker, die sich seit geraumer Zeit professionell auch mit der Geschichte der Parapsychologie und anderer anomalistischer Disziplinen befassen, einigermaЯen selbstgenьgsam unterstellen, mit ihren eingestandenermaЯen ontologisch kurzatmigen Studien sei bereits alles Sagenswerte ьber die jeweils behandelten Themen, Untersuchungsgebiete, Geltungsbehauptungen und Personen gesagt. Die Grenzen eigener Kompetenz und Zustдndigkeit klar zu benennen, ist wissenschaftlich redlich. Sie aber zu benennen und dann so zu tun ­ oder auch nur die Missdeutung zuzulassen, ihr Vorschub zu leisten oder ihr gegebenenfalls nicht entgegenzu treten, wenn sie in Rezensionen oder Kommentierungen zum Ausdruck gebracht wird ­, dass es jenseits dieser Grenzen nichts mehr gebe, das sich noch aufzuklдren und zu erforschen, zu erfahren und zu wissen lohne, ist unseriцs und im Extremfall ein vorwerfbares Fehlverhalten. Seit dem ,,Cultural Turn" befasst sich die Geschichtswissenschaft immerhin ьberhaupt mit der Geschichte anomalistischer Forschungsgebiete, und das wollen wir weder geringschдtzen noch kleinreden. In der Praxis bleibt sie dabei jedoch im wesentlichen deskriptiv und damit hinsichtlich faktischer Entwicklungsgдnge affirmativ. Diese Form der Geschichtsschreibung dient, zumal angesichts devianter Forschungs- und Tдtigkeitsbereiche, die im allgemeinen keine robuste wissenschaftliche Lobby haben, sehr leicht als ein nachtrдgliches Domestizierungsinstrument unter Umstдnden und in Kontexten, die einen einseitigen Blick durch die anomalistikfeindliche Brille prдmieren.
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Zum vorliegenden Themenheft Die vier Hauptbeitrдge dieses thematisch gebundenen Heftes enthalten Versuche und Ansдtze, die geeignet sind, dem Leser zu exemplarischen Einblicken in anomalistik-geschichtliche Forschungsdesiderata zu verhelfen. Dass damit keine ьberflьssige Aufgabe umrissen ist, fьhrt einerseits die auf den vorangehenden Seiten gefьhrte Diskussion, andererseits der nach wie vor nicht hinreichend geklдrte wissenschaftliche Status der meisten anomalistischen Forschungsgebiete vor Augen. Von diesen vier grob chronologisch sortierten Einzelbeitrдgen betrifft der erste eine historische Streitfrage aus dem Bereich der sogenannten Krypotozoologie, wдhrend die drei folgenden Texte sich ausgewдhlter Entwicklungen oder Problemstellungen aus der Geschichte der Parapsychologie von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Nachkriegszeit annehmen. Zunдchst waren es allen Zeitschriftenredaktionen bestens vertraute Zufдlle thematisch дhnlich gelagerter Manuskriptvorlagen oder ­angebote, die dem unterschwellig schon seit lдngerem gehegten Plan eines historisch ausgerichteten Themenheftes der Zeitschrift fьr Anomalistik Auftrieb und neue Gestalt verliehen haben. Da es sich notgedrungen um ein turnusmдЯig vorgesehenes Einzelheft handeln sollte, war klar, dass nur ein begrenzter Umfang zur Verfьgung stehen wьrde. Ein Beitrag musste zudem kurzfristig verschoben werden (siehe FuЯnote 16). Es wдre jedoch ein Leichtes gewesen, allein aus dem Kontext der Geschichte der Parapsychologie aus dem Stand bis zu zwei Dutzend sachlich kompetente und mit penibler Archiv- und historischer Quellenarbeit seit langem vertraute Autoren, die allesamt der Parapsychologie selbst entstammen, fьr ein solches Projekt zu gewinnen. Denn auch wenn wir bisweilen, und nicht ohne Grund, mangelnde Kenntnis der Geschichte der eigenen wissenschaftlichen Disziplinen beklagen: Geschichtsbewusstsein und, viel wichtiger, entsprechende detaillierte Kenntnisse stehen in der Parapsychologie trotz einer nach wie vor beklagenswert dьnnen ,,Personaldecke" weit ausgeprдgter zur Verfьgung als in den meisten anderen Disziplinen, trotz deren deutlich gьnstigeren Voraussetzungen. In jedem Fall behalten wir uns vor, zu gegebener Zeit eine umfangreichere historische Anthologie, beispielsweise als einen Band der unlдngst erfolgreich wieder