Der Brander, A Kent

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Content: Alexander Kent Der Brander Admiral Bolitho im Kampf um die Karibik Roman ein Ullstein Buch ISBN 3 548 20591 7
Inhalt I Die Flagge im Fockmast........................................................ 5 II Der neue Bolitho .................................................................. 18 III Das Schiff ohne Namen....................................................... 29 IV Alte Feinde ­ neue Freunde................................................. 45 V Der Schlдchter ...................................................................... 60 VI Abschied von Boston........................................................... 75 VII Vor dem Angriff................................................................... 89 VIII Ьberrannt ............................................................................ 103 IX Knapp davongekommen.................................................... 120 X Verkцrperung der Treue..................................................... 136 XI Spдte Rache ........................................................................ 150 XII Der Brief ............................................................................. 166 XIII Ein Feiertag......................................................................... 181 XIV Ein Schluck Rum................................................................ 198 XV Heimatkurs.......................................................................... 209 XVI Das Geheimnis.................................................................... 222 XVII Mit Vorwarnung ................................................................. 237 XVIII Ruhe den Tapferen............................................................. 256 Epilog ............................................................................................. 271
Fьr Winifred in Liebe, bis wir uns wiedersehen
I Die Flagge im Fockmast Richard Bolitho stand am offenen Fenster und starrte hinaus in den Hof, hinter dessen Mauer das Meer blinkte. Es hдtte ein wunderschцner Maientag sein kцnnen; in diesem Licht wirkte selbst der gedrungene UmriЯ von Pendennis Castle, der alten Burg, die den Schiffahrtsweg nach Falmouth und den Zugang zur Reede von Carrick beherrschte, weniger bedrohlich. England genoЯ den Frieden ­ nach neun Jahren Krieg mit Frankreich und seinen Ve rbьndeten. Trotzdem, so schnell konnte man sich nicht umgewцhnen. In Falmouth muЯten die jungen Mдnner nicht mehr nach ihren Waffen greifen, wenn ein fremdes Segel vor der Kьste auftauchte und damit ein Ьberfall des Feindes drohte; sie liefen auch nicht mehr erschrocken davon, wenn sich der Ankцmmling als britisches Kriegsschiff entpuppte. Letzteres hatte bedeutet, daЯ bald die verhaЯten PreЯpatrouillen die Hдuser durchsuchen wьrden, um Mдnner unter Zwang fьr den Dienst auf See anzuwerben, vielleicht auf Nimmerwi edersehen. Kaum zu glauben, daЯ dies alles jetzt der Vergangenheit angehцrte. Bolitho sah die Kutsche im Schatten neben der Remise warten. Nun war es bald soweit. Gleich muЯten die Pferde herausgefьhrt und vo rgespannt werden. Jetzt hieЯ es nicht mehr: nдchste Woche ­ oder wenigstens morgen. Der Augenblick war gekommen. Er wandte sich vom Fenster ab und wartete, bis seine von der Sonne geblendeten Augen sich an das schattige Zimmer gewцhnt hatten. Das groЯe graue Steinhaus, das seine Familie seit Generationen bewohnte, war so still, als hielte es den Atem an, um das Unausweichliche noch etwas hinauszuschieben. Sieben Monate waren nun vergangen, seit Bolitho heimgekehrt war nach der Schlacht, die alle feindlichen Invasionsplдne durchkreuzt und die franzцsische Position bei den Friedensverhandlungen so geschwдcht hatte. Sieben Monate, seit er Belinda geheiratet hatte und zu einem glьcklichen Mann geworden war. Er schritt zum FuЯ der breiten Innentreppe und blickte zu den Portrдts seiner Vorfahren auf, die da im Halbdunkel hingen. Auch sie muЯten solche Augenblicke gekannt haben, dachte er. MuЯten sich 5
gefragt haben, wann und ob sie dieses Haus je wieder betreten wь rden. Sein UrurgroЯvater, Kapitдn Daniel Bolitho, stand auf dem Bild an Deck seines brennenden Schiffes; er war im Krieg der protestantischen Allianz gegen Spanien gefallen. Sein Gesicht trug deutlich die Familienzьge der Bolithos, ebenso das von Bolithos Vater und seines Bruders Hugh; alle waren sie tot. Und nun muЯte auch er wieder hinaus auf See. Die letzten Monate waren wie im Flug vergangen. Als man ihn zur Admiralitдt nach Lo ndon beordert hatte, ahnte er nicht, was ihn erwartete. Seit dem FriedensschluЯ von Amiens* schien es ihm, als ob alle teuer erkauften Erfahrungen beiseitegeschoben wьrden. Der GroЯteil der Flotte war auЯer Dienst gestellt, Tausende von Offizieren und Mannschaften waren entlassen wo rden und fristeten ihren Lebensunterhalt, so gut sie konnten. Fьr Flaggoffiziere niedrigeren Dienstgrades waren die Posten selten geworden und wurden von den Lords der Admiralitдt je nach Gunst verteilt. So hatte es Bolitho erstaunt, als er den Befehl erhielt, ohne Verzug zunдchst nach Amerika und dann in die Karibik zu segeln. Zumal ihm nicht ein neues Geschwader, sondern ein kleiner Zweidekker unterstellt wurde, dazu lediglich eine Fregatte als Geleit und Kurier. Sein Empfang durch Admiral Sir Hayward Sheaffe, den Nachfolger des alten Admirals Beauchamp, war hцflich, aber formell gewesen. Sir Hayward schien Bolitho ganz die neue Zeit zu verkцrpern. Der von schwerer Krankheit gezeichnete Beauchamp war an seinem Schreibtisch gestorben, ohne je zu erfahren, daЯ sein letzter Schlachtplan zur Vernichtung der franzцsischen Invasionsflotte von Bolitho siegreich ausgefьhrt worden war. Sheaffe dagegen war ein kьhler Kopf, ein pragmatischer, perfekter Verwaltungsmensch. Bolitho konnte sich kaum vorstellen, daЯ sich dieser Mann von einem kleinen Seekadetten zu seinem jetzigen hohen Rang hinaufgedient hatte. In der Stille des Hauses hцrte Bolitho wieder Sheaffes Worte, als seien sie eben erst gefallen. »Ich weiЯ, daЯ Ihnen diese Entscheidung ungebьhrlich hart erscheinen muЯ, Bolitho. Nach Ihrer Flucht aus franzцsischer Gefangenschaft und Ihrem anschlieЯenden Sieg ьber Admiral Remond haben Sie * 27.3.1802 6
wahrscheinlich ­ mit Recht, wьrden viele sagen ­ eine gesicherte Bestallung erwartet. Jedoch...«, er dehnte das letzte Wort bedeutungsvoll, »ein Krieg endet nicht mit dem letzten SchuЯ. Ihre Lordschaften benцtigen fьr diese Aufgabe einen Mann, der ebenso taktvoll wie tapfer handeln kann. AuЯerdem hat sie auch ihre guten Seiten: Sie werden hiermit zum Vizeadmiral befцrdert.« Sein Blick forschte in Bolithos Gesicht nach einer Reaktion. »Damit sind Sie dem Dienstalter nach der jьngste Vizeadmiral in der Navy.« Trocken fьgte er hinzu: »Abgesehen natьrlich von Nelson, dem Liebling der Nation.« So war das also, dachte Bolitho. Sheaffe war eifersьchtig auf jene Mдnner, die sich die Bewunderung von Freund und Feind errungen hatten. Trotz seines Rangs und seiner Befugnisse beneidete er sie immer noch. Vielleicht hatte ihm Bolitho deshalb verschwiegen, daЯ der wirkliche Grund fьr sein Zцgern die Sorge um Belinda gewesen war, die in wenigen Wochen ihr erstes Kind erwartete. Sheaffe muЯte es ohnedies wissen, denn sogar in Londoner Zeitungen waren Artikel erschienen ьber ihre Hochzeit im Oktober 1801, bei der Bolithos Kameraden die kleine Kirche in Falmouth bis zum Bersten gefьllt hatten. Aber vielleicht war Sheaffe auch darauf neidisch? So hatte Bolitho geschwiegen. Wenn Sheaffe von ihm erwartete, daЯ er ihn beschwor, um einen Aufschub bat, dann hatte er den Mann vor sich noch immer nicht begriffen. Bolitho hцrte ihre Schritte auf dem gefliesten Boden drauЯen und straffte die Schultern. Sie stand im Gegenlicht, das Gesicht ьberschattet, aber trotzdem war ihre Schцnheit nicht zu ьbersehen. Niemals wьrde er sich sattsehen kцnnen an ihr, nie die Sehnsucht nach ihr verlieren. Sonnenschein setzte rцtliche Lichter in ihr kastanienbraunes Haar und streichelte den schlanken, gebogenen Nacken. »Es wird Zeit«, sagte Belinda. Ihre Stimme war leise und beherrscht, aber Bolitho wuЯte, wie schwer ihr dieser Ton fiel. Fast wie Hohn wirkten dagegen das muntere Pferdegetrappel drauЯen auf den Pflastersteinen, die sorglosen Stimmen der Reitknechte. Belinda trat zu ihm und legte ihm beide Hдnde auf die Schultern. »Ich bin so stolz auf dich, Liebster«, sagte sie. »Mein Mann, der Vizeadmi- 7
ral...« Ihre Lippen zitterten, ein feuchter Glanz in ihren Augen strafte ihre Worte Lьgen. Er drьckte ihren einst schlanken Kцrper sanft an sich und spьrte das Kind, als sei es schon bei ihnen. »Gib gut auf dich acht, wenn ich weg bin, Belinda.« Sie lehnte sich in seinen Armen zurьck und sah ihm so eindringlich ins Gesicht, als wolle sie sich jeden Zug einprдgen. »Du bist es, der achtgeben muЯ. Fьr mich ist hier gut gesorgt. Alle sind freundlich zu mir, bieten mir Beistand und Hilfe an. Dabei brauche ich nur dich.« Sie schьttelte den Kopf, als er zum Sprechen ansetzte. »Keine Sorge, ich werde nicht schwach. Obwohl du mich ve rlassen muЯt, bin ich glьcklich, verstehst du? Jeder Tag der letzten Monate war fьr mich wie unser erster. Wenn du mich umarmst, spьre ich das wie beim ersten Mal. Ich liebe dich ьber alles, aber ich wдre eine Nдrrin, wenn ich mich zwischen dich und Die Welt stellen wollte, in der du lebst. Ich kenne doch den Blick, mit dem du die Schiffe beobachtest, wenn sie in die Reede von Carrick einlaufen, dein Gesicht, wenn Thomas oder Allday ein Erlebnis erwдhnen, das ich niemals mit dir teilen kann. Bei deiner Heimkehr werde ich dich erwarten, aber bis dahin werden wir uns immer nahe sein.« Es klopfte, und Allday trat durch die Tьr; seine sonst so leutselige Miene war ernst und unsicher. »Alles bereit, Sir.« Knorrig wie Eichenholz, verkцrperte Allday fьr Bolitho viel von jener anderen Welt, die Belinda erwдhnt hatte. In seinem besten blauen Rock und den Nanking-Breeches war er das Urbild eines Seemanns, jeder Zoll Bootsfьhrer eines Vizeadmirals. Er diente Bolitho, seit dieser ein junger Kapitдn gewesen war. Gemeinsam hatten sie Schцnes und Schreckliches erlebt, hatten zu gleichen Teilen Leid und Tr iumph erfahren. Als Allday von Bolithos unerwartet frьher Befцrderung gehцrt hatte, war sein Kommentar nur gewesen: »Gibt man Ihnen endlich die Flagge im Fockmast, Sir? Wird auch Zeit.« »Danke, Allday.« Der Bootsfьhrer hielt Bolitho den neuen Uniformrock zum Hineinschlьpfen hin. Da war er, der einst unerreichbare Wunschtraum des 8
kleinen geplagten Leutnants auf Wache, ja selbst noch des jungen Kommandanten auf seinem ersten Schiff. Belinda beobachtete ihn, um Haltung bemьht und mit verschrдnkten Fingern, als hielte sie dahinter ihre Gedanken und Gefьhle in Zaum. »Du siehst stattlich aus, Richard.« »Sehr stattlich, Madam.« Allday klopfte die Rockaufschlдge glatt und vergewisserte sich, daЯ beide Epauletten mit den silbernen Zwi llingssternen richtig saЯen. Wenn sie erst auf See waren, wь rde sich das дndern, dachte er. Aber hier gehцrte er zur Familie dieses Hauses, in dem er eine neue Heimat gefunden hatte. Jedenfalls fast zur Familie. Leise sagte Belinda: »Ich kцnnte dich bis Hampshire begleiten, Richard.« Bolitho zog sie an sich. »Nein. Die Fahrt zum BeaulieufluЯ wьrde dich ьberanstrengen. Und denk' an den Rьckweg. Ich wьrde krank vor Sorge.« Sie widersprach ihm nicht. Obwohl keiner es erwдhnte, dachten beide an die verunglьckte Kutsche, in der schon einmal Bolithos Glьck ein Ende gefunden hatte, an den Unfall seiner ersten Frau, dessen Schrecken erst durch ihr neues gemeinsames Leben getilgt worden war. Bolitho war dankbar dafьr, daЯ Der Weg zu seinem neuen Schiff zu weit war, als daЯ sie ihn begleiten und das Leben ihres ersten Kindes aufs Spiel setzen konnte. Es war schon schlimm genug, daЯ er sie jetzt verlassen muЯte, obwohl sie ihn so dringend gebraucht hдtte. Zwar blieb sein verlдЯlicher alter Steward Ferguson bei ihr im Haus zurьck, auch der Arzt wohnte ganz in der Nдhe. Bolithos Schwester Nancy hielt sich цfter bei ihnen auf als in der palastдhnlichen Residenz ihres Mannes, des Richters, der weit und breit nur der >Kцnig von Cornwall< genannt wurde. Und nдchste Woche wurde Dulcie erwartet, Herricks Frau, die den weiten Weg von Kent auf sich nahm, um Belinda bei der Geburt beizustehen. Herrick, den seine Befцrderung zum Konteradmiral fast in Verlegenheit gebracht hatte, war ein kleines Geschwader unterstellt worden. Er befand sich schon unterwegs nach Gibraltar, wo ihn neue Befehle erreichen wьrden. Diesmal erwarteten Bolitho an Bord kaum vertraute Gesichter. Viel- 9
leicht war das auch besser so, ьberlegte er: nichts, was ihn an die Vergangenheit erinnern konnte, an frьhere Erfolge und Skrupel. Belinda sagte in seine Gedanken hinein: »Sei vorsichtig um meinetwillen, Richard. Es fдllt mir furchtbar schwer, dich ziehen zu lassen, aber ich weiЯ ja, daЯ es nicht anders geht.« Bolitho hielt sie an sich gepreЯt. Warum fand man die rechten Wo rte immer erst dann, wenn es zu spдt war? Seit er mit seinem Geheimauftrag von der Admiralitдt zurьckgekehrt war, hatte sie es irgendwie geschafft, ihre Enttдuschung, ihren Kummer zu verbergeN. Nur einmal, nachts, hatte sie aufgestцhnt. »Warum gerade du? MuЯt du denn wirklich fort?« Und dann war sie wieder in einen unruhigen Schlaf gefallen, als wьЯte sie, daЯ es auf ihre Frage keine Antwort gab. DrauЯen erklang Alldays Stimme, der das Verladen der letzten Gepдckstьcke beaufsichtigte. Armer Allday, dachte Bolitho. So bald nach den Strapazen der franzцsischen Gefangenschaft muЯte er nun wieder hinaus. Aber er war stets da, wenn er gebraucht wurde, ein Freund und guter Zuhцrer, dem Bolitho sich anvertrauen konnte, falls er einen Gesprдchspartner suchte, der auЯerhalb der Hierarchie stand und offen seine Meinung sagen konnte. Alldays Loyalitдt hatte Bolitho schon manches Mal beschдmt. Sein Lebensinhalt bestand darin, ihm zu dienen, er besaЯ weder eine Frau, die auf ihn wartete, noch ein Zuhause. Irgendwie kam es ihm unfair vor, daЯ er Allday schon wieder mit hinaus schleppte, obwohl er sich ein geruhsames Leben an Land wahrhaftig verdient hatte. Doch Bolitho wuЯte, daЯ ihn der Vorschlag, diesmal zu Hause zu bleiben, verletzt und aufgebracht hдtte. Aber jetzt muЯte er endlich aufbrechen. Gemeinsam schritten sie zum Portal, entschlossen, den Augenblick, den sie fьrchteten, gefaЯt zu bestehen. Grelles Sonnenlicht ьberfiel sie, und Bolitho muЯte sich zwingen, zu der verhaЯten Kutsche hinьberzusehen. Von allen anderen Bewo hnern des Hauses hatte er sich schon verabschiedet, auch von seiner Schwester und dem einarmigen Ferguson. Er sagte: »Ich sende dir eine Nachricht mit dem ersten Kurierschiff, das uns begegnet. Wenn ich in Amerika eingetroffen bin, wird man mir wahrscheinlich die umgehende Rьckkehr befehlen.« 10
Er spьrte, wie sich ihr Arm unwillkьrlich verkrampfte, und zьrnte sich selbst, daЯ er ihr falsche Hoffnungen machte. Admiral Sheaffe hatte Bolithos Zweifel an der Bedeutung seiner Mission nicht ausrдumen kцnnen. Er sollte Boston anlaufen, »neutralen Boden«, wie er es nannte, und dort mit franzцsischen und amerikanischen Beamten die formelle Ьbergabe einer Insel vollziehen, wie es im Frieden von Amiens vorgesehen war. Bolitho hielt das alles fьr einen groЯen Fehler. Hier wurde dem Erzfeind Englands eine Insel ьberlassen, deren Eroberung das Leben so vieler Landsleute gekostet hatte. Deshalb hatte er sich einen Protest dem Admiral gegenьber nicht versagen kцnnen. »Wir haben einen Friedensvertrag unterzeichnet, Sir Hayward, keine Kapitulation!« Aber in dem kьhlen Amtszimmer hatte die Bemerkung seltsam kindisch geklungen. Sheaffe antwortete denn auch ungerьhrt: »Richtig. Und wir wьnschen nicht, daЯ Sie einen neuen Krieg auslцsen, Sir!« Als wollten sie den Abschied beschleunigen, scharrten die Pferde ungeduldig auf dem Kopfsteinpflaster. Bolitho kьЯte Belinda lange und schmeckte Salz auf ihren Lippen. »Ich komme wieder, Belinda.« Sanft lцste er sich von ihr und schritt die ausgetretenen Stufen zur wartenden Kutsche hinunter. Allday stand hinten bei dem Burschen, aber Bolitho winkte ihn herbei. »Setz dich zu mir, Allday.« Dann wandte er sich ein letztes Mal nach Belinda um. Vor der grauen Wand des Hauses wirkte sie seltsam verwundbar, und er hдtte sie gern trцstend umfaЯt. Mit einem Ruck wandte er sich ab. Im nдchsten Augenblick saЯ er in der Kutsche, und die Rдder ratterten ьber das Pflaster und durchs Tor hinaus. Es war vorbei. Allday preЯte die Hдnde zusammen und lieЯ Bolithos dьsteres Gesicht nicht aus den Augen. Die sieben Monate an Land waren ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen. Natьrlich hatte er sich gehьtet, Bolitho das merken zu lassen. Seit Allday sich hier in Cornwall als Schafhirte durchgeschlagen hatte, war er noch nie so lange an Land gewesen. Damals hatte die PreЯpatrouille eines vor der Kьste ankernden 11
Kriegsschiffes mehrere Mдnner der Umgebung zwangsrekrutiert. Allday war unter ihnen gewesen, auch Ferguson. In der Schlacht bei den Saintes hatte der Pechvogel dann seinen Arm verloren, war aber wie Allday in Bolithos Diensten geblieben. Die warme Frьhlingsluft und der schwere Duft der Wiesen machten Allday schlдfrig; er wuЯte, daЯ Bolitho zwar nicht allein sein wollte, aber ebensowenig in gesprдchiger Stimmung war. Zum Schwatzen blieb noch genug Zeit auf ihrer langen Reise nach Hampshire zum FluЯ Beaulieu, wo ihr neues Schiff wartete. AuЯerdem lagen einsame Wochen und Monate vor ihnen, in denen sie auf Gesprдchsstoff angewiesen waren. Das neue Schiff ­ wie mochte es sein? Allday war selbst erstaunt ьber seine Neugier. Sein Posten als Bootsfьhrer des Vizeadmirals machte ihn zwar unangreifbar, aber er war doch zu sehr Seemann, um nicht auf das neue Schiff gespannt zu sein. Kein Linienschiff ersten Ranges, mit hundert oder mehr Kanonen, nicht mal eines mit 74 Kanonen wie die Benbow, Bolithos letztes Flaggschiff; nein, eines der kleinsten Linienschiffe, die noch im Dienst standen. Seiner Britannischen Majestдt Schiff Achates verfьgte nur ьber 64 Kanonen und gehцrte zu einer aussterbenden Klasse. Es war eher eine zu groЯ geratene Fregatte als eines jener schweren Linienschiffe, die auch den mцrderischen Breitseiten des Nahkampfes widerstehen konnten. Mit ihren 21 Jahren war sie ein Veteran und hatte alle mцglichen Schlachten und Gefechte erlebt. Meist war sie in der Karibik stationiert gewesen und unzдhlige Male von ihrem Heimathafen auf Antigua zum sьdamerikanischen Festland und zurьck gesegelt. Etwas unbehaglich fragte sich Allday, warum gerade sie zu Bolithos Flaggschiff bestimmt worden war. Wahrscheinlich bloЯ wieder so eine Hirnverbranntheit von oben, sagte ihm sein gradliniger Verstand. Fьr seine Verdienste und Leiden um England hдtte Bolitho lдngst der Adelstitel gebьhrt, war Alldays MeinunG. Aber an hцherer Stelle schienen nur zu oft HaЯ und MiЯgunst dem Mann entgegenzuschlagen, fьr den Allday jederzeit sein Leben geopfert hдtte. Dann dachte er an den Abschied, dessen Zeuge er gerade geworden war. Ein schцnes Paar, diese beiden: die bezaubernde Lady Mit den 12
langen, kastanienbraunen Flechten und der junge Vizeadmiral, dessen rabenschwarzes Haar noch keine weiЯe Strдhne aufwies. Auf dem Sitz gegenьber sah Bolitho zu, wie Alldays Kopf langsam auf die Brust sank; er spьrte die Kraft des Schlummernden und war dankbar, daЯ er ihm schweigend Gesellschaft leistete. An Land hatte Allday einige Pfunde zugenommen und wirkte jetzt so, als kцnne nichts und niemand ihn umwerfen. Trotz seines Kummers muЯte Bolitho lдcheln. Er hatte Allday erlebt, wie er sich mit lцwenhaftem Mut ьber das blutige Deck zu ihm durchschlug, aber auch, wie er mit Tr дnen in den Augen seinen verwundeten Kommandanten nach unten ins Lazarett trug. Nein, ein Schiff ohne Allday konnte er sich nicht vo rstellen. Auch nicht sein neues Flaggschiff, das ihn zu diesem Sondereinsatz nach Amerika und in die Karibik tragen sollte. Wenigstens war der Kommandant ein alter Freund: Valentine Keen, vor langer Zeit einer von Bolithos Seekadetten, der seither bei den verschiedensten Gelegenheiten Freud und Leid mit ihm geteilt hatte. Der letzte Kommandant der Achates war am Fieber gestorben, unterwegs von Antigua zu der Werft, wo sie gebaut worden war und die lдngst fдllige Ьberholung erhalten sollte. Bolitho war froh, daЯ er Keen als Flaggkapitдn bekommen hatte. Er warf einen Blick auf den schlummernden Allday und erinnerte sich daran, wie sein Bootsfьhrer einst Keen das Leben gerettet hatte, als er ihm mit eigener Hand einen langen Holzsplitter aus dem Leib schnitt, weil der Schiffsarzt zu betrunken gewesen war. Sie fuhren an einer Gruppe Feldarbeiter vorbei, die an einem Gatter lehnten und Apfelwein aus groben irdenen Krьgen tranken. Bolitho sah, daЯ einige zur Kutsche aufblickten, einer hob sogar grьЯend die Hand. Bald muЯte man es in und um Falmouth wissen: Wieder war ein Bolitho ausgezogen. Ob er wohl zurьckkehren wьrde? Abermals dachte er an Belinda, die er in dem weitlдufigen alten Steinhaus allein zurьcklassen muЯte. Hoffentlich... Aber er war nicht der erste Marineoffizier, der fort muЯte, wenn ihn seine Frau oder seine Familie am meisten brauchte. Bolitho strich ьber die neue Goldlitze an seinem Rock und setzte sich gerade. Genausowenig wie er der letzte war, dem dies geschah. Der Friede konnte nicht dauern, mochten die Politiker das auch 13
ьberall herumposaunen. Zu viele Leben waren geopfert worden, zu viele Ungerechtigkeiten nicht gesьhnt. Wenn England sechzig von seinen hundert Linienschiffen auЯer Dienst stellte und gut vierzigtausend Matrosen und Seesoldaten nach Hause entlieЯ, dann hдtte Frankreich doch mit Blindheit geschlagen sein mьssen, um nicht seinen Vorteil aus solcher Vertrauensseligkeit zu ziehen. Aber es war besser, ьber Achates' Bestimmungsort nachzudenken, sagte sich Bolitho: die kleine Insel San Felipe, die wie ein verwitterter Wachtposten die Enge zwischen Kuba und Haiti beherrschte. Wie andere Inseln in der Karibik blickte sie auf ein bewegtes und blutiges Schicksal zurьck. Ursprьnglich in spanischem Besitz, war sie von Frankreich erobert und bis zur Amerikanischen Revolution gehalten worden. Dann hatte England sie nach harten Kдmpfen und unter dem Verlust vieler Menschenleben an sich gebracht. Und jetzt, so wollte es die Ьbereinkunft mit Frankreich, sollte diese Insel als Geste des guten Willens zurьckgegeben werden. Aber es war nicht mehr die gleiche Insel. Als Admiral Rodneys Schiffe sie 1782 erobert hatten, nur ein Jahr nach Achates' Stapellauf, war sie ein цdes, menschenfeindliches Stьck Land gewesen. Wдhrend sie jetzt, so hatte Bolitho bei der Admiralitдt erfahren, vor Wohlstand und Fruchtbarkeit strotzte. Als Gouverneur regierte dort zur Zeit ein pensionierter Vizeadmiral, Sir Humphrey Rivers, Ritter des Bath-Ordens. Er hatte San Felipe zu seiner Lebensaufgabe gemacht und den Hafen in Georgetown umbenannt, was die endgьltige Zugehцrigkeit der Insel zum britischen Weltreich noch unterstreichen sollte. Georgetown besaЯ einen geschьtzten Naturhafen, und der Handel mit Rohrzucker, Kaffee und Melasse blьhte. Der wachsende Wohlstand war vor allem der Sekundдrbevцlkerung aus afrikanischen Sklaven zu danken. Admiral Sheaffe hatte Bolitho erklдrt, daЯ San Felipe wдhrend des Krieges zwar ein wichtiger Stьtzpunkt gewesen war, von wo aus die Seewege nach Jamaika kontrolliert und feindliche Freibeuter bekдmpft werden konnten, daЯ die Insel aber im Frieden nur eine Belastung darstelle und nicht mehr gebraucht werde. Schon damals hatte Bolitho das nicht eingeleuchtet, und jetzt, als die 14
Kutsche bergab fuhr und in der Ferne sich der Blick auf die See цffnete, kam ihm das Ganze noch absurder vor. War die Insel so wichtig gewesen, daЯ viele fьr sie sterben muЯten, dann war sie es doch gewiЯ wert, daЯ man sie behielt? Bolitho empfand die Ьbergabe als einen Verrat, der mehr Indolenz verriet, als er seinem Land jemals zugetraut hдtte. Und warum hatte man damit ihn beauftragt, nicht einen jener wendigen Politiker? Sie brauchten einen Mann, der ebenso taktvoll wie tapfer handeln konnte, hatte Sheaffe gesagT. Das entlockte Bolitho nur ein grimmiges Lдcheln. Solche und дhnliche Begrьndungen hatte er schon oft gehцrt. Wenn die Sache gut ausging, heimsten andere die Ehre ein. Aber machte er auch nur einen falsChen Zug, fiel die volle Verantwortung auf ihn zurьck. Am besten gab er das Grьbeln ьber seine Order ganz auf. Er hatte sie schwarz auf weiЯ, und darьber hinaus konnte er nicht planen. Bis sein Schiff den Anker fallen lieЯ, mochte sich die Lage grundlegend geдndert haben. Aber Browne als Flaggleutnant wьrde er vermissen. Seit Browne ihm als Adjutant beigegeben worden war, hatte er diesen intelligenten und im Umgang mit Admiralitдt und Regierung geschulten Mann schдtzen gelernt. Doch vor einigen Monaten war sein Vater gestorben, und Browne war jetzt Herr ьber einen Landbesitz, dessen AusmaЯ Bolithos Vorstellungsvermцgen fast ьberstieg. Zum Abschied war Browne allerdings noch einmal nach Cornwall gekommen. Fьr beide war es eine schmerzliche Trennung gewesen, und Bolitho hatte sich damals entschlossen, seinen Neffen Adam Pascoe als neuen Adjutanten anzufordern. Auch wenn es Bolitho widerstrebte, seine Befugnisse fьr eine private Gunst zu benutzen, glaubte er, ihm diesen Dienst schuldig zu sein; zu viele junge Offiziere saЯen ohne Aufgabe und Sold an Land. SchlieЯlich liebte er seinen Neffen wie einen Sohn, und sie hatten manchen Kampf gemeinsam bestanden. Die neue Erfahrung konnte ihm nьtzlich sein. Browne jedoch hatte nur ein skeptisches Stirnrunzeln fьr Bolithos Adjutantenwahl. Vielleicht wollte er ihn damit warnen, einen nahen Verwandten auf einen Posten zu setzen, dessen Inhaber im Notfall unparteiisch beiseitestehen muЯte. Aber es schien Bolitho wichtiger, daЯ Adam mit seinen 21 Jahren jetzt, da er diese Chance fьr seine 15
Karriere am dringendsten brauchte, nicht ohne neue Kommandierung auf ein Schiff blieb. Bolitho lehnte den Kopf ans warme Leder der Sitzbank. Also Valentine Keen, Adam und Allday. Zusammen mochten die drei noch ьber sich hinauswachsen. Aber andere vertraute Gesichter erwarteten ihn wohl nicht an Bord. Achates war ursprьnglich in der Themsemьndung in Dienst gestellt worden, wдhrend Bolitho eher die Schiffe aus Westengland oder von Spithead kannte. Mit gemischten Gefьhlen machte er sich klar, daЯ Achates fast ein Schwesterschiff von Nelsons berьhmter Agamemnon war, in derselben Werft auf Kiel gelegt und gebaut wie sie, der Werft von Henry Adam in Bucklers Hard am Beaulieu. Die schwindende Schar der 64er hatte jedenfalls einen groЯen Vo rzug: Sie waren grцЯer als alle schnelleren Schiffe und schneller als alle grцЯeren. Kein Wunder, daЯ die Kommandanten mдchtiger Dreidecker sie mit widerwilliger Bewunderung beдugten. Nelson hatte jedenfalls einmal behauptet, daЯ seine kleine Agamemnon ein hervorragender Segler sei und selbst am Wind und unter Sturmbesegelung mit jeder Fregatte mithalten kцnne. Bolitho fragte sich, ob Keen von Achates wohl ebenso angetan war. Sein letztes Schiff war ein mдchtiger 74er gewesen, und vielleicht bedauerte er schon seinen EntschluЯ, Bolithos Flaggkapitдn zu werden. Die Pferde fielen in Schritt, weil vor ihnen eine Schafherde die schmale LandstraЯe ьberquerte. Eine junge Frau, ihr Kind auf der Hьfte und den MittagsimbiЯ fьr ihren Mann in einem Bьndel in der anderen Hand, starrte die vorbeifahrende Kutsche an. Sie nickte Bolitho durchs Fenster zu und lдchelte mit blitzenden Zдhnen. Bolithos Gedanken kehrten zu Belinda zurьck und dem Kind, das sie erwartete. Wьrde es ein Sohn werden, der ­ getreu der Familientradition ­ einst an Deck eines Schiffes der neuen Generation stehen sollte? Oder eine Tochter, die heranwachsen und das Herz eines Mannes gewinnen wьrde ­ Garanten einer Zukunft, die er vielleicht nie erleben durfte? Belinda hatte er von seiner Mission nur wenig erzдhlt. Der AnlaЯ hдtte sie vielleicht verbittert, wenn sie erst Zeit fand, darьber nachzudenken. Dabei fiel ihm wieder der Gouverneur von San Felipe ein, der sein 16
kleines Reich bald dem alten Feind ьbergeben muЯte. Allday, der ihm gegenьber nun fest schlief, hatte ьber Sir Humphrey Rivers, Ritter des Bath-Ordens, einiges beisteuern kцnnen. Denn Allday sammelte und hortete Informationen ьber das Gehen und Kommen bei der Flotte wie eine Elster glitzernde Glasperlen. Wдhrend der Amerikanischen Revolution hatte Rivers eine Fregatte namens Crusader befehligt, etwa zur gleichen Zeit, als Bolitho sein erstes Schiff bekam, die kleine Korvette Sparrow. Rivers hatte franzцsische Freibeuter gejagt, Prisen aller Art und GrцЯen erbeutet und sich damit bald einen Namen gemacht. Doch vor der Chesapeake Bay hatte er in seinem Eifer, eine amerikanische Brigg zu stellen, die Gefahr unterschдtzt und war mit seiner Crusader auf einer Untiefe gestrandet. Das Schiff wurde ein Totalverlust. Rivers war in Gefangenschaft geraten, aber nach dem Krieg an England ausgeliefert worden. Es hieЯ, er hдtte als Gefangener einfluЯreiche Freunde gewonnen; ebenso spдter, als er befцrdert wurde und ein Geschwader in Westindien befehligte. Er sollte viel Geld auf Londoner Banken haben und Grundbesitz in Jamaika. Das alles deutete nicht auf einen Charakter hin, der sich mit den Plдnen von Whitehall leicht abfinden wьrde. Bolitho verzog das Gesicht. Nicht einmal dann, wenn ihm diese Plдne von einem im Rang ebenbьrtigen Offizier unterbreitet wurden. Die Rдder holperten durch tiefe Schlaglцcher, und Bolitho unterdrьckte ein Aufstцhnen, als die Erschьtterung wie eine glьhende Kralle durch seine alte Schenkelwunde fuhr. Vor ihrer Ehe hatte er deshalb an Hemmungen gelitten, aber Belinda hatte ihm auch hierbei geholfen. Gelegentlich zwang ihn der Schmerz zu einem leichten Hinken, und er hatte sich vor ihr wie ein Krьppel gefьhlt. Er wurde unruhig, als er an ihre nдchtliche Berьhrung dachte, an die Wдrme ihrer weichen Haut. Zдrtliche Worte murmelnd, hatte sie sich ьber ihn gebeugt und die hдЯliche Narbe gekьЯt, die eine Musketenkugel und das Skalpell des Chirurgen hinterlassen hatten. Fьr sie war die Verletzung eher ein Grund zum Stolz als eine grausame Demьtigung. All das und mehr blieb nun mit jeder Umdrehung der Rдder weiter hinter ihm zurьck. Er fьrchtete die Nacht, wenn die Kutsche fьr den 17