aufgenommenen Schriftenreihe der Gesellschaft fьr Anomalistik, aufzulegen. Den Reigen historischer Beitrдge in diesem Heft erцffnet Ulrich Magin mit einer gewissenhaften Quellenrecherche zu ,,Sargons Schlange" ­ der behaupteten Sichtung einer riesigen Seeschlange in der klassischen Antike, deren Verifizierung aus Grьnden, die im Fortgang des Textes sehr bald deutlicher werden, mit betrдchtlichen Schwierigkeiten verbunden ist und die ьber den konkreten Fall hinausweisende grundsдtzliche Probleme ungeprьfter historischer Evidenzbehauptungen ­ aber auch der unerkannten Gefahr der Missdeutung generischer bildlicher Darstellungen ­ aufwirft. Unser Autor ist nicht erst durch sein aktuelles Buch (Magin, 2011) als Experte gerade fьr diese Art der Nachuntersuchungen zu klдrungsbedьrftigen Sich-
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tungs- und Existenzbehauptungen unterschiedlichster Art bestens ausgewiesen. Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die deutlich erweiterte und aktualisierte Fassung einer bereits etwas дlteren Untersuchung. Wie es der (historische) Zufall will, hatte ich lange nach Eingang des Manuskripts von Ulrich Magin und kurz vor Drucklegung des vorliegenden Heftes Veranlassung, mich in einem vцllig anderen Zusammenhang ­ dem einer neuerlichen, diesmal durch ein Buch Raoul Schrotts ausgelцsten literaturhistorisch-archдologischen Homer-Kontroverse (vgl. Schrott, 2008) ­ mit weiteren fьr Magins Thema einschlдgigen Quellen zu befassen, die in seiner Untersuchung nicht vorkommen: mit den teils ausfьhrlichen Arbeiten von Fuchs (1994), Lanfranchi (1997) und Mehl (2011). Die dort zu Sargon II gemachten Ausfьhrungen befinden sich alle in solider Ьbereinstimmung mit der Darstellung, die Ulrich Magin aufgrund seiner Quellen prдsentiert. Fьr Дnderungen oder auch nur Ergдnzungen zu Magins Einschдtzungen besteht folglich kein Anlass. Magins Recherche fьhrt nachhaltig vor Augen, welcher enorme zeitliche, logistische etc. Aufwand bisweilen betrieben werden muss, um auch nur eine einzige Behauptung zu ьberprьfen, von der, wenn auch knapp formuliert, fьr die betreffende anomalistische Teildisziplin argumentativ einiges abhдngen mag. In unserem zweiten Hauptbeitrag untersucht Andreas Sommer das wechselvolle, mit zunehmender Zeit immer schwieriger werdende Verhдltnis zwischen den beiden Medizinern Albert Freiherr von Schrenck-Notzing und Albert Moll, Weggefдhrten als Pioniere der Hypnose- wie auch der sexualwissenschaftlichen Forschung, aber erbitterte Gegner, soweit es SchrenckNotzings Rolle als Wortfьhrer der deutschen Parapsychologie betrifft. Wem, wie Schrenck, das Mentale immer leicht und bisweilen mit panpsychistischen Anklдngen zum Fundamentalen geriet (vgl. Blamauer, 2011), der durfte sich Molls alsbaldiger und deutlich zur Sprache gebrachter Gegnerschaft sicher sein. Der Berliner Albert Moll, wie sein Mьnchner Gegenpart ein Mann mit enormen Verdiensten um die Hypnoseforschung und die frьhe Sexualwissenschaft, war ­ woran Sommers Darstellung keinen Zweifel lдsst ­ ein ьberaus gewцhnungsbedьrftiger Charakter, wofьr sich allenthalben, ob in Publikationen oder in privaten Korrespondenzen, Belege zuweilen drastischer Art finden lassen. Molls in vielerlei Hinsicht selbstьberhцhende Autobiographie (Moll, 1936) ist auch in dieser Hinsicht eine Fundgrube: ,,Ich sagte [...], ich sei kein Sozialdemokrat, wie er vielleicht annehme, nicht einmal Demokrat sei ich," berichtet Moll auf Seite 218. Und schon zu Beginn (S. 13) versichert er: ,,Ich war stets das, was man ,Militarist' nannte". Dass beides, insbesondere ­ und folgentrдchtiger ­ aber Letzteres, auch fьr Molls wissenschaftsrelevante Handlungen galt, haben selbst diejenigen bestдtigt, die (wie Max Dessoir) Moll insgesamt zumindest lange Zeit ьber eher wohlgesonnen waren. Erscheinungsformen und kurz- wie langfristige Auswirkungen von Molls Haltung sind im Aufsatz von Andreas Sommer ausgiebig zu besichtigen.
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Fьr den dritten Beitrag zeichnen gemeinschaftlich der Historiker und Archivar Uwe Schellinger und die Soziologen Andreas Anton und Michael Schetsche verantwortlich. Sie stellen kaum bekannte grenzwissenschaftliche Pendelexperimente der Deutschen Kriegsmarine wдhrend der Zeit des Zweiten Weltkriegs vor, Versuche mithin, in denen die grenzwissenschaftliche Sьnde, wenigstens kurzfristig, unter leidlich kontrollierten Bedingungen in den nationalsozialistisch durchgefegten Garten Eden zurьckkehren konnte. Der vor kurzem bereits anderweitig prдsentierte prinzipielle Kenntnis- und Forschungsstand zu dieser grenzwissenschaftlichen Episode deutscher Militдrgeschichte (vgl. Anton et al., 2010), ist diesmal anders verortet und perspektivisch neu gerahmt. Wдhrend seinerzeit der Zusammenhang zwischen grenzwissenschaftlichem Denken und technisch-militдrischem Handeln im Vordergrund der Untersuchung stand, rьckt der vorliegende Text die Rolle der Grenzwissenschaften und ihrer Vertreter wдhrend des Dritten Reichs bzw. den Umgang des NS-Regimes mit Okkultisten und Grenzwissenschaftlern in den Blickpunkt. In beiden Fдllen bzw. aus beiden Perspektiven ist das Verhдltnis zwischen Okkultismus und Nationalsozialismus trotz mancherlei anders lautender Versicherung nach wie vor weit gehend ungeklдrt, und es besteht ein hoher Forschungsbedarf. Welchen Schwierigkeiten ein differenzierter und differenzierender Blick auf diese schwierigen Verhдltnisse unvermeidlich begegnet, soll in einem der nдchsten Hefte der Zeitschrift fьr Anomalistik in lockerer Anlehnung an den hier verцffentlichten Beitrag exemplarisch illustriert werden (Hцvelmann, in Vorb. ­ b). Im abschlieЯenden vierten Hauptbeitrag beleuchtet Eberhard Bauer neue Aspekte der Rezeptionsgeschichte dreier klassischer RSPK-Fдlle: den berьhmten Joller-Spukfall in Stans (Joller, 1863)13, Justinus Kerners umfдnglichen, auch heute noch (oder heute wieder) unbedingt 13 Ein altes mit dem Spukfall Joller bzw. Jollers publiziertem Bericht (Joller, 1863) verbundenes Rдtsel war von Beginn an die Autorschaft des ungezeichneten Vorworts. Schon Fanny Moser hatte aufgrund diverser plausibler Indizien den Berner Philosophen und Anthropologen Maximilian Perty als Verfasser vermutet. Perty war wohl der einzige Wissenschaftler von Rang mit dem Joller in direktem Kontakt stand. Und auch Inhalt und Duktus des Vorworts sprechen fьr Perty als dessen Autor. Gleiches gilt auch fьr Jollers zweifellos Perty geschuldeter, und wie jetzt klar ist, von diesem selbst eingefьgter Titelformulierung mit ,,mystischen Erscheinungen". Bis zum Herbst 2007, fast 150 Jahre lang, war die Autorenfrage jedoch letztlich ungeklдrt, und manche vermuteten, das werde sie wohl auch fьr alle Zeiten bleiben. Dabei hдtte die Antwort lдngst gefunden sein kцnnen, denn sie ist bereits seit 1879 publiziert und цffentlich zugдnglich; man hдtte nur in der richtigen Schrift Pertys nachschlagen mьssen, was auch ich leider erst 2007 getan habe: In seinen Erinnerungen aus dem Leben eines Natur- und Seelenforschers des neunzehnten Jahrhunderts (Perty, 1879) ist auf S. 460 nдmlich zu lesen: ,,1863 besuchte mich der Nationalrath Advokat Joller von Stans und brachte das Manuskript ьber die Vorfдlle in seinem Hause daselbst, welches ich corrigirte und mit einem Vorwort versah. In seinem Dankschreiben bemerkte Joller, daЯ er durch diese Vorfдlle und die ihretwegen erlittene Verfolgung so angegriffen sei, daЯ er nicht mehr lange leben werde[,] und er starb in der Tat schon 1865."