ersten Pferdewechsel in Torbay halten wьrde. Nein, dann ging er doch lieber gleich an Bord und lief mit der ersten gьnstigen Tide aus, das lieЯ keine Zeit fьr Gram und Sehnsucht. Wie dachte wohl Allday insgeheim darьber, daЯ es mit dem Landleben vorbei war und er wieder einer Ungewissen Zukunft entgegenfuhr? Die Flagge im Fockmast... Allday schien ehrlich stolz darauf zu sein. Aber das wьrden Mдnner wie Admiral Sheaffe wohl nie begreifen. II Der neue Bolitho Kapitдn Valentine Keen trat aus dem Schatten des Hьttendecks und schlenderte zu den Backwordwanten hinьber. Wohin ersah, war alles eifrig bei der Arbeit, auf dem Achterdeck, dem Batteriedeck und hoch oben in den Masten und Rahen. Der wachhabende Offizier tippte grьЯend an seinen Hut und schritt dann taktvoll zur anderen Decksseite hinьber. Wie alle an Bord bemьhte er sich, einen stark beschдftigten Eindruck zu machen und sich vom Erscheinen des Kommandanten nicht ьber Gebьhr ablenken zu lassen. Keens Blicke wanderten ьber sein neues Schiff. Er hatte sich in seiner Gig schon rund um die Achates pullen lassen, hatte ihre Linien studiert und den Trimm, wie sie da so gelassen ьber ihrem schwarzbeige gestreiften Spiegelbild im Wasser ritt. Seeklar. Es war die ureigenste Entscheidung des Kommandanten, ab wann dieser Zustand galt. Danach, wenn der Anker eingeschwungen und der Bug seewдrts gerichtet war, gab es kein Zurьck mehr. Das Wetter war warm und feucht fьr Mai, und die schьtzenden Landzungen hьllten sich in leichten Dunst. Keen hoffte, daЯ trotzdem ein leichter Wind aufkommen wьrde. Denn Bolitho drдngte bestimmt ungeduldig aufs Auslaufen, wollte dem Land den Rьcken kehren, wenn auch aus anderen Grьnden als Keen. Er beschattete die Augen und spдhte zum Fockmasttopp hinauf. Achates war noch nie unter Admiralsflagge gesegelt. Ob es das Schiff irgendwie verwandeln wьrde? 18
Keen trat zurьck in den Schatten neben der Treppe zum Hьttendeck und beobachtete zufrieden das Treiben an Bord. Das Schiff machte einen guten Eindruck: solide, dauerhaft und in langen Jahren erprobt. Einige Offiziere hatten darauf schon als KadettEn Gedient, und der harte Kern ihrer Unteroffiziere ­ sie bildeten das Rьckgrat jedes Kriegsschiffes ­ gehцrte seit Jahren zur Stammbesatzung. Das Schiff strahlte Selbstvertrauen aus und den spьrbaren Eifer, bald wieder in See zu stechen, bevor es das Schicksal so vieler anderer, stillgelegter Artgenossen teilen muЯte. Keens altes Schiff, die Nicator mit 74 Kanonen, die sich vor Kopenhagen und spдter in der Biskaya ausgezeichnet hatte, war schon auЯer Dienst gestellt: ьberflьssig und unerwьnscht geworden wie ihre Mannschaft, die sich so tapfer geschlagen hatte, als die Trommeln zur Schlacht riefen. Achates' frьherer Kommandant hatte sie sieben Jahre lang befehligt. Seltsam, daЯ er trotz dieser langen Zeit seinem Quartier keinen persцnlichen Stempel aufgeprдgt hatte. Vielleicht hatte er alles in die Mannschaft investiert. Die Leute machten einen zufriedenen Eindruck, auch wenn wдhrend der Ьberholung die ьbliche Zahl an Deserteuren zu verzeichnen gewesen war. SchlieЯlich gab es Frauen, Kinder und Freundinnen an Land, die nach der langen Trennung fast nicht mehr wiederzuerkennen waren. Keen vermochte die Leute nur schwer dafьr zu tadeln, daЯ einige dem Lockruf des Landes erlegen waren. Mit einem Finger lockerte er sein Halstuch und beobachtete, wie ein Beiboot ьber das Schanzkleid geschwenkt und zu Wasser gelassen wurde. Wenn der Tag so warm blieb, muЯten sie alle aussetzen und wдssern, damit das Holz quoll und die Boote nicht undicht wurden. Allmдhlich wurde sich Keen ьber seine Empfindungen klar. Er war froh, daЯ er auslaufen, mit Bolitho auslaufen konnte. Schon bei zwei Gelegenheiten hatte er auf anderen Schiffen unter ihm gedient, erst als Fдhnrich, spдter als Dritter Offizier. Beide hatten sie geliebte Me nschen verloren, aber wдhrend Bolitho nun geheiratet hatte, war Keen immer noch allein. Er begann, ьber die Befehle nachzudenken, die ihm Bolitho vorab ьbersandt hatte. Eine seltsame Mission. Einmalig und ungewцhnlich. Sein Blick streifte die schwarze Reihe der Achtzehnpfьnder an Steuerbord, deren Rohre wie vor einer Schlacht ausgefahren waren, 19
damit die Segelmacher mцglichst vi el freie Decksflдche fьr ihre Arbeit bekamen. Ob Krieg oder Frieden, ein Schiff muЯte immer funktionstьchtig sein. Keen hatte auch zwischen den Kriegen unter Bolitho gedient und erfahren mьssen, daЯ nur Toren einem unterzeichneten Friedensve rtrag blind vertrauten. Da hцrte er Schritte im Niedergang und sah Leutnant Adam Pascoe an Deck kommen. Immer wieder von neuem ьberrascht, stellte Keen fest, daЯ Pascoe Bolitho дhnelte wie ein jьngerer Bruder. Das gleiche schwarze Haar, auch wenn Pascoe es nach der neuen Marinemode kurzgeschnitten trug, nicht in einem Nackenzopf. Die gleiche Rastlosigkeit: eben noch ernst und in sich gekehrt, und gleich darauf voll jugendlichem Feuer. Kein Wunder mit 21 Jahren, dachte Keen. Trotzdem ­ ohne einen Krieg, der seinen Zoll an Menschenleben und Schiffen forderte, konnte Pascoe nur mit viel Glьck auf Befцrderung oder ein eigenes Kommando hoffen. Er begrьЯte den Flaggleutnant. »Nun, Mr. Pascoe, fanden Sie in der Admiralskajьte alles zu Ihrer Zufriedenheit?« Pascoe lдchelte. »Aye, Sir. Wir haben vier der achteren Achtzehnpfьnder abgebaut und durch Rohrattrappen ersetzt, damit er reichlich Platz findet.« Keen warf einen Blick zum Hьttendeck hinauf. »Wie ich ihn kenne, wдre er auch mit zehn Schritten Auslauf zufrieden. Hauptsache, er kann irgendwo auf und ab marschieren, um sich beim Nachdenken Bewegung zu verschaffen.« Scheinbar zusammenhanglos sagte Pascoe: »Ich sehe nicht ein, we lchen Sinn unsere Mission hat, Sir. Wir haben gekдmpft, bis der Feind eine Atempause brauchte, um sich zu erholen, und trotzdem hдlt es unsere Regierung fьr richtig, jetzt fast alle Besitzungen zurьckzugeben, die wir den Franzosen abgerungen haben. Mit Ausnahme von Ceylon und Trinidad haben wir auf alles verzichtet und kцnnen uns nicht einmal dazu durchringen, Malta endgьltig zu behalten. Jetzt geht auch San Felipe zum Teufel, und der Admiral muЯ diese schmutzige Arbeit sogar eigenhдndig besorgen.« Keen musterte den jungen Mann ernst. »Ein guter Rat, Mr. Pascoe.« Er sah Pascoe trotzig den Kopf heben, gewahrte das vertraute Aufbe- 20
gehren in seinen Augen. Doch unbeirrt fuhr er fort: »In der Messe kцnnen Offiziere ihre privaten Ansichten frei diskutieren, vorausgesetzt, nichts davon kommt der Mannschaft zu Ohren. Aber das gilt nicht fьr den Kommandanten und den Flaggleutnant; wir mьssen Zurьckhaltung ьben. Ich vermute, Ihr Wunsch. Ihrem Onkel zu dienen, war so stark, daЯ Sie diesen Posten eher um seinet- als um Ihretwillen ьbernommen haben?« Keen sah an Pascoes Gesicht, daЯ er ins Schwarze getroffen hatte. Er setzte hinzu: »Der Auftrag eines Marineoffiziers unterscheidet sich grьndlich von dem eines Adjutanten. Sie mьssen diskret sein, sogar vorsichtig, denn es wird immer Zuhцrer geben, die sich Ihr Vertrauen erschleichen wollen.« Er zцgerte, sprach dann aber weiter, weil er es fьr wichtig hielt. »Manche kцnnten Ihrem Onkel ьbelwollen. Fдllen Sie deshalb kein Urteil in Dingen, die Sie nicht дndern kцnnen. Andernfalls wдre es besser fьr Sie beide, wenn Sie sich umgehend an Land bringen lieЯen und den Hafenadmiral von Spithead um Ihre Versetzung bдten.« Wieder lдchelte Pascoe: »Ich danke Ihnen, Sir. Das habe ich verdient. Aber ich wьrde meinen Onkel niemals im Stich lassen, weder jetzt noch in Zukunft. Er bedeutet mir viel.« Keen nahm den ungewцhnlichen Gefьhlsausbruch des jungen Leutnants gelassen auf. Pascoes Geschichte war ihm grцЯtenteils bekannt: unehelich geboren, war er Der Sohn von Bolithos totem Bruder Hugh, einem Abtrьnnigen und Verrдter, der sich auf die Seite der amerikanischen Rebellen geschlagen und einen feindlichen Freibeuter befehligt hatte ­ mindestens ebenso kьhn wie John Paul Jones. Fьr Bolitho muЯte das eine groЯe Belastung sein, und auch fьr diesen jungen Offizier, den seine sterbende Mutter ausgeschickt hatte, seinen einzigen Onkel zu suchen, als letzte Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Leise sagte Keen: »Ich verstehe schon. Vielleicht besser, als Sie glauben.« Der Midshipman* der Wache hastete quer ьbers Deck auf sie zu und grьЯte nervцs. Keen erinnerte sich, daЯ auch er neu angemustert hatte. »Sir, da legt ein Boot von der Werft ab«, stammelte der Junge. Keen spдhte durch das Gitter der Webeleinen. Ein werfteigenes Boot pullte bereits auf den verankerten Zweidec- * Seekadett oder Fдhnrich zur See 21
ker zu. Keen sah Sonnenlicht von Goldepauletten und Zweispitz reflektieren und wurde von Panik gepackt. Typisch Bolitho, daЯ er es nicht abwarten konnte, bis ihn sein eigenes Boot abholen kam. Also hatte er es eilig, den Auftrag anzupacken, ob der ihm nun behagte oder nicht. Mit unbewegtem Gesicht sagte er zu dem Jungen: »Empfehlung an den Offizier der Wache, Mr. ­ дh...« »Puxley, Sir.« »Also, Mr. Puxley, pfeifen Sie die Ehrenwache an die Pforte.« Er packte den Jungen, der zur Achterdecksleiter rennen wollte, und fьgte hinzu: »Gehen, Mr. Puxley, nicht rennen!« Pascoe wandte sich ab, um ein Grinsen zu verbergen. Genau das hatte Bolitho wahrscheinlich zu Keen gesagt, als dieser noch ein kleiner Kadett gewesen war. Er selbst hatte es oft genug zu hцren bekommen. Als die Bootsmannsgehilfen durch die Decks eilten und ihre Pfeifen zwitschern lieЯen, stapften die Marinesoldaten zur Eingangspforte; ihre roten Uniformrцcke mit den gekreuzten weiЯen Brustriemen leuchteten bunt aus dem Gewьhl der Matrosen. Keen winkte den wachhabenden Offizier heran und sagte unwirsch: »Vielleicht, Mr. Mountsteven, machen Sie sich kьnftig die Mьhe, rechtzeitig nach Ihren Vorgesetzten Ausschau zu halten.« Pascoe drьckte den Hut fester auf sein rebellisches Haar. Auch das hдtte Bolitho genauso gesagt. Keen schritt zur Pforte und blickte dem Boot entgegen. Im Heck konnte er Bolitho sitzen sehen, den alten Sдbel zwischen den Knien. Wenn er ohne die ehrwьrdige Familienwaffe an Bord gekommen wдre, hдtte Keen das als Sakrileg empfunden. Und da war auch Allday; vierschrцtig und wachsam, musterte er die Bootscrew mit angewidertem Blick. Wie hatte der Ehrenwerte Oliver Browne; Pascoes Vorgдnger, ihr altes Geschwader bezeichnet? Als >happy few<, eine kleine Schar AuserwдhlteR. Klein war die Schar gewiЯ geworden. Keen sah zu der groЯen roten Nationalflagge am Heck zurьck, die nur hin und wieder auswehte. Aber die wenigen waren genug. 22
Auch der Erste Offizier der Achates, ein hochgewachsener, breitgesichtiger Mann von der Insel Man, beobachtete das Boot. »Alles klar zum Empfang, Sir«, sagte er. »Danke, Mr. Quantock.« Keen hatte sich in seinen ersten Wochen an Bord, wдhrend das Schiff ьberholt wurde, mit Vorsicht durch die Listen, Stammrollen und Logbьcher gearbeitet. Zwar unterstand nicht zum erstenmal ein Schiff seinem Befehl, aber fьr diese Mannschaft war er ein unbeschriebenes Blatt. Ehe er sich nicht ihre Achtung errungen hatte, setzte er nichts als selbstverstдndlich voraus. Der Erste Offizier sah kurz .nach vorn zum Signalfдhnrich am FuЯ des Fockmasts und sagte leise, wie zu sich selbst: »Ich wette, das alte Kдthchen hat nie damit gerechnet, noch einmal Flaggschiff zu we rden.« Keen muЯte lдcheln. Da hatte er etwas Neues erfahren. Das alte Kдthchen? Ein Schiff, dem seine Leute einen solchen Kosenamen gaben, muЯte ein gutes Schiff sein. Das Boot machte an den GroЯrьsten fest, und Hauptmann Dewar von den Royal Marines* zog seinen Sдbel. Wie stets ging Keen das leise, metallische Zischen unter die Haut. Es weckte Erinnerungen, war ein Akkord im Vorspiel zur Schlacht. Noch einmal musterte der Kommandant sein Schiff. Alle Freiwдchter waren vom Schanzkleid zurьckgewichen, und selbst die Toppgasten, die oben in den Rahen arbeiteten, hielten inne und starrten zur Pforte hinunter. Die kleinen Trommelbuben der Marine-Infanterie hoben ihre Schlagstцcke, die Bootsmannsgehilfen befeuchteten die Lippen fьr ihre Signalpfeifen. Ebenso stolz wie nervцs trat Keen nach vorn; das Ganze war unwichtig ­ und doch entscheidend. Bolithos Zweispitz erschien oberhalb der geschrubbten Grдting, die Pfeifen schrillten und zwitscherten, und Hauptmann Deward bellte: »Royal Marines ­ prдsentiert das Gewehr!« Beim letzten Wort, als die weiЯen Ton Wцlkchen von den hochgerissenen Musketenriemen aufstiegen, intonierten die Querpfeifen die alte Weise vom Heart of Oak, dem Herz aus Eiche. * Seesoldaten, Marine-Infanterie 23
Bolitho lьpfte grьЯend den Hut zur Flagge am Heck, dann lдchelte er Keen an. Gemeinsam machten sie Front nach vorn, wo die Admiralsflagge schneidig zum Fockmasttopp aufstieg und auswehte. Bolitho und Keen tauschten einen Hдndedruck. »Das Schiff macht Ihnen alle Ehre«, sagte der Vizeadmiral. »Unsere Ehre sind Sie, Sir«, erwiderte Keen. Bolitho musterte die starren Mienen der Seesoldaten, die nervцsen, wachsamen Kadetten. Mit der Zeit wьrde er sie kennenlernen, so wie sie ihn. Er stand wieder an Deck eines Schiffes, und der grьne Schatten jenseits der Bucht, das Land, war nur noch eine Erinnerung. Bolitho zupfte an seinem feuchten Hemd, dann setzte er abermals seine Unterschrift unter einen der vielen Briefe, die Yovell, sein pummeliger Sekretдr, sдuberlich aufgesetzt hatte. Er sah sich in der gerдumigen Achterkajьte um, die viel grцЯer war, als er in einem Schiff von dreizehnhundert Tonnen erwartet hдtte. Ozzard, sein schmдchtiger Steward, schenkte ihm frischen Kaffee nach und huschte wieder davon, nach nebenan in seine Pantry. Falls er es bedauerte, die Sicherheit des Herrenhauses in Falmouth verlassen zu mьssen, lieЯ er es sich jedenfalls nicht anmerken. Ozzard war ein Sonderling und ursprьnglich Gehilfe in einer Anwaltskanzlei gewesen, ehe er das gefдhrliche Leben bei der Kriegsmarine gewдhlt hatte ­ nicht ganz freiwillig, wie manche behaupteten. Aber mochte er auch knapp dem Kerker entronnen sein, fьr Bolitho war er Gold wert. Dann wandte sich Bolitho zu Keen um, der an den offenen Heckfenstern stand; sein gutes Aussehen und geschliffenes Benehmen tдuschten leicht darьber hinweg, daЯ er ein erfahrener, tьchtiger Marineoffizier war. »Also, Val, was halten Sie davon?« Keen drehte sich um, doch sein Gesicht blieb im Schatten. »Ich habe die Seekarte studiert und bin mir jetzt darьber klar, we lche Bedeutung die Insel San Felipe wдhrend des Krieges hatte. Wer sie besitzt, ist fast unangreifbar.« Er zuckte die Schultern. »Eine weite Bucht schьtzt die Festung, die von ihrem erhцhten Standort alle Zufahrten beherrscht, nцtigenfalls auch die Stadt selbst. Mir ist unbegreiflich, warum wir sie den Franzosen zurьckgeben.« Dann dachte er 24
an Pascoe und fьgte hinzu: »Aber ich nehme an, Ihre Lordschaften sind besser informiert als ich.« Bolitho schmunzelte. »Darauf wьrde ich mich nicht verlassen, Val.« Der Kaffee schmeckte gut. Bolitho fьhlte sich nach seiner ersten Nacht an Bord ьberraschend frisch und ausgeruht. Die Reise mit der Kutsche war anstrengend gewesen, und die vielen Aufenthalte in Landgasthдusern oder zum Pferdewechsel hatten ihm zu viel Zeit gelassen, an Belinda zu denken und sie zu vermissen. Jetzt stellte das Schiff seine Ansprьche, und das belebte ihn. Den Geruch nach frischer Farbe und Pech, nach Hanf und den fьnfhundert Offizieren, Matrosen und Soldaten auf engem Raum konnte er nicht ignorieren; er wollte es auch gar nicht. Mit Achates schien er Glьck gehabt zu haben; jede neue Information verstдrkte seine GewiЯheit, daЯ sie keinen Vergleich zu scheuen hatte. Vielleicht war Admiral Sheaffes Wahl doch richtig gewesen: ein kleiner 64er statt eines bombastischen Geschwaders, das Amerikaner ebenso wie Franzosen mцglicherweise nur eingeschьchtert hдtte. Bolitho sagte zu Keen: »Ich habe Kapitдn Duncan in Plymouth schon benachrichtigen lassen. Er lдuft mit seiner Sparrowhawk umgehend nach San Felipe aus, auf dem direkten Weg.« Wie gut konnte er sich Duncans rotes, gegerbtes Gesicht vorstellen, wenn er seine Order las! Auch er muЯte froh sein, mit seiner Fregatte in See gehen zu kцnnen, bevor sie ihm unter den FьЯen weg eingemottet wurde. Duncan hatte ebenso wie Keen zu seinem alten Geschwader gehцrt. Die beiden waren wie verlдngerte Arme fьr ihn. Aber an eines konnte er sich nur schwer gewцhnen: daЯ er nicht mehr auf die schriftlichen Befehle seines vorgesetzten Flaggoffiziers zu warten brauchte. Ьber die UngewiЯheit seiner Rolle oder die Unfairness seiner Aufgabe muЯte er sich nicht mehr grдmen. Jetzt lag die Entscheidung allein bei ihm, wann und wie zu handeln war. Und mit der Entscheidung auch die volle Verantwortung. Er fьgte hinzu: »Duncans Anwesenheit kцnnte den Schock der Bewohner von San Felipe etwas mildern. Ich bezweifle, daЯ der Gouve rneur derselben Meinung ist wie das Parlament.« Ozzard kam herbeigetrippelt und wartete, bis Bolitho ihn zur Kenntnis nahm. Er erinnerte an einen eifrigen Maulwurf, wie er so seine Hдnde vor der Brust baumeln lieЯ. 25
»Bitte um Entschuldigung, Captain«, sagte er zu Keen, »doch der Erste Offizier lдЯt sich empfehlen und Ihnen melden, daЯ der Wind umgesprungen, aber immer noch sehr leicht ist.« Keen grinste zu Bolitho hinьber. »Ich habe ihm gesagt, er soll mich gleich verstдndigen. Es ist nur ein Hauch, aber wenigstens kцnnen wir jetzt den Anker ausbrechen. Mit Ihrer Erlaubnis, Sir?« Bolitho nickte, von der Erregung angesteckt. »Yovell, bringen Sie meine Depeschen zum Werftboot, das lдngsseits liegt.« Er sah den Sekretдr seinen letzten Brief an Belinda mit besonderer Sorgfalt davontragen. Den wьrde sie lesen, wenn die Achates den Lizard* passierte, unterwegs zu den langen Rollern des Atlantik. Durch das offene Skylight konnte er Keens Stimme hцren, das Trillern der Bootsmannspfeifen und das Klatschen nackter FьЯe auf trokkenen Planken; die Seeleute hasteten auf Stationen. Bolitho zwang sich, weiter ruhig sitzen zu bleiben und Kaffee zu schlьrfen. Keen hatte genug am Hals, wenn er das fьr ihn neue Schiff zum erstenmal in Fahrt brachte, weg vom bedrohlichen Land. Dabei konnte er keinen Admiral brauchen, der ihm ьber die Schulter sah. Wie oft hatte er selbst an der Querreling des Hьttendecks gestanden, voll Hoffnung und mit erregt klopfendem Herzen, wдhrend er sich den Kopf zermarterte, ob er nicht etwas vergessen hatte, fьr das es jetzt ohnehin zu spдt war. Taljen knarrten. Tauwerk quietschte in unzдhligen Blцcken, und ganz schwach, scheinbar von weither, hцrte Bolitho die Fiedel wi mmern, auf der ein Shantyman den arbeitenden Matrosen den Takt angab. Keuchend kam Yovell zurьck. »Alle Depeschen unterwegs zur Kьste, Sir«, meldete er mit seinem weichen Devon-Akzent. Auch Keen trat wieder ein, den Hut unter den Arm geklemmt. »Anker ist kurzstag, Sir. Wьrden Sie mir vielleicht an Deck Gesellschaft leisten? Es tдte den Leuten gut. Sie jetzt in ihrer Mitte zu sehen.« Bolitho dankte ihm lдchelnd, und dann fiel Keens Blick auf Pascoe. »Eines verstehe ich nicht, Sir. Gerade eben wurde durch Kurier dieser Brief fьr den Flaggleutnant gebracht. Er kam gerade noch rechtzeitig.« * Kap Lizard. sьdlichster Punkt Englands 26
Auch Bolitho sah jetzt seinen Neffen an. Der Augenblick war da, den er bisher aufgeschoben hatte, aber sie muЯten die leichte Brise zum Auslaufen nutzen. Er merkte, daЯ Yovell ihn anstrahlte, und begann sich plцtzlich zu fragen, ob er das Richtige tat. Zu Keen sagte er: »Ich komme gleich an Deck, Kapitдn Keen.« Dann nahm er den versiegelten Brief zur Hand und vergewisserte sich, daЯ es der richtige war. Ein Griff nach seinem Hut, den Ozzard ihm hinhielt, und er schritt mit Keen zur Tьr. »Wahrscheinlich ein dummes Versehen, Sir«, meinte Keen. Doch im Vorbeigehen drьckte Bolitho seinem Neffen den Brief in die Hand. »Ich bin oben, wenn du mich brauchst«, sagte er dabei. Verwirrt begleitete Keen seinen Vizeadmiral aus dem Schatten des Hьttendecks hinaus und an dem groЯen Doppelrad vorbei, wo die Rudergдnger und der Steuermannsmaat gespannt darauf warteten, daЯ der Anker ausbrach. Ьberall wimmelte es von Matrosen und Soldaten. Die Toppgasten waren lдngst aufgeentert und hingen wie Affen auf den oberen Rahen, um die lose aufgegeiten Segel fallen zu lassen. Alle Brassen waren bemannt, und die Decksoffiziere und Maaten beobachteten ihre Abteilungen mit Argusaugen, wдhrend das Ankerspill klickte, begleitet vom Wimmern der Fiedel. Der Admiralsflagge im Fockmast war sich auch der letzte Mann bewuЯt. Allday stand neben einem der Zwцlfpfьnder auf dem Achterdeck, als ihm plцtzlich auffiel, daЯ Ozzard vergessen hatte, Bolitho den alten Familiensдbel umzuschnallen. Mit einem lautlosen Fluch rannte er davon und stьrzte an dem verblьfften Wachtposten vorbei in die Heckkajьte. Doch er erstarrte, als er Pascoe mitten im Raum stehen sah, ein geцffnetes Schriftstьck wie vergessen in der herabhдngenden Hand. Wie Yovell, der fast alle Briefe fьr den Vizeadmiral schrieb, wuЯte auch Allday, was in dem Schriftstьck stand. Es hatte ihn tief bewegt, daЯ er zu den wenigen Eingeweihten gehцrte. »Alles in Ordnung, Sir?« fragte er. Als sich der junge Leutnant ihm zuwandte, gewahrte Allday mit Schrecken, daЯ seine Wangen trдnennaЯ waren. »Nicht doch, Sir! Er wollte Ihnen eine Freude machen!« »Eine Freude?« So geistesabwesend, als begreife er die Welt nicht 27
mehr, machte Pascoe ein paar Schritte zur Wand und zurьck. »Und Sie wuЯten davon, Allday?« »Aye, Sir. GewissermaЯen.« Allday war in seinem Leben weit herumgekommen, und Bolitho hatte schon цfter erklдrt, daЯ er es mit einer ordentlichen Erziehung zu sehr viel mehr gebracht hдtte als bis zum Seemann. Aber er muЯte gar nicht lesen kцnnen, um zu verstehen, warum Kapitдn Keen ьber den Titel auf dem Umschlag so erstaunt gewesen war. Der Brief war adressiert an: >Seine Hochwohlgeboren Adam Bolitho, Flaggleutnant auf Seiner Britannischen Majestдt Kriegsschiff Achates.< Mit schwimmenden Augen starrte Adam den Inhalt an, ohne weiterlesen zu kцnnen. Die schweren Wachssiegel des Anwalts, das Erbrecht auf Bolithos Besitztum in Falmouth, mehr sah er nicht. Allday fьhrte ihn zu der Polsterbank unter den Heckfenstern. »Ich hole Ihnen etwas zu trinken, Sir. Und dann bringen wir ihm gemeinsam seinen alten Sдbel.« Er sah Adam nicken und setzte leise hinzu: »SchlieЯlich sind Sie jetzt ein echter Bolitho. Genau wie er.« Wie aus einer anderen Welt klang der Ruf zu ihnen herab: »Anker ist frei, Sir!« Das Getrappel zahlloser FьЯe und das rauhe Geschrei der Decksoffiziere schienen von weit her zu kommen. Allday goЯ Brandy in ein Glas und brachte es dem Leutnant, den er kannte, seit er mit vierzehn Jahren als Kadett auf Bolithos alter Hyperion angemustert hatte. »Hier bitte, Sir.« Adam faЯte sich allmдhlich. »Sie wollen wissen, ob ich mich freue«, sagte er leise. »Meine Empfindungen lassen sich nicht in Worte fassen. Er muЯte doch nicht...« Allday hдtte gern ebenfalls einen Schluck getrunken. »Aber es war sein Wunsch. Schon lange.« Das Deck unter ihren FьЯen krдngte leicht, als das Schiff unter Mars- und Vorsegeln in der schwachen Brise Fahrt aufnahm. Allday hob den abgewetzten alten Sдbel von seinen Haken an der Wand und betrachtete ihn. Beim letzten Mal hдtten sie ihn beinahe fьr immer verloren. Eines Tages wьrde er also diesem jungen Mann gehцren, dem Ebenbild des anderen oben an Deck. Leutnant Adam Bolitho wischte sich die Augen mit der Manschette 28
trocken. »Dann wollen wir mal, Allday.« Aber ganz hatte er sich noch nicht wieder gefangen. Er ergriff den Bootsmann am Arm und murmelte: »Bin ich froh, daЯ Sie eben hier waren.« Grinsend folgte ihm Allday aus der Kajьte. Der junge Spund freute sich also wirklich, dachte er. Das mochte er ihm auch geraten haben. Anderenfalls hдtte er ihn trotz seines Offiziersranges ьbers Knie gelegt und versohlt. Adam trat in den Sonnenschein hinaus. Er sah nicht die erstaunten Blicke, die ihm folgten, hцrte auch nicht den unterdrьckten Fluch eines vorbeihastenden Matrosen, der fast mit seinem Flaggleutnant zusammengestoЯen wдre. Er nahm Allday den Sдbel aus der Hand und schnallte das Gehenk um Bolithos Mitte. Bolitho sah ihm dabei zu. »Danke, Adam«, sagte er mit Wдrme. Der Leutnant nickte und suchte nach Worten, aber Bolitho nahm seinen Arm und fьhrte ihn beiseite, wandte sich mit ihm der welligen Kьstenlinie zu, die querab vorbeizog und zurьckblieb, wдhrend das Schiff in tieferes Wasser glitt. »Spдter, Adam. Wir haben noch viel Zeit.« Der Erste Offizier hob sein Sprachrohr und spдhte durch das Gewirr der Takelage nach oben. »Los Bramsegel!« Er warf einen Blick zu der Gruppe, die in Luv stand: der noch jugendliche Vizeadmiral mit seinem Adjutanten; er wollte wohl sehen, ob das Schiff gut genug fьr ihn war. Allday war der Blick nicht entgangen. Ein Grinsen unterdrьckend, dachte er: Junge, du hast noch eine Menge zu lernen. Du weiЯt gar nicht, wieviel. III Das Schiff ohne Namen Die ganze erste Woche nach ihrem Auslaufen hatte Achates mit schwachen und umspringenden Winden zu kдmpfen. Kaum eine Stunde verging, ohne daЯ die Segel neu getrimmt werden muЯten, damit sie Ruder im Schiff behielten und beim Kreuzen nicht auf den alten Kurs zurьckgedrьckt wurden. Die nervtцtende Eintцnigkeit wirkte sich auf die Stimmung an Bord aus. Nach dem Zeitdruck und der Aufregung des Aufbruchs fьhrte die 29
plцtzliche Untдtigkeit des цfteren dazu, daЯ Aufsдssigkeit und Streitsucht mit Auspeitschungen an der Grдting geahndet werden muЯten. Bei einem solchen Strafvollzug hatte Bolitho Keens Miene genau beobachtet. Manche Kommandanten hдtten sich davon nicht weiter erschьttern lassen, schlieЯlich gehцrte auch das zur Bordroutine; aber Keen war da anders. Bezeichnenderweise kam Bolitho gar nicht auf den Gedanken, daЯ er Keen auch darin in langen Dienstjahren selbst geprдgt hatte. »Das Schlimmste daran ist«, hatte Keen bemerkt, »daЯ ich die Gefьhle der Delinquenten verstehen kann. Manche haben nicht ein einziges Mal den FuЯ an Land gesetzt, seit sie aus Westindien zurьckgekehrt sind. Und jetzt mьssen sie wieder hinaus. Sie sind dankbar dafьr, daЯ ihnen Armut und Arbeitslosigkeit erspart bleiben, aber es empцrt sie, daЯ sie nicht besser behandelt werden als GepreЯte.« Erst zu Beginn der zweiten Woche frischte der Wind aus Nordwest auf und erweckte das Schiff endlich wieder zum Leben; immer hцher wuchsen die beiden Gischtschwingen unter der verwitterten Galionsfigur. Die Ausguckposten in den Masttopps hatten bisher nur selten Segel an der verschleierten Kimm gesichtet, und auch diese Unbekannten waren stets schnell ьber Stag gegangen und verschwunden. Heimkehrende Schiffe, die seit Monaten ohne Informationen ьber die Vorgд nge in Europa waren, gingen kein Risiko ein, wenn ihnen ein Kriegsschiff begegnete. Veilleicht war inzwischen ein neuer Krieg ausgebrochen? Immer noch mochten manche Kapitдne nicht wissen, daЯ lдngst ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet worden war. Die See schien Achates ganz allein zu gehцren. Keen nahm die Gelegenheit wahr, seine Leute zu testen und ihnen seine Ansprьche klar zu machen. Segel- und Artilleriedrill lцsten einander ab. dazwischen folgten SchieЯьbungen fьr die Marine -Infanterie, und immer wieder wurden erfahrene Offiziere und Maaten dabei durch frisch angeheuerte Kameraden ersetzt. Keen verschaffte sich wohl Respekt, wurde aber bei Beginn jedes neuen Exerzierens herzhaft verflucht. Aber Bolitho wuЯte aus eigener bitterer Erfahrung, daЯ unter den beengten Verhдltnissen an Bord nichts so schnell in Meuterei umschlug wie Langeweile. 30