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lesenswerten Bericht ьber den fьr jene Zeit ganz erstaunlich dichtmaschig dokumentierten Spuk im Gefдngnis von Weinsberg (Kerner, 1836) sowie vor allem den 1950 von Fanny Moser berichteten Fall der Berliner Chemikerin Frau Dr. A. Kornitzky (Moser, 1950: 283-289). Die Ankьndigung, dass in allen drei Fдllen ,,neue Aspekte" prдsentiert wьrden, darf man getrost wцrtlich nehmen, was insonderheit fьr den letztgenannten Fall gilt. Des in mancherlei Hinsicht ьberaus interessanten Kornitzky-Falles, dessen Details dem Beitrag von Eberhard Bauer zu entnehmen sind, hat sich, angeregt durch Mosers Bericht, der Kulturhistoriker Heino Gehrts angegenommen und eine neue Falldeutung vorgelegt, die Bauer auf der Grundlage eines Teilnachlasses von Gehrts vorstellt und erlдutert. Dr. Heino Gehrts (1913-1998) war ein Gelehrter alter Schule, dessen beharrlich-verstдndnisvolles Interesse an diesem bei Fanny Moser erstmals berichteten und diskutierten RSPK-Fall und seiner Protagonistin den Schlьssel (oder sagen wir: einen Schlьssel) fьr dessen Deutung bereitgestellt hat. Gehrts' vieljдhriger und zu Zeiten auch sichtlich zдher Kontakt zur Berichterstatterin, Frau Kornitzky, stellt zwar eine gewissermaЯen doppelt geschichtete Oral History mit all den bekannten methodischen Problemen der Direktbefragung dar (Geppert, 1994; Mayer & Schetsche, 2011), ist aber konsistent und ьberzeugend. In einem Mitte der 1980er Jahre verfassten lдngeren Brief schrieb Heino Gehrts mir: ,,Ich halte die Anteilnahme an einer Wissenschaft nicht fьr gegeben, wenn man sich ihr mit einer Hypothese zuwendet, die den Gegenstand der betreffenden Wissenschaft von vornherein ausschlieЯt."14 In eben diesem Verstдndnis hat sich Heino Gehrts des Falles angenommen, den Bauer nun in seiner Entwicklung und mit seinen Eigentьmlichkeiten, teils gestьtzt auf den Gehrtsschen Teilnachlass, neu und ьbersichtlich darstellt. Wir haben hier nachfolgend nun vier historische Fallstudien zur Anomalistik vor uns, die,
Damit ist Pertys Autorschaft des Vorworts endgьltig sichergestellt. Freilich entsteht sogleich das nдchste Problem: Wie weitgehend mцgen die ,,corrigierenden" Eingriffe und sonstigen Einflьsse gewesen sein, die Perty am Buchmanuskript selbst vorgenommen bzw. auf dieses ausgeьbt hat? Damit besteht ein weiterer Grund, endlich eine textkritische Edition des Jollerschen Tagebuchs nach der Original-Handschrift herauszugeben, die sich, wie Volker Andings eindrucksvollem Film zu entnehmen ist (Anding, 2002, 2011b), im Besitz der Familie der Schweizer Journalistin Brigitt Flьeler befindet. Diese wiederum hat im Vorwort zur zweiten Auflage ihres Nachdrucks des Jollers-Buches, allerdings ohne Angabe ihrer Quelle, meinen Hinweis auf die entsprechende Textstelle bei Perty aufgenommen (Flьeler, 2007), der korrekt auch schon in Volker Andings chronologisch fortgefьhrtem ,,Spuktagebuch" zum Joller-Haus (zuletzt Anding, 2011a) verzeichnet ist. Das von Bauer erwдhnte neue Joller-Buch des Schweizer Historikers Vogel ist kurz vor Drucklegung dieses Heftes erschienen (Vogel, 2011). Der Autor orientiert sich in der Frage des Perty-Vorworts an Flьeler (2007). Vogels Buch wird in einer der folgenden Ausgaben dieser Zeitschrift noch ausfьhrlicher zur Sprache kommen. 14 Heino Gehrts, Brief an Gerd H. Hцvelmann, 2. Januar 1986 (S. 1)
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obgleich in vielerlei Hinsicht unterschiedlich, von Autoren bzw. einem Autorenteam bearbeitet worden sind, die allesamt zwar mit fachlicher historischer Kompetenz und teils langjдhriger einschlдgiger Erfahrung aufwarten kцnnen, ьber die geschichtswissenschaftliche Zurechnungsfдhigkeit hinaus aber weitere Qualifikationen mitbringen, die sie nicht daran hindern, so lange und so grьndlich weiter Fragen zu stellen, wie noch solide wissenschaftliche Antworten erwartet oder doch erhofft werden dьrfen, und die nicht voreilig bestimmte Sorten von Fragen als unzulдssig oder wegen Kompetenzmangels als nicht beantwortbar oder nicht beantwortungspflichtig aussortieren. Dies fцrdert bisweilen Kenntnisse und Einsichten zutage, die die Zunft professioneller Experten fьr die Wissenschafts- und Kulturgeschichtsschreibung eventuell fьr ,,unmцglich" erklдrt hдtte.
In eigener Sache (aber nicht nur) Sich solcherart Unmцgliches vornehmen zu wollen, ist ein netter Gedanke15, solange einem das Mцgliche leicht von der Hand geht. Aber selbst das sonst leichthin Mцgliche kann sich unter wenig ersprieЯlichen Umstдnden sehr rasch als besonders Beschwerliches erweisen. Das hiermit vorzulegende, historisch ausgerichtete Themenheft der Zeitschrift fьr Anomalistik musste unter solchen schwierigen Bedingungen entstehen, die sein Erscheinen wenigstens zeitweilig in Frage gestellt, es in jedem Fall aber verzцgert haben.16 Unter mancherlei nachhaltig hinderlichen Umstдnden neigt der Betroffene bisweilen zu verstдndnisheischenden Ausflьchten ­ wie jenen, mit denen Friedrich Hцlderlin weiland in einem Brief an seinen Mentor Friedrich Schiller um Verstдndnis fьr eigene Sдumnisse warb: ,,Maladie und VerdruЯ", schreibt Hцlderlin am 4. September 1795 treuherzig an Schiller, ,,hinderten mich, das, was ich wьnschte, auszufьhren" (Hцlderlin, 1795/1992: 595). Wie Schiller, der Hцlderlin Unterstьtzung bei der Verцffentlichung eines von diesem nun eben doch nicht vorweisbaren Textes angeboten hatte, auf diese Ausflucht, der manche weitere folgen sollten, geantwortet hat, vermag ich nicht zu sagen. Hцlderlins Strategie aber wдre mir jedenfalls all 15 Und bisweilen mag er auch befruchtend sein: Eine gewisse Vorliebe fьr das nach vernьnftigem Ermessen konsensfдhig Unmцgliche kann, wie der Architekturtheoretiker Robert Harbison in seiner brillanten Untersuchung Das Gebaute, das Ungebaute und das Unbaubare in verdient respektlosem Umgang mit Beispielen aus seinem eigenen Gewerbe vor Augen fьhrt (Harbison, 1994), mancherlei spannende Fragen hinsichtlich der Generierung von (hier architektonischer) Bedeutung aufwerfen. 16 Kurzfristig zurьckgestellt werden musste jedoch lediglich ein in Vorbereitung befindlicher Beitrag (Hцvelmann, in Vorb. ­ a) ьber eine bis heute offenbar unbekannt gebliebene, jedenfalls aber seit weit ьber einem Jahrhundert nicht (mehr) bemerkte oder kommentierte, durchaus folgenreiche strategische Schlitzohrigkeit, die sich der Philosoph und Psychologe Max Dessoir in der zweiten Hдlfte der 1880er Jahre bei der Einfьhrung des Terminus ,,Parapsychologie" erlaubt hat.