Er saЯ gerade beim Frьhstьck ­ Brot und dьnne Scheiben fettes Schweinefleisch ­, als Keen sich bei ihm melden lieЯ. Bolitho bat ihn, Platz zu nehmen. »Kaffee, Val?« Keen setzte sich. »Ich glaube, wir werden heimlich von einem fremden Schiff ve rfolgt, Sir.« Bolitho lieЯ Gabel und Messer sinken. Keen war nicht der Typ, der zu Ьbertreibung oder Phantasie neigte. »Wie das?« »Vor zwei Tagen sichtete mein bester Ausguckposten ein Segel, ziemlich weit in Luv. Zunдchst maЯ ich dem nicht viel Bedeutung bei. Es konnte ein Handelsschiff sein, auf demselben Kurs wie wir.« Er spьrte Bolithos Neugier und fьgte erlдuternd hinzu: »Ich wollte niemanden unnцtig beunruhigen. Aber Sie werden sich erinnern, daЯ wir gestern beigedreht lagen, wдhrend wir mit den SteuerbordZwцlfpfьndern ein ЬbungsschieЯen auf Treibholz veranstalteten. Wдhrenddessen blieb das fremde Segel die ganze Zeit an der Kimm. In dem Augenblick, als wir wieder Fahrt aufnahmen, folgte es uns, allerdings in weitem Abstand.« Er wartete vergeblich auf Bolithos Kommentar und sagte deshalb abschlieЯend: »Es ist immer noch da.« Die Tьr ging auf, Adam trat mit einer Seekarte unter dem Arm herein. Bolitho begrьЯte ihn lдchelnd. Seit dem Tag des Ankerlichtens vor der Beaulieu-Mьndung hatten sie nur wenige Worte ьber seine Adoption gewechselt. Aber sie waren sich irgendwie nдhergekommen, auch ohne groЯe Aussprache. Er erinnerte sich, wie Belinda ihn zu diesem Schritt gedrдngt und ermutigt hatte. Sie wuЯte seit den Tagen ihrer ersten Liebe, was Bolitho fьr seinen Neffen empfand, was sie gemeinsam durchgemacht hatten. Fast hцrte er noch ihre Worte: »Wenn unser Kind geboren ist, dann soll Adam sich nicht zurьckgesetzt oder benachteiligt fьhlen. Tu' es um Adams, aber auch um meinetwillen.« »Hast du das fremde Schiff gesehen, Adam?« fragte er. »Aye, Sir. Ich bin beim ersten Tageslicht aufgeentert. Es scheint sich um eine Fregatte zu handeln. Ich hatte das groЯe Signalteleskop mit hinaufgenommen, obwohl es sehr dunstig war. Das Rigg lдЯt auf ein groЯes 31
Kriegsschiff fьnfter Klasse schlieЯen. Fьr einen Indienfahrer oder ein anderes westwдrts segelndes Handelsschiff ist er zu schnell.« Keen orakelte: »Wenn er weiter so hoch am Wind bleibt, kann ich nie zu ihm aufkreuzen.« Bolitho schьttelte den Kopf. »Aber damit verliert er kostbare Zeit.« Trotzdem beunruhigte ihn die Nachricht. Falls es sich um ein Kriegsschiff handelte, dann verkцrperte es eine Drohung, ganz gleich, wie sein Auftrag lautete. Was mochte seine Absicht sein? Und we lches seine Nationalitдt? Die Mission der Achates galt als geheim, aber Bolitho kannte die Kriegsmarine und vor allem die Mдnner, die in ihr dienten. Adams neuer Name hatte Keen zwar ьberrascht, aber danach hatte sich die Neuigkeit in Sekundenschnelle im ganzen Schiff verbreitet. Eine so wichtige Information wie die ьber die San-Felipe-Mission konnte sich binnen kurzem in der Werft, in der Stadt, ja sogar bis jenseits des Kanals herumgesprochen haben. »Halten Sie mich auf dem laufenden. Bei einer fьr uns gьnstigen Дnderung der Windrichtung rьcken wir ihm auf den Pelz. Andernfalls...« Er zuckte die Schultern. »Wir mьssen eben abwarten, bis er seine Karten aufdeckt.« Spдter machte Bolitho seinen gewohnten Spaziergang auf der Luvseite des Achterdecks und merkte, daЯ er schon wieder an die Ei nwohner von San Felipe dachte, wдhrend er auf- und abging. Wьrden sie ihre neue Nationalitдt hinnehmen? Und dann fiel ihm das fremde Schiff ein, das der Achates folgte wie ein Jдger auf der Pirsch. Wahrscheinlich ein Franzose, der sicherstellen sollte, daЯ die franzцsischen Interessen gewahrt wurden, notfalls mit Waffengewalt. Auf und ab marschierte Bolitho, wobei seine FьЯe wie von selbst Augbolzen und Taljen mieden. Unter den Wachgдngern und Seesoldaten waren ihm manche Gesichter schon vertraut. Engeren Kontakt verhinderte jedoch eine unsichtbare Trennwand, die Bolitho verabscheute. Keen dagegen konnte als Kommandant so oft mit seinen Leuten sprechen, wie es ihm behagte. Schon manches Mal hatte Bolitho zu seiner Flagge hinaufgestarrt und sie fьr die Einsamkeit, die sie ihm brachte, verwьnscht. Er blieb beim Ko mpaЯ stehen und warf einen Blick darauf, obwohl er wuЯte, daЯ seit Tagen derselbe Kurs anlag. Er merkte, daЯ die Ru- 32
dergдnger seinem Blick auswichen, und daЯ Segelmeister* Knocker sich plцtzlich ganz in den Bericht eines Kadetten vertiefte. Hallowes, der Vi erte Offizier, war Wachfьhrer, und selbst er beugte sich mit betonter Konzentration ьber die Querreling und beobachtete das Exerzieren mit den Achtzehnpfьndern. Ein Bootsmannsgehilfe schlenderte das Seitendeck in Lee heran; irgend etwas an ihm erregte Bolithos Aufmerksamkeit, so daЯ er ihn schдrfer ins Auge faЯte. Der Mann zцgerte, schluckte krampfhaft und kam dann weiter auf ihn zu. Bolitho sprach ihn an. »Kenne ich Sie nicht?« Und dann blitzte der Name plцtzlich in seinem Gedдchtnis auf. »Sie heiЯen Christy, nicht wahr?« Mit einem breiten Grinsen nickte der Mann. »Aye, Sir, das stimmt. Ich war GroЯtoppgast auf der alten Lysander. Wir haben zusammen vor Abukir gekдmpft, Sir.« »Ich erinnere mich. Wir hдtten Sie damals beinahe verloren, als uns die GroЯmaststenge weggeschossen wurde.« Bolitho nickte, ganz in seine Erinnerungen vertieft. »War ein heiЯer Kampf, Sir«, sagte der Seemann. »Der schlimmste Tag meines Lebens.« Bolitho entlieЯ ihn lдchelnd und nahm seinen Spaziergang wieder auf. Kopfschьttelnd hastete Christy weiter. Nach so langer Zeit erinnerte sich der Admiral noch an ihn, an ihn unter Hunderten von Mдnnern. Quantock, der Erste Offizier, der mit Bootsmann Rooke und dem Schiffszimmermann Grace seine morgendliche Ronde ging, blieb stehen und winkte Christy heran. »Hat sich wohl an dich erinnert, der Admiral, wie?« GrьЯend tippte Christy an seine Stirn. »Aye, Sir, er wuЯte noch meinen Namen!« »Also, dann steh nicht rum wie ein Mondkalb, sondern geh an deine Arbeit!« Christy verzog sich nach achtern. Warum war der Erste so schlechter Laune? Quantock hakte eine Liste ab, wie jeder gute Erste unaufhцrlich mit * Sailing master: fьr die Navigation verantwortliche Decks(Unter)offizier 33
seiner Bestandsaufnahme beschдftigt. Das Schiff war zwar ьberholt worden, aber trotzdem tьrmte sich die Arbeit wie ein Berg vor ihm auf: Segel muЯten erneuert oder geflickt werden, Boote muЯten repariert, Pumpen und Flaschenzьge gewartet werden. Quantock дrgerte sich ьber sich selbst. Christy war ein guter Seemann und ein Freiwilliger dazu. Weshalb war diese plцtzliche Feindseligkeit in ihm aufgeflammt? Heimlich sah Quantock nach Luv hinьber, wo der Vizeadmiral immer noch auf und ab ging. Und ьberhaupt, was war denn an dem Mann so besonders? Der Bootsmann, ein Riese mit gefurchtem und zernarbtem Gesicht, wartete geduldig, daЯ sein Vorgesetzter mit der Morgenronde weitermachte. Christy gehцrte zu seinen Gehilfen, und der unprovozierte Anraunzer des Ersten hatte ihn geдrgert. Doch Rooke ­ oder Big Harry, wie man ihn respektvoll nannte ­ erriet den Grund fьr Quantocks schlechte Laune. Er war ein guter Erster Offizier, aber nur, wenn man es vom Standpunkt des Kommandanten sah. Zu den Leuten war er scharf, und in Disziplinfragen lieЯ er nicht mit sich reden. Kapitдn Glazebrook, der nach langen Wochen im Fieber gestorben war, hatte wegen seiner Krankheit die Ьbersicht verloren. Quantock war wahrscheinlich nun der Meinung, daЯ ihm eine Befцrderung gebьhre, am besten gleich der Befehl ьber Achates. Rooke, der den Ersten nicht leiden konnte, ve rabscheute den Gedanken, daЯ dieser an Bord das Kommando haben kцnnte, wie eine Gotteslдsterung. Quantocks scharfe Stimme schnitt in seine Ьberlegungen. »Standard, das ist am wichtigsten, ein hoher Standard. Ich werde nicht zulassen, daЯ die Schiffsfьhrung durch Laxheit leidet.« Rooke sah den neuen Kommandanten ьber Deck herankommen. Einen anderen Offizier hдtte er wahrscheinlich gewarnt, aber Quantock verьbelte er immer noch seine Unbeherrschtheit. »Obendrein...« »Mr. Quantock.« Keen wartete, bis der Erste zu ihm trat, damit sie von den Wachgдngern nicht gehцrt werden konnten. »Ich bewundere Ihre Pflichttreue. Trotzdem wдre es mir lieber, wenn Sie Ihre Ansichten in Zukunft mir gegenьber дuЯern wьrden und nicht vor der ganzen Mannschaft!« Bolitho hatte von der Poop aus das meiste mitbekommen und den 34
Rest erraten. Machte es wirklich einen so groЯen Unterschied, daЯ sie unter Admiralsflagge segelten? Selbst Keen schien gereizt zu sein; vielleicht bedauerte er schon seine Befцrderung, die ihn in eine Sackgasse gefьhrt haben mochte. Nein, daran lag es nicht, entschied Bolitho. Die UngewiЯheit war schuld. Das Vakuum, das der Friede fьr die Marine bedeutete. Sie hatten sich zu sehr an den Kampf gewцhnt, rechneten ungeduldig damit, und sein Ausbleiben wirkte wie ein Dдmpfer. »An Deck! Segel in Luv voraus!« Keen blickte nach oben und wandte sich dann mit fragender Miene zu Bolitho um. Ihr Verfolger blieb ihnen also weiter auf den Fersen, lauerte wie ein Attentдter knapp auЯer Sicht. Vielleicht, dachte Bolitho, bekamen sie alle noch mehr Pulverrauch zu schmecken, als ihnen lieb war, obwohl die Unterschriften unter dem Friedensvertrag noch nicht lange getrocknet sein konnten. Mit neuer Zielstrebigkeit nahm er seinen Spaziergang wieder auf, als wo lle er ьberschьssige Kraft verbrauchen. Er machte sich Vorwьrfe, daЯ seine Phantasie mit ihm durchgegangen war. Nicht die Mannschaft, er selbst gierte nach Abwechslung, nach einem Zwischenfall, der ihn davon ablenken konnte, daЯ erbarmungslos ein Tag nach dem anderen verstrich. Achates wьrde immer noch Richtung Boston unterwegs sein, wenn Belindas schwere Stunde nahte. Er kam sich vor wie in einer Falle, so hilflos. Dann fiel sein Blick auf Adam, der sich weiter vorn auf dem Batteriedeck mit dem jungen Marineleutnant Hawtayne unterhielt. Ich bin auch nicht besser als Admiral Sheaffe, dachte Bolitho. Neidisch, aber nicht auf den Erfolg, sondern auf die Jugend. Zum Glьck hatte er Belinda, die zehn Jahre jьnger war als er. BloЯ daЯ er jetzt, da sie ihn brauchte, hier drauЯen festhing wie Prometheus an seinem Felsen. >Warum gerade du?< Er konnte immer noch ihre Stimme in der Dunkelheit ihres Schlafzimmers hцren. Ja, warum gerade er? Er verhielt den Schritt und lieЯ seinen Kцrper mit den Bewegungen des Schiffes schwingen, das souverдn durch den Schwell des Atlantiks ritt. Vielleicht war es eine Art Besessenheit bei ihm. Die Gefangenschaft in Frankreich, seine Flucht, die hohen Verluste der letzten 35
Schlacht gegen Remonds Geschwader waren zu viel gewesen und zu bald nach seiner schweren Verwundung gekommen. Wie zum Hohn wьhlte der alte Schmerz wieder in seinem Schenkel. Er versuchte, sich an Belindas Berьhrung zu erinnern, aber es gelang ihm nicht. Er rief: »Kapitдn Keen, wenn es dunkelt, lцschen wir alle Lichter und gehen ьber Stag. Neuer Kurs Nordwest. Bis zum Morgen will ich dieses fremde Schiff in unserem Lee sehen, damit wir es stellen kцnnen.« Schon цffnete Keen den Mund zum Protest, tippte dann aber gehorsam an den Hut. »Ich lasse jeden Fetzen Tuch setzen, Sir«, versprach er. Bolitho verschwand im Schatten unter dem Hьttendeck und begab sich nach achtern in sein Quartier. War sein EntschluЯ ьberhastet, vielleicht sogar kindisch? Achates segelte allein, und dennoch hing so viel von ihr ab wie von einem Geschwader oder sogar von einer ganzen Flotte. Seine Leute hatten sich diese Mission nicht ausgesucht. Keen, der verbitterte Erste Offizier Quantock, sogar der Bootsmannsgehilfe Christy, der ьber sein gutes Gedдchtnis so gerьhrt gewesen war, sie alle konnten Besseres von ihrem Admiral erwarten. Aber es gab einen entscheidenden Unterschied. In Keens Gedanken nahm das Schiff mit seiner Besatzung die erste Stelle ein, ihr Auftrag die zweite. Aber fьr Bolitho muЯte die Achates ein Werkzeug sein, eine Waffe, um seinen Auftrag notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Zum erstenmal wurde ihm die Tragweite seiner neuen Verantwortlichkeit klar, und diese Erkenntnis festigte ihn. Allday stapfte in die Kajьte und hдngte den alten Sдbel an seinen Platz. Er putzte und polierte ihn gern, auch wenn das bei der alten Waffe nicht viel nьtzte; aber so hatte er wenigstens einen Vorwand, nach Belieben kommen und gehen zu dьrfen. Mit einem Seitenblick auf Bolitho, der mit windzerzaustem Haar auf der Bank unter den Heckfenstern saЯ, stellte er fest, daЯ der Vizeadmiral wieder die Ruhe selbst war. Der Sturm schien vorbeigezogen zu sein. »Ich frage mich, Sir...« Bolitho fuhr herum, er merkte erst jetzt, daЯ er nicht mehr allein war. »Was?« 36
»Na ja, Sir, ich meine, wenn Sie Gouverneur dieser Insel wдren, die wir jetzt den Musjцs in den SchoЯ werfen, was wьrden Sie dann tun?« Bolitho erhob sich und ging zum Weinkabinett hinьber, wo er zwei Glдser Brandy eingoЯ. Eines reichte er dem erstaunten Allday und sagte: »Danke. Das ist genau der Punkt.« Der Brandy brannte auf seinen Lippen. »Was ich tun wьrde, Allday? Ich wьrde mich wehren, wьrde kдmpfen. Und genau das wird er wahrscheinlich tun.« Allday atmete auf. Er verstand zwar nicht ganz, was er mit seiner Frage bewirkt hatte, aber es erleichterte ihn, daЯ sich Bolithos Stirn glдttete. Bolitho sah ihn voll Zuneigung an. »Dir hдtten sie einen Sitz im Parlament geben sollen, Allday.« Allday stellte sein leeres Glas ab. In dieser Stimmung kannte er seinen Admiral noch nicht. »Dafьr bin ich zu ehrlich, Sir.« Lachend wandte sich Bolitho den Fenstern zu und studierte die Wirbel des Kielwassers, das Achates hinter sich herzog. Nein, fьr San Felipe gab es keine einfache Lцsung. Vielleicht hatte Sheaffe deshalb einen Mann gebraucht, der nicht nur taktvoll, sondern vor allem tapfer war. Aber da muЯte erst Allday kommen und ihn darauf stoЯen. »Alle Mann auf Stationen, Sir, Schiff klar zum Gefecht.« Keens Stimme kam aus der Dunkelheit, Bolitho konnte die Gestalt des Kommandanten kaum von den anderen Mдnnern an der Querreling unterscheiden. Keens stдndiges Exerzieren hatte bei der schon von ihrem alten Kommandanten gedrillten Mannschaft gute Frьchte getragen, dachte Bolitho. Das Kommando »Alle Mann!« hatte die Leute frьh alarmiert; sie hatten noch eine warme Mahlzeit bekommen, ehe sie alle Feuer lцschten und das Schiff gefechtsklar machten. Trotzdem gab es kaum Anzeichen fьr Nervositдt oder Furcht vor drohender Gefahr. Es herrschte doch Friede, weshalb sollten sie sich also дngstigen? »Das ging leise vonstatten«, lobte Bolitho. Er schauderte kurz in dem kalten, feuchten Wind, der quer ьber Deck fauchte. Erst in einer Stunde wьrde die Sonne aufgehen und mit 37
ihrer Wдrme die Planken zum Dampfen und das Pech der Decksnдhte zum Schmelzen bringen. »Kurs West zu Nord liegt an, Sir.« Bolitho nickte. Das war Segelmeister Knockers Stimme gewesen. An Ruder und KompaЯ hatte er das Sagen, ein Mann, der nur selten lдchelte, hager und hochgewachsen, mit dem asketischen Gesicht eines Mцnchs. Aber seine Kursberechnungen und Standortbestimmungen waren so zuverlдssig, wie sich Bolitho es nicht besser wь nschen konnte. Einige Stьckmannschaften auf dem Batteriedeck flьsterten miteinander und stieЯen sich an. Ihnen war alles willkommen, was die langweilige Routine unterbrach. Was scherte es sie, wenn ihr Admiral verrьckt genug war, wegen irgendeines blцden Fremdlings gefechtsklar zu machen? Eine andere Stimme meldete: »Es dдmmert schon, Sir.« Bolitho wandte sich um und spдhte achteraus, wo sich die Kimm allmдhlich abzuzeichnen begann. Wie viele Morgendдmmerungen hatte er so schon erlebt? fragte er sich. Und wie oft hatte er damit gerechnet, daЯ es sein letzter Tag war, den er da anbrechen sah? Wieder eine neue Stimme: »Der Strolch kann uns in der Nacht durch die Lappen gegangen sein.« Der Marinesergeant stampfte mahnend mit seiner Pike auf und befahl: »SchluЯ jetzt, Jungs! Ich bitte mir Ruhe aus!« Schon wurden die gekreuzten Brustriemen der Marinesoldaten an den Finknetzen* heller, und als Bolitho zur GroЯmaststenge aufblickte, sah er ihr Topp in fahles Gold getaucht. Wie die Spitze einer Lanze. Die Ausguckposten oben in den Krдhennestern oder den schwankenden Marsen wьrden das fremde Schiff als erste sehen. Falls es noch da war. Wдhrend der ganzen Nacht hatte Keen die Achates nach Luv geknьppelt, hatte sich mьhsam jede Meile mit dichtgeholten Brassen und mit Rahen erkдmpft, die beinahe lдngsschiffs standen: eine fast lьckenlose Wand aus Segeltuch und Spieren. * Netze an Schanzkleid oder Reling, in denen die festverzurrten Hдngematten der Mannschaft als Kugelfang verstaut wurden 38
Achates machte ihrem guten Ruf alle Ehre. Sie reagierte willig und lieЯ sich von Segeln und Ruder anspornen wie ein Vollblьter. Bolitho lauschte dem Zischen, mit dem die See in Lee an der Bordwand abfloЯ, und dem gelegentlichen Quietschen einer Stьcklafette, deren Taljen die Last zu spьren bekamen. Vorn цstlichen Horizont floЯ das Tageslicht heran wie goldene Lava, die das Schiff zu verfolgen schien. »Da ist sie! In Lee voraus!« Jetzt redeten alle zugleich, und Bolitho sah Keens Zдhne aufleuc hten, als dieser grinsend dem Segelmeister zunickte. Die Position, die sie sich erkдmpft hatten, war noch gьnstiger als erwartet. Sie hatten nun den Windvorteil des Luvschiffs und konnten ihn auch halten, falls es zu einer Verfolgungsjagd kam. Bolitho starrte zu dem fernen Schemen hipьber, der auf dem dunklen Wasser langsam Gestalt annahm. Mit einem Klicken schob Keen sein Teleskop zusammen. »Doch grцЯer als ein Schiff der fьnften Klasse, Mr. Pas ­ дh, Mr. Bolitho«, sagte er. Einige der Umstehenden schmunzelten, und Bolitho freute sich wie schon oft, daЯ er Adam um sich hatte. Er hцrte seinen Neffen zu Keen sagen: »Ganz Ihrer Meinung, Sir. Wahrscheinlich eher ein kurzer Zweidecker.« Keen trat zu Bolitho heran. »Ihre Befehle, Sir?« »Wir warten ab. Noch hat er uns nicht bemerkt. Wenn es soweit ist, fordern Sie ihn auf, sich zu identifizieren.« Unglaublich, daЯ die Achates ungesehen so nahe herangekommen sein sollte. Das andere Schiff stand jetzt eine knappe Kabellдnge* an Backbord voraus, so daЯ sie schon sein weiЯes Kielwasser unter dem Heck schдumen sahen. Das Brausen des Windes in Achates' durchgesetztem Rigg, das Brummen ihrer Spieren klangen laut genug, um Tote zu erwecken. Aber Bolitho wuЯte, wie leicht man sich dabei tдuschte. Plцtzlich wurden die Gerдusche von See und Wind durch ein schrilles Pfeifen drьben ьbertцnt. Er konnte sich die Szene genau vorstellen: ein verschlafener Ausguckposten, der wahrscheinlich Befehl hatte, beim ersten Licht nach Achates in Lee Ausschau zu halten, und * Kabellдnge = ein Zehntel einer Seemeile oder 185, 2 m 39
unten die mьden Wachgдnger, die ihre Ablцsung und ein warmes Frьhstьck im Kopf hatten. Das war alles nur zu begreiflich. Plцtzlich Quantocks scharfe Stimme: »Sie setzt die Bramsegel!« Keen nickte. »Die geben Fersengeld, Sir. Also hatten sie doch nichts Gutes vor.« Bolitho spьrte einen kalten Schauer ьber den Rьcken laufen, als erlebe er das alles zum erstenmal: Triumph, Erregung oder Wahnsinn, wer wollte das beurteilen? »Sobald es hell genug ist, setzen Sie Ihr Signal ab. Und bis dahin halten Sie ihn an Backbord voraus.« Keen nickte; die Erregung wirkte ansteckend, wie immer seit seinen Kadettentagen, vor einer Ewigkeit und in einem anderen Erdteil. »Lassen Sie die Toppgasten aufentern, Mr. Quantock. Wir brauchen mehr Segelflдche.« Pfeifen schrillten, wдhrend schon die ersten Mдnner zu beiden Seiten in den Webeleinen emporkletterten; beim Aufentern erfaЯte sie die fahle Morgensonne und lieЯ ihre Kцrper erglьhen. »Noch einen Strich nach Luv. Bemannt die Brassen dort!« Gischt schoЯ ьber Bugspriet und Vorschiff und sprenkelte das Deck wie ein tropischer RegenguЯ. Aber auch das andere Schiff hatte mehr Segel gesetzt und schien zьgig Distanz zu gewinnen. Unter Bolithos FьЯen erzitterten die Planken, als Achates den Kamm einer See erklomm und ins nдchste Wellental krachte. Er spь rte die stдrkere Zugkraft des zusдtzlichen Tuchs und hцrte das riesige GroЯsegel sich donnernd entfalten, sobald die Gordings oben lose kamen. Bolitho stieg auf eine Lafette und richtete sein Glas auf das Schiff vor ihnen. Es wurde jetzt schnell heller, deshalb konnte er schon das vergoldete Schnitzwerk an Heckgalerie und Poop des Fremden schimmern sehen und den Glanz der rцtlichen Morgensonne auf seinen Heckfenstern, als hдtten sie Feuer an Bord. »Kein Franzose«, stellte Keen fest. »Vielleicht ein Hollдnder«, ьberlegte ein anderer. Aber sie irrten sich alle. Bolitho hatte schon ganz дhnliche Schiffe gesehen und glaubte die Werft zu kennen, wo sie auf Kiel gelegt wo rden waren. 40
Er sagte: »Ein Spanier. Ich habe mit seinesgleichen schon manchen StrauЯ gefochten.« Niemand antwortete, und Bolitho muЯte sich ein Lдcheln verkneifen. Ob er nun recht hatte oder nicht, niemand wiedersprach einem Admiral, und wenn er noch so jung war. Keen nickte. »Und ich stimme dem Flaggleutnant zu, Sir. Sie ist zu groЯ fьr eine Fregatte. So, wie sie aussieht, hat sie mindestens fьnfzig Kanonen, schдtze ich.« »Signalisieren Sie, sie soll Segel kьrzen.« Bolitho spьrte, wie sich um ihn Gleichgьltigkeit verbreitete. Die Jagd war vorbei, ehe sie richtig begonnen hatte. Die Signalflaggen stiegen auf zu ihrer Rah, wo sie knatternd auswehten. Aber die Signalrah drьben blieb leer, nicht einmal das Bestдtigungssignal wurde geheiЯt. »Sie fдllt jetzt ein biЯchen ab, Sir.« Bolitho richtete sein Glas neu aus und glaubte, neben einer der Pooplaternen drьben Sonnenlicht von einer Teleskoplinse reflektieren zu sehen. Achates' Kurswechsel im Schьtze der Nacht muЯte sie ziemlich ьberrascht haben. Keen befahl: »Folgen Sie der Drehung! Neuer Kurs West zu Sьd.« Er warf einen Blick auf Bolithos unbewegte Miene, »Lassen Sie das Signal stehen«, sagte dieser. Beide Schiffe fuhren nun in Kiellinie, als schleppe der Fremdling Achates an einer unsichtbaren Trosse ab. Keen schritt ruhelos auf und ab und versuchte, den nдchsten Zug des fremden Kommandanten zu erraten. Wenn er weiter nach Lee abdrehte, blieb die Achates im Vorteil. Wenn er aber auf so kurze Distanz nach Luv aufkreuzen wollte, muЯte er kostbare Zeit verlieren, und Achates konnte leicht zu ihm aufschlieЯen. Der Leutnant der Achterwache lieЯ sein Glas sinken. »Sie bestдtigt immer noch nicht, Sir. Dabei sollten sogar die Dons mittlerweile unseren Signalkode kennen!« Quantock brьllte: »Notieren Sie diese Mдnner, Sergeant!« Wьtend fuchtelte er mit seinem Sprachrohr zu einem Achtzehnpfьnder hinьber, dessen Mannschaft ihre Station verlassen hatte, um nach dem fremden Schiff auszuspдhen. »Hol mich der Teufel, was fдllt denen ein?« 41
Keen meinte: »Wenn der Wind so bleibt, lasse ich Leesegel setzen...« Bolitho wischte sich die trдnenden Augen und hob abermals das Glas. Achates hielt mit dem Fremdling mit, obwohl dieser die Royals gesetzt hatte, um ihr zu entkommen. Aber der Wind konnte abflauen oder ganz einschlafen. Wenn Achates sie nicht vor Einbruch der Nacht gestellt hatte, wьrden sie nie erfahren, was da vor sich ging. Seltsam, das Ganze. Bolitho konzentrierte sich vцllig auf die kleine, lautlose Welt in der Linse seines Fernrohrs. Das fremde Schiff trug einen frischen Farbanstrich, als wдre es wie die Achates eben erst aus dem Dock gekommen. Aber auf dem breiten roten Streifen quer ьbers Heck fehlte der Schiffsname. Entweder war sie ьberhastet in See gegangen, oder sie wollte ihre Identitдt verschleiern. Er hцrte Achates' Ruder knarren, als das Schiff vor ihnen weiter nach Lee abfiel. Noch einmal spдhte er scharf hinьber, denn er glaubte zunдchst, seine ьberanstrengten Augen hдtten ihm einen Streich gespielt. Aber nein, zu beiden Seiten des Ruders drьben hob sich der Deckel einer Stьckpforte, und noch wдhrend er hinsah, begann das Licht auf den langen Rohren der beiden Heck-Kanonen zu spielen. Quantock explodierte. »Hцlle und Teufel, er wird es doch nicht wagen, auf ein englisches Kriegsschiff zu feuern!« Aber da erzitterte die Luft schon vom Doppelknall der Kanonen, und als der Rauch in dicken Wolken leewдrts trieb, spьrte Bolitho die Eisenkugeln in Achates' Bug schlagen, daЯ sie erzitterte wie unter dem Hieb einer Riesenfaust. Befehlsgebrьll kдmpfte gegen den plцtzlichen Hцllenlдrm an, Gesichter wandten sich dem Achterdeck zu, als seien die Mдnner vor Verblьffung bewegungsunfдhig geworden. »Laden und ausrennen, Kapitдn Keen«, befahl Bolitho knapp. Der andere Kommandant muЯte toll geworden sein, einen 64er anzugreifen. Gleich wьrde Keen abdrehen und ihm eine volle Breitseite in den Rumpf schieЯen. Das muЯte Tote geben ­ aber mit welchem Sinn und Zweck? Am Backbordrumpf der Achates flogen die Stьckpforten fast gleichzeitig auf, kreischend rollten die Achtzehnpfьnder, nur von den schrillen Bootsmannspfeifen ьbertцnt, das schrдgliegende Deck hin- 42
unter, bis ihre Rohre der See entgegenbleckten. Im Deck darunter wьrden die Mьndungen der schweren Vierundzwanzigpfьnder nur wenige FuЯ ьber dem Wasser hдngen. Achates lag unter ihrer gewaltigen Segelflдche so stark ьber, daЯ es ein Wunder war, wenn die See nicht in die offenen unteren Stьckpforten wusch. »Bugkanonen ­ Feuer!« Keen hatte die Hдnde auf dem Rьcken verschrдnkt ­ so fest, daЯ Bolitho die Knцchel weiЯ hervortreten sah. Was erblickte er in dem Schiff da vorn, eine unerwartete Prise oder den Ruin seiner Laufbahn? Wieder feuerte der andere, und Bolitho muЯte sich beherrschen, um nicht zusammenzuzucken, als die Kugel ihr pralles GroЯsegel durchschlug, das der Wind sofort in tausend flatternde Fetzen riЯ. Aber die Stьckmeister an den Bugkanonen der Achates muЯten geschlafen haben. Jetzt konnten sie nicht einmal mehr Ziel auffassen, ьberlegte Bolitho. Entlang des Batteriedecks stand jeder Stьckmeister mit erhobener Hand an seiner Kanone. GepreЯt sagte Keen: »Klar zur Halse, Mr. Knocker! Wir kreuzen sein Heck und beharken ihn dabei. Das sollte ihm was zu schlucken geben!« Seine Stimme klang wьtend. Es wurmte ihn, was da geschah. »An die Leebrassen! Klar auf dem Achterdeck!« Quantocks metallverstдrkte Stimme schien von ьberall zugleich zu kommen. Und in diesem Augenblick feuerte ihr Gegner ein drittes Mal. Bolitho glaubte fast, die verwischte Bahn der Kugel zu sehen, bevor sie das Backbord-Seitendeck zerschmetterte; der andere SchuЯ, mit Maximalelevation abgefeuert, heulte ьber die Back heran. Es war ein letzter, verzweifelter Versuch, den Jдger abzuschьtteln. Und er hatte Erfolg. Zuerst knallte es, einmal und ohrenbetдubend laut, und Sekunden spдter kam krachend die Vormaststenge herunter. Spieren und wild schlagendes Segeltuch regneten an Deck. Gleich darauf wankte der Vormast und schlug, sein gebrochenes Rigg wie ein Nest zuckender Riesenschlangen hinter sich herziehend, splitternd aufs Leedeck, von wo er mit einem gewaltigen Aufklatschen ins Wasser stьrzte. 43
Bolitho hцrte neben sich den halberstickten Entsetzensschrei eines Kadetten, als die Wrackteile einige Seeleute mit ьber Bord rissen; ihr Aufbrьllen ging im tosenden Inferno unter. Die nachgeschleppten Spieren und Leinen wirkten wie ein riesiger Seeanker und zogen den Bug herum, immer weiter aus dem Kurs, bis alle Segel, die fьr die Verfolgungsjagd so sorgsam getrimmt worden waren, in wildem Durcheinander schlugen. Bootsmann Rooke und seine Leute attackierten unten schon das Chaos, kappten mit Axthieben die Wrackteile, um das Schiff wieder flott zu machen. Die Stьckmannschaften hantierten fieberhaft mit Taljen und Handspaken, um ihre Kanonen auszurichten, aber die Achates wurde immer weiter nach Lee gedrьckt, so daЯ die Rohre sich blind auf die leere See richteten, wдhrend das Ziel schon in sicherer Entfernung stand. Bolitho versuchte sich bewuЯt zu entspannen, aber sein Kцrper war wie eine ьberdehnte Bogensehne kurz vor dem ZerreiЯen. Von einem Augenblick zum anderen war sein Schiff zum Krьppel geschossen worden. Hдtte es sich um ein ernsthaftes Gefecht gehandelt, wдre der Feind jetzt schon ьber Stag gegangen, um sie vom Bug bis zum Heck mit seinen Breitseiten einzudecken. Hoch ьber Deck schrien die Toppgasten einander Anweisungen zu, wдhrend sie die Segel aufzugeien versuchten, bevor das Schiff total entmastet werden konnte. Keen entrang sich ein verzweifelter Ausruf: »Das werde ich mein Lebtag nicht vergessen! Niemals!« Er starrte Bolitho an, als erwarte er eine Antwort von ihm. »Sie hatten keinen Grund, auf uns zu feuern!« Bolitho sah allmдhlich wieder eine gewisse Ordnung an Bord einkehren, die Schiffsbewegungen wurden kontrollierter, und sie reagierte auf das Ruder; aus dem Wirrwarr auf dem Vorschiff ragte der Maststumpf wie ein abgebrochener Zahn. Er sagte zu Keen: »Einen Grund hatten sie schon. Und ich beabsichtige, ihn herauszufinden. Damit wir beim nдchsten Mal nicht ьberrascht werden.« Offiziere eilten zu Keen, um sich neue Befehle zu holen. Die dienstдlteren Leute an Bord wьrden ihn jetzt mit dem frьheren Kommandanten vergleichen. Egal, was sie dachten, es war jedenfalls kein guter Anfang. 44
Bolitho sagte: »Beruhigen Sie die Leute und bringen Sie das Schiff wieder auf Kurs.« Es kostete ihn groЯe Anstrengung, beherrscht zu sprechen. Sie hatten eine Niederlage einstecken mьssen und Tote zu beklagen ­ es sei denn, das ausgesetzte Beiboot konnte noch Ьberlebende aus den achteraus abtreibenden Trьmmern fischen. Nur aus Instinkt, aus einer schlimmen Vorahnung heraus hatte er Keen befohlen, zu dem Fremdling aufzuschlieЯen. Jetzt war eine Verfolgung unmцglich geworden, das namenlose Schiff zog unter Vollzeug schnell davon. Keen tat ihm leid. Er hatte sich und die Mannschaft so geschunden, um den Anforderungen seines Admirals zu genьgen, hatte geglaubt, den fremden Kommandanten zu ьberraschen, aber dann, als die Falle zuschnappte, war der Gegner gewappnet ­ und Keen war es nicht. Der Schiffsarzt Tuson, dessen weiЯes Haar der Wind zauste, gestikulierte zu den verfilzten Rigghaufen hinьber. Darunter muЯten noch mehr Leute liegen. Mit blassem, grimmigem Gesicht nahm Keen die Meldungen seiner Offiziere entgegen. Heute hatte er eine Lektion bekommen, die er nie mehr vergessen wьrde, dachte Bolitho. Er gewahrte Adams besorgten Blick. Vielleicht dachte der Junge an seinen Vater. Hugh hatte damals unter falscher Flagge Bolitho getдuscht und sein Schiff zuschanden geschossen. Bolitho ging zur Poop und zog den Kopf ein, als er in den Schatten unter Deck trat. Auch ich habe eine Lektion vergessen, dachte er. Nдmlich, daЯ es immer der letzte Sonnenaufgang sein kann. IV Alte Feinde ­ neue Freunde »Nordwest zu Nord liegt an, Sir! Immer noch Ruder im Schiff!« Selbst die Stimme des Rudergдngers klang gedдmpft, als Achates nur unter Bramsegeln und Klьver langsam auf ihren Ankerplatz zukroch. Die Mittagssonne brannte heiЯ auf die nackten Schultern der Seeleute herab, die wartend an den Brassen standen oder auf den Rahen 45