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zu malad und all zu verdrieЯlich gewesen. Stattdessen habe ich es vorgezogen, mir eine Passage aus dem epischen Gedicht Milton, a Poem des englischen Dichters und Malers William Blake (1757-1827) als ergiebige Lebens- und Arbeitsdevise zu eigen zu machen: Ein jeder Tag hat einen Augenblick, den findet Satan nicht Und auch nicht seiner Teufel Schar. Der FleiЯ'ge aber Findet ihn & mehret ihn, & wenn er aufgespьrt, Er jeden Augenblick des Tags erneu'rt, wenn man ihn richtig nьtzt.17
17 Blake (1804-1811/1995: 35: 42-45) ­ William Blakes Milton zдhlt, wenigstens ьber Strecken, zu den (nicht gar so wenigen) deutschen Ьbertragungen englischer Dichtung, die eindrucksvoller geraten sind als ihre Originalfassungen (hier: There is a Moment in each Day that Satan cannot find / Nor can his Watch Fiends find it, but the Industrious find / This Moment & it multiply, & when it once is found / It Renovates every Moment of the Day if rightly placed). Im ьbrigen befinden wir uns in guter Gesellschaft: In einem historisch gestimmten Themenheft darf daher, da wir nun schon einmal dabei sind, vielleicht auch der Hinweis durchgehen, dass die Dichtungen William Blakes in unseren Tagen erstaunlich mannigfaltige und zuweilen gerade fьr die Anomalistik einschlдgige Adaptionen und Wiederverwendungen finden. In Ridley Scotts stil bildendem (auch fьr anomalistische Fragestellungen in mehrfacher Hinsicht interessantem) ScienceFiction-Spielfilm Blade Runner (1982), angelehnt an Philip K. Dicks Roman Do Androids Dream of Electric Sheep? (Dick, 1968), spricht beispielsweise der Replikant Roy Batty (Rutger Hauer) bei seinem ersten wie auch bei seinem letzten Auftreten mit den Worten William Blakes und trдgt so maЯgeblich zu einem philosophischen Subtext des Films mit zahllosen, letztlich auch religiцsen Anspielungen bei. In der frьhen Begegnung mit dem Kryogenetiker Chew beeindruckt der Replikant mit: ,,Fiery the Angels fell, and as they fell deep thunder roll'd around their shores. Indignant burning with the fires of Orc" ­ einer leichten Abwandlung der Originalzeilen aus Blakes America: A Prophecy aus dem Jahr 1793 (die entscheidende textliche Anpassung ist die zweimalige sinnverkehrende Ersetzung des Wortes ,,rose" durch ,,fell"). Anders als in unserem Eingangsbeispiel zuvor, verliert das Blake-Zitat in der deutschen Synchronisation allerdings ganz betrдchtlich. In der Schlusskonfrontation bedient sich die Figur Batty abermals bei Blake (in The Marriage of Heaven and Hell ­ verfasst 1790-1793, erkennbar von Swedenborg inspiriert), wenn er sagt: ,,The roaring of lions, the howling of wolves, the raging of the / Stormy sea, and the destructive sword are portions of eternity, too / Great for the eye of man" (Zitate nach den Filmtexten bzw. der Blake-Gesamtausgabe: Blake, 1966; Nдheres ggf. auch bei Cooper, 1981; Wood, 1986: 185; Desser, 1997: 64-65; Schnelle, 1997: 83, 92; Gerblinger, 2002; Robb, 2006). Diese im Spielfilm fьr den Literaturgeschichtler bereits auffдllig, aber doch noch sparsam ausgelebte Blake-Faszination nimmt in einem an die Blade-Runner-Verfilmung eng angelehnten, ansonsten aber meist den Ьblichkeiten dieser Branche gehorchenden Computerspiel ьberhand: Clovis, der charismatische, diesmal schwarzhaarige statt weiЯblonde Fьhrer der Replikanten, spricht dort dauernd in Blake-Versen, sobald er nur die gepixelten Lippen bewegt (Tosca, 2005: 92, 97, 105106). Dass auch Schriftsteller wie Aldous Huxley (unьbersehbar: Huxley, 1954), T.S. Eliot, James Joyce, George Orwell, C.S. Lewis u.a., der Okkultist Aleister Crowley, der amerikanische UndergroundKurzfilmer Kenneth Anger und avantgardistische Musikgruppen wie The Doors (vgl. Krippner, 2003)
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In eben diesem Sinne haben wir uns bemьht, diese zeitweilig wenigen in Frage kommenden Blakeschen ,,Augenblicke" redlich fьr die Fertigstellung der vorliegenden Ausgabe der Zeitschrift fьr Anomalistik zu nutzen. Dabei hat es der Unterstьtzung einiger helfender Hдnde und, nicht zuletzt, flinker Federn bedurft, um dieses Themenheft leidlich innerhalb des zeitlichen Rahmens fertigzustellen, den wir uns dafьr vorgenommen hatten. Umsetzung und Herausgabe gerade solcher spezialisierter Projekte sehen sich zuweilen ja von unerwartetem zusдtzlichen Ungemach behindert. Der schon erwдhnte Friedrich Schiller konnte ein vielstrophiges Lied davon singen. In einem Brief vom 24. August 1799 warnt er den nach wie vor ambitionierten, aber noch immer maladen Hцlderlin: ,,Die Erfahrungen, die ich als Herausgeber periodischer Schriften seit 16 Jahren gemacht, [...] sind so wenig trцstlich, daЯ ich Ihnen als ein aufrichtiger Freund nicht rathen kann, ein Дhnliches zu thun" (Schiller, 1799/1992: 805). Bei aller Wertschдtzung fьr Schiller ­ gerade auch in dessen Funktion als Herausgeber bedeutender Zeitschriften wie seines Wirtembergischen Repertoriums (1782-1783), der Thalia (1784-1791),
und Tangerine Dream bei Blake Inspiration gesucht und reichlich gefunden haben (,,If the doors of perception were cleansed, every thing would appear to man as it is, infinite" ­ ebenfalls aus The Marriage of Heaven and Hell), muss Angehцrigen wenigstens meiner Generation kaum eigens in Erinnerung gerufen werden. Und schlieЯlich haben sich ­ vor allem deshalb erlaube ich mir diese Ab- und Ausschweifung ­ auch parapsychologische Forscher bei Blake bedient: So verwendet der Titel des Buches A World in a Grain of Sand ьber Stefan Ossowiecki (Barrington et al., 2005, rezensiert auch in der Zeitschrift fьr Anomalistik [Sommer, 2007]) wiederum ein Blake-Gedicht: "To see your world in a grain of sand, and a heaven in a wild flower. To hold infinity in the palm of your hand, an eternity in an hour" ­ die Anfangsverse der 1803 geschriebenen, aber erst 1863 verцffentlichten Auguries of Innocence. Weitere Verwendungs-Beispiele in anomalistischen Kontexten sind zwar nicht immer offensichtlich, fьr den Literaturkundigen aber aufspьrbar. Zudem sind William Blakes eigene ungewцhnliche, mutmaЯlich paranormale Erfahrungen ­ z.B. hдufige, bisweilen wohl absichtsvoll hervorgerufene Visionen seines verstorbenen Bruders ­ und vor allem deren Funktion fьr den kьnstlerischen Schaffensprozess legendдr, im ьbrigen auch auЯerhalb des parapsychologischen Schrifttums und ganz unabhдngig von diesem (vgl. Knoblauch, 1925; Saurat, 1929; Gibbes, 1939; Krippner et al., 2002: 24). Es kommt daher nicht von Ungefдhr, dass William Blake in einschlдgigen Referenzwerken mit mehr oder weniger umfangreichen Eintrдgen bedacht ist (etwa Bonin, 1976: 84; Berger & Berger, 1991: 38; Shepard, 1991: 192-195; siehe auch Bindman, 1989) und dass Walter Franklin Prince ihn einst unter die ,,noted witnesses for psychic occurrences" (Prince, 1928) zдhlte. Wen wundert es da noch, dass dieser neuerdings wieder allgegenwдrtige Dichter und Maler des ausgehenden 18. Jahrhunderts rund einhundertfьnfzig Jahre nach seinem Tod sogar zum Protagonisten eines Zeitreiseromans (Nelson, 1975) geworden ist? Offenbar hat William Blake bis heute ­ gerade heute wieder ­ Vielen Vieles zu sagen, wofьr auch eine beachtliche Zahl neuer, allerdings nicht immer sehr gediegener Blake-Biografien spricht. Unter den jьngeren Arbeiten uneingeschrдnkt empfehlen kann ich eigentlich nur Beer (2007); ansonsten leisten Berger (1914) sowie, unter psychologischen Gesichtspunkten, Singer (1973) noch immer akzeptable Dienste.