ausgelegt hatten. Bis auf die letzten paar Kabellдngen war ihre Reise zu Ende. Bolitho hielt sich etwas abseits von Keen und seinen Offizieren und starrte zu der Kьstenlinie hinьber, die im schimmernden Glast langsam Gestalt annahm. Bei Morgengrauen hatten sie Cape Cod schon querab gehabt, aber dann war die schwache Brise fast eingeschlafen, und es wurde Mittag, ehe sie ans Ankern denken konnten. Bolitho hob das Glas und studierte die Reede mit ihrem Dickicht aus Masten, Spieren und aufgetuchten Segeln ­ ein greifbarer Beweis fьr das Blьhen und Gedeihen des Hafens von Boston. Schiffe und Flaggen aller Nationen gaben sich hier ein Stelldichein, Leichter hasteten zwischen ihnen und der Pier hin und her wie Wasserkдfer. Auch einige Kriegsschiffe lagen hier, konstatierte Bolitho. Zwei amerikanische Fregatten und drei Franzosen, einer davon ein mдchtiger Dreidecker, an dessen Besanmast eine Admiralsflagge mьde flappte. Bolitho schwenkte das Glas, bis der Landvorsprung in Sicht kam, der sich ihrem Backbordbug entgegenstreckte. Da war das vielsagende graue Band der Befestigungswдlle und hoch darьber die Flagge. Bolitho machte sich klar, was er empfand und warum sein Mund plцtzlich trocken wurde. Es war jetzt neunzehn Jahre her, seit er in diesen Gewдssern gesegelt, an dieser Kьste gelandet war. In einem anderen Krieg, mit anderen Schiffen. Nun fragte er sich, was sich alles geдndert haben mochte und wie er selbst darauf reagieren wьrde. Er hцrte Keens scharfen Befehl: »Beginnen Sie mit dem Salut, Mr. Braxton!« Das Krachen der ersten Kanone rollte ьber die Massachusetts Bay wie eingefangener Donner, wдhrend der Pulverrauch auf dem glatten Wasser hing, als hдtte er nicht die Kraft, hцher zu steigen. Kreischend flatterten Mцwen und andere Seevцgel von ihren Standplдtzen auf, als das Schiff und die Batterie an Land SchuЯ um SchuЯ ihre GrьЯe tauschten. Bolitho muЯte wieder an die Tage denken, die ihrem Gefecht mit dem namenlosen Schiff gefolgt waren. Beschдmung und Wut wichen der fieberhaften Entschlossenheit, »eine offene Rechnung zu begleichen«, wie Allday es formuliert hatte. Die Schдden in der Takelage 46
waren schlimmer gewesen als die am Rumpf, und vom Kommandanten bis zum kleinsten Pulverjungen hatten alle ihr Bestes gegeben, um das Schiff zu reparieren, ehe in Boston der Anker fiel. Eine neue Vormaststenge war an den geschдfteten Mast gelascht worden, laufendes Gut und Segel wurden ersetzt, wдhrend ein krдftiger Nordost gutes Vorwдrtskommen versprach. Zuletzt hatten Farbe, Pech und SchweiЯ die Arbeit vollendet. Der Eifer war ansteckend gewesen; Bolitho hatte die vier Holzattrappen aus seiner Kajьte entfernen und wieder durch die Achtzehnpfьnder ersetzen lassen. Sie raubten ihm zwar Platz, symbolisierten aber seine Entschlossenheit, sich nie wieder mit verhдngtem Zьgel ьberraschen zu lassen. Voraus sah er ein amerikanisches Wachboot bewegungslos ьber seinem Spiegelbild warten, um das britische Kriegsschiff an den Ankerplatz zu lotsen. Bolitho beschattete seine Augen und studierte die Kьste: weiЯe Holzhдuser, mehrere Kirchen, Sonnenreflexe auf Fenstern und polierten Kutschen am Kai. Vielleicht beobachtete dort drьben manch einer das langsam herangleitende Schiff und erinnerte sich wieder an die schlimmen Tage der Revolution, an den Krieg, der Bruder gegen Br uder antreten lieЯ. »Alles klar, Sir!« »Dann stellt sie in den Wind«, antwortete Keen. »An die Lee-Brassen! Fiert weg«, kam Quantocks prompter Befehl. Bolitho blickte zum GroЯbramsegel auf. Die Brise reichte kaum aus, es killen zu lassen. Noch ein oder zwei Minuten, und sie hдtten in einer Totenflaute gelegen. »An die Bramsegelschoten!« Quantock beugte sich weit ьber die Querreling und schwenkte sein Sprachrohr von einer Seite zur anderen, wдhrend er seine Mдnner hoch oben in der Takelage nicht aus den Augen lieЯ. »Klar bei Geitauen!« »Leeruder!« kam Keens Anweisung. Zцgernd drehte Achates in den einschlafenden Wind, das weiЯe Gekrдusel vor ihrem Steven verschwand mit dem letzten biЯchen Fahrt. »LaЯ fallen Anker!« Keen war schon auf der anderen Seite des Decks, noch ehe der schwere Anker gefaЯt hatte. 47
»Und jetzt die Sonnensegel und Persennings, Mr. Quantock! Ein biЯchen lebhaft! Da vorn sind heute alle Glдser auf uns gerichtet.« Bolitho biЯ sich auf die Lippen. Keen war nervцs, er grьbelte lдnger als jeder andere an Bord immer noch ьber ihr kurzes Duell mit dem geheimnisvollen Schiff. An dem Tag hatten sie zwei Mдnner verloren. Der eine war ertrunken, der andere von Wrackteilen erschlagen worden. Aber an Keen fraЯ noch etwas anderes, denn schlieЯlich lebte ein Seemann immer riskant. Durch Unfдlle an Bord oder im Kampf mit See und Wind starben mehr Mдnner als unter FeindbeschuЯ. Doch Keen nahm es schwer. Trotz seiner Erfahrung und unbestritten klugen Kampftaktik machte er sich wegen seiner falschen Lagebeurteilung Vorwьrfe. Oder verschдrfte die Tatsache, daЯ er Bolithos Flaggkapitдn war, so sehr die Anforderungen, die er an sich stellte? Bolitho war selbst mehrfach als Flaggkapitдn gefahren und konnte nachempfinden, was Keen durchmachte. Damals war er dankbar gewesen, als sein Admiral ihn in Ruhe gelassen und ihm Gelegenheit gegeben hatte, seinen Fehler wieder gutzumachen. Ganz gewiЯ sollte Keen die gleiche Chance von ihm bekommen. Sanft schwojte Achates an ihrer Ankertrosse, wдhrend an Deck alle Mann wie besessen arbeiteten, um die Boote auszuschwenken und die Sonnensegel aufzuspannen, die die Mittagsglut etwas ertrдglicher machen wьrden. Bolitho sah Knocker seine Rudergдnger unter Deck entlassen. Dann studierte er die Berechnungen auf der Schiefertafel neben dem KompaЯ, die ein Kadett angestellt hatte. Dabei rieb er sich nachdenklich das krдftige Kinn. Knocker hatte guten Grund, mit sich zufrieden zu sein, ьberlegte Bolitho. Trotz allem hatte Achates die Reise von Hampshire nach Boston in der Rekordzeit von nur sechzehn Tagen geschafft. Fьr einen leichten Zweidecker, der unterwegs auch noch Reparaturen ausfьhren muЯte, war das keine schlechte Leistung. Bolitho wollte dem griesgrдmigen Segelmeister dafьr seine Glьckwьnsche aussprechen, doch da war er bereits im Kartenraum verschwunden. Also trat er statt dessen an die Webeleinen und blickte zu den einheimischen Booten hinunter, die den Neuankцmmling schon zu umkreisen begannen. Er sah gebrдunte Gesichter, farbenfrohe Gewдnder 48
und viele neugierige Blicke. In Boston war man an Schiffe aller mц glichen Nationalitдten gewцhnt, aber seit dem Krieg hatten nicht viele britische Kriegsschiffe hier Anker geworfen. Bolitho hцrte Schritte an Deck und sah seinen Neffen mit einem Packen Dokumenten unter dem Arm herantreten. »Aha, du nimmst deine Aufgabe also ziemlich ernst, Adam.« Der schwarzhaarige Leutnant lдchelte. »Aye, Sir. Aber ich verzichte gern auf jede Befцrderung, wenn ich dafьr dieses Schiff verlassen mьЯte.« Bolitho hatte Verstдndnis fьr seine gute Laune. Zwar erwдhnten beide kaum je Bolithos groЯzьgige Geste, die sie noch enger verbunden hatte, aber Adam suchte an manchen Abenden, die er bei seinem Alter sicher lieber unter seinesgleichen in der Messe verbracht hдtte, Bolithos Nдhe, um ihm die Zeit und die trьben Gedanken an Belinda zu vertreiben. Wдre Bolitho noch Kommandant gewesen, hдtten ihn die Reparaturen und anderen Anforderungen nicht zum Nachdenken kommen lassen; aber so blieb ihm wд hrend der Reise zu viel freie Zeit, nur mit Allday oder seinem Steward als Gesprдchspartner. Da waren ihm Adams Besuche hochwillkommen gewesen. Aber jetzt lag das Schiff vor Anker, hatte seine Aufgabe fьrs erste erfьllt, und Bolitho war endlich aufgerufen, zu handeln und das Vertrauen zu rechtfertigen, das Sheaffe in ihn gesetzt hatte. Leutnant Mountsteven, der Wachoffizier, tippte grьЯend an seinen Hut und meldete: »Ein Boot hдlt auf uns zu, Sir.« Keen nickte. »Besuch fьr Sie, Sir.« Bolitho wuЯte, daЯ seine Anwesenheit hier oben stцrte; er sagte: »Ich bin in meiner Kajьte, wenn Sie mich brauchen.« Als er unter Deck ging, hцrte er die Seesoldaten zur Eingangspforte laufen und die Offiziere ihre Kommandos bellen, damit Achates fьr den ersten Abgesandten des Landes gerьstet war. Ozzard rдumte die groЯe Achterkajьte auf, obwohl sie in Bolithos Augen eigentlich stets makellos sauber war. Er trat an die offenen Heckfenster und sah ein Boot im Schatten unter dem Rumpf verwe ilen, wдhrend die Insassen neugierig Achates' vergoldete Galerie und Heckschnitzereien bestaunten. Unbehaglich machte er sich klar, daЯ sein Bruder Hugh einst hier stationiert gewesen war, unter Leuten wie diesen in der Stadt gelebt hatte. Von Adams Existenz hatte er damals 49
nichts geahnt. Und nun kam Adam statt seiner zurьck, trat vielleicht in seine FuЯspuren. Bolitho wurde unruhig. Vielleicht hдtte er Adam doch nicht hierher mitnehmen sollen, mochte es seiner Karriere auch noch so fцrderlich sein. Die Tьr ging auf, und da stand Adam, einen dicken Briefumschlag in der Hand. »Wir sind fьr heute abend zu einem Empfang geladen, Onkel«, sagte er und hielt Bolitho den Umschlag hin. »Man hat mich soeben informiert, daЯ der Prдsident der Vereinigten Staaten einen Gesandten zu deinem Empfang nach Boston beordert hat.« Bolitho verzog das Gesicht. »Und damit weiЯ nun alle Welt, was wir hier vorhaben, Adam. Wenn sie uns schon so lange erwarten, kann es nicht ьberraschen, daЯ wir nur acht Tage nach unserem Auslaufen in einen Zwischenfall verwickelt wurden.« Adam nickte. »Offenbar haben wir ziemliches Aufsehen erregt.« Aber dann ьberzog ein Grinsen sein Gesicht. »Vielleicht wollen sie doch noch ihre Steuerschulden an Kцnig George bezahlen?« Bolitho schьttelte den Kopf. »Wenn du auch an Land so kesse Reden schwingst, dann bricht unseretwegen eher ein neuer Krieg aus!« Als Bolitho spдter bequem im Sessel ausgestreckt lag und sich von Allday fьr den Abend rasieren lieЯ, versuchte er, sich ьber das AusmaЯ seiner Verantwortung klar zu werden. Die Fregatte Sparrowhawk muЯte nun bald von San Felipe nach Boston auslaufen. Ihr Kommandant, Kapitдn Duncan, war nicht unbedingt ein diplomatisches Genie. GewiЯ hatte er dem Gouverneur der Insel vorschriftsmдЯig seine Aufwartung gemacht, ehe er um weitere Befehle nach Boston aufbrach; aber genauso gewiЯ hatte er Rivers nicht im unklaren ьber den Ausgang der Affдre gelassen. Trotz allem, was Sheaffe ihm erklдrt hatte, kam es Bolitho immer noch unmenschlich und sinnlos vor, die Insel den Franzosen zurьckzugeben. Dabei dachte er weniger an Strategie oder Diplomatie, sondern mehr an ihre Bewohner. Viel zu oft hatte die Insel sich aus eigener Kraft gegen feindliche Ьberfдlle wehren mьssen und hatte sogar selbst Schiffe ausgesandt, die im Namen des Kцnigs Prisen eroberten oder den Feind irritierten. In London und Paris sah man das alles aus ganz anderem Blickwinkel. Fьr Bolitho aber, der mit geschlossenen Augen unter Alldays Rasiermesser lag, war die ganze Sache allmдhlich so rдtselhaft wie ein chinesisches Mьnzorakel. 50
Nach der Backofenhitze unter Deck genoЯ Bolitho dankbar die kьhlere Abendluft, als er in sein Langboot hinabkletterte. Er fьhlte sich seltsam gespannt, wie ein Entdeckungsreisender beim ersten Schritt auf noch unerforschtem Terrain. »Rudert an ­ zugleich!« knurrte Allday, und die Bootsgasten pullten mit gleichmдЯigen, exakten Riemenschlдgen das grьn gestrichene Boot in einer weiten Kurve zum Land. Der Erste Offizier hatte an Bord zurьckbleiben mьssen, eine bittere Pille in einem so verlockenden Hafen, dachte Bolitho. Dann musterte er Keen, der ihn zum Empfang begleitete, und fragte sich, ob der Kommandant sich allmдhlich entspannen konnte. Seit sie vor Anker lagen, hatte Keen die grцЯte Arbeitslast zu tragen, denn er muЯte sich nicht nur um die Belange des Schiffes kьmmern, sondern auch einen endlosen Besucherstrom abfertigen, und zwar jeden einzelnen entsprechend seinem Rang und seiner Mission: die Kommandanten der amerikanischen Fregatten samt diversen Untergebenen, den Hauptmann der Hafenwache und einen дuЯerst hцflichen und gewandten jungen Herrn, der sich als Sohn ihres Gastgebers entpuppte. Als das Langboot mit schnellem Riemenschlag an der Achates vorbeizog, vermochte Bolitho nicht zu widerstehen und musterte den Rumpf scharf nach verrдterischen Spuren ihres kurzen Gefechts. Aber er konnte keine mehr entdecken ­ dank des geschickten Schiffszimmermanns und seiner Crew. Einen letzten Blick warf er der schmucken Galionsfigur zu: Achates, der treue Freund und Schwerttrдger des Aeneas, leuchtete in klarem WeiЯ, mit einem Arm nach vorn deutend, in der anderen Hand das Schwert. Unter der Farbe wirkte die Holzfigur rund geschliffen vom Zahn der Zeit; gewiЯ hatte sie mehr Lдnder und Meere gesehen als irgend jemand an Bord und hatte Stьrme erlebt wie kaum ein anderer. Das Boot passierte einen mдchtigen Indienfahrer, der trotz der spдten Stunde immer noch eifrig Fracht ьbernahm. Hastig kam einer seiner Offiziere an die Reling gerannt und lьpfte grьЯend den Hut, als das Admiralsboot an seinem Heck vorbeizog. Ironischerweise war es ein Handelsstreit um Tee gewesen, der die Feuer der Revolution entfacht hatte, sann Bolitho. Und jetzt kamen und gingen die stolzen Handelsschiffe, wie es ihnen beliebte, wдhrend 51
ein Kriegsschiff sich nur im eigenen Hoheitsgewдsser frei bewegen konnte. Allday bellte ein Kommando, und der Bugmann erhob sich von seinem Platz, den Bootshaken in der Faust, klar zum Einhaken in die Festmacherketten. Immer noch drдngten sich Neugierige auf der Pier, und einige von ihnen hatten offensichtlich den ganzen Nachmittag hier verbracht. Die Fдhrleute von Boston muЯten an ihren sensationslьsternen Passagieren schon ein Vermцgen verdient haben. Keen, Hauptmann Dewar von den Royal Marines, zwei Leutnants und Adam Bolitho waren als Gдste ins Haus eines einfluЯreichen Bostoner Kaufmanns namens Jonathan Chase geladen; die restlichen Offiziere hatten anderweitige Einladungen erhalten. Keen hatte sie alle ermahnt, jedes Wort gut zu ьberlegen und die Ohren offen zu halten, ob ihr Gefecht mit dem unbekannten Schiff erwдhnt wurde; daraus hдtte sich schlieЯen lassen, daЯ diese Nachricht ­ mit wem? ­ ihnen schon vorausgeeilt war. Bolithos Blick fiel auf einige junge Frauen an der Pier. Die besonders zuverlдssigen Matrosen und Seesoldaten hatten ebenfalls Landurlaub erhalten. Aber nach den aufgeweckten Gesichtern dieser lдchelnden Mдdchen zu schlieЯen, wьrde es den britischen Seeleuten hier verdammt schwerfallen, den Mund zu halten. Trotz allem: Der Anschein des Alltдglichen, des Unbeschwerten muЯte gewahrt werden, alte Vorurteile muЯten verdrдngt, wenn schon nicht ganz vergessen werden. Die Bootsgasten stellten salutierend ihre Riemen senkrecht, Allday zog grьЯend den Hut und vergewisserte sich, daЯ Bolitho auf den nassen Steinstufen nicht ausglitt. Bolitho lдchelte dankend. »Feine Crew, Allday.« Selbst Allday hatte zugeben mьssen, daЯ die neue Barkasse ein Schmuckstьck war. Und die Bootscrew in ihren karierten Hemden, geteerten Hьten und mit Haarzцpfen von exakt gleicher Lдnge hдtte nicht besser ausgewдhlt sein kцnnen. Timothy Chase, der Sohn ihres Gastgebers, wartete bereits neben zwei eleganten Kutschen. Er reichte Bolitho unter den neugierigen Blicken der Umstehenden die Hand. 52
»Sie sind uns willkommen, Admiral. Wie meine Mutter sagt ­ wir mьssen an die Zukunft denken.« Gelenkig sprang Hauptmann Dewar aus der Barkasse an Land, und beim Anblick seiner roten Uniform wurde die Menge unruhig. »Obacht, Jungs, die Rotrцcke kommen zurьck!« schrie einer. Aber die allgemeine Stimmung war nicht feindselig, sondern eher von gutmьtigem Spott geprдgt. Die Fahrt zur Residenz der Chases ging fьr Bolitho viel zu schnell vorbei; der junge Timothy lenkte seine Aufmerksamkeit immer wieder auf Sehenswьrdigkeiten oder besonders stattliche Anwesen, an denen ihre Kutsche vorbeiratterte. Offenbar war er sehr stolz auf die Stadt, in der er geboren und aufgewachsen war. Etwa im gleichen Alter wie Adam, wirkte er weniger reserviert, als er lebhaft jedes Haus und seine Bewohner beschrieb. »Insgesamt ist das Stadtbild von Boston gepflegter als das jeder anderen Stadt Neuenglands, Sir«, hob er hervor. Bolitho fiel auf, daЯ die meisten Hдuser aus Holz gebaut waren, auch wenn manche Fassaden dem Schnitt und der Verarbeitung nach Steinmauern vortдuschten. Bolitho lдchelte in sich hinein. Sein Gastgeber war zwar ein reicher Mann, aber sein Reichtum stammte ­ wie Bolitho aus seinen Geheimunterlagen wuЯte ­ nur von den Prisen seiner Freibeuter ab, die er wдhrend der Revolution gegen die Briten ausgeschickt hatte. Ьberhaupt war Boston ein Freibeuternest gewesen ­ wie so viele Hдfen an dieser Kьste, bis hinauf nach Portland. Die beiden Kutschen bogen von der StraЯe in eine lange Auffahrt ein, die zu einem ausgewogen proportionierten dreige schossigen Haus fьhrte. Wie andere Hдuser Bostons war es weiЯ gestrichen und hatte hohe grьne Lдden an allen Fenstern. Hinter vielen Scheiben brannte schon warmes, festliches Licht. »Na, Adam, was hдltst du davon?« fragte Bolitho leise. Adam lieЯ sich nichts anmerken. »Ich kцnnte mich ohne weiteres an das Wohlleben gewцhnen, Sir«, sagte er ebenso gedдmpft. Es fiel nicht schwer, sich ihren Gastgeber als Kapitдn auf dem Ac hterdeck eines Freibeuters vorzustellen. Er hatte eine laute, drцhnende Stimme, die es gewohnt schien, herrisch das Wьten des Sturms oder den Donner der Kanonen zu ьbertцnen. Jonathan Chase war ein vier- 53
schrцtiger, kantiger Mann mit eisengrauem Haar und einer Haut wie aus dunkel gegerbtem Leder. »Also, Admiral, es ist mir ein groЯes Vergnьgen.« Er packte Bolithos Hand und musterte aufmerksam sein Gesicht. »Und eine besondere Ehre, einen so berьhmten Seemann begrьЯen zu dьrfen.« Bolitho fand den Mann sympathisch. »Es war sehr freundlich von Ihnen, Ihr Haus fьr dieses Treffen zur Verfьgung zu stellen.« Chase. grinste. »Wenn Thomas Jefferson etwas vorschlдgt, dann fackelt man hier nicht lange, mein Freund. Auch wenn er erst seit einem Jahr unser Prдsident ist, so hat er doch schon begriffen, daЯ Macht schneller zu Kopfe steigt als Wein.« Das schien Chase zu amьsieren. Livrierte schwarze Diener nahmen die Hьte der Besucher entgegen, und dann folgte Bolitho dem Hausherrn in einen groЯen Salon voller Gдste. Chase deutete mit dem Kopf auf ein Tablett mit Glдsern. »Ho ffentlich habe ich mit dem Wein Ihren Geschmack getroffen, Admiral. Er kommt aus Frankreich.« Bolitho lдchelte nachdenklich. »In der Tat.« Fremde Gesichter glitten an ihm vorbei, als Chase seine Freunde und Geschдftspartner vorstellte; Bolitho wurde immer deutlicher bewuЯt, welche Autoritдt sein Gastgeber besaЯ und welch hohes Ansehen. Keen war sofort von zwei attraktiven Damen mit Beschlag belegt worden, und eine dritte fьhrte Hauptmann Dewar so entschlossen hinaus auf die Terrasse, als wolle sie ihn an diesem Abend mit keiner anderen teilen. Chase stellte sein Glas ab und musterte Adam aufmerksam. »Ihr Adjutant, Admiral, sieht Ihnen дhnlich. Ist er Ihr Sohn oder jьngerer Bruder?« »Mein Neffe.« Chase nickte wohlgelaunt. »Sie und ich, wir schleichen uns gleich nach nebenan und kцpfen eine Flasche ausgezeichneten Brandy.« Mit einem Finger tippte er sich gegen die Nase. »Das gibt uns Gelegenheit zu einer kleinen Unterhaltung, ehe unser Regierungsvertreter erscheint.« Plцtzlich hob er die Hand. »Neffe, aha. Hдtte ich mir denken kцnnen.« Und mit erhobener Stimme: »Hierher, Robina. Ich mцchte dir jemanden vorstellen.« 54
Das Mдdchen namens Robina war eine Schцnheit: schlank, grazil und mit einem Leuchten in den Augen, das jeden Mann den Kopf nach ihr wenden lieЯ. »Und das ist meine Nichte, Admiral«, strahlte Chase. Robina legte Adam die Hand auf den Arm und schlug vor: »Ich zeige Ihnen den Garten, Leutnant.« Mit einer Kopfbewegung deutete sie auf ihren Onkel: »Die beiden wollen ja doch nur von alten Zeiten reden.« Bolitho muЯte ьber Adams Fьgsamkeit lдcheln; fasziniert lieЯ er sich, ohne ein Wort des Protestes, von Robina davonfьhren. Chase schmunzelte. »Ein hьbsches Paar, die beiden, wie?« Dann warf er einen Blick ьber die schwatzende Gдsteschar. »Ich denke, wir gehen jetzt in die Bibliothek. Im Augenblick wird man uns nicht vermissen.« In der holzgetдfelten Bibliothek schien sich ein Stьck jьngster amerikanischer Geschichte versammelt zu haben: Andenken an Schiffe und Reisen, fьr Chase wahrscheinlich Erinnerungen an seine stьrmischen Jugendjahre. Bolitho sah Harpunen und Walkiefer, daneben Schlachtengemдlde, auf deren einem ein brennendes britisches Schiff gerade die Flagge strich. Gutgelaunt meinte Chase: »Na ja, Admiral, schlieЯlich haben Sie nicht jede Seeschlacht gewonnen.« Aber dann wurde er wieder ernst. »Samuel Fane, der Gesandte des Prдsidenten, ist ein schwieriger Ve rhandlungspartner. Ich persцnlich finde ihn sympathisch, soweit man einen Regierungsvertreter sympathisch finden kann, aber er haЯt die Briten.« Chase grinste breit. »Wollte Sie nur warnen. Obwohl Sie ­ nach allem, was ich ьber Sie gelesen und gehцrt habe ­ gewiЯ selbst Ihren Mann stehen kцnnen.« »Ich weiЯ Ihre Offenheit zu schдtzen«, lдchelte Bolitho. Chase goЯ Brandy in zwei bauchige Glдser. »Keine Ursache. Ich habe gegen Kцnig George gekдmpft, und zwar nicht zu knapp. Aber im Frieden gelten andere Gesetze als im Krieg. Wer das nicht akzeptiert, muЯ in unserer Welt Schiffbruch erleiden.« Die Bдume und Strдucher des weitlдufigen Gartens an der Rьckfront des Herrenhauses waren schon in purpurne Schatten getaucht. Adam schritt mit dem Mдdchen am Arm dahin und wagte kaum den Mund 55
aufzumachen aus Angst, er kцnnte etwas Falsches sagen und damit den Zauber des Abends vertreiben. Fьr Adam gab es keinen Zweifel, daЯ er mit dem bezauberndsten Wesen spazierenging, das ihm jemals unter die Augen gekommen war. Da blieb sie stehen, ergriff seine Hand und drehte ihn zu sich herum. »Hцren Sie, Leutnant, jetzt sind aber Sie dran, sonst rede ich noch den ganzen Abend. Alle sagen, ich sei viel zu geschwдtzig. Und dabei mцchte ich viel mehr ьber Sie erfahren. Sie heiЯen Adam und sind Adjutant des Admirals. Und weiter?« Zu seiner Ьberraschung stellte Adam fest, daЯ ihm das Erzдhlen leicht fiel. Wдhrend sie unter den Bдumen dahinschlenderten, erzдhlte er ihr von seinem Dienst als Marineoffizier, von seinem Heim in Cornwall ­ und vergaЯ doch keinen Augenblick die warme kleine Hand auf seinem Arm. Plцtzlich unterbrach sie ihn. »Sie sind der Neffe des Admirals, Adam?« Sein Name klang in ihrem Mund wie Musik. »Ja.« »Ich wohne gar nicht in Boston«, fuhr sie fort. »Meine Familie lebt in Newburyport, das ist dreiЯig Meilen nцrdlich von Boston. Seltsam, daЯ es mir nicht frьher eingefallen ist. Aber mein Vater spricht manchmal von einem Mann, der in unserer Stadt wohnte und ebenfalls Bolitho hieЯ.« Adam bemьhte sich, wieder klar zu denken. »In Newburyport?« »Ja.« Sie drьckte seinen Arm. »Das klingt ja, als hдtten Sie sich an etwas erinnert?« Er wandte sich ihr zu; wie gern hдtte er sie in die Arme genommen! »Das wird wahrscheinlich mein Vater gewesen sein.« Amьsiert wollte sie auflachen, doch dann fiel ihr sein Ernst auf, das Bedeutsame dieser Entdeckung. »Mein Onkel sagt, daЯ Ihr Schiff noch wochenlang in Boston liegen wird. Ich mцchte, daЯ Sie nach Newburyport kommen und meine Familie kennenlernen.« Sie hob die behandschuhte Hand und legte sie leicht an seine Wange. »Seien Sie nicht so traurig, Adam. Falls es ein Geheimnis bleiben soll, ist es bei mir gut aufgehoben. Erzдhlen Sie mir aber nur davon, wenn es auch Ihr Wunsch ist.« »Das ist es.« Adam stellte fest, daЯ ihm dieser Wunsch von Herzen kam. 56
Aus dem Fenster der Bibliothek sah Bolitho Adam und Robina die Terrasse ьberqueren. Ihr Anblick rьhrte ihn, denn in seinen Augen war es hцchste Zeit, daЯ Adam ein biЯchen Freude am Leben fand ­ und sei es nur vorьbergehend. Seit er sich zu FuЯ von Penzance nach Falmouth durchgeschlagen hatte, in der Hoffnung auf einen Platz in der Familie Bolithos, hatte er nur Krieg und den harten Dienst in der Marine kennengelernt. Noch immer sah Bolitho den dьnnen, eingeschьchterten Jungen von damals vor sich: furchtsam, aber mit der trotzigen Unruhe eines Fohlens. Nun glaubte er, Robina lachen zu hцren. Ja, er gцnnte Adam diese Ablenkung. Ein Lakai цffnete beide Tьrflьgel, und ein hochgewachsener Mann in flaschengrьnem Rock und weiЯen Strьmpfen betrat die Bibliothek. »Und hier ist nun Samuel Fane aus Washington«, stellte Chase ihn vor. In Fanes schmalem, unbewegtem Gesicht schien sich das Leben ganz in die tiefliegenden, funkelnden Augen zurьckgezogen zu haben, die dicht an der krдftigen Hakennase saЯen. »Und Sie sind Vizeadmiral Bolitho«, nickte er statt eines GruЯes. »Also, kommen wir zur Sache.« Bolitho lieЯ den schon ausgestreckten Arm sinken. Vielleicht mochte Fane nicht mit einem alten Feind einen Hдndedruck tauschen. Ve rstдndlich, aber trotzdem ein Affront. Seltsamerweise lieЯ ihn das irgendwie gelassener werden: die innere Ruhe vor einem Duell, wenn man sich damit abgefunden hat, daЯ jede Hoffnung auf eine einfache Lцsung nur Selbsttдuschung wдre. Im gleichen trockenen Ton fuhr Fane fort: »San Felipe. Wьrden Sie mir bitte erklдren, Admiral, weshalb Ihre Regierung sich fьr berechtigt hдlt, diese Insel und ihre Bevцlkerung wie etwas Wertloses we gzuwerfen? Woher nimmt sie dieses Recht?« »Beruhigen Sie sich, Sam«, mahnte Chase unbehaglich. »Sie wissen doch, daЯ die Sache anders liegt.« »WeiЯ ich das?« Die tiefliegenden scharfen Augen lieЯen Bolitho keine Sekunde los. Bolitho lдchelte andeutungsweise. »So wurde es beim FriedensschluЯ vereinbart. Und das wissen Sie sicherlich. Ich darf doch annehmen, daЯ die franzцsische Regierung Sie ьber Amiens ins Bild gesetzt hat?« 57
Chase mischte sich дrgerlich ein. »Natьrlich hat sie das. Sagen Sie's ihm, Sam, und kommen Sie von Ihrem hohen RoЯ herunter. Der Krieg ist aus, vergessen Sie das nicht.« Fane warf ihm einen kalten Blick zu. »Das kann ich schon deshalb nicht vergessen, weil ich stдndig daran erinnert werde, wie gut manche aus dem Blut der Opfer Geld zu machen verstanden.« Bolitho sah Chases Blick wьtend aufflackern. »Ich dachte, Frankreich sei Ihr Freund und Verbьndeter?« wechselte er das Thema. Fane zuckte die Schultern. »So war es. Vielleicht wird es auch kьnftig so sein. Aber was San Felipe betrifft, das im Sьden vor unserer Haustьr liegt, so gilt das nicht.« »Die Menschen auf San Felipe sind britische Untertanen«, stellte Bolitho fest. Chase grinste. »Das waren auch die meisten von uns. Frьher.« Fane schien ihn nicht gehцrt zu haben. »Vor einiger Zeit erhielt ich eine Depesche des Gouverneurs von San Felipe. Die Uneinsichtigkeit der britischen Regierung bereitete ihm naturgemдЯ Sorgen. Er ist nicht geneigt, die ihm aufgezwungene Lцsung zu akzeptieren, das heiЯt, eine blьhende Insel vor den Franzosen zu rдumen oder ­ von ihnen geduldet ­ unter franzцsischer Flagge dort weiterzuwirken.« »Das verstehe ich.« »Wirklich, Admiral? Das lдЯt mich hoffen. Aber wie dem auch sei, die Regierung der Vereinigten Staaten ist nicht gewillt, tatenlos zuzusehen, wenn Menschen wie afrikanische Sklaven von einer Hand in die andere verschachert werden.« Bolitho war aufgesprungen und hцrte sich zu seiner eigenen Ьberraschung wьtend erwidern: »Dann ist es sinnlos, daЯ Sie meine Zeit verschwenden, Mr. Fane. Oder ich die Ihre!« Hastig sagte Chase: »Aber nicht doch, meine Herren! Schockschwerenot, Sam, der Admiral ist mein Gast. Ich dulde es nicht, daЯ ihr euch anfaucht wie zwei Wildkater!« Fane milderte seinen Ton. »Dann werden wir einen KompromiЯ finden mьssen.« Bolitho setzte sich wieder. »Welchen, zum Beispiel?« »Wenn San Felipe den Wunsch дuЯert, sich unter den Schutz der Vereinigten Staaten zu begeben, wird meine Regierung dies wohlwollend aufnehmen.« 58
»Kommt nicht in Frage.« »Aber wenn die Franzosen einverstanden sind, Admiral? Wдren Sie es dann auch?« Bolitho blickte zu Chase hinьber, aber der starrte nur einen Walkiefer an. Fьr Chase war das nichts Neues, er hatte es lдngst gewuЯt ­ wie alle hier: Es war kein KompromiЯ, nicht die Spur davon. Es war Erpressung. Bolitho zwang sich zur Ruhe. »Der Gouverneur war zu diesem Ersuchen nicht berechtigt, weder bei Ihnen noch anderweitig. Wir sind hier in einer tragischen Entwicklung der Geschichte befangen, kцnnen aber nichts daran дndern.« Fane musterte ihn unbewegt. »Das bleibt abzuwarten.« SchlieЯlich fьgte er hinzu: »Ihr Flaggschiff kann der Gastfreundschaft meiner Regierung sicher sein. Diese Angelegenheit lдЯt sich nicht so schnell bereinigen. Sie will gut bedacht werden.« Bolitho nickte. Fane hatte ihn also nur testen oder provozieren wo llen. Aber aus welchem Grund? Er konnte es sich nicht verkneifen, Fane festzunageln. »Ihre Regierung hat auch einem anderen britischen Schiff ihre Gastfreundschaft zugesichert, Mr. Fane: der Sparrowhawk. Sie wird bald zu mir stoЯen.« »Ja, ich weiЯ«, knurrte Fane und schob die Hдnde unter seine FrackschцЯe. »Ich muЯ mich jetzt verabschieden.« Und mit einem kurzen Nicken: »Admiral...« Chase begleitete den Gesandten aus der Bibliothek, und Bolitho trat wieder ans Fenster. Aber statt des blonden Mдdchens am Arm des jungen Offiziers sah er nur Dunkelheit. Bolitho wandte sich um, als er Chases schweren Schritt zurьckkehren hцrte. In gewisser Hinsicht war das eben schwieriger gewesen als ein Seegefecht, ьberlegte er. Und viel unergiebiger. 59
V Der Schlдchter In den Wochen nach der Abendgesellschaft bei Chase wurde Bolithos Geduld auf eine harte Probe gestellt. Zwar setzten Jonathan Chase und einige andere reiche Bostoner Bьrger ihren Ehrgeiz darein, den Offizieren der Achates' Kurzweil und abendliche Einladungen zu bieten; aber trotzdem quдlte Bolitho der Gedanke, daЯ zwischen dem Ausbleiben jeglicher Nachricht und der mangelnden Kooperationsbereitschaft Samuel Fanes irgendein Zusammenhang bestand. Vielleicht, so grьbelte er, hдtte er den Zeitplan, den ihm seine Befehle vorschrieben, ignorieren und als erstes San Felipe anlaufen sollen, damit der Erцffnungszug nicht Captain Duncan von der Sparrowhawk ьberlassen blieb. Aber dieser Schritt hдtte als Einschьchterung ­ oder Schlimmeres ­ ausgelegt werden kцnnen. Ьberhaupt ­ wo blieb die Sparrowhawk? Worauf war Duncan gestoЯen, das wichtig genug war, sein Eintreffen in Boston zu verzцgern? An diesem Tag hatte Bolitho sein Mittagessen nicht angerьhrt. Obwohl Fleisch und Brot frisch waren, von Chase mit einem Boot als Geschenk an Bord geschickt, hatte er keinen Bissen davon herunterbekommen. Auf allen Decks herrschte mittдgliche Ruhe. Rumdьfte schwдngerten die heiЯe Luft, weil in den Messen die Tagesration ausgegeben wurde. Vielleicht hatte Sheaffe vorausgesehen, daЯ Bolithos Auftrag bloЯe Zeitverschwendung sein wьrde und nur zu scharfen Auseinandersetzungen mit den Amerikanern fьhren muЯte. Bolitho zupfte an seinem schweiЯnassen Hemd, zwang sich aber, sitzenzubleiben, weil er sonst nur wieder ruhelos in seiner Kajьte auf und ab getigert wдre. Belinda. Er wandte sich um und starrte durch die Heckfenster, bis seine Augen trдnten. Inzwischen muЯte alles vorbei sein. Entweder hatten sie jetzt ein Kind, oder... Es war Belindas erstes Kindbett. Da konnte alles mцgliche passiert sein. Achates schwojte an ihrer Ankertrosse und rьckte die fernen Hafengebдude in Bolithos Blickfeld. Er wollte lieber wieder auslaufen. Wollte etwas tun. 60
Ein leichtes Klopfen an der Lamellentьr kьndigte Keen an, dem beim Eintreten Bolithos unberьhrter Teller nicht entging. »Die amerikanischen Fregatten gehen ankerauf, Sir.« Bolitho nickte. »Ja. Nur die Franzosen bleiben noch hier.« Keen zцgerte. »Meiner Ansicht nach, Sir«, sagte er dann, »sollte uns ein weiteres Kurierschiff zur Verfьgung gestellt werden.« »Sie machen sich also auch Gedanken wegen Sparrowhawk ?« Keen zog die Schultern hoch. »Ja, allerdings. Da wir nicht einmal ьber eine kleine Brigg verfьgen, sind wir taub und blind fьr alles, was sich auЯerhalb dieses Hafens abspielt.« Yovell, der Sekretдr, stand unschlьssig im Tьrrahmen. »Verzeihung, Sir, aber diese Papiere benцtigen Ihre Unterschrift.« Bolitho muЯte plцtzlich an seinen Neffen denken. Adam hatte um Erlaubnis ersucht, Chases Nichte Robina nach Newburyport begleiten zu dьrfen. Jetzt beneidete er ihn um seine Freiheit; Adam wenigstens blieben dieses endlose Warten und die nagende UngewiЯheit erspart. In den letzten Tagen hatten er wie auch Allday unter Bolithos Gereiztheit zu leiden gehabt. Schnell ьberflog er, was Yovell geschrieben hatte, und setzte seine Unterschrift darunter. Kein Wunder, daЯ ьber den Papierberg in der Admiralitдt bittere Witze gerissen wurden. Wer konnte diese Flut von Berichten auch jemals lesen? Bolitho faЯte einen EntschluЯ. »Ich unternehme noch einen letzten Versuch, die Angelegenheit San Felipe mit den Amerikanern zu besprechen. Danach brechen wir auf und segeln zu der Insel, ob die Sparrowhawk nun eingetroffen ist oder nicht. Falls Sie den Kapitдn eines Handelsschiffes ьberreden kцnnen, senden Sie bitte diskret mit ihm Nachricht nach Antigua. Dort sollte der Admiral von English Harbour ьber unser Vorhaben unterrichtet werden. Und wenn ich Ihrer Depesche ein, zwei Sдtze hinzufьge, schaffen wir es vielleicht, ihm eine Brigg abzuluchsen.« Ozzard trat ein und rдumte wortlos das Tablett ab; nur ein vo rwurfsvoller Blick verriet, was er ьber diese Verschwendung dachte. »Erwarten Sie etwa, daЯ uns die Amerikaner einen Strich durch die Rechnung machen, Sir?« fragte Keen. 61
Bolitho schьttelte den Kopf. »Sie meinen, mit diesen Fregatten? Nein, das wдre unklug. Sie werden MiЯbilligung дuЯern, sich aber mit der Zuschauerrolle begnьgen.« Der Erste Offizier trat mit eingezogenem Kopf ьber die Schwelle. »Bitte um Vergebung wegen der Stцrung, Sir, aber Mr. Chases Barkasse hдlt auf uns zu. Er hat auch den anderen Gentleman dabei.« Bolitho und Keen wechselten Blicke. Dann sagte Bolitho leise: »Endlich beehrt uns Mr. Fane, der Gesandte des Prдsidenten, in eigener Person. Nun kцnnen wir vielleicht reinen Tisch machen.« Grinsend griff Keen nach seinem Hut. »Ehrenwache vollzдhlig antreten lassen, Mr. Quantock! Wenn es Zunder gibt, dann soll's nicht an uns liegen.« Allday kam aus dem Nebenraum getrottet und warf einen Blick zum Schott, wo Bolithos Sдbel hingen. Nach kurzem Zцgern nahm er die goldglдnzende Prunkwaffe herunter, die Bolitho nach der Schlacht bei Abukir verliehen worden war. Dem alten, abgewetzten Familiensдbel gab er einen liebevollen Klaps und murmelte: »Du kommst auch noch dran ­ spдter.« Bolitho hob die Arme, damit Allday den glitzernden Ehrensдbel an seinen Gьrtel schnallen konnte. Allday hatte recht. Der alte Sдbel war fьr die Schlacht, das Prunkstьck fьrs Reprдsentieren. Rund zwцlfhundert Meilen sьdlich der Stelle, wo Bolitho mit mьhsam beherrschter Ungeduld Mr. Samuel Fanes Besuch erwartete, lag Seiner Britannischen Majestдt Fregatte Sparrowhawk reglos unter der blendenden Sonne. Vor ihrem Bug mьhten sich zwei ihrer Boote lustlos ab, das Mutterschiff an Schleppleinen in Fahrt zu bringen, damit wenigstens Ruderwirkung erhalten blieb, wenn sie schon jede Hoffnung auf Wind verloren hatten. Seit drei Tagen lagen sie in einer Totenflaute, die sie festhielt, nachdem sie San Felipe verlassen hatten. Ihr Auftrag dort war nur zum Teil erfьllt. Mit gerunzelter Stirn saЯ Kapitдn Duncan an seinem Schreibtisch und fьgte einen weiteren Absatz an seinen ohnehin schon langen Brief. Er schrieb an seine Frau ­ wie die meisten verheirateten Marineoffiziere mit дhnlicher RegelmдЯigkeit, wie er sein persцnliches 62
Logbuch fьhrte. Er wuЯte weder, wann er diesen Brief beenden, noch welchem Schiff er ihn mitgeben wьrde. Trotz seiner Schroffheit hing Duncan sehr an seiner Frau und ging zart mit ihr um. Sie waren jetzt zwei Jahre verheiratet, hatten aber insgesamt kaum einen Monat miteinander verbracht. Er haderte deshalb nicht mit dem Schicksal, denn solche Opfer muЯte bringen, wer sich der Kriegsmarine verschrieb. Duncan war gerade erst 27 Jahre geworden und schon Fregattenkapitдn. Und wenn er diesen Posten unter Bolitho behielt, konnte nichts ­ Friede hin oder her ­ seinen weiteren Aufstieg verhindern. Wie viele seiner Zeitgenossen glaubte Duncan nicht an einen dauerhaften Frieden. Er hatte sich bereits in drei grцЯeren Seeschlachten ausgezeichnet und war auch in kleineren Gefechten erfolgreich gewesen, im Kampf Schiff gegen Schiff, dem ureigensten Element jedes guten Fregattenkapitдns. Bolitho galt seine uneingeschrдnkte Verehrung. Er bewunderte ihn nicht so sehr wegen seines Mutes und seiner Geschicklichkeit ­ beides hielt er eher fьr selbstverstдndlich ­, sondern mehr noch fьr seine Anteilnahme am Schicksal der ihm Unterstellten. Obwohl er es nicht einmal sich selbst eingestand, versuchte Kapitдn Duncan, Bolitho in allem nachzueifern. Daher auch sein unzufriedenes Stirnrunzeln. Denn sein Besuch in San Felipe war kein Erfolg gewesen. Gouverneur Sir Humphrey Rivers hatte ihn abgefertigt wie einen grьnen Rekruten, statt ihn zu behandeln, wie es einem Kriegsschiffkommandanten und Abgesandten Bolithos zukam. Duncan verstand eben eine Menge von der Seefahrt, aber nichts von Mдnnern wie Rivers. Gleich bei ihrer ersten Begegnung hatte Rivers die Beherrschung verloren. Sie standen in seinem mitten in einer blьhenden Plantage gelegenen Herrenhaus, und Rivers schrie Duncan an: »Da drauЯen neben dem Hafen liegt ein Friedhof, Kapitдn! Er ist voller tapferer Mдnner, die ihr Leben fьr diese Insel gelassen haben! Ich denke nicht daran, ihr Andenken zu verraten und alles hier den Franzosen auszuliefern. Verdammt will ich sein, wenn ich das tue!« 63
Insgeheim pflichtete Duncan ihm ja bei, aber er war zu sehr daran gewцhnt, seinen Befehlen zu gehorchen. AuЯerdem war ihm der Mann zuwider, er hielt ihn fьr ein arrogantes Schwein. Bolitho wьrde es nicht gerade freuen, daЯ er mit leeren Hдnden kam. Wenn Rivers sich weigerte, die zwischen England und Frankreich geschlossene Vereinbarung zu erfьllen, mochte er sich unversehens vor der Anklage des Hochverrats oder der Meuterei sehen ­ oder womit die Regierung sonst unbotmдЯige Gouverneure zur Rдson brachte. Mit einem erneuten Stirnrunzeln begann Duncan wieder zu schreiben. Da hob sich das Deck unter seinen FьЯen, und von einem Nebe ntisch fiel klappernd der Stechzirkel zu Boden. Als Duncan aufsprang, spьrte er, wie das Schiff unter ihm langsam wieder zum Leben erwachte. Er eilte an Deck, wo sein Erster Offizier und der Segelmeister hoffnungsvoll zu den schlaffen Segeln emporstarrten, mit denen ein erstes zartes Lьftchen zu spielen begann. Duncan wischte sich den SchweiЯ aus den Augen. Viel war das nicht, aber immerhin... »Mr. Palmer! Rufen Sie die Boote zurьck und lassen Sie sie wieder einsetzen. Und dann alle Mann an Deck zum Segelmanцver!« Er schlug dem Leutnant auf die Schulter und fьgte hinzu: »Hol's der Teufel, Mr. Palmer, aber vielleicht haben wir jetzt die lдngste Zeit hier geschmort.« Mit ein paar Schritten war Duncan am Schanzkleid und packte den sonnenwarmen Handlauf mit seinen mдchtigen Pranken. Er sah zu, wie das erste Boot die Schleppleine loswarf und dankbar zum Schiff zurьckpullte, obwohl die erschцpften Bootsgasten kaum noch die Riemen heben konnten. Duncan fragte sich, was wohl auf dem anderen Schiff geschah. Es war in Sicht gekommen, kurz bevor die Flaute beide Schiffe lдhmte und in der drьckenden Hitze auf der Stelle hielt. Der Erste Offizier kehrte zurьck, nachdem er die Toppsgasten in die Takelage gescheucht hatte. »Der Ausguck im Masttopp meldet, daЯ unser heimlicher Begleiter bei Wachwechsel immer noch zu sehen war.« 64
Wie zur Bestдtigung erklang eine Stimme aus dem GroЯmasttopp und lieЯ mehrere Seeleute nach oben spдhen. »An Deck! Schiff in Luv voraus! Setzt die Bramsegel!« Duncan quittierte mit einem Grunzen und wandte sich nach vorn, um sein eigenes Schiff zu beobachten, das sich unter dem wachsenden Winddruck schon leicht ьberzulegen begann. Das zweite Boot wurde gerade ьber das Schanzkleid gehievt und eingesetzt. Sparrowhawk machte wieder Fahrt. Der Segelmeister stellte fest: »Sie wird auf konvergierendem Kurs zu uns liegen, Sir.« »Ein Mann mit scharfen Augen soll gut Ausguck nach ihr halten.« Duncan verdrдngte die momentan in ihm aufsteigende Besorgnis. Im ersten Augenblick hatte er geglaubt, das andere Schiff sei die Achates, und Bolitho komme ihm entgegen, um den Grund fьr seine Verspдtung zu erfahren. Mit knarrenden Blцcken und knirschenden Leinen begann Sparrowhawk, auf den Wind in ihren Segeln zu reagieren. »Nord zu West, Sir! Voll und bei!« Duncan rieb sich das rote Gesicht, wдhrend er auf mehr Wind wartete. Aber er reichte schon aus, das Schiff Fahrt aufnehmen zu lassen. Selbst das winzige Eiland, das eine Zeitlang an der Kimm gestanden hatte, war bereits verschwunden, bevor der Master es identifizieren konnte. Wahrscheinlich eine Insel der Bahamagruppe, sagte sich Duncan. Auch bei San Felipe hatte er solch kleine Inseln gesichtet, eine davon sogar seltsamerweise mit einem Kirchturm. Man hatte ihm gesagt, daЯ sich dort ein Missionsorden niedergelassen habe und in vцlliger Abgeschiedenheit lebe. San Felipe war ursprьnglich in spanischem Besitz gewesen, deshalb mochten diese Mцnche durchaus ein Ьberbleibsel aus alten Zeiten sein. Duncans Laune begann sich zu bessern. Wenn er's recht ьberlegte, hatte er nur ausgefьhrt, was ihm befohlen worden war. Bolitho wьrde sich schon einen Reim auf alles machen kцnnen, was sein Fregattenkapitдn auf San Felipe gesehen und gehцrt hatte. »Ich gehe unter Deck, Mr. Palmer. MuЯ noch einen Brief beenden. Wer weiЯ, vielleicht kцnnen wir frьher als gedacht Post in die Heimat schicken!« 65
Palmer lдchelte. War der Kommandant guter Stimmung, war das Leben leichter fьr alle. Als die Segel im Wind immer voller standen und die weiЯe Bugwe lle allmдhlich wuchs, wurde auch das andere Schiff grцЯer und grцЯer; zielstrebig kam es auf konvergierendem Kurs heran. Zu groЯ fьr eine Fregatte, ьberlegte Palmer, der in den Webeleinen in Luv hing und sein Teleskop auf den Fremdling richtete. Er leuchtete grell in der Sonne, und seine hell und dunkel gewьrfelten LeeStьckpforten schnitten fast unter, so krдngte er im auffrischenden Wind, der die Sparrowhawk noch nicht erreicht hatte. Wahrscheinlich ein Westindienfahrer, konstatierte Duncan. Die waren neuerdings so schnittig wie Kriegsschiffe. Nicht umsonst hieЯ es ja, daЯ so ein Gemьsekipper mit einer Fahrt me hr verdiente als ein Marineoffizier in zehn Jahren. »Sie hiЯt ein Signal, Sir!« »Das sehe ich selbst, verdammt!« Palmer hatte das lange Warten bei Hitze und Flaute zermьrbt; so grob zu reagieren, war sonst nicht seine Art. Der Signalfдhnrich schluckte nur und richtete sein starkes Glas auf das andere Fahrzeug, beobachtete die bunten Flaggen, die an seiner Signalrah aufstiegen. »Sie haben uns etwas mitzuteilen, Sir.« Der Erste Offizier unterdrьckte einen Fluch. Wahrscheinlich war die Mitteilung vцllig bedeutungslos; aber wдhrend sie ьberflьssige Informationen austauschten, konnten sie den Wind wieder verlieren. »Bestдtigen Sie, Mr. Clements«, befahl er unwirsch und winkte den Midshipman der Wache heran. »Und Sie, Mr. Evans, melden dem Kommandanten, daЯ wir beidrehen mьssen.« Palmer wandte sich wьtend ab; das wьrde dem Kommandanten die gute Laune rasch verderben. Mit bis zum Gьrtel offenem Hemd kam Duncan aus dem Kajьtsniedergang und musterte wortlos das fremde Schiff. Es konnte ihnen eine fьr ihre Unternehmung wichtige Nachricht bringen; andererseits mochte der Kapitдn auch nur Klatsch und Tratsch austauschen wollen. Wenn sich zwei Schiffe so fern der Heimat trafen, war das nicht ungewцhnlich. »Kьrzen Sie Segel, Mr. Palmer. Klar zum Beidrehen.« 66
Er verschrдnkte die Hдnde auf dem Rьcken und sah zu, wie seine Leute auf ihre Stationen eilten. »Hart Luvruder!« Duncan winkte nach dem Midshipman. »Ihr Glas bitte, Mr. Evans.« Als er das Teleskop entgegennahm, fiel sein Blick auf den Jungen. Evans war erst dreizehn Jahre alt, der Jьngste in seiner Messe. Ein munteres Kerlchen, das schon mehr als einmal zur Strafe fьr seine Streiche in den Mast geschickt worden war. Duncan hob das Glas und spreizte gleichzeitig haltsuchend die Beine, weil das Schiff gerade in ein Wellental sackte; vorn fierten die Seeleute die Stagsegelschoten, damit Sparrowhawk durch den Wind drehen konnte. Fьr eine Landratte muЯte das Schiff jetzt einen vцllig auЯer Kontrolle geratenen Anblick bieten; aber gleich wьrde es sich auf den anderen Bug legen und die Mannschaft noch mehr Segel aufgeien. Duncan lдchelte grimmig in sich hinein. Er fьhrte sein Schiff gern mit fester Hand, zwang es ins Joch wie ein eigenwilliges Pferd. Aber er erstarrte, als das andere Schiff riesenhaft in seiner Telesko plinse auftauchte. Seine Rahen schwangen herum, die Segel blieben steif wie eiserne Brustpanzer, und es wechselte den Kurs, aber nicht um anzuluven, sondern nach Steuerbord. Donnernd fьllte sich die Breitfock an ihrer Rah, und das Schiff schien einen Satz nach vorn zu machen, quer hinter dem Heck der Fregatte vorbei. Duncan brьllte: »Belege das, Mr. Palmer! Anluven!« Aber es war zu spдt, seinen letzten Befehl rьckgдngig zu machen. An Deck herrschte Konfusion. Mдnner stьrzten an Brassen, Halsen und Schoten, Blцcke und Winschen knarrten, und immer noch mehr Hдnde packten mit an, um die Rahen wieder herumzuholen. Duncan kam ins Schwanken, als das Deck sich ьberlegte und das Schiff zu reagieren versuchte; aber sie hatten sich festgesegelt. Die Segel killten und schlugen wirkungslos gegen Masten und Spieren. »Klar zum Gefecht!« Mit wildem Blick starrte Duncan zu dem Fremden hinьber, trotz der Hitze fror er bis ins Mark. Er hдtte es vorhersehen mьssen! Jetzt war es zu spдt, denn noch wдhrend er hinsah, flogen drьben die Stьckpforten auf, die schwarzen Rohre reckten sich ins Licht, wohingegen auf der Sparrowhawk verwirrte Soldaten erst die Trommelstцcke wirbeln 67
lieЯen; mehr Mдnner strцmten aus den Niedergдngen, zum Teil immer noch in Unkenntnis der drohenden Gefahr. Duncan stand wie angewurzelt, dem regelmдЯigen Einzelfeuer zugewandt, das jetzt aus der Bordwand des Fremden schoЯ und mit gelbroten Feuerzungen nach ihnen leckte, gefolgt von dick heranrollenden Rauchbдnken. In der nдchsten Sekunde krachte ein Eisenhagel mit infernalischer Gewalt in Rumpf und Rigg der Fregatte, mдhte Mдnner um, zerfetzte Spieren und Taue, riЯ Lцcher in die schlagenden Segel und ­ was am schlimmsten war ­ fuhr wie ein Sensenhieb vom Heck aus durch die ganze Lдnge des Batteriedecks, alles in blutiges Chaos verwandelnd. Duncan krallte die Fдuste in die Webeleinen und schrie wie ein verwundeter Stier, als eine Kugel auf dem Achterdeck eine Kanone umriЯ und ьber die splitternden Planken weiterpflьgte, eine Spur aus Blut und Leichen hinter sich herziehend. Er spьrte einen Schlag gegen seine Hьfte wie von einer Axt, und als er hinblickte, pulsierte Blut in breitem Strom an seinem Bein hinunter; dann kam der Schmerz, und er hцrte sich aufstцhnen in Todesnot. Ein gewaltiger Schatten glitt ьber ihn hinweg: der Besanmast, der mit Donnergetцse umstьrzte und seine ganze Takelage mit allen Mдnnern darin ьber Bord ins Verderben riЯ. Wieder bockte der Rumpf und bдumte sich auf unter den Einschlдgen einer feindlichen Breitseite. Duncan muЯte sich an die Finknetze klammern, um nicht zu stьrzen. Der Feind war ihrer Drehbewegung gefolgt, seine oberen Segel blдhten sich ьber dem Rauch wie die Schwingen des Todesengels. Er feuerte pausenlos weiter, und immer noch war auf Sparrowhawk nicht eine einzige Kanone geladen. Das Deck war ьbersдt mit Toten und Sterbenden, und als Duncans Blick auf das Ruder fiel, sah er, daЯ das groЯe Rad gesplittert war; zu seinen FьЯen lagen zerschmettert der Master und seine beiden Rudergдnger. »Mr. Palmer!« Aber Duncans Schrei war nur ein Krдchzen. Sein Erster Offizier kniete neben der Reling; den Mund in lautlosem Brьllen weit aufgerissen, starrte er auf seine beiden Hдnde nieder, die wie abgestreifte Handschuhe vor ihm lagen. Bei den Einschlдgen der nдchsten Salve sank auch Duncan auf die Planken. Er hцrte die Kugeln unten durch die Schottwдnde krachen 68
und sah aus einer offenen Luke Rauch emporkrдuseln. Die Sparrowhawk brannte. Er versuchte wieder aufzustehen, Wut und Verzweiflung weckten seine letzten Krдfte. Ьber und ьber blutbedeckt, war er ein schrecklicher Anblick. Doch er fьhlte, wie das Blut alle Kraft aus seinem Kц rper schwemmte; es gerann auf den Planken zu den grдЯlichen Mustern, die schon das ganze Deck ьberzogen. »Ich helfe Ihnen, Sir!« Duncan legte dem Jungen einen Arm um die Schultern. Es war nur der kleine Evans, aber sein Anblick richtete den Kommandanten etwas auf. Er keuchte: »Bin fertig, Junge. Sieh nach den anderen.« Er spьrte den Kadetten unter seinem Griff zusammenfahren und sah die nackte Angst in seinen Augen. Da packte er ihn noch fester mit seiner blutigen Faust. »Halte durch mein Sohn, jetzt bist du ein Offizier. Zeig's ihnen...« Und damit stьrzte Duncan abermals, aber diesmal stand er nicht mehr auf. Eine Handvoll Seeleute und Soldaten kam nach achtern gerannt und hдtte sich ьber Bord gestьrzt, wдre der dreizehnjдhrige Seekadett ihnen nicht entgegengetreten. Er schrie: »Setzt das Boot aus! Bootsmann, ьbernehmen Sie das!« Als ihn einer der Fliehenden beiseitestieЯ, griff er sich eine Pistole und feuerte in die Luft. Noch einen Augenblick starrten sie einander an wie Irre, und dann gewann die Disziplin die Oberhand. Sie warfen ihre Waffen weg und rannten zu dem Boot, um es zu Wasser zu lassen. Immer noch schlugen vereinzelt Kugeln in den Rumpf, doch Sparrowhawk hatte keine Widerstandskraft mehr. Sie lag schon tief im Wasser, die See schwappte bereits im Orlopdeck und stieg schnell hцher; blank glitzerte Wasser am FuЯ der Niedergangstreppe. Evans rannte zu seinem Freund, dem Signalfдhnrich, aber der war schon tot. In seiner Brust klaffte eine Wunde, so groЯ wie eine Mд nnerfaust. Vorsichtig richtete Evans sich auf. Seine FьЯe glitten in den Blutlachen aus, als das Heck sich aus der See hob. Er glaubte, eines der anderen Boote in der Nдhe zu hцren und die Stimme des Dritten Offiziers, der Ьberlebende zusammenrief und Ordnung herzustellen versuchte. 69
Noch einmal blickte Evans auf seinen toten Kommandanten nieder, den Mann, den er gefьrchtet und bewundert hatte. Jetzt war er ein Nichts, und das verstцrte Evans; er fьhlte sich betrogen. Ein vierschrцtiger Marinesoldat hastete vorbei, einen verwundeten Kameraden wie einen Sack ьber die Schulter geworfen. Er verhielt kurz bei Evans und keuchte: »Kommen Sie, Sir, hier gibt's nichts mehr zu tun.« Der Verwundete stцhnte, und sein Trдger wollte sich abwenden, aber irgend etwas in Evans' Gesicht hielt ihn fest. Der Seesoldat hatte die Schlacht bei Abukir und auch die am Kap St. Vincent mitgemacht und schon viele Freunde sterben gesehen. Grob fuhr er den Jungen an: »Du hast getan, was du konntest, also komm jetzt mit, ja?« Ein Beben ging durch das Schiff. Die Sparrowhawk begann unterzuschneiden. Der kleine Kadett folgte dem Seesoldaten zum Schanzkleid und zuckte nicht einmal zusammen, als der GroЯmast wie eine ьberhд ngende Klippe donnernd von oben kam. »Ich bin soweit, danke.« Es klang seltsam in diesem schrecklichen Augenblick. Kanonen rissen sich los und krachten, tote und wimmernde Mдnner zermalmend, der Lдnge nach durch die Decks. Sparrowhawk reckte noch einmal das Heck empor und ging dann steil nach unten. Wo sie versank, drehte sich ein Wirbel aus Wrackteilen, Menschen und GliedmaЯen ­ noch lange, nachdem der Angreifer mehr Segel gesetzt hatte und sich mit westlichem Kurs davonmachte. Als Zeugen der Vernichtung blieben zwei Boote und ein flьchtig zusammengelaschtes FloЯ zurьck, umdrдngt von Ьberlebenden, die um einen Platz an Bord oder wenigstens um Halt fьr ihre Fдuste kдmpften. Eine Woche danach sichtete die amerikanische Brigg Baltimore Lady, unterwegs von Guadeloupe nach New York, ein treibendes Boot und drehte bei, um es sich nдher anzusehen. Das Boot war voller Mдnner, alle von der Sonne verbrannt und ausgedцrrt, einige tot, der Rest nur noch halb am Leben. Die Toten waren ihren Wunden erlegen oder verdurstet, die Ьberlebenden konnten kaum sprechen. Aber die Spuren von Haizдhnen an der AuЯenhaut des Bootes waren beredt 70
genug: Tiefe Riefen zeigten, wo die Bestien die Mдnner weggerissen hatten, die sich auЯen anklammerten. Eine Art Offizier fьhrte das Kommando im Boot; der Maat der Brigg beschrieb ihn spдter als »halbes Kind«. Midshipman Evans hatte Duncans letztem Befehl gehorcht und >nach den anderen gesehen<. Aber das Erlebnis verfolgte ihn fьr den Rest seines Lebens. Samuel Fane betrachtete Bolitho ohne jede Gefьhlsregung. »Ich habe mit dem Prдsidenten gesprochen«, sagte er. »Und auЯerdem habe ich die Angelegenheit San Felipe mit dem franzцsischen Admiral diskutiert.« Auch Bolitho war die Ruhe selbst. Es hatte keinen Sinn, Fane vo rzuwerfen, daЯ er hinterrьcks mit den Franzosen verhandelt hatte. Das war sein gutes Recht, wenn Boston als neutraler Boden galt. Auch erwies es sich als hilfreich, daЯ er diesmal mit Fane an Bord seines eigenen Flaggschiffs verhandelte. An Land, als Gast in Chases prunkvollem Haus, war er der Fremdling gewesen. Doch jetzt, inmitten der vertrauten Umgebung, fьhlte er Sicherheit und Zuversicht. Er sagte: »Ehe ich nicht den Bericht meines Fregattenkapitдns vo rliegen habe, kцnnen keine weiteren Schritte unternommen werden. Vielleicht lдЯt sich ein KompromiЯ erarbeiten, aber nur auf der Grundlage der augenblicklichen Situation. Sir Humphrey Rivers ist der britische Gouverneur auf San Felipe, nicht mehr und nicht weniger.« Jonathan Chase hatte schon zwei Glдser WeiЯwein geleert, wohl aus Sorge um den Verlauf der Besprechung, von der er sich diesmal einen besseren Ausgang erhoffte. »Das ist doch nicht unbillig, Sam, oder?« schaltete er sich vermittelnd ein. Fanes tiefliegende Augen glitten ьber ihn hinweg. »Meine Regierung duldet in ihrer EinfluЯsphдre keinerlei Kriegshandlungen, die das amerikanische Interesse an freiem Handel und Verkehr beeintrдchtigen wьrden. Ich halte es fьr die beste Lцsung, daЯ die Insel amerikanisches Protektoratsgebiet wird, wenn die Bewohner eine Ьbergabe ablehnen.« Und abschlieЯend, mit einem resignierten Seufzer: »Aber wenn der Admiral zuerst eine Demonstration der Stдrke wьnscht, dann mьssen wir ihm wohl den Gefallen tun.« 71
Chase hielt Ozzard sein Glas zum Nachfьllen hin. »Herrgott, Sam, mьssen Sie immer so tierisch ernst sein?« Fane lдchelte verkniffen. »Meistens.« An Deck oben erklangen Schritte, Befehle wurden gerufen. Das war Bolithos Welt, und nicht diese Doppelzьngigkeit hier unten. Er erhob sich und trat an die Heckfenster. Eine leichte warme Brise strich ьber die Massachusetts Bay und hatte den Himmel bis auf einige rosa Wцlkchen leergefegt. Wie einladend doch die See aussah! Fane sagte in seinem Rьcken: »Es mag einige Monate dauern, bis die Angelegenheit bereinigt ist, aber was macht das schon? Die Franzosen bestehen nicht auf sofortiger Besetzung der Insel. Damit gewinnen wir alle mehr Zeit.« Bolitho gewahrte drauЯen auf Reede plцtzlich eine kleine bewaffnete Brigg, die in den Wind drehte, ihren Anker klatschend fallen lieЯ und routiniert die Segel barg. An ihrer Gaffel zьngelte eine Flagge im Wind, die die gleichen Farben trug wie Achates' Nationale. Bolitho erwiderte: »Ich bin von der Regierung Seiner Majestдt beauftragt, die Insel zu ьbergeben, Sir. Niemand hat ein Interesse an einem Volksaufstand, schon gar nicht jetzt, da Westindien sich allmдhlich vom Krieg erholt.« Die Brigg hatte ein Boot ausgesetzt, das bereits hastig in Richtung des Flaggschiffs pullte. Bolitho spьrte plцtzlich einen Nerv an seiner Schlдfe zucken. Was hatte diese Eile zu bedeuten? Brachte die Brigg bereits Neuigkeiten aus der Heimat oder... Widerstrebend wandte er sich vom Fenster ab, zwang sich, dem anderen ins Gesicht zu sehen, obwohl seine von der Sonne geblendeten Augen in der Kajьte kaum etwas erkennen konnten. »Ich werde Ihrem Prдsidenten ein Schreiben senden. Wir wissen zu schдtzen, daЯ er beabsichtigt...« Bolitho unterbrach sich und fuhr herum, weil Ozzard gemurmelt hatte: »Der Kommandant ist hier, Sir.« Keen stand unter der Tьr, den Hut in der Armbeuge. »Bitte um Nachsicht fьr die Stцrung, Sir.« Sein Blick wanderte ьber die Anwesenden. »Aber der Kommandant der Brigg Electra ist an Bord gekommen ­ mit einer Nachricht fьr Sie, Sir.« Keens Blick wurde beschwцrend. »Einer sehr ernsten Nachricht.« 72
Bolitho nickte. »Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, meine Herren.« Er folgte Keen aus der Kajьte und fand einen jungen Offizier vor dem Kartenraum warten. GepreЯt sagte Keen: »Dies ist Kapitдnleutnant Napier, Sir.« Bolitho forderte ihn auf: »Berichten Sie.« Napier muЯte schlucken; die Electra war sein erstes Kommando, und er hatte noch nie zu einem Vizeadmiral gesprochen. »Wir segelten mit sьdlichem Kurs, als wir eine amerikanische Brigg sichteten. Sie signalisierte um Hilfe, und als ich an Bord ging, stellte ich fest, daЯ sie britische Seeleute ьbernommen hatte.« Er senkte den Blick. »Schiffbrьchige.« Bolitho sah Keen an, dessen Gesicht unter der Sonnenbrдune bleich geworden war. »Ьberlebende von der Sparrowhawk, Sir«, schloЯ der Kapitдnleutnant gedдmpft. Bolitho verkrampfte die Hдnde auf dem Rьcken, um sich seine Erschьtterung nicht anmerken zu lassen. Insgeheim hatte er schon lange befьrchtet, daЯ der kleinen Fregatte Schlimmes zugestoЯen war. Aber er hatte an einen Orkan gedacht, an ein heimtьckisches Riff oder an irgendeine der vielen anderen Gefahren, denen ein alleinsegelndes Schiff zum Opfer fallen konnte. Napier berichtete weiter: »Sie wurden ьberfallen, Sir. Offenbar von einem Zweidecker, obwohl...« Bolitho sah die Szene vor sich, als hдtte er sie miterlebt: Ein Angriff wie damals auf Achates, ohne jede Vorwarnung. Nur war, das Opfer diesmal hoffnungslos unterlegen gewesen, selbst fьr den Fall, daЯ Duncan mit Feindseligkeiten rechnete. »Wie viele Ьberlebende?« Wieder konnte der junge Kommandant Bolitho nicht in die Augen sehen. »Fьnfundzwanzig, Sir, und einige davon in hoffnungslosem Zustand.« Bolitho ьberlief ein kalter Schauder. Fьnfundzwanzig aus einer Besatzung von zweihundert Seelen. »Offiziere darunter?« Fast erkannte er die eigene Stimme nicht. »Keine, Sir. Nur ein Midshipman. Es war auch noch seine erste Fahrt.« 73