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der Horen (1795-1797) und des Musen-Almanachs (1796-1800): Auch nur entfernt vergleichbar schlechte Erfahrungen sind mir als Herausgeber im vorliegenden Fall erfreulicher Weise gдnzlich erspart geblieben. Ganz im Gegenteil hat mich die durchaus branchenuntypische thematische und terminliche Disziplin sдmtlicher beteiligter Autoren beeindruckt. Dafьr kann ich an dieser Stelle nur meinen Dank und meine Anerkennung zum Ausdruck bringen. Ganz besonderen Dank schulde ich darьber hinaus meinem Freund und Redaktions kollegen Gerhard Mayer, ohne dessen stets verlдsslichen und absolut gewissenhaften Einsatz das vorliegende Heft nicht in dieser Weise, nicht in diesem Umfang und ganz sicher nicht zu diesem Zeitpunkt hдtte erscheinen kцnnen. Zum Schluss kann ich nichts Besseres tun, als dem bereits zitierten Kulturhistoriker Heino Gehrts abermals das Wort zu erteilen und dieses Wort den nun folgenden Einzelfallstudien als Motto voranzustellen: ,,Es kommt nicht darauf an," sagt Gehrts, ,,Geschichte zu schreiben, sondern in der Parapsychologie18 das Geschichtliche gemдЯ seinem Erkenntnisrang auf die ihm gebьhrende Stufe zu erheben".19 Literatur Altinger, H.B. (1996). Johannes der Tдufer. Sein wahres Leben und Wirken, seine Wiederkehr. Mьnchen: Drei Ulmen Verlag. Alvarado, C.S. (1982). Historical perspective in parapsychology: Some practical considerations. Journal of the Society for Psychical Research, 51, 265-271. Anding, V. (2002). Das Spukhaus. Ein Dokumentarfilm (90 Min.). Im Auftrag des ZDF, in Zusammen arbeit mit ARTE. Erstsendung: 9. April 2002. Anding, V. (2011a). Das Spukhaus ­ was seitdem geschah; Stand: August 2011. Unverцffentl. Typoskript. Anding, V. (2011b). Haunted House in Switzerland: Documentary Film. Director's Cut (90 Min.). German, with English subtitles. Wuppertal: Volker Anding. Angenendt, A. (1991). Corpus incorruptum. Eine Leitidee der mittelalterlichen Reliquienverehrung. Saeculum, 42, 320-348. Angenendt, A. (1994). Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frьhen Christentum bis zur Gegenwart. Mьnchen: C.H. Beck. Angenendt, A. (22000). Geschichte der Religiositдt im Mittelalter. 2., ьberarb. Aufl. Darmstadt: Wissenschaft
18 Man ersetze ,,Parapsychologie" nach Belieben durch andere Sparten anomalistischer Forschungs bemьhungen. 19 Heino Gehrts, Brief an Gerd H. Hцvelmann, 7. September 1986.
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GH Hövelmann

File: historische-fallstudien-zur-anomalistik.pdf
Author: GH Hövelmann
Published: Tue Dec 13 15:41:11 2011
Pages: 35
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The politics of God, 14 pages, 0.06 Mb
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