Also war Duncan mit seinem Schiff untergegangen, dachte Bolitho bitter. Er sah ihn noch vor sich als Gast auf seiner Hochzeitsfeier in Falmouth. Ein guter Offizier, charakterfest und verlдЯlich. Es konnte nicht sein. Das trдumte er nur. Der Kapitдnleutnant faЯte Bolithos Schweigen fдlschlich als MiЯbilligung auf und fuhr hastig fort: »Der Midshipman berichtete, daЯ sich der Dritte Offizier in ein anderes Boot gerettet hatte, obwohl von Splittern in Gesicht und Hals getroffen. Wдhrend der Nacht trieben die Boote auseinander, und dann kamen die Haie.« Napier blickte zu Boden. »Bringen Sie den Midshipman zu mir.« Bolitho sah das Zцgern des anderen. »Ist er verwundet?« »Nein, Sir.« Keen befahl abschlieЯend: »Also veranlassen Sie das.« Als der Kapitдnleutnant davoneilte, wies Bolitho Keen an: »Ve rstдndigen Sie meinen Adjutanten. Er muЯ sofort an Bord zurьckkehren. Mit einem schnellen Pferd oder sonstwie.« Aber Keen starrte Bolitho immer noch an. »Es war dasselbe Schiff, nicht wahr, Sir?« »Ganz bestimmt.« Bolithos Blick blieb fest. »Stellen Sie unseren Arzt fьr die Verwundeten ab. Die Ьberlebenden der Sparrowhawk werden in unserer Stammrolle ьbernommen. Sie sollen dabeisein, wenn Achates mit diesem Schlдchter abrechnet!« Damit kehrte Bolitho in seine Kajьte zurьck. Aber sein ДuЯeres muЯte sich irgendwie verдndert haben. Chases Hand mit dem halbleeren Glas blieb auf dem Weg zu seinen Lippen in der Luft hдngen, Ozzard erstarrte mit der Karaffe in der Hand. Fanes Blick folgte Bolitho zu den Heckfenstern, bevor er fragte: »Eine schlechte Nachricht, Admiral?« Bolitho fuhr herum und musterte ihn; nur mit Mьhe konnte er die weiЯglьhende Wut unterdrьcken, die in ihm aufwallte. »Ich laufe aus, sowie alle meine Leute an Bord sind.« Chase beugte sich im Stuhl vor, als wolle er Bolitho eingehender betrachten. »Also warten Sie doch nicht auf Ihre Fregatte?« Bolitho schьttelte den Kopf. »Ich habe das Warten satt.« Er sah das Boot der Brigg drauЯen ein zweites Mal heranpullen. Es war grausam, den jungen Midshipman nach allem, was er durchge- 74
macht hatte, zum Rapport zu befehlen. Aber er muЯte alles erfahren, was der Junge wuЯte. Ruhig sagte er: »Sparrowhawk ist versenkt worden.« Er hцrte Chase ьberrascht nach Luft schnappen. Zu Fane gewandt fьgte er hinzu: »Sie sehen also, meine Herren, es kцnnte doch zu Kriegshandlungen kommen, ehe die Ьbergabe zur Zufriedenheit aller vollzogen wird.« VI Abschied von Boston Kapitдn Valentine Keen saЯ mit ьbergeschlagenen Beinen in Bolithos Kajьte und sah zu, wie sein Vorgesetzter eine Depesche an die Admiralitдt in London noch einmal durchlas. Sie sollte mit der Brigg Electra abgehen und schlieЯlich von einem Kurierschiff der britischen Marine weiterbefцrdert werden, was bedeutete, daЯ sie vцllig von den Ereignissen ьberholt sein wьrde, wenn Admiral Sheaffe sie endlich in Hдnden hielt. Keen verfluchte insgeheim die drьckende Hitze. Sie lag so lдhmend ьber dem Schiff, daЯ selbst die kleinste Bewegung zur Qual wurde. Bolitho setzte seine Unterschrift unter die letzte Seite und sah seinen Flaggkapitдn fragend an. »Also, Val, sind wir klar zum Auslaufen?« Keen nickte und fьhlte sofort SchweiЯ in seinen Kragen rinnen. »Der letzte Wasserleichter hat abgelegt, Sir. Wir warten nur noch...« Heftig sprang Bolitho auf und schritt zu den offenen Heckfenstern. »Auf meinen Neffen. Er sollte lдngst an Bord sein.« Damit hatte er nur seine Gedanken laut ausgesprochen. Das Schiff war klar zum Ankerlichten, alle Boote waren eingesetzt, die Leute vollzдhlig an Bord. Gereizt starrte er zu der kleinen Brigg hinьber, mit der die Nachricht ьber den Verlust der Sparrowhawk gekommen war. Ihr junger Kommandant wьrde aufatmen, wenn er erst dem EinfluЯbereich dieses fremden Admirals entronnen war. Sein kleines Schiff konnte nun nach Antigua eilen und die Kunde von dem geheimnisvo llen Wegelagerer verbreiten, der ohne Namen und Nationalflagge segelte. Bolitho hдtte viel darum gegeben, wenn er Electra hдtte behalten kцnnen, aber es war vorrangig, daЯ vor dem unbekannten Angrei- 75
fer gewarnt wurde. Noch andere Schiffe mochten seine Opfer werden. Keen konnte seinem Admiral fast die Gedanken vom Gesicht able- sen. In Kriegszeiten hatten sie so vieles gemeinsam erlebt und durchgestanden; und jetzt, angeblich mitten im Frieden, wurden sie mit einem Gegner konfrontiert, der ebenso rдtselhaft wie furchterregend war. Ьber ihren Kцpfen polterten Schritte, dann schrillten die Pfeifen und riefen die Wache an irgendeine neue Arbeit, beaufsichtigt vom scharfen Auge des Ersten Offiziers. Bolitho entging Keens mitfьhlender Blick. Seine Gedanken drehten sich immer wieder im Kreis, als sei sein Kopf ein Gefдngnis. Sollte er hier in Boston warten oder nach San Felipe segeln? Es hing ganz allein von ihm ab, wie auch Duncans Tod auf seine Entscheidung zurьckging. Keen hatte mit dem ьberlebenden Midshipman gesprochen, aber nur wenig aus ihm herausbekommen. Dann hatte Bolitho Allday gebeten, den jungen Evans auf seine eigene Art auszufragen, und diese Methode hatte verblьffende Resultate gebracht. Allday besaЯ eben die Gabe, sich beilдufig und wie nebenbei mit Leuten zu unterhalten, besonders mit halben Kindern wie Evans. Als Allday Bolitho schilderte, was er Evans entlockt hatte, glaubte Bolitho, selbst Zeuge dieses kurzen, mцrderischen Treffens gewesen zu sein, das mit Sparrowhawks vцlliger Vernichtung geendet hatte. Ein Wunder, daЯ der Junge nicht zusammengebrochen war, dachte Bolitho. SchlieЯlich segelten sie nicht in den Krieg, mit dem Tod als allgegenwдrtigem Schatten. Es war Evans' erste Reise gewesen, zwar auf einem Kriegsschiff, aber in friedlicher Mission. Auch kam er nicht aus einer Familie von Seeleuten, sondern war der Sohn eines walisischen Schneiders. Seinen besten Freund und Kameraden wie ein Tier abgeschlachtet zu sehen, dem verwundeten Duncan im Tode Beistand zu leisten, wдhrend das tцdlich getroffene Schiff unter ihm versank, war mehr, als die meisten seiner Altersgenossen verkraftet hдtten. Vielleicht wьrde der Schock erst spдter, mцglicherweise nach Monaten, auftreten. Allday berichtete, daЯ Evans eine Explosion zu hцren glaubte, als sein Boot von der sinkenden Fregatte wegpullte. Sie hatten ja nicht einmal Zeit gehabt, das Kombьsenfeuer zu lцschen. Wahrscheinlich 76
waren die Flammen auf das Pulvermagazin ьbergesprungen. So kam das Ende fьr die an Bord Verbliebenen wenigstens schnell, und die Schockwelle der Explosion hatte die Haie eine Weile von den Schwimmern ferngehalten. Ein anderer Ьberlebender, ein erfahrener Artillerist, hatte Allday berichtet, daЯ das Kanonenfeuer ihres Mцrders lauter und heller geklungen hatte, als zu erwarten gewesen war. Er glaubte, daЯ seine Batterie aus Kanonen bestand, die groЯkalibriger waren als ьblich, wenn auch der Zahl nach reduziert. Bolitho warf einen Blick auf den Achtzehnpfьnder neben seinem Schreibtisch. Wahrscheinlich also ZweiunddreiЯigpfьnder. Aber warum? Die Tьr цffnete sich langsam, und Yovell spдhte zцgernd herein. Bolitho sagte: »Die Depeschen sind fertig.« Waren sie denn ьberhaupt von Bedeutung? Er wuЯte es besser, und Keen ebenso. Nur leere Worte. Aber die Fakten waren ebenso eindeutig wie grausam: Er hatte ein gutes Schiff mit fast der gesamten Besatzung verloren. Und Duncan, einen nahen Freund und tapferen Offizier. Was sollte aus seiner jungen Witwe werden? Yovell stand immer noch im Tьrrahmen. »Ein Postschiff wirft gerade Anker, Sir«, sagte er. »Es kommt aus England.« Bolitho starrte ihn an und sah mit Schrecken die Furcht in Yovells rundem Gesicht. Mein Gott, dachte er, der Mann hat ja Angst vor mir. Aber dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Schock: Der Sekretдr дngstigte sich vor seiner Gereiztheit, weil das Postschiff mцglicherweise keine Nachricht von Belinda mitbrachte. Als Bolitho das begriffen hatte, fiel es ihm leichter, seine quдlende Spannung zu meistern. »Danke, Yovell«, sagte er. »Nehmen Sie die Pinasse und schaffen Sie meine Depeschen auf die Electra. Auch alle Briefe der Besatzung.« Er sah den Sekretдr noch zцgern. »Und danach lassen Sie sich zum Postschiff rudern, ja? Vielleicht haben sie dort Briefe aus der Heimat fьr uns«, schloЯ er. Bolitho setzte sich und sagte, als Yovell verschwunden war: »Wenn ich zu Ihnen allen ziemlich gereizt war, Val, mцchte ich mich entschuldigen.« 77
Keen nutzte den gьnstigen Augenblick. »Als Ihr Flaggkapitдn, Sir«, sagte er, »steht es mir doch frei, aus gegebenem AnlaЯ Vorschlдge zu machen oder Warnungen auszuspreche n?« »Das stimmt.« Bolitho lдchelte grimmig. »Thomas Herrick hat von diesem Recht ausgiebig Gebrauch gemacht, also sprechen Sie ganz offen.« Keen hob die Schultern. »Sie werden von allen Seiten bedrдngt, Sir. Die Franzosen weigern sich, mit Ihnen ьber San Felipe zu reden, und sie mьssen es auch nicht tun, da ja unsere beiden Regierungen ьber die Zukunft der Insel bereits Vereinbarungen getroffen haben. Die Amerikaner wollen die Franzosen nicht vor ihrer Haustьr haben, weil das ihre Strategie in einem zukьnftigen Konflikt behindern kцnnte. Der Gouverneur von San Felipe bekдmpft die Ьbergabe ­ also Sie ­ mit allen Mitteln, und ich nehme an, damit hat Admiral Sheaffe von Anfang an gerechnet. Weshalb sich also den Kopf zermartern? Wenn der Gouverneur nicht kapitulieren will, kцnnen wir ihn unter Arrest stellen oder sogar in Eisen legen.« Keens Ton wurde hдrter. »Zu viele Leute sind seinetwegen schon gestorben. Es wдre besser, wenn wir selbst die Insel ьbernдhmen, als ihr Schicksal ihm zu ьberlassen. Er strebt wahrscheinlich vцllige Unabhдngigkeit von der britischen Krone an und spielt zu diesem Zweck eine Partei gegen die andere aus ­ solange wir es ihm gestatten.« Bolitho lдchelte. »Das habe ich auch schon bedacht. Aber der Ve rlust von Sparrowhawk und der unprovozierte Angriff auf uns passen nicht ins Bild. Wenn mich nicht alles tдuscht, war das Schiff ein spanischer Werftbau, doch seine Allerkatholischste Majestдt, der Kцnig von Spanien, hat keine Einwдnde gegen die Ьbergabe von San Felipe erhoben. Also haben wir es entweder mit einem versuchten Staatsstreich zu tun oder mit Piraterie in groЯem MaЯstab. Zum Teufel, Val, nach diesem langen Krieg gibt es doch eine Menge Kapitдne mit der nцtigen Erfahrung und auch Verzweiflung fьr ein Spiel um so hohen Einsatz.« Keen legte die Fingerspitzen gegeneinander. »Ich weiЯ, Sir, daЯ Sie sich jetzt groЯe Sorgen um Ihre Frau machen.« Er sah Дrger in Bolithos grauen Augen aufblitzen und fuhr schnell fort: »Das lange Warten muЯ die Hцlle fьr Sie gewesen sein, besonders nach Ihren Erlebnissen in der Gefangenschaft.« 78
Ein Boot pullte unter dem Heck vorbei, und Bolitho trat an ein Fe nster, um die Passagiere zu mustern. Aber es waren nur Neugierige und ein paar kleine Hдndler, die immer noch versuchten, mit den Matrosen an Bord das eine oder andere Geschдft zu machen. Adam war nicht dabei. Wieder erriet Keen seine Gedanken. »Er ist noch so jung, Sir. Vielleicht war es ein MiЯgriff, ihn zum Flaggleutnant zu machen.« Wьtend fuhr Bolitho herum. »Hat Browne das gesagt?« Keen schьttelte den Kopf. »Es ist meine persцnliche Meinung. Ihr Neffe ist ein prдchtiger junger Mann und hat meine volle Sympathie. Sie haben von Anfang an die Hand ьber ihn gehalten, haben ihn behandelt wie einen Sohn.« Bolithos Widerstandskraft erlahmte. »War das denn so falsch?« Traurig lдchelte Keen. »Auf keinen Fall, Sir.« Bolitho schritt an Keens Stuhl vorbei und legte seinem Flaggkapitдn kurz die Hand auf die Schulter. »Aber Sie haben ganz recht. Ich wollte die Augen davor verschlieЯen.« Er winkte ab, als Keen zu protestieren begann. »Ich habe Adams Mutter nie kennengelernt, niemand kannte sie. Immerhin hat sie ihn den ganzen Weg bis nach Falmouth geschickt, zu mir. Das war vielleicht das einzig Gute, was sie in ihrem Leben tat. Aber was mich betrifft, so haben Sie recht: Ich liebe Adam wie einen Sohn, doch er ist es nicht. Sein Vater war mein Bruder Hugh. Vielleicht hat er Hughs Charakter geerbt...« Keen stand auf. »Lassen wir es dabei bewenden, Sir. Ihr Grьbeln bringt Sie auch nicht weiter, es zermьrbt Sie nur. Wir alle blicken zu Ihnen auf. Und ich glaube, uns steht Schlimmes bevor. Wahrscheinlich hat man uns nur deshalb hierher gesandt.« Bolitho schenkte zwei Glдser Wein ein und reichte Keen eines davon. »Sie sind mir ein guter Flaggkapitдn, Val. Nur ein mutiger Mann konnte das eben aussprechen. Und es stimmt. Private Gefьhle dьrfen jetzt keine Rolle spielen. Spдter vielleicht ­ aber jetzt wьrde jedes Zeichen von Besorgnis sofort das ganze Schiff anstecken.« Er hob sein Glas und lieЯ den Wein in der Sonne funkeln. »Das alte Kдthchen wird sich bald tapfer schlagen mьssen. Einen Admiral, der vor privaten Sorgen an nichts anderes mehr denkt, kann sie nicht gebrauchen.« 79
Ein zaghaftes Klopfen an der Tьr, und dann trat Yovell ein, den Blick wie gebannt auf Bolitho gerichtet. Keen muЯte wegsehen, als Bolitho den Brief aus Yovells Hand entgegennahm. Er wдre gern gegangen, wagte aber nicht, sich zu rьhren. Yovell empfand anscheinend ebenso. Bolitho ьberflog den kurzen Brief und faltete ihn dann sorgsam. »Bringen Sie das Schiff bitte in Fahrt, wenn Sie soweit sind. Der Wind sollte reichen zum Auslaufen.« Er begegnete Keens fragendem Blick. »Der Brief kommt von meiner Schwester in Falmouth. Meiner Frau...« Als beschwцre er damit Unheil herauf, zцgerte er, ihren Namen auszusprechen. »Belinda geht es nicht gut. Der Brief wurde schon vor ziemlich langer Zeit geschrieben, denn das Postschiff hat noch andere Hдfen angelaufen, ehe es nach Boston kam. Aber sie wollte mich wissen lassen, daЯ sie an mich denkt.« Er wandte sich ab, weil seine Augen plцtzlich brannten. »Auch wenn sie zu krank war, um selbst zu schreiben.« Keen sah in Yovells erschrecktes Gesicht und bedeutete ihm mit einer Kopfbewegung, sich zurьckzuziehen. Als sie allein waren, sagte er leise: »Sie tat es aus Liebe zu Ihnen, Sir. Und nur das sollten Sie sich vor Augen halten.« Bolitho sah ihn an und nickte dann. »Danke, Val. Bitte, lassen Sie mich jetzt allein. Ich komme gleich an Deck.« Keen schritt an dem Wachtposten drauЯen vorbei und muЯte wieder an Herrick denken; der hдtte bestimmt gewuЯt, was tun. Er aber fьhlte sich so hilflos, auch wenn es ihn tief bewegte, daЯ Bolitho seine Sorgen mit ihm geteilt hatte. Auf dem Achterdeck entdeckte er Allday neben einem Achtzehnpfьnder und winkte ihn heran. Allday hцrte zu, was sein Kommandant zu sagen hatte, und seufzte dann tief auf. »Ich gehe nach achtern, Sir«, sagte er. »Er hat jetzt einen Freund nцtig.« Ein schiefes Grinsen zog ьber sein Gesicht. »Wahrscheinlich geigt er mir die Meinung fьr meine Frechheit ­ aber was soll's? Wenn wir's nicht verhindern, klappt er zusammen wie ein Schnappmesser, darauf kцnnen Sie Gift nehmen.« Keen rьckte seinen Hut gerade und trat ins Sonnenlicht hinaus, wo ihn seine Offiziere und der Master schon erwarteten. 80
»Klar zum Ankerlichten, Mr. Quantock. Und denken Sie daran, daЯ uns der halbe Hafen beobachtet. Also keine Patzer, wenn ich bitten darf.« Als die Offiziere auf ihre Stationen eilten und die Bootsmannsmaatgehilfen mit schrillem Pfeifen alle Mann an Deck riefen, sprang Keen leichtfьЯig die Leiter zur Poop hinauf und musterte die verankerten Schiffe rundum und den Winkel des Verklickers im Masttopp. Mit einem letzten Blick auf das offene Skylight zu seinen FьЯen, unter dem er Bolitho wuЯte, formte er einen Schalltrichter mit beiden Hдnden und rief: »Mr. Mountsteven, Ihre Leute bewegen sich heute wie Krьppel!« Gehorsam tippte der Offizier an seinen Hut und sputete sich. Keen atmete tief aus. Jetzt fьhlte er sich schon etwas besser. Er war wieder der Kommandant, wie ihn alle kannten. Der schwarze Kutscher wischte sich die Hдnde an einem Lappen ab und verkьndete: »Das Rad is' wieder ganz, Sir.« Adam half Robina aufstehen, und sie traten zцgernd aus dem Schatten der Bдume auf die staubige StraЯe hinunter. Die Kutsche hatte in einer Kurve ein Rad verloren und war in den Graben gekippt. Es gab einen Augenblick totaler Konfusion, der Wagenschlag flog auf, und sie wдren fast hinausgeschleudert worden. Aber Adam hatte instinktiv reagiert, in dem einzigen Gedanken, seine Gefдhrtin vor Schaden zu bewahren. So war der Zwischenfall, der mit Blut und Trдnen hдtte enden kцnnen, zum glьcklichen AbschluЯ seines Besuches geworden. Denn als sich der Staub verzog, als Kutscher und Lakai дngstlich herbeieilten und ins Innere der Kutsche spдhten, fanden sie Robina fest von Adams Armen umschlossen, seinen Mund tief in ihr blondes Haar gepreЯt. Adam spьrte ihr Herz schlagen, ebenso heftig wie sein eigenes. Die Reparatur dauerte lдnger als erwartet, aber Adam bemerkte es kaum. Hand in Hand waren sie durch die grьne Parklandschaft gewandert, hatten an einem Bach dem Murmeln des Wassers gelauscht und von allen mцglichen Dingen gesprochen, nur nicht von dem, was ihre Herzen bewegte. Adam kam sein Besuch in Newburyport ьberhaupt wie ein einziges Abenteuer vor. Robina und ihr Vater hatten ihn zu einem kleinen, 81
gemьtlichen Haus begleitet und ihn fasziniert beobachtet, als er von einem Zimmer ins andere wanderte, gefьhrt vom jetzigen Besitzer, einem Freund der Familie; Adam hatte die Tapeten berьhrt, die Kaminsimse und einen alten Sessel, der schon lange zum Inventar gehцrte. Robina hatte nasse Augen bekommen, als er sich in den groЯen Sessel setzte, beide Hдnde um die abgewetzten Armstьtzen gekrampft, als wolle er sie nie mehr loslassen. Leise hatte er gesagt: »Hier hat mein Vater gesessen, Robina. Mein Vater.« Er konnte es immer noch nicht glauben. Jetzt glitt ihre Hand unter seinen Arm, und ihre Wange legte sich gegen seinen Uniformrock. »Du muЯt gehen, Adam«, sagte sie. »Ich habe dich schon viel zu lange aufgehalten.« Zusammen schritten sie zur Kutsche und kletterten hinein. Als die Pferde anzogen, flьsterte das Mдdchen: »Jetzt werden wir bald in Boston sein.« Sie wandte sich ihm zu und sah ihm in die Augen. »Wenn du mцchtest, darfst du mich kьssen, Adam.« Halb scherzend fьgte sie hinzu: »Hier kann uns schlieЯlich keiner sehen. Ich mцchte nicht, daЯ die Leute Robina Chase fьr leichtsinnig halten.« Ihre Lippen schmeckten frisch und kьhl, ihr Haar duftete nach Blumen» Dann schob sie ihn sanft von sich und senkte den Blick. »Also wirklich, Leutnant...« Aber sie konnte den schnippischen Ton nicht durchhalten. Atemlos fuhr sie fort: »Ist das die Liebe, Adam?« Adam lдchelte wie in Trance. »Das muЯ' sie wohl sein.« Die Kutsche rollte ьber Kopfsteinpflaster und dann auf die Bohlen der Pier. Passanten blieben stehen und sahen zu, wie der junge britische Marineoffizier dem blonden Mдdchen fьrsorglich beim Aussteigen half. Adam starrte erstaunt auf die Reede hinaus. Dann sah er das Mд dchen an seinem Arm an. »Was mache ich jetzt, Robina?« Denn es schockierte ihn wie eine kalte Dusche, daЯ Achates verschwunden war. »Also hier seid ihr.« Jonathan Chase nickte seiner Nichte zu und berichtete mit grimmigem Lдcheln: »Sie ist gestern ausgelaufen. Der 82
Admiral konnte gar nicht schnell genug nach San Felipe kommen.« Er spielte mit dem Gedanken, dem Leutnant vom Untergang der Sparrowhawk zu erzдhlen, entschied sich aber mit Rьcksicht auf seine Nichte dagegen. Statt dessen schlug er vor: »Sie kommen besser mit mir, junger Mann. Morgen will ich sehen, wie ich Ihre Weiterreise arrangieren kann. Sie mцchten doch zurьck auf Ihr Schiff, oder?« Er sah, wie ihre Hдnde sich fanden und begriff, daЯ sie ihm gar nicht zugehцrt hatten. Stirnrunzelnd ging er dem jungen Paar zu seiner Kutsche voraus. Robina war sein Augapfel, aber er muЯte den Tatsachen ins Gesicht sehen, an Land ebenso wie frьher auf See. Sie waren ein auffallend schцnes Paar, aber Robinas Familie wьrde niemals zulassen, daЯ sich mehr aus dieser Bekanntschaft entwickelte. Was hatte er sich nur dabei gedacht, als er die beiden zusammenfьhrte? Ein junger Marineoffizier, noch dazu ein Englдnder, dessen einzige Zukunft die Kriegsmarine war, konnte kein aussichtsreicher Bewerber um Robina Chase sein. Also muЯte er wieder auf sein Schiff geschafft werden ­ je schneller, desto besser. Bolitho trat aus dem Schatten der Poop nach vorn zur Querreling. Rund um ihn gingen halbnackte Seeleute ihrer Arbeit nach, die auf einem Kriegsschiff nie ein Ende fand, und warfen ihrem Admiral neugierige Blicke zu. Sie konnten sich nur schwe r an die Anwesenheit eines Flaggoffiziers gewцhnen und verstanden schon gar nicht, daЯ er sich nicht seinem Rang entsprechend kleidete. Wie die anderen Offiziere trug Bolitho lediglich ein Hemd, offen bis zur Brust, und Breeches. Nur zu gern hдtte er auch diese abgelegt, um sich bei der Hitze Erleichterung zu verschaffen. Aber das wдre denn doch zu weit gegangen. Er blickte nach oben und studierte ein Segel nach dem anderen. Im Augenblick standen alle voll, trotzdem konnten sie jederzeit wieder kraftlos einfallen ­ wie die meiste Zeit, seit sie Boston verlassen hatten. Daran dachte Bolitho nicht gern zurьck. Warum hatte Nancy geschrieben und nicht Belinda? Traf zu, was Keen gesagt hatte, oder sollte der Brief ihn nur auf noch schlechtere Nachrichten vorbereiten? 83
Belinda war also krank. Es konnte auch ein Ьbel aus ihrer Zeit in Indien sein, wo sie ihren kranken ersten Mann bis zu seinem Tode gepflegt hatte. Bolitho wanderte auf den weiЯgescheuerten Decksplanken auf und ab, die in den 21 Jahren, die das Schiff schon auf dem Buckel hatte, von Tausenden nackter FьЯe geglдttet worden waren. Gewaltsam verdrдngte er Falmouth aus seinen Gedanken, aber statt dessen fiel ihm sein Neffe ein. Bolitho hдtte alles darum gegeben, noch in Boston bleiben zu kцnnen, um auf weitere Nachrichten von Belinda zu warten und darauf, daЯ Adam an Bord zurьckkehrte. Ihm die Reise nach Newburyport zu erlauben, war ohnehin ein Fehler gewesen. Vielleicht hatte Keen auch in diesem Punkt recht gehabt, genau wie Browne. Er hдtte nicht einen so nahen Verwandten zu seinem Adjutanten machen dьrfen. Keen trat zu ihm an die Reling. »Der Wind steht durch, Sir«, meinte er. Acht Tage ­ die lдngsten Tage, an die Keen sich erinnern konnte ­ hatte er das Schiff nach Sьden gequдlt und jeden Fetzen Tuch gesetzt, um wenigstens einen Knoten mehr Fahrt herauszuholen. Trotzdem hatten sie nur jдmmerliche Etmale* erzielt, und er glaubte zu spьren, daЯ Quantock ihn stдndig mit dem frьheren Kommandanten verglich. Das MiЯvergnьgen seines Ersten scherte Keen wenig, mehr bekьmmerte ihn schon der Umstand, daЯ Bolitho kein einziges Wort der Kritik geдuЯert hatte. Aber auch er muЯte wissen, daЯ der Wind in dieser Weltgegend ein unzuverlдssiger Geselle war und einen meist gerade dann in Stich lieЯ, wenn man ihn am dringendsten brauchte. Bolitho blickte zum Verklicker auf, der unlustig flappte. »Also morgen, Val.« »Aye, Sir. Mr. Knocker hat mir versichert, daЯ wir um Mittag auf der Hцhe von San Felipe stehen, wenn der Wind so bleibt.« Keens Stimme hцrte man die Erleichterung an. Bolitho blickte hinaus auf die schwach bewegte See, aus der ab und zu eine Gischtfeder wuchs, die ein springender Fisch aufwarf. Wie Keen hatte er die See- und Landkarten von San Felipe so eingehend studiert, daЯ er sie auch geschlossenen Auges vor sich sah: fьnfzig Meilen lang, aber hцchstens zwanzig Meilen breit, wurde die Insel * Etmal = die von Mittag bis zum nдchsten Mittag zurьckgelegte Strecke 84
von einem erloschenen Vulkan beherrscht und wies an ihrer Sьdseite einen weitlдufigen Naturhafen auf. Gefдhrliche Riffe verwehrten die Zufahrt von Norden her, und ein weiterer Korallengьrtel schьtzte die kleine Nebeninsel auf der gegenьberliegenden Seite. Ein groЯartiges Versteck, auch ohne die alte Festung, die die Einfahrt nach Rodney's Harbour beherrschte. An SьЯwasser bestand kein Mangel, und die reiche Ernte an Zuckerrohr und Kaffeebohnen erhцhte noch den Wert der Insel. Wieder ertappte sich Bolitho bei dem Gedanken, daЯ er Gouverneur Rivers' Meinung teilte: Es war widersinnig, die Insel den Franzosen zurьckzugeben. Keen sagte gerade: »Bei dieser Windrichtung werde ich den Hafen von Sьdost ansteuern, Sir. Bin froh, daЯ wir nicht im Dunkeln einlaufen mьssen.« Das klang beilдufig, aber Bolitho hцrte doch Keens Sorge um sein Schiff heraus. In den Gewдssern um San Felipe verkehrten Briggs und Schoner, aber ein Linienschiff, auch wenn es nur ein kleiner 64er war, brauchte mehr Platz zum Manцvrieren. »Ich mцchte so bald wie mцglich an Land gehen und beim Gouve rneur vorsprechen«, sagte Bolitho. »Wir wissen, daЯ Duncan einen Wortwechsel mit ihm hatte.« Auf dem Seitendeck sah Bolitho Midshipman Evans am Segelmacher und seinen Gehilfen vorbeihasten; der Junge wandte sich um und starrte zum Achterdeck zurьck, dann lief er so schnell er konnte weiter und verschwand im nдchsten Niedergang. »Heute nacht ist wieder einer von den Verwundeten der Sparrowhawk gestorben, Sir«, berichtete Keen. Bolitho nickte. Noch ein Opfer. Die Segelmacher wьrden es in eine alte Hдngematte einnдhen, damit es bei Sonnenuntergang bestattet werden konnte. »Midshipman Evans soll sich bei meinem Sekretдr melden«, wies er Keen an. »Die Arbeit fьr mich wird ihn ablenken.« Damit wandte er sich um und marschierte auf und ab, bis ihm das Hemd klitschnaЯ am Leib klebte. »An Deck!« Keen blickte in die Takelage auf, muЯte aber die Augen vor der grellen Sonne beschatten. 85
Aus dem Krдhennest im GroЯmast sang der Ausguckposten: »Land in Lee voraus!« Mit einem Grinsen wandte sich Keen dem Master zu. »Gut gemacht, Mr. Knocker. Wir bleiben auf diesem Bug, bis wir die Hafeneinfahrt anliegen kцnnen.« Knocker grunzte nur; sein hageres Mцnchsgesicht verriet weder Genugtuung noch Дrger. »Ich lasse den Toten wдhrend der Hundewache ьber Bord gehen, Sir.« Quantock konnte sich trotz seiner GrцЯe und Unbeholfenheit manchmal so lautlos bewegen wie eine Katze. Keen fuhr herum und bemьhte sich, die Abneigung gegen seinen Stellvertreter zu unterdrьcken. »Wir werden ihn mit den gebotenen Ehren bestatten, Mr. Quantock. Lassen Sie die Freiwache in der Abenddдmmerung nach achtern purren.« Der Leutnant zuckte mit den Schultern. »Wenn Sie meinen, Sir? SchlieЯlich war er nicht einer von uns.« Keen sah, wie Yovell den kleinen Midshipman in die Achterkajьte fьhrte, und sagte scharf: »Er war ein Mensch, Mr. Quantock!« Als die Nacht ьber die Kimm kroch und das langsam dahinziehende Schiff einzuhьllen begann, erwies die Achates ihrem Toten die letzte Ehre. Bolitho hatte seine Uniform angelegt und stand neben Keen, der im Licht einer Windlaterne einige Sдtze aus der Bibel verlas, obwohl er sie wahrscheinlich auswendig kannte. Bolitho sah, daЯ der Bootsmannsgehilfe, der die Laterne hielt, jener Mann von der alten Lysander war, mit dem er Erinnerungen ьber die Schlacht von Abukir ausgetauscht hatte. Am nдchtlichen Horizont war die Insel bereits verschwunden. Den ganzen Tag war sie langsam ьber die scharfe, dunkelblaue Kimm gestiegen, hatte an Kontur und Breite zugenommen, als wachse sie ihnen entgegen. »Machen Sie weiter, Mr. Rooke«, sagte Keen. Bolitho hцrte den Toten von der Grдting rutschen und mit lautem Klatschen neben der Bordwand aufschlagen; von einer Kanonenkugel beschwert, trat er nun seine letzte Reise zum Meeresgrund an. 86
Ein Schauder ьberlief Bolitho, und er fьhlte wieder den stechenden Schmerz in seiner alten Schenkelwunde. Ein Seesoldat faltete bereits die Nationalflagge zusammen, die den Toten bedeckt hatte; die Freiwache schlurfte in ihr Logis. Der wachhabende Offizier hatte es eilig, abgelцst zu werden und ebenfalls in die Messe zu seinen Kameraden zu kommen. Das gewohnte Bordleben nahm seinen Fortgang ­ wie immer. Aber Bolitho sah vor sich, wie das jдmmerliche Bьndel Mensch achteraus langsam tiefer sank, und hцrte wieder die gefьhllosen Worte des Ersten und Keens wьtende Zurechtweisung. Nicht einer von uns. Der nдchste, dachte er bitter, wird einer von uns sein. Der Himmel ьber der Massachusetts Bay wirkte drohender, als ihn Adam wдhrend ihrer langen Liegezeit jemals erlebt hatte. Er stand mit einer kleinen Gruppe am Kai und bemerkte, daЯ an Deck der meisten verankerten Schiffe eifrig gearbeitet wurde, als bereiteten sich alle auf einen Sturm vor. Jonathan Chase rieb sich das Kinn und schielte zu den wild jagenden Wolken auf. »Ich will Sie ja nicht drдngen, Leutnant, aber Sie sollten die Tide ausnutzen, ehe das Wetter umschlдgt. Es kann jetzt nicht mehr lange dauern.« Adam wandte sich Robina zu, deren Haar im schwindenden Licht wie Silber leuchtete. Er sagte: »Es war sehr freundlich von Ihnen, Sir, mir so schnell eine Passage zu besorgen.« Aber seine Augen straften diese Worte Lьgen. Robina nahm seinen Arm, und gemeinsam sahen sie zu der kleinen Brigantine hinaus, die schon schwer vor Anker stampfte; der heiЯe, bцige Wind zerrte an ihren lose aufgegeiten Segeln. Ihr Name war Vivid, und Adam hielt es fьr einen puren Zufall, daЯ Chase einen Skipper gefunden hatte, der zu der gut vierzehnhundert Seemeilen langen Reise nach San Felipe bereit gewesen war. Beschwцrend flьsterte Robina ihm zu: »Bleib hier, Adam. Du muЯt doch nicht abreisen. Du kannst bei uns wohnen, bis...« Halb flehend, halb trotzig blickte sie ihm ins Gesicht. »Mein Onkel wird dir eine Stellung beschaffen.« Ihre Finger gruben sich in seinen Arm. »Mach es wie dein Vater, bleibe bei uns.« 87
Unwirsch sagte Chase: »Hier kommt das Boot. Ich habe Ihr Gepдck schon an Bord schaffen lassen, dazu ein paar Delikatessen fьr unterwegs. Und grьЯen Sie Ihren Onkel von mir.« Er sprach hastig, als wolle er den Abschied verkьrzen. Adam neigte den Kopf und kьЯte sie, fьhlte dabei ihre nassen Wangen. NaЯ von Trдnen oder von Gischt, genau konnte er das nicht sagen. Aber eines wuЯte er: daЯ er sie mehr liebte als sein Leben. Und daЯ er sie in diesen Minuten zum letztenmal sah. Er kam sich vor wie mitten entzweigerissen. Das kleine Boot schor an den Kai, und eine rauhe Stimme rief: »Springen Sie an Bord, Leutnant! Wir haben keine Zeit zu verlieren.« Adam drьckte seinen Hut fester in die Stirn und tat wie geheiЯen. Das Boot war alt und schдbig, aber die Mдnner an den Riemen ve rstanden ihre Arbeit. Als sie von der Spundwand abstieЯen und anruderten, stand er im Heck und starrte achteraus, sah die winkende Gestalt mit dem blassen Gesicht immer kleiner werden. Ich komme zurьck. Mit zusammengebissenen Zдhnen wandte er sich ab, als Gischt ьbers Dollbord peitschte und der Bootsmann knapp befahl: »Da sind wir, machen Sie sich fertig.« Der stampfende Rumpf der Brigantine erhob sich ьber ihnen, ihre beiden Mastspitzen kreisten wild vor den Wolken, so hart arbeitete sie vor Anker. Die Barschheit des Bootsmanns tat Adam fast wohl. Sie setzten ihn nicht aus Freundlichkeit ьber, sondern weil Chase sie dafьr gut bezahlt hatte; und sie dachten nicht daran, einen auslдndischen Offizier zu respektieren. Er kletterte an der Jakobsleiter hoch und wдre der Lдnge nach an Deck gefallen, wenn nicht ein bulliger Mann aus dem Schatten gesprungen wдre und ihn mit eisernem Griff am Arm gepackt hдtte. Adam bemerkte, daЯ der Mann stark hinkte, und als er sich bei ihm bedanken wollte, sah er mit Erstaunen, daЯ er nur ein Bein hatte. Das tat aber der Autoritдt keinen Abbruch, mit der er seine Leute ans Ankerspill scheuchte. »Gehen Sie bitte unter Deck.« 88
Die tiefe Stimme hatte einen weichen Sьdstaatenakzent, den Adam in Boston noch nicht gehцrt hatte. Schon hinkte er davon, seine kleine Crew zu beaufsichtigen, aber dann kehrte er noch einmal um. »Wьrde es Ihnen was ausmachen, den Hut abzunehmen?« Als Adam der Bitte entsprach und der Wind sein Haar zauste, nickte der Skipper der Vivid zufrieden. »Das dachte ich mir«, brummte er. »Gleich als Sie an Bord kamen.« Er wischte die Hand an seiner Weste ab und hielt sie Adam hin. »Der Name ist Jethro Tyrrell. Willkommen auf meinem kleinen Schiff.« Adam starrte ihn verwundert an. »Kannten Sie etwa meinen Vater?« Der Mann namens Tyrrell legte den Kopf in den Nacken und stieЯ ein rцhrendes Gelдchter aus. »Gott behьte! Aber ich kannte Richard Bolitho.« Im Weghinken warf er ьber die Schulter: »War mal sein Erster Offizier, ob Sie's glauben oder nicht.« Vцllig verwirrt tastete Adam sich nach achtern zu dem engen Niedergang. Es machte gar keinen Unterschied, in wessen Hдnden das Schicksal der Vivid lag, sagte er sich. Entscheidend war nur, daЯ sie ihn von Robina wegfьhrte. Seiner ersten Liebe. VII Vor dem Angriff »Die Einfahrt nach Rodney's Harbour ist eng. Sir. Hцchstens eine Meile breit.« Stirnrunzelnd lieЯ Keen sein Fernrohr sinken. »Da kцnnte eine gut plazierte Batterie eine ganze Flotte fernhalten.« Bolitho schritt zur anderen Deckseite, damit sein Blick nicht durch die Wanten behindert wurde. Sie waren wдhrend der Nacht besser als gedacht vorangekommen; jetzt zeichnete sich vor ihnen in der Morgensonne die eindrucksvolle Pyramide des erloschenen Vulkans ab, und Bolitho studierte seine GrцЯe und die zerklьftete Kьste der Insel mit gebьhrendem Respekt. »Nordwest zu West, Sir«, sang der Rudergдnger aus, und Knocker grunzte eine Bestдtigung. Keen spдhte zur Windfahne im Masttopp auf. Ohne einmal zu killen, zeigte sie nach Backbord voraus, also blieb der Wind immer noch stetig. 89
Bolitho glaubte zu spьren, wie Keen kalkulierte und ьberlegte, wд hrend sich sein Schiff vorsichtig auf das wie ein Dorn ins Meer ragende Vorland zuschob. So vor dem Wind segelnd, konnten sie den Hafen zwar direkt anliegen, aber andererseits standen sie damit an einer Leekьste; Vorsicht war also geboten. Schon bei Morgengrauen hatte Keen zwei gute Lotgasten nach vorn in die Stampfketten geschickt, und seither warnten ihre regelmдЯigen Rufe vor der Gefahr; aber noch hatten die Senkbleie keinen Grund gefunden. Der Meeresboden stieg vor der Insel sehr steil an, und sobald sie erst auf gleicher Hцhe mit dem Inselchen an der sьdlichen Landspitze waren, muЯten sie auf Riffe ac hten; sollte das Schiff aus dem Ruder laufen, wьrden sie ihnen den Kiel herausreiЯen. »Nehmen Sie die Breitfock weg, Mr. Quantock.« Keens Stimme klang ruhig, aber seine Augen waren ьberall; die Bramsegel standen im Wind so steif wie Bretter. »An Deck!« Bolithos auf dem Rьcken verschrдnkte Hдnde krampften sich umeinander, als der Ausguckposten meldete: »Die Einfahrt ist gesperrt, Sir!« Keen starrte ihn an. »Zum Teufel, was fдllt denen ein?« Scharf befahl Bolitho: »Schicken Sie einen Offizier nach oben. Dann machen Sie klar zum Ankern!« »Aber...« Keen schluckte seinen Protest hinunter, denn er wuЯte, Bolitho kannte die Risiken selbst nur zu gut. Auf so tiefem Wasser vor Legerwall* zu ankern, hieЯ das Schicksal herausfordern. Wenn der Wind auffrischte, wьrde der Anker schlieren und Achates hilflos auf die ьberspьlten Korallenriffe treiben. Bolitho schritt auf und ab und ьberlegte, wдhrend ein Leutnant in fliegender Hast zum Krдhennest aufenterte. Dem Gouverneur stand es frei, seine Insel zu schьtzen, auf welche Weise ihm beliebte. Vielleicht war er ja von anderer Seite angegriffen worden und wьrde die Sperre entfernen, sobald Achates identifiziert worden war. Aber Bolitho verwarf diese Idee sofort wieder. Das Schiff hatte fast seine gesamte Dienstzeit in diesen Gewдssern gesegelt und muЯte mit Leichtigkeit erkannt worden sein. * Legerwall = Kьste, auf die der Wind steht 90
Der Leutnant, der zur Unterstьtzung des Ausguckpostens aufgeentert war, rief zum Deck herunter: »Die Sperre besteht aus einer Reihe vermurter Boote, Sir!« Er war erst kьrzlich zum Offizier befцrdert worden und hatte eine helle junge Stimme, die fast mдdchenhaft klang; einige Matrosen grinsten bei ihrem Klang und stieЯen sich an, bis ein Anraunzer von Quantock sie zur Ordnung rief. Mit einem Ruck schob Keen sein Teleskop zusammen. »Klar zum Anluven. Bemannt die Brassen. Und die Ankerwache nach vorn ­ aber lebhaft!« Wieder lieЯ der junge Leutnant sich von oben vernehmen: »Eine Yawl hдlt auf uns zu, Sir!« Besorgt suchte Keen Bolithos Blick. »Also ankern Sie«, sagte dieser kurzangebunden. »Rьder nach Lee! Halten Sie sich bereit, Mr. Quantock!« Mit Getцse schwangen die Rahen herum, Segel knallten und Blцcke schlugen, als das Schiff abrupt an Fahrt verlor. »LaЯ fallen Anker!« Mit einem gewaltigen Platschen schlug der schwere Anker in die See und warf Gischt bis ьber den Klьverbaum auf. Bootsmann Rooke und ein Leutnant beugten sich auf dem Vorschiff ьbers Schanzkleid. Oben in der Takelage arbeiteten die Toppgasten wie die Teufel, um schnell die Segel wegzunehmen und den Druck zu verringern, wд hrend immer noch mehr Ankertrosse im tiefen Wasser verschwand. »Anker hдlt, Sir!« kam endlich der erlцsende Ruf. Keen nickte. »Verdammte Schweinehunde!« murmelte er. Gemдchlich kreuzte die Yawl heran. Der Midshipman der Wache hatte scharfe Augen. »Da ist so was wie ein Offizier an Bord, Sir«, sagte er. Hauptmann Dewar von den Marinesoldaten fragte: »Ehrenwache aufziehen, Sir?« Keen funkelte ihn wьtend an. »Nachdem sie meinem Schiff die Einfahrt versperrt haben? Eher sehe ich ihn in der Hцlle braten!« Die braunen Segel der Yawl wurden niedergeholt. Als sie an die Bordwand des Linienschiffs glitt, sagte Bolitho: »Ich empfange ihn in meiner Kajьte.« Damit verschwand er nach achtern, um Keens ohnmдchtige Wut nicht lдnger mitansehen zu mьssen. 91
Es schien ihm eine Ewigkeit zu dauern, ehe der Besucher zu ihm gebracht wurde, und Bolitho fand Zeit, sich zu fragen, wie sich wohl Nelson in seiner Lage verhalten hдtte. Einerseits konnte er die Inselbewohner verstehen, andererseits durfte er dieses Benehmen nicht dulden. Yovell цffnete die Tьr und lieЯ den Besucher eintreten, einen Mann von etwa dreiЯig Jahren, in eindrucksvoller Uniform: blauer Rock und weiЯe Hose, dazu sowohl Sдbel wie Pistole im auf Hochglanz polierten Gьrtel. Er sprach mit leicht westenglischem Akzent. Aus Devon, schдtzte Bolitho, wie sein. Sekretдr. »Ich komme im Auftrag des Gouverneurs!« Keen, der ihm auf den Fersen gefolgt war, bellte: »Sie haben >Sir< zu sagen, wenn Sie mit dem Admiral sprechen!« »Und wie war Ihr Name, wenn ich fragen darf?« sagte Bolitho. Der Mann warf Keen einen wьtenden Blick zu. »Ich bin Hauptmann Masters von der Miliz auf San Felipe.« Pause. »Sir.« »Also gut, Hauptmann Masters. Ehe einer von uns etwas Unwiderrufliches дuЯert, will ich Ihnen meine Absichten erlдutern.« Aber der Mann hatte sein Selbstvertrauen wiedergefunden und unterbrach Bolitho: »Der Gouverneur lдЯt Ihnen durch mich mitteilen, daЯ die Sperre an ihrem Platz bleibt, bis die Verhandlungen beendet sind. Danach...« Ruhig sagte Bolitho: »Was danach kommt, geht ihn nichts mehr an. Und wie soll ich den Gouverneur besuchen, wenn mein Schiff am Einlaufen gehindert wird?« »Ich bringe Sie in der Yawl an Land.« Er sah, daЯ Keen einen Schritt auf ihn zu machte, und ergдnzte schnell: »Sir.« »Aha. Und jetzt teile ich Ihnen etwas mit, Hauptmann Masters von der San-Felipe-Miliz: Ich gehe in meiner Barkasse an Land und werde dem Gouverneur die schriftliche Entscheidung der Regierung Seiner Majestдt ьbergeben.« »Er wird sie nicht akzeptieren!« Bolitho sah Keen an. »Lassen Sie meine Barkasse aussetzen.« Er las Keen den Widerspruc h vom Gesicht ab; genau wie Herrick, dachte er. »Dann segle ich vor Ihnen her«, beharrte Masters. »Nein. Sie stehen unter Arrest. Jede Gegenwehr Ihrerseits wird scharf geahndet, und zwar durch den Strick. Habe ich mich klar ausgedrьckt?« 92
Bolitho sah, daЯ er mit seinen beherrschten Worten ins Schwarze getroffen hatte. Wahrscheinlich war Masters gewцhnt, Eingeborene auf den Plantagen zu schikanieren; diese plцtzliche Wende seines Geschicks machte ihn sprachlos. Keen fuhr ihn an: »Legen Sie die Waffen ab!« Und mit erhobener Stimme: »Sergeant Saxton, fьhren Sie diesen Mann in die Zelle!« Als der Seesoldat ihm Sдbel und Pistole abnahm, rang Masters nach Luft. »Ihre Drohungen kцnnen mich nicht einschьchtern, Admiral!« rief er aus. Bolitho erhob sich und trat an die Heckfenster. Von der Festung herunter muЯten viele Zeugen das Schiff beobachten und abwarten, welchen Lauf die Dinge nahmen. Vielleicht erцffnete der Gouverneur sogar das Feuer auf seine Barkasse oder nahm ihn als Geisel, bis... Er verbot sich diese Gedanken und sagte nur kalt zu Masters: »Das sollten sie aber.« Als er sich wieder umwandte, war Masters schon abgefьhrt worden; drauЯen erklangen laute Befehle, als die Seesoldaten das Kommando ьber die Yawl ьbernahmen. Eifrig schlug Keen vor: »Lassen Sie mich die Sperre rammen, Sir! Dann laufen wir ein wie geplant und beharken diese rдudigen Meuterer, daЯ es ihnen eine Lehre ist.« Bolitho tat seine Besorgnis wohl. »Dazu wьrden wir den ganzen Tag brauchen, vielleicht sogar lдnger. Selbst wenn Sie Erfolg damit hдtten, wьrde es viele Menschenleben kosten, und falls der Wind ьberraschend auffrischte, mьЯten Sie das Gefecht abbrechen und seewдrts aufkreuzen, abermals an den Kanonen des Forts vorbei.« Keen resignierte. »Welcher Offizier wird Sie begleiten, Sir? Meiner Ansicht nach sollte ich mitkommen.« Bolitho muЯte plцtzlich lдcheln, wohl aus Erleichterung darьber, daЯ das Warten endlich vorbei war. »Was, Sie wollen Ihr Schiff verlassen? Wenn wir beide in Rivers' Gewalt sind, kann alles mцgliche geschehen.« Keens Enttдuschung und Reue betrьbten ihn, aber er fuhr fort: »Ein Leutnant und ­ дh ­ Midshipman Evans werden vцllig genьgen.« Ozzard holte den alten Familiensдbel herbei, aber Bolitho sagte: »Nein. Diesmal den anderen.« Wenn irgend etwas Unvorhergesehenes geschah, blieb die Waffe fьr 93
Adam erhalten. Bolitho sah an ihren Gesichtern, daЯ alle seine Gedanken erraten hatten. Als er an Deck kam, stand die Sonne schon ьber dem Vulkangipfel, und die Planken waren bereits so heiЯ wie Ziegel im Backofen: zundertrockenes Holz, dazu geteerte Taue und die Segel ­ das alles wьrde aufflammen wie Fackeln, wenn die Inselbatterie mit glьhenden Kugeln feuerte. Aber auch mit gewцhnlicher Munition war eine gьnstig plazierte Festlandsbatterie einem Schiff ьberlegen, das auf dem begrenzten Raum des Hafens nur schwerfдllig manцvrieren konnte. Bolitho sah Alldays grimmig beobachtenden Blick, die Neugier der Soldaten und Matrosen auf den Seitendecks. An der Eingangspforte verhielt er den Schritt und blickte den Kommandanten noch einmal an. »Wenn ich mich irre«, er sah Keens Wangenmuskeln arbeiten, »oder heute falle, dann versprechen Sie mir, an Belinda zu schreiben. Erklдren Sie's ihr, so gut es geht.« Keen nickte stumm, platzte dann aber doch heraus: »Wenn die Hand an Sie legen, Sir...« »Sie handeln wie befohlen, Val. Und tun weder mehr noch weniger.« Bolitho grьЯte die Flagge und stieg in die wartende Barkasse hinunter. Unten fand er Trevenen vor, den Sechsten Offizier, und Midshipman Evans. »Schцner Tag fьr einen Ausflug, meine Herren«, begrьЯte er sie. Trevenen strahlte ьber die unerwartete Ehre, als Adjutant des Admirals fungieren zu dьrfen; im Gegensatz dazu blickte Evans sich gehetzt um, die Augen dunkel und leer. »Das gefдllt mir nicht, Sir«, sagte Allday leise. »Vom Reden wird's nicht besser.« Allday seufzte. Inzwischen kannte er die Gefahrenzeichen. »StoЯt ab vorn! Rudert an ­ zugleich!« Bolitho warf einen schnellen Blick achteraus und sah sein Schiff zurьckgleiten, die Gesichter an der Pforte verschwimmen und ihre Identitдt verlieren. Da wandte er sich seinen Begleitern zu. Der rangniedrigste Offizier der Besatzung und ein dreizehnjдhriger Kadett waren bestimmt nicht die Eskorte, die der Gouverneur erwartete. Aber genau wie bei seinem 94
alten Sдbel wollte er nichts riskieren. Wenn die Lage kritisch wurde, brauchte Keen jeden erfahrenen Offizier und Mann, den er bekommen konnte. Als die Barkasse durch die Brandung stampfte, hцrte Bolitho Metall klappern und bemerkte, daЯ unter jeder Ducht und in bequemer Reichweite Entermesser und Pistolen verstaut waren. Er blickte in Alldays Pokergesicht, und ihre Augen trafen sich. Hier bedurfte es keiner langen Erklдrungen; Allday hatte schon eigene Plдne in die Wege geleitet. Nervцs meldete sich der Leutnant zu Wort. »Da liegt die andere Insel, Sir.« Bolitho beschattete die Augen und studierte den Felsbuckel. Er war baumlos, doch umgab reichlich Gebьsch das aus Stein erbaute Missionshaus mit seinen Nebengebдuden. Auf einem kleinen hellen Strand lagen mehrere Boote, hoch ьber die Brandungslinie gezogen. Selbst Mцnche und Priester muЯten fischen, dachte Bolitho, und neben dem Beten auch ihr Land bestellen. Dann konzentrierte er sich auf die Sperre. Mitten im Fahrwasser lagen Leichter und alte Hulks verankert und verwehrten Achates oder jedem anderen Schiff ihres Tiefgangs die Einfahrt. Bolitho hob den Blick zum Fort, das grцЯer war als erwartet. Seewд rts fiel das Gelдnde darunter steil ab und widersetzte sich jedem Sturmangriff; wie auch die Mauern unverwundbar wirkten, jedenfalls fьr seine Vierundzwa nzigpfьnder. Auf der anderen Seite des Hafens sah er helle Hдuserwьrfel und lдchelte grimmig. Das war Georgetown, Rivers' kleines Kцnigreich. Im Hafen selbst ankerten verschiedene Schiffe, meist Frachtsegler und Fischerboote. Allday sagte durch die Zдhne: »Da sind Bewaffnete auf der Sperre, Sir.« Bolitho nickte. »Halte nach Steuerbord.« «Kurz wandte er sich um nach seinem Schiff, aber es wurde schon vom Vorland verdeckt. Nur die Masttoppen und Bramrahen ragten ьber den Kamm, als seien sie dort eingepflanzt. Bolitho spьrte Evans auf der Ducht herumrutschen und sah ihn die Faust um den Griff seines Dolchs krampfen. Konnte man mit einer Nadel einen angreifenden Bullen bremsen? dachte Bolitho. Laut sagte 95
er: »Ich habe Sie fьr den Fall mitgenommen, daЯ Sie etwas wiedererkennen.« Der Junge sah zu ihm auf. »Ich weiЯ, Sir«, sagte er leise. Sein Blick wanderte ьber die Sperre zum Hafen, aber er schwieg. Bolitho erriet, daЯ Evans wieder die Sparrowhawk vor sich sah, wie sie hier unter den Kanonen des Forts geankert hatte. Sein erstes Kriegsschiff, eine Heimat auf Zeit und die erste Sprosse auf seiner Karriereleiter, aber auch mit Freunden an Bord wie jenem Midshipman, den er hatte sterben sehen. Trotzdem ­ irgendeine Kleinigkeit konnte bei ihm eine wichtige Erinnerung auslцsen. Sie muЯten nach jedem Strohhalm greifen. Allday erstarrte beim scharfen Knall einer Muskete, und Bolitho sah die Kugel querab eine Gischtspur aufwerfen, ehe sie versank. Er sagte: »Pullt weiter. Nicht aus dem Takt kommen.« Seine ruhige Stimme gab den Bootsgasten neuen Mut, die mit dem Rьcken zur Sperre saЯen und damit rechnen muЯten, daЯ die nдchste Kugel sie traf. Bolitho straffte sich. Sein Zweispitz und die Goldepauletten muЯten fьr jeden Scharfschьtzen ein gutes Ziel abgeben. Aber es fielen keine Schьsse mehr. Als die Barkasse das Steuerbordende der Sperre rundete, sah Bolitho ganze Trupps neugieriger Bewaffneter zu ihnen herьberspдhen. Einer schьttelte drohend seine Muskete in der erhobenen Faust. Jetzt gab es kein Zurьck mehr. Jeder Fluchtweg war ihnen versperrt. Auf dem Kai unterhalb des Forts sah Bolitho eine Gruppe Mдnner beisammenstehen. Plцtzlich schien ihm Sir Hayward Sheaffes stilles Dienstzimmer in der Admiralitдt, wo all dies begonnen hatte, unendlich weit entfernt. Bolitho hatte sich keine genaue Vorstellung vom Gouverneur der Insel San Felipe gemacht, aber dennoch ьberraschte ihn Sir Humphrey Rivers' Erscheinung. Er war hochgewachsen und beleibt, fast aufgeschwemmt, mit einem vom heiЯen Klima und vom Trunk gerцteten Gesicht. Aber er begrьЯte Bolitho mit jovialem Lдcheln und geleitete ihn zuvorkommend sofort in den kьhleren Schatten der Festungsmauern. Als sie eine eisenbeschlagene Tьr durchschritten und einen mit Fellen und Gemдlden dekorierten Korridor, sprach Rivers ununterbr o- 96
chen. »Spдter werden Sie mir hoffentlich in meinem Haus die Ehre geben«, sagte er ьber die Schulter. »Aber jetzt, schдtze ich, mцchten Sie wohl zuerst Ihren Auftrag hinter sich bringen.« Vor Bolitho цffnete sich eine zweite Tьr, ein schwarzer Lakai mit Perьcke verbeugte sich tief, als sie an ihm vorbeigingen. Rivers wischte sich das Gesicht mit einem Seidentuch, dann musterte er Leutnant Trevenen und den kleinen Kadetten mit unverhohlener Belustigung. »Bei Gott, Bolitho, haben Sie wirklich nur diese Kindereskorte, um den Wьnschen der Admiralitдt Nachdruck zu verleihen?« Auf sein Fingerschnippen trat ein zweiter Lakai lautlos mit einem Tablett voller Weinglдser heran. Rivers lдchelte mit schmalen Lippen. »Vielleicht mцchten sich Ihre jungen Begleiter jetzt zurьckziehen?« »Einverstanden.« Es hatte keinen Sinn, die beiden noch mehr zu gefдhrden. AnschlieЯend fragte Bolitho: »Sie kennen den Grund meiner Anwesenheit, Sir Humphrey?« Rivers rьckte seine Massen auf einem Stuhl zurecht und musterte kritisch sein Weinglas. »Natьrlich. Den kennt jeder. Und genauso wissen auch Sie, was ich davon halte?« Kichernd nahm er einen tiefen Schluck. »Ich entschuldige mich fьr diese lдstige Sperre, aber sie war leider notwendig.« Dann erst schien ihm aufzufallen, daЯ Masters nicht mit Bolitho zurьckgekehrt war, und er fragte abrupt: »Wo ist mein Milizhauptmann?« »An Bord der Achates, Sir Humphrey.« »Aha.« Er lieЯ sich Wein nachschenken. »Alles spricht dafьr, daЯ der Wind auffrischen wird. Sie wissen aus eigener Erfahrung mit unseren Gewдssern, daЯ es hier selbst zu dieser Jahreszeit ziemlich rauh werden kann. Wir wollen doch nicht, daЯ Ihrem ­ дh ­ Flaggschiff so dicht unter Land etwas zustцЯt?« Bolitho versuchte den Wein und wunderte sich, daЯ er angesichts der Umstдnde so ruhig bleiben konnte. Rivers hatte offensichtlich an alles gedacht, auch daran, wie ein Schiff sich bei Sperrung des Hafens verhalten muЯte. Rivers beobachtete ihn aufmerksam. »Wir sollten den Tatsachen ins 97
Gesicht sehen. Ihr Schiff kann da drauЯen nicht unbegrenzt ankern, Sie werden bald wieder Segel setzen mьssen. Danach kцnnen Sie das Trinkwasser rationieren, bis Ihre Besatzung kurz vor der Meuterei steht, oder Sie kцnnen auf Unterstьtzung warten, die vielleicht niemals eintrifft. Oder Sie kommen jetzt und hier mit mir zu einer neuen Vereinbarung. Ich bleibe als Gouverneur im Amt, mit alleiniger Ve rantwortung fьr das Gedeihen und die Verteidigung der Insel.« Und fьr den Profit, dachte Bolitho. Rivers erhob sich дchzend und schritt zu einem Fenster hinьber. »Die Insel ist unangreifbar, das werden Sie einsehen. Und die Amerikaner werden mir im Notfall helfen. Ich lasse es nicht zu, daЯ die Musjцs hier ihre Trikolore hissen. Genau das habe ich auch Ihrem impertinenten Fregattenkapitдn gesagt.« »Die Sparrowhawk wurde kurz nach dem Verlassen dieses Hafens versenkt, Sir Humphrey.« Er lieЯ Rivers' sanguines Gesicht dabei nicht aus den Augen und stellte fest, daЯ ihn diese Nachricht ehrlich ьberraschte. »Versenkt? Was reden Sie da?« »Sie wurde von einem ьberlegenen Kriegsschiff angegriffen, ohne jede Vorwarnung oder Chance zur Gegenwehr, und in den Grund gebohrt. Sie sehen also, Sir Humphrey, es sind noch andere als die Franzosen an dieser Insel interessiert.« Rivers kippte seinen Wein hinunter, abgewandt, um seine Verwi rrung zu verbergen. »Das glaube ich nicht. Wahrscheinlich war es ein Pirat, hier wi mmelt es nur so von ihnen. Da die britische Marine praktisch abgemustert hat, ist das ja auch nicht ьberraschend.« Rivers knallte das leere Glas aufs Tablett und stьrmte keuchend zu einer Tьr am anderen Ende des Raumes. »Ich will Ihnen etwas zeigen.« Ein Lakai sprintete ihm voraus, um die Tьr rechtzeitig zu цffnen. Dahinter war von Teppichen und bequemen Mцbeln keine Rede mehr. Eine lange, zinnenbewehrte Bastion mit schwerer Artillerie hinter den SchieЯscharten gab den Blick auf den Hafen frei: Rivers' Trumpfkarte. Er marschierte zur letzten Kanone in der Reihe und legte wie liebkosend die Hand auf ihr verziertes VerschluЯstьck. 98
»Hier, werfen Sie mal einen Blick hinunter, Bolitho.« Er trat beiseite, voll Stolz und Siegessicherheit. Bolitho spьrte plцtzlich eine heftige Abneigung gegen diesen Mann, dem das Schicksal Duncans und aller anderen vцllig einerlei war. Er bьckte sich, visierte an dem langen schwarzen Rohr entlang und sah, daЯ die Kanone auf eine Reihe Festmacherbojen zielte, an deren einer auch seine Barkasse vertдut war. Er erkannte sogar Allday, der im Boot stand und die Augen beschattete, um besser zur Festung spдhen zu kцnnen. Aalglatt fuhr Rivers fort: »Da unten lag auch die Sparrowhawk. Ich hдtte sie genauso leicht versenken kцnnen wie Ihr Boot.« Bolitho richtete sich wieder auf und musterte Rivers kьhl. »Sie waren selbst einmal Flaggoffizier, Sir Humphrey. Sie wissen, die Marine wьrde niemals dulden, daЯ...« Rivers grunzte verдchtlich. »Sie hдtte gar keine andere Wahl. Hohe Verluste, nur um den Franzosen gefдllig zu sein? Nicht einmal das Parlament ist so verblendet.« Bolitho warf noch einen letzten Blick ьber die Reede. Das Wasser war unruhig, die Wellen trugen schon weiЯe Gischtkдmme. Der Wind legte immer noch zu, was sich auch an den steif auswehenden Flaggen der Schiffe unten verriet. Aber die lagen hier geschьtzt. Achates nicht. Er sagte: »Ich kehre auf mein Schiff zurьck.« Und fьgte hinzu, ohne aus seiner Verachtung ein Hehl zu machen: »Es sei denn, Sie wollten mich daran hindern?« »Ohne Vereinbarung, Bolitho?« »Treiben Sie nicht Ihr Spiel mit mir, Sir Humphrey. Sie muЯten wissen, daЯ ich Hochverrat verabscheue.« Rivers lдchelte. »Im Gegensatz zu anderen in Ihrer Familie, wie?« Bolitho nahm seinen Hut aus der Hand eines Lakais, langsam, damit sein Zorn verebben konnte. Eige ntlich ganz gut, daЯ Adam nicht zugegen war, dachte er. Diese Beleidigung seines Vaters hдtte ihn zur Waffe greifen lassen, und dann hдtten Rivers' Soldaten die Sache auf der Stelle zu einem schrecklichen Ende gebracht. So sagte er nur: »Das war billig, aber nicht ьberraschend.« Rivers nahm wieder Platz und wischte sich das Gesicht. Er ve rmochte seine freudige Erregung ьber den Sieg nicht zu verbergen. 99
Bolitho ging zur Tьr und sah Midshipman Evans im Korridor allein an einem offenen Fenster stehen. Rivers rief Bolitho nach: »Ich habe mir erlaubt, Ihren kleinen Leutnant festzusetzen, bis mein Boot und meine Leute unbehelligt zurьckkehren.« Bolitho nickte langsam. »Wie Sie meinen.« Das schien Rivers zu enttдuschen. »Sie kцnnen es sich immer noch anders ьberlegen.« Bolitho winkte Evans heran. »Wie Sie selbst sagten, wimmelt es in dieser Gegend von Piraten. Mit einem von ihnen habe ich wohl soeben gesprochen.« Damit wandte er sich abrupt um und schritt durch den Gang davon, halb in Erwartung einer Kugel oder eines anderen plцtzlichen Angriffs. Evans muЯte rennen, um ihn einzuholen. »Rufen Sie die Barkasse heran«, befahl Bolitho knapp. HeiЯ strich der Wind ьber sein Gesicht, verstдrkte noch die Dr ohung des bleigrauen Himmels. Es muЯte auf Anhieb klappen, dachte Bolitho. Denn es gab weder einen zweiten Versuch noch eine andere Wahl. Erleichtert sah Allday zu, als Bolitho und der Kadett ins Boot stiegen. »Das war's dann, Sir«, murmelte er. Bolitho sagte, den Blick auf die eintauchenden Riemen gerichtet: »Keine Hast, wenn ich bitten darf.« In seinem Kopf ьberschlugen sich die Gedanken an das Bevorstehende, aber Rivers durfte keinesfalls argwцhnisch werden. In seiner Achterkajьte warf er Ozzard den goldbetreЯten Admiralsrock zu und blickte Keen, Quantock und den beiden Offizieren der Marine-Infanterie entgegen, die Yovell hereinfьhrte. »Wir greifen an, Kapitдn Keen.« Bolitho wunderte sich fast, daЯ das Weinglas in seiner Hand, das Ozzard ihm gerade gereicht hatte, unter seinem Griff nicht zersplitterte. Keen antwortete: »Mr. Knocker ist um die Sicherheit des Schiffs hier sehr besorgt, Sir. Der Wind...« »Behдlt die Richtung bei?« »Er wird von Stunde zu Stunde stдrker, Sir«, sagte Quantock mit seiner heiseren Stimme. 100
»Das habe ich nicht gefragt. Behдlt er die Richtung bei?« »Aye, Sir.« Keen schien nervцs. »Also gut. Machen Sie klar zum Ankerlichten.« Keens offensichtliche Erleichterung schwand, als Bolitho hinzufьgte: »Dann werden Rivers' Spдher vermuten, daЯ wir uns davonmachen.« »Mit allem Respekt, Sir, aber das erfordert schon die Vernunft. Wenn wir hierbleiben, wird der Anker mit Sicherheit schlieren.« Bolitho lдchelte ihm zu. »Erinnern Sie sich an Kopenhagen, Val?« Keen nickte, aber er war blaЯ geworden. »GewiЯ, Sir. Also wollen Sie bei Dunkelheit angreifen?« Das klang unglдubig. »Das will ich. Ich weiЯ jetzt, wie die Batterie die Hafeneinfahrt und die Reede bestreichen kann. Rivers war so freundlich, es mir zu zeigen, wenn auch aus anderen Motiven.« Was ging nur in ihm vor? Sein Plan konnte mit einer Katastrophe enden; wьrde es wahrscheinlich auch. Er hatte Keen an Kopenhagen erinnert, aber das lieЯ sich nicht vergleichen. Damals hatten sie eine ganze Flotte gehabt ­ und Nelson. Diesmal lag die Sache vцllig anders. Wenn er das Schiff verlor, blieb ihm nichts mehr, hцchstens ein Kriegsgerichtsverfahren, falls er ьberlebte; und das BewuЯtsein, Belinda ins Unglьck gestoЯen zu haben. Aber trotz des hohen Risikos fьhlte er sich seltsam beschwingt. Wie Eiswasser pulsierte eine wilde Entschlossenheit durch seine Adern. Keen rдusperte sich und warf den Kameraden einen Blick zu. »Also gut, Sir«, sagte er. Bolitho wandte den Blick ab. Keen hatte seine Entscheidung akzeptiert. Mochte er sie nun billigen oder fьr falsch halten, auf jeden Fall wьrde er sie befolgen, auch unter Einsatz seines Lebens. Bolitho zwang sich zu einem Lдcheln. »Nach Sonnenuntergang schicken wir Masters mit seiner Yawl in den Hafen, im Austausch gegen Mr. Trevenen.« Er sah die beiden Seesoldaten an. »Und dann sind Sie an der Reihe.« Alles hing vom richtigen Zeitpunkt ab ­ und vom Glьck, wie Herrick nicht vergessen hдtte anzumerken. Keen hielt seinen Plan wohl fьr Wahnsinn oder fьr ein Produkt verletzter Eitelkeit nach der Demьtigung durch Sir Humphrey Rivers. 101
Das war ihre einzige Chance: daЯ Rivers sich angesichts seiner starken Stellung fьr unangreifbar hielt. Wahrscheinlich stand er gerade in diesem Augenblick auf der Bastion und malte sich genieЯerisch den Widerstreit und die Verzweiflung aus, in die er seinen Gegner gestьrzt hatte. Mit knappen Worten skizzierte Bolitho seinen Angriffsplan und beobachtete ihre unterschiedlichen Reaktionen, ihre Skepsis und Unsicherheit. Aber auch ihre Erregung. Selbst Quantock, der kaum sprach, schien fasziniert zu sein. Bolitho schloЯ mit den Worten: »Wie Sie alle wissen, meine Herren, ist ein Krieg hart und schwer fьr alle. Aber allzuleicht ist es, ihn vom Zaun zu brechen.« Einer hinter dem anderen verlieЯen sie die Kajьte, um ihre Untergebenen zu instruieren, und Bolitho setzte sich an seinen Schreibtisch. Er griff zur Feder. Spдter mochte es ihm an der Zeit fehlen, und er wollte sie an seinen Ьberlegungen teilhaben lassen, genauso wie sie ihm ihre besten Wь nsche nachgesandt hatte. An Deck polterten Schritte und quietschten Taljen, als seine Barkasse wieder eingesetzt wurde. Und wenn er sich nun irrte? Wenn Rivers' Ьberzeugung von der Unangreifbarkeit seiner Insel sich als richtig erwies? Aber er verbot sich die Zweifel und begann zu schreiben. Meine geliebte Belinda... Doch dann faltete er entschlossen den leeren Bogen zusammen und schob ihn in eine Schublade. Wenn er fiel, wьrde sie es frьh genug erfahren. Es hatte keinen Sinn, sie mit einem Brief in Angst und Schrecken zu versetzen, der sie vielleicht erst erreichte, wenn alles vorьber war. Allday betrat die Kajьte und wartete stumm, die heftigen Bewegungen des hart vor Anker arbeitenden Schiffes elastisch ausbalancierend. SchlieЯlich konstatierte er unumwunden: »Wir greifen also an, Sir.« Bolitho nickte. »Ja. Hast du alles erledigt?« Trotz des Ernstes der Lage muЯte Allday grinsen. »Aye, Sir. Wir haben eine Lotleine die ganze Zeit hinter uns hergezogen, und sie hat bis zur Festmacherboje nur einmal Grundberьhrung gehabt. Wenn das Schiff erst mal drin ist, hat es genug Manцvrier- 102
raum.« Bewundernd wiegte er den Kopf. »Wie Sie auch noch daran denken konnten, wo Ihnen doch so viele Dinge durch den Kopf gehen mьssen, das ist mir schleierhaft.« Bolitho bat: »Schenk uns zwei Glдser Brandy ein, Allday.« Allday tat wie geheiЯen und fьgte hinzu, als sei ihm diese Idee erst jetzt gekommen: »Aber vielleicht ist das der Trick, wie man Admiral wird ­ indem man eben auch solche Dinge weiЯ, stimmt's, Sir?« Der Offizier der Wache, der auf dem Hьttendeck hin und her marschierte, verhielt den Schritt, als er ihr Gelдchter durch das Skylight schallen hцrte. Das bevorstehende Gefecht war sein erstes, jedenfalls seit er Offizier geworden war. Als Quantock ihm auseinandergesetzt hatte, was sie tun muЯten, hatte sein Magen sich vor Furcht verkrampft. Aber als er den Admiral jetzt gemeinsam mit seinem Bootsfьhrer lachen hцrte, faЯte er wieder Mut. Gestдrkt nahm er seine begrenzte Wanderung wieder auf. VIII Ьberrannt Bolitho warf noch einen letzten Blick durch die Heckfenster, ehe Ozzard sie schloЯ und verschalkte. Achates stampfte schwer vor ihrer Ankertrosse, und Bolitho ьberlegte, daЯ Keen die Ankerwache inzwischen verdoppelt haben muЯte, damit er sofort handeln konnte, wenn sie zu driften begann. Es war noch Tag, aber die tiefhдngenden, bedrohlichen Wolken und peitschende Schauerbцen hьllten das Schiff in ein Zwielicht, als sei die Sonne schon untergegangen. Viel lдnger durfte er nicht mehr warten. Seit dem Verschalken der Fenster war die Luft in der Kajьte stickig geworden; binnen weniger Sekunden fьhlte Bolitho sich in SchweiЯ gebadet. DrauЯen klopfte jemand an die Tьr, und Keens gedдmpfte Stimme erklang. Er war pьnktlich, hatte wahrscheinlich schon lдngst auf diesen Augenblick gewartet. Bolitho nickte ihm zu. »Dann wollen wir mal.« Im Hintergrund stand ihre widerspenstige Geisel, flankiert von ei- 103
nem Korporal und von Black Joe Langtry, dem gefьrchteten Schiffsprofos. Seine schweren schwarzen Brauen und das trotz vieler Jahre auf See aschfahle Gesicht erinnerten an einen Henker. »Also, Hauptmann Masters, Sie werden uns nun verlassen.« Bolitho sah die Augen des Gefangenen triumphierend aufleuchten. Sein Vertrauen in den Gouverneur war offenbar ungebrochen und konnte Bolitho noch manchen Дrger bereiten. Aber sie hatten keine Zeit zu ve rlieren. »Die Yawl wartet drauЯen und wird Sie in den Hafen zurьckbringen.« Bolitho hob die Arme, damit Allday ihm geschickt den alten Sдbel umschnallen konnte. »Ich fьrchte, wir muЯten die Crew auswechseln, trotzdem werden Sie uns durch die Sperre bringen.« Hauptmann Masters fuhr auf. »Aber...« »Der Gouverneur hat gegen das Gesetz verstoЯen. Die Insel untersteht jetzt mir, und damit sich die Ьbergabe unter mцglichst geringen Verlusten vollzieht, werden Sie uns durch die Hafeneinfahrt lotsen.« Er machte eine Pause. »Was mit Rivers geschehen wird, hдngt nicht von mir ab. Aber falls Sie auch nur versuchen, Alarm zu schlagen, sind Sie ein toter Mann. Und wenn Sie uns anderweitig gefдhrden, werde ich Ihr Verhalten als Hochverrat ahnden. Was das bedeutet, wissen Sie.« Er rьckte die Scheide an seinem Gьrtel zurecht, angewidert vom bestьrzten Gesicht des Gefangenen und von seiner eigenen brutalen DrohunG. Dann aber fielen ihm Duncan und seine Leute ein, und er befahl knapp: »Bringt ihn auf die Yawl. Ich komme gleich nach.« Und zu Keen: »Es geht nicht anders. Sie mьssen das Schiff befehligen.« Beide blickten nach oben, als das Heulen des Windes in der Takelage stдrker wurde. »Und Ihr Erster Offizier ist ein ausgezeichneter Seemann, doch an Land kцnnte er seine Mдnner ьberfordern. Uns bleibt kein Spielraum fьr Irrtьmer.« Von Keen glitt sein Blick zu Allday. »Du hast die gefдhrlichste Aufgabe. LaЯ die Barkasse auf der Seeseite zu Wasser, damit sie vom Fort aus nicht gesehen wird.« Allday begegnete trotzig seinem Blick. »Ich weiЯ, was ich zu tun habe, Sir: das Boot hinter die Festmacherbojen bringen und dann ein Richtfeuer anzьnden.« 104
»Damit verlange ich viel von dir. Wenn wir es nicht schaffen, bist du abgeschnitten.« Allday grunzte. »Ich wьrde lieber an Ihrer Seite bleiben, Sir. Da ist mein rechtmдЯiger Platz.« Bolitho packte seinen Arm und bemьhte sich, seine Rьhrung zu verbergen. »Ohne das Richtfeuer findet Achates nicht in den Hafen. Sie wьrde bei diesem Wind unweigerlich stranden. Und du wirst noch an meiner Seite kдmpfen, alter Freund, tдusche dich nicht.« Keen sagte: »Trotzdem glaube ich...« Dann schwieg er und grinste reuig. »Egal, jetzt ist es zu spдt.« Er lockerte seinen Hemdkragen und legte dann die Hand auf den Sдbel. »Fьr Rivers mag das ja eine Ьberraschung sein, aber fьr mich ist es weit mehr.« Damit nickte er Allday zu und eilte hinaus, nach allen Seiten seine Befehle erteilend. Bolitho suchte sich eine Pistole aus und steckte sie in den Gьrtel. Wдre es denn wirklich so falsch gewesen, Quantock den Angriff fьhren zu lassen? Aber dann bejahte er sich diese Frage. Angesichts des fast sicheren Todes brauchten Mдnner, die fьr eine unbegreifliche Sache kдmpfen sollten ­ oder mit dem Feind insgeheim sympathisierten ­, den Anblick ihres Admirals, der ihnen vorausschritt, in den Tod oder ein Ungewisses Schicksal. Hinter Bolitho verlieЯ Allday die Kajьte und bьckte sich schwer atmend unter den tiefen Decksbalken. Im Zwielicht standen die halbnackten Stьckmannschaften schon an ihren Kanonen; ohne ьberflьssigen Lдrm oder laute Befehle hatte das Schiff klar zum Gefecht gemacht. Die Wache auf dem Achterde ck drдngte sich in kleinen Gruppen zusammen oder erledigte letzte Handgriffe. Der starke heiЯe Wind peitschte Gischt ьbers Deck, so schmerzhaft und blendend wie ein Hagel aus Sandkцrnern. Mit schrдggeneigtem Kopf spдhte Bolitho zu den Segeln auf, die wild gegen die Spieren schlugen. Wenn der Anker erst aufgeholt war, muЯte das Schiff lospreschen wie ein angreifendes Raubtier. Ein hervorragender Segler, behaupteten alle. Das muЯte sich jetzt erweisen ­ und mehr. Quietschende Taljen verrieten, daЯ die Barkasse seewдrts ausgesetzt wurde. Auch wenn ihn die Dьsternis fast schon verschluckt hatte, 105
fьhlte Bolitho immer noch Alldays Widerwillen, ihn zu verlassen, seinen angestammten Platz aufzugeben. »Viel Glьck, Sir«, rief Keen. Ein schneller Hдndedruck, dann stieg Bolitho ьbers Schanzkleid und hinunter in die stampfende Yawl, aus der sich ihm hilfreiche Hдnde entgegenreckten. »Wer kommt denn da noch?« knurrte eine heisere Stimme. »LaЯt uns endlich ablegen, Ted!« Ein anderer unterdrьckte halb ein rauhes Hurra. »Der Admiral selber ist's, Jungs!« Alle fuhren herum, sie trauten ihren Augen nicht. In seinem ve rschwitzten, schmuddeligen Hemd hдtte Bolitho eine Teerjacke wie sie sein kцnnen, aber sie wuЯten es besser, und einer rief aus dem Dunkel: »Willkommen an Bord, Sir!« Bolitho tastete sich zum Heck durch, ergriffen und wie stets beschдmt vom Vertrauen dieser Unbekannten. Dann hцrte er Mountsteven, den Zweiten Offizier, belustigt sagen: »Hier stinkt's wie in einem Bordell, Sir.« Er wirkte ebenso aufgekratzt, von der Wildheit der anderen angesteckt, sonst hдtte er sich diese Freiheit niemals genommen. Bolitho erreichte die Heckbank und spдhte in die Gesichter der Mдnner, die ihm am nдchsten saЯen: Christy, der Bootsmannsgehilfe von der alten Lysander, und Masters, trotz der Dunkelheit leicht kenntlich an seiner Milizuniform. Das Boot stank wirklich. Aber es war ja auch mit leicht brennbarem Material vollgestopft: alter Leinwand, in Fett und Teer getrдnktem Tauwerk, dazu Цl und diverse Zutaten aus dem Vorrat des Sprengmeisters. Ein Funke genьgte, und das Boot muЯte explodieren wie eine Granate. Sobald sie erst die Wachen auf der Schwimmsperre ьberwдltigt und ihre Murings gekappt hatten, wьrde Alldays Barkasse, gefolgt von zwei Kuttern mit Seesoldaten, den Angriff weitertragen. Bolitho war aufgefallen, daЯ die ursprьngliche Crew der Yawl, genau wie die Wachmannschaft im Fort, ьberwiegend aus Farbigen bestand, afrikanischen Sklaven, Mischlingen oder Abkцmmlingen der eingeborenen Inselbevцlkerung. Kaum anzunehmen, daЯ die Offiziere wie Masters die Quartiere des Forts mit ihnen teilten. Sie bewohnten wahrscheinlich bequeme Hд u- 106
ser in der Stadt und wьrden nach dem Alarm einige Zeit brauchen, ehe sie zu ihren Leuten stieЯen. Bolitho schauderte es trotz der drьcke nden Schwьle. Es sei denn, Rivers hatte seine List durchschaut, jede Kanone laden und richten lassen und wartete jetzt nur auf das erste verrдterische Zeichen eines bevorstehenden Ьberfalls. »Legen Sie ab, Mr. Mountsteven«, sagte er. »Und fahren Sie eine Laterne im Bug, wie besprochen.« Dann sah er Masters an. »Sie wi ssen, was Sie zu tun haben. Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist und Sie Ihre Familie wiedersehen wollen, dann machen Sie keine Dummheiten.« Christy lieЯ sein Entermesser in der Scheide klappern ­ eine wortlose Drohung. Als die Festmacher losgeworfen waren und die Segel sich wie fahle Riesenflьgel ьber der Yawl entfalteten, blieb die schьtzende Silhouette von Achates rasch hinter ihnen zurьck. Rivers' Wache auf der Sperre mochte zwar auf der Hut sein, hatte aber keinen AnlaЯ, mit einem so ungestьmen Angriff zu rechnen. Trotzdem sah Bolitho plцtzlich im Geist ein schreckliches Bild: Achates, wie sie in der Morgendдmmerung an der Hafeneinfahrt strandete und von den schweren Kalibern der Festung zum Wrack geschossen wurde. Jemand flьsterte: »Land voraus, Sir!« Ein Gemurmel lief durch die mit Seeleuten vollgestopfte Kajьte, die unter Deck geduckt auf den Angriff warteten. Stahl kratzte auf Stahl, Fдuste tasteten in der Finsternis nach Pistolen und Musketen, um sich zu vergewissern, daЯ die Waffen trocken und einsatzbereit waren. Jetzt brauchte es nur eine leichtsinnige Bewegung, einen unabsichtlich ausgelцsten SchuЯ ­ und sie waren alle verloren. Wieder erinnerte sich Bolitho dankbar daran, daЯ die Besatzung der Achates ьberwiegend aus erfahrenen Mдnnern bestand, gut ausgebildet und eine ve rschworene Gemeinschaft. Haltsuchend packte er eine Pardune und spдhte durch die Gischt nach dem dunklen Schatten des Vorlandes an Backbord aus. An Steuerbord wuchsen das Fort und der fьnfhundert Meter hohe Vulkankegel schemenhaft in den gespenstischen Gewitterhimmel. Ein Lichtschein fiel ьbers Wasser, tanzte auf den Wellen, und Bolitho glaubte, einen Anruf zu hцren. 107
Rauh sagte Masters: »Dippt die Buglaterne!« Das klang gepreЯt, als mьsse er um Luft ringen. »Zweimal!« Wie angewiesen, wurde die Buglaterne zweimal auf und nieder geholt, und Bolitho merkte, daЯ er den Atem anhielt. Jetzt hatte Masters die gьnstigste Gelegenheit, sie zu verraten, seine Loyalitдt fьr Rivers unter Beweis zu stellen. Aber nichts geschah, das in Licht von der Schwimmsperre blinzelte stetig ьber die gischtgekrцnten Kabbelseen zu ihnen herьber. Leise knarrte die Pinne, als Masters, eine Hand ьber der des Rudergдngers, den Kurs leicht korrigierte. Jetzt hatte er sich inkriminiert und wollte seinen EntschluЯ nicht damit bьЯen, daЯ er wegen eines Ansteuerungsfehlers vor dem eigenen Hafen ertrank. Bolitho erkannte das Backbordende der Sperre, auf dem sich einige geduckte Gestalten um die Richtlaterne drдngten. Irgend jemand preite die Yawl an, und Masters winkte gebieterisch zurьck, mit einer Autoritдt, die sein Verrat ins Lдcherliche verzerrte. »Jetzt! Hart Steuerbord! Die Segel streichen!« Gewohnt, bei jedem Wetter, bei Tag oder Nacht, ihre Arbeit zu tun, lieЯen die Seeleute das Boot zьgig an die vermurten Boote und Pontons heranscheren. Als die ersten Draggen an ihren Leinen ьber die Kцpfe der verdutzten Wachen flogen und sich festbissen, sprangen schon die schnellsten der unter Deck verborgenen Matrosen hervor, waren mit einem Satz auf dem Ponton und erstickten mit ihren Entermessern jeden Schrei der Ьberfallenen. Plцtzlich wimmelte es auf der Sperre von Mдnnern. Wдhrend die einen die unglьcklichen Wachtposten ausschalteten, lцschten die anderen die gefдhrliche Fracht der Yawl und brachten sie in Position. »Lunten anbrennen! Ein Fidibus her! Schnell!« Mountsteven bellte seine Befehle, wдhrend die Gefangenen grob auf die Yawl gestoЯen wurden. Bolitho blickte zu den verschwommenen Umrissen der Festung auf: keine Reaktion. Vielleicht hatte Rivers wirklich erwartet, daЯ er seine Ehre, seine Karriere und sein Land vergaЯ und diese schamlose Ve reinbarung mit ihm traf? Es wдre nicht der erste Vorfall dieser Art in der Marinegeschichte gewesen. »Murings gekappt, Sir!« 108
Ein langsam abbrennendes Zьndholz flammte auf, dann ein zweites, und der letzte Brite sprang in die wild stampfende Yawl. »Legt ab!« Ohne den zusammengekauerten Ьberlebenden des blitzartigen Angriffs einen Blick zu gцnnen, versuchten die Matrosen, mit langen Riemen, Bootshaken und anderem Gerдt die Yawl von der Sperre abzustoЯen. In seiner Erregung packte Leutnant Mountsteven Bolithos Arm und deutete mit seinem Sдbel ins Dunkle. »Da kommt Ihr Bootsfьhrer, Sir!« Nur die hellen Riemenblдtter waren sichtbar, als Alldays Barkasse durch die Lьcke schoЯ; sie war im Hafen, noch ehe die Yawl Fahrt aufgenommen hatte. »Haltet auf Land zu!« Bolitho rutschte auf die andere Seite hinьber, wo Masters sich ьber die Reling beugte und zum Fort hinaufspдhte. Das Boot vollfьhrte einen Hцllentanz und nahm eine Menge Wasser ьber. »Das haben Sie gut gemacht, Masters.« Bolitho scherte sich nicht um den erstaunten Blick seines Gefangenen, er rief: »In Deckung, Leute!« Es gab eine dumpfe Explosion, die Yawl mit den erstarrten Gesichtern darin war plцtzlich in grelles, orangefarbenes Licht getaucht: Die driftende Schwimmsperre zerbarst in einem Flammenmeer. Nun trieben die brennenden Wrackteile schnell in den Hafen, weil eine Lasching nach der anderen brach. Bolitho schlang sich den Riemen seines Sдbels fester ums Handgelenk und verlagerte das Gewicht prьfend auf sein verletztes Bein. Wenn es ihn jetzt im Stich lieЯ... Der Bug lief auf und rutschte wieder ab, wдhrend die Brandung ihn kochend ьberspьlte und Unvorsichtige wie halbvolle Sдcke kreuz und quer warf; dann stieЯ die Yawl ein zweites Mal gegen Fels. Bolitho hцrte Holz splittern und Wasser ins Boot gurgeln, wo es bald seine Beine umspьlte. Immer noch wurden sie zwischen den Uferfelsen wie ein Spielball hin und her geworfen. Aber dann fanden die ersten Draggen Halt an Land, und als die Mдnner wasserspuckend und fluchend ьber Bord zu klettern begannen, hцrte Bolitho ein weit entferntes Trompetensignal. 109
Wieder rief er sich das Bild der Kьste ins Gedдchtnis; dann wandte er sich um, weil ein weiteres Te ilstьck der driftenden Sperre explodiert war und nun lichterloh brannte. Inzwischen muЯte ganz Georgetown alarmiert sein. Von den Festungsmauern herab begannen Musketen zu knallen, aber die Kugeln zischten wirkungslos durch den Sprьhregen der Brandung. »Sammeln, Mr. Mountsteven!« Der Leutnant konnte nur schwer den Blick vom Wrack der gestrandeten Yawl losreiЯen. Als Fluchtfahrzeug war sie nicht mehr zu gebrauchen. Irgendwer stieЯ einen heiseren Hochruf aus, wurde aber sofort von einem Unteroffizier zum Schweigen gebracht. Doch Bolitho wдre selbst gern in Jubelrufe ausgebrochen. Denn die beiden Kutter der Achates pullten mit einem Hцllentempo durch die letzten brennenden Reste der Schwimmsperre, und die gekreuzten weiЯen Brustriemen der Marinesoldaten leuchteten hell herьber. Im Bug des einen Kutters krachte trocken ein MusketenschuЯ, gefolgt von einem scharfen Kommando, das durchs Sprachrohr geisterhaft verstдrkt wurde. Der Kutter hielt direkt auf ein Boot des Gouverneurs zu; wahrscheinlich hatte es den unglьcklichen Leutnant Trevenen an Bord, der gegen Masters ausgetauscht werden sollte. Wenn sie ihn nun fьr den Ьberfall bьЯen lieЯen... Bolitho verdrдngte diesen Gedanken, als Mountsteven meldete: »Alle Mann vollzдhlig, Sir!« »Weitermachen! Und zwar im Eiltempo zur StraЯe, die in die Stadt fьhrt. Dort sollen sich die Mдnner zwischen den Felsen so verteilen, daЯ sie den Gegenangriff aufhalten kцnnen, bis uns die Marinesoldaten zu Hilfe kommen.« Obwohl sich seine Gedanken fast ьberschlugen, muЯte Bolitho ьber sich selbst lдcheln. Da stand er und kommandierte wie ein Infanteriegeneral, nicht wie ein Marineoffizier mit einer Handvoll Leute und der Hoffnung auf Unterstьtzung durch Seesoldaten, die sich vielleicht niemals bis zu ihnen durchschlagen konnten. Aber schon rannte er mit den Matrosen zwischen Felsen und Gebьsch landeinwдrts; im stьrmischen Wind peitschten Дste nach ihnen, als wollten sie die Eindringlinge verjagen. 110
»Hierher, Sir!« Das war Christys Stimme. Bolitho lieЯ sich neben ihn fallen und schnappte keuche nd nach Luft, als der Schmerz durch sein verletztes Bein zuckte. Christy prьfte seine Pistolen und hatte das Entermesser schon blankgezogen. Bolitho sah die anderen geduckt in Deckung rennen, wдhrend jetzt stдrkeres Musketenfeuer ьber ihren Kцpfen knatterte. Wo mochte Rivers gerade sein? In seinem prдchtigen Haus oder oben im Fort, wo er sich fragte, ob plцtzlich alle Welt verrьckt geworden war? Bolithos Finger krallten sich in den nassen Boden. Alles hing jetzt von Allday ab. Vielleicht war er von einem Wachboot abgefangen worden wie vorhin der Kutter? Trotzdem wьrde Keen jetzt Anker lichten und die brennenden Wrackteile der Hafensperre nicht aus den Augen lassen; bisher waren sie seine einzige Hilfe beim Unterscheiden von Wasser und Fels. Aber bald muЯten auch diese Richtfeuer erlцschen. Eine Stimme bellte Befehle, dann krachte eine Salve, als die Seesoldaten vom Hang aus die Festung unter Feuer nahmen. Scott, der Dritte Offizier und einer der Erfahrensten an Bord, rief: »Nachladen! Ruhig Blut, Jungs!« Bolitho verdrдngte den Gedanken an Keens Hilflosigkeit, wenn der Anker erst aus dem Grund gebrochen war und das Schiff sich blind durch die Dunkelheit tasten muЯte. Ohne den Landungstrupp und mindestens drei seiner besten Offiziere war er auЯerdem gefдhrlich knapp an Leuten. Neben ihm glommen Christys Augen auf wie zwei Kohlenstьckchen; er wandte sich um und sah am Rand der Bojenreihe im Hafen eine Feuersдule in die Hцhe schieЯen. Allday hatte es geschafft! Die brennenden Fackeln leuchteten hell durch die Nacht, von seinen Bootsgasten auf einer Festmacherboje angelascht und entzьndet; wenn dieses Bьndel erlosch, wьrde das nдchste aufflackern. Und dann rollte der erste Kanonendonner ьber die Reede. Niemand sah die Kugel einschlagen, aber sie flog wahrscheinlich genau ьber die Boje, die Rivers mit so beilдufiger Drohung bezeichnet hatte. 111
Masters kam herangerobbt und lieЯ sich neben Bolitho fallen. Sein ganzer Kцrper flog vor Angst, ohne daЯ er es verhindern konnte. Bolitho warf ihm einen Blick zu. »Welchen Tag haben wir heute, Mr. Masters?« Masters muЯte schlucken. »Den neunten Juli, glaube ich, Sir« stammelte er. Er wдre aufgesprungen, hдtte Christy ihn nicht in Deckung gezogen. Aber Bolitho hatte es ebenfalls gehцrt: fernen Trommelwirbel und den schrillen Klang der Querpfeifen. Er sah sie vor sich: seine Marinesoldaten, die ­ vom starken Wind gezaust ­ auf der holprigen StraЯe heranmarschierten, vorneweg die Offiziere und dahinter mit exaktem Abstand die kleinen Trommelbuben, wie bei der Parade. Nur daЯ sie auf einer StraЯe paradierten, die keiner von ihnen je gesehen hatte und auf der mancher auch nicht zurьckkehren wьrde. Bolitho zwang sich, den unterbrochenen Faden wieder aufzunehmen. »Dieses Datum ist wichtig, Mr. Masters«, sagte er. »Wir wollen es uns gut merken.« Er wandte den Kopf, als ein neues Richtfeuer fьr die Achates aufflammte, aber diesmal sah er es nur verschwommen. Da stieЯ er den Degengriff neben seinem gesenkten Kopf in den Boden und flьsterte: »Wir werden siegen! Wir mьssen siegen!« Es klang wie eine Beschwцrung. Keen rannte die Leiter zum Hьttendeck hinauf und klammerte sich an die Heckreling, weil der Wind ihn von Deck zu fegen drohte; er kam genau von vorn ein und heulte durchs Rigg wie tausend losgelassene Teufel. Keens Verstand wehrte sich dagegen, die knappen Zeiten und Distanzen zu berechnen, die Achates noch verblieben, sobald der Buganker erst ausgebrochen war. Schwach hцrte er von vorn das Klicken der Ankerwinsch, die heiseren Rufe der Deckoffiziere, die auf den entscheidenden Augenblick warteten. Als Keen sich wieder dem Hьttendeck zuwandte, brannte sein vom Wind gepeitschtes Gesicht wie Feuer. Schemenhaft sah er unten das groЯe Rad und die Rudergдnger, daneben den Master und einen Midshipman. Andere Mдnner der Achterdeckswache hielten sich an den Besanbrassen bereit, ihre nackten Oberkцrper schimmerten wie nasser Stein im schwachen Licht. 112
Gleich... Gleich hieЯ es, jetzt oder nie. Oft genug hatte Keen das in der >Gazette< oder in einem Admiralitдtsbericht gelesen: ein Kriegsschiff Seiner Majestдt war gestrandet und verlorengegangen, und das Seegericht fдllte spдter seinen Spruch, wonach. Stopp. Er muЯte seine Phantasie zьgeln. Laut rief er, das Heulen des Windes ьbertцnend: »Alles klar, Mr. Quantock?« Der groЯe, hagere Erste kдmpfte sich, schrдggeneigt gegen den Wind und das krдngende Deck, auf den Kommandanten zu. »Das hat doch keinen Zweck, Sir!« Wьtend fuhr Keen zu ihm herum. »Nicht so laut, Mann!« Quantock beugte sich vor, um ihm besser ins Gesicht sehen zu kцnnen. »Aber der Master ist derselben Meinung. Es wдre Wahnsinn. Das schaffen wir einfach nicht.« Keens Schweigen schien ihn zu ermutigen. »Niemand kann Sie dafьr tadeln, daЯ Sie das Schiff nicht riskieren wollten. Uns bleibt immer noch Zeit zum Aufkreuzen.« »Der Anker ist kurzstag, Sir!« Die Meldung fuhr zwischen sie wie ein Axthieb. »Zeit? Wofьr bleibt uns Zeit ­ zu feiger Flucht? Verdammt sollen Sie sein!« Keen wandte sich ab und schritt zu den Finknetzen, sah einige Matrosen ihn дngstlich beobachten. Aber Quantock lieЯ nicht locker. »Kapitдn Glazebrook hдtte niemals...« Weiter kam er nicht. »Er ist tot!« Keen schrie es fast. »Aber wir leben. Verlangen Sie etwa von mir, daЯ wir unseren Admiral und die Kameraden da drauЯen im Stich lassen, bloЯ weil es gefдhrlich fьr uns wird? Ist das der Rat, den Sie mir geben, Mr. Quantock?« Es tat ihm wohl, seinen Zorn und seine Verbitterung herauszuschreien. »Eher schicke ich Sie, den Master und alle anderen zum Teufel, als daЯ ich den Schwanz einziehe und feige davonrenne!« Er schritt zur Querreling und spдhte zu der wild schlagenden Leinwand auf. Vielleicht kostete es sie wirklich ein paar Segel oder Spieren, vielleicht auch die Masten. Aber da hinten, jenseits des stampfenden Hecks, wartete Bolitho. Schemenhaft zogen Bilder an Keens innerem Auge vorbei: die GroЯe Sьdsee, das Mдdchen, das er geliebt hatte und das am gleichen Fieber gestorben war, dem auch Bolitho fast erlegen wдre. Trotz seiner eigenen Verzweiflung hatte Bolitho ihm 113
Trost zugesprochen. Und nach allem, was sie gemeinsam durchgemacht hatten, sollte er ihn jetzt im Stich lassen? Nein, tausendmal nein! »Geben Sie durch an die Toppgasten, Mr. Fr aser: Es wird ein haariges Manцver. Holen Sie alle Mann aus dem Batteriedeck und stellen Sie jede Hand an Brassen, Halsen und Schoten.« Er versuchte, sich an den Namen des Offiziers zu erinnern, der neben ihm stand. »Mr. Foord, machen Sie fьr den дuЯersten Notfall den Backbordanker klar zum Fallen.« Damit konnten sie das Schiff vielleicht lange genug abbremsen, daЯ wenigstens ein Teil der Besatzung sicher an Land gelangte. Dann hцrte er sich ruhig fragen: »Also, Mr. Quantock?« Quantock starrte ihn durch die Gischtfetzen bцse an. »Aye, aye, Sir.« Damit griff er nach seinem Sprachrohr und stapfte davon. Keen packte den glatten Handlauf. Wie viele Kommandanten vor ihm hatten hier schon so gestanden? In Sturm oder Flaute, vor einem Hafen oder einem Gefecht, und hatten versucht, sich ihre Дngste nicht anmerken zu lassen? Wьrde er der letzte sein? Er horchte auf das Klicken des Ankerspills, den Knall der Peitsche, mit der ein Bootsmannsgehilfe einen Saumseligen zu grцЯerer Anstrengung trieb. Von ihrer Kraft und Entschlossenheit hing es ab, ob das schwere Schiff gegen Wind und See bestehen konnte. Ein letztes Mal blickte er zu den Rahen auf, wo die Toppgasten in den FuЯpferden standen, jederzeit bereit, die knatternden Segel herabrauschen und sich entfalten zu lassen. Weit und breit kein Licht. Und keine Spur mehr von der brennenden Schwimmsperre. Vielleicht war Allday nicht durchgekommen. Aber wenn dem so war, dann lebte er jetzt bestimmt nicht mehr. Noch ein Bild sah Keen vor sich: er selbst, damals ein kleiner Seekadett, schreiend und keuchend vor Schmerzen, mit einem messerscharfen Holzsplitter im Leib, der ihn wie ein Speer durchbohrte. Und Allday, der ihn ьberraschend sanft unter Deck trug und den Splitter selbst aus dem Fleisch schnitt, weil der Schiffsarzt zu betrunken war, um verlдЯlich seine Arbeit zu tun. »Anker ist frei!« Nur halb drang der Ruf zum Achterschiff, aber 114
schon legte sich Achates so scharf ьber, daЯ die See wie Brandung ьber Seitendeck und Schanzkleid brach. »Setzt die Bramsegel!« Die Rudergдnger rutschten aus und fielen auf die Planken, umklammerten aber eisern das mдchtige Doppelrad, als der Wind das Schiff wie ein Spielzeug herumwarf; die losen Bramsegel knallten und schlugen an ihren Rahen, und das Crescendo der Sturmbцen in der Takelage ьbertцnte das Geschrei der um ihr Leben kдmpfenden Crew. Keen kniff die Augen zu Schlitzen zusammen, als Spritzwasser durch die Webeleinen schoЯ und ihn vo n Kopf bis FuЯ durchnдЯte. Das Wasser fьhlte, sich warm an, als heiЯe es seine Beute schon willkommen. Sparrowhawks ьberlebender Midshipman, der kleine Evans, klammerte sich verzweifelt an ein Want, als ihm die FьЯe weggerissen wurden. Ein dunkles Bьndel fiel aus der Besantakelage, schlug mit einem ekelerregend dumpfen Krachen aufs Schanzkleid und von da in die See: ein Toppgast, den das plцtzlich steif kommende Segel von seinem unsicheren Stand gerissen haben muЯte. Dem Mann blieb nicht einmal Zeit fьr seinen letzten Schrei. Im Getцse von Wind und See klang Gebrьll auf und verebbte wi eder ­ wie ein Chor verdammter Seelen. »Noch ein paar Hдnde an die Luvbrassen dort!« »Mr. Rooke, lassen Sie zwei Leute aufentern!« »Bringt den Mann da ins Lazarett!« »Wahrschau ­ die Gig reiЯt sich los!« Und plцtzlich der heisere Ruf des Masters: »Ruder im Schiff, Sir!« Keen fuhr herum und starrte ihn an, das Gesicht entstellt durch ein irres Grinsen, denn der Winddruck verzerrte seine Lippen. Aber das Schiff gehorchte wieder dem Ruder! Mit vierkant gebraЯter GroЯrah und zum Platzen steifen Segeln, so stark ьberliegend, daЯ Wasserstrahlen durch die geschlossenen Lee-Stьckpforten gepreЯt wurden, fiel Achates ab und begann, dem Sturm das Heck zu zeigen. Gebrochene Leinen wehten vor ihr her wie Lianen; von oben hцrte Keen das schrille Glissando reiЯender Leinwand, aber er wuЯte, daЯ die Fдuste der Toppgasten den Schaden in Grenzen halten wьrden. »Nordost zu Nord!« Die Stimme klang atemlos. Und gleich darauf: »Nord zu Ost!« 115
Keen umklammerte den Handlauf, daЯ ihn die Fдuste schmerzten. Achates gab wirklich ihr Bestes. Aber mit jeder Sekunde, die der Sturm sie weiter auf den dunklen Schatten des Landes zutrieb, wurden ihre Chancen geringer. Wieder das Knirschen der Rahen, deren Brassen von halbnackten Mдnnern geholt wurden, die sich vor Anstrengung schrдg gegen das Deck stemmten. Und ьber allen Quantocks fordernde, drohende, rauhe Stimme. Der Rumpf schien einen Satz nach vorn zu machen, schrдg abwдrts, bis eine massive Wasserwand hoch ьber dem Vorsteven emporwuchs und auf das Vorschiff niederkrachte. Wie Stoffpuppen wurden Mдnner nach achtern gewaschen. Keen schien es ein Wunder, daЯ sich keine der vorderen Kanonen losriЯ. Er kannte die Gefahr mir zu gut: wie von blinDer Angriffswut beseelt, konnten diese guЯeisernen Mo nster, hatten sie sich erst aus ihren Laschings befreit, kreuz und quer durch die Decks krachen und alles zermalmen, was ihnen in den Weg kam. Mit kaltem Grauen zдhlte er die Sekunden, bis der Bugspriet sich langsam zu heben begann und tosende Wasserkaskaden abschьttelte. Der Klьverbaum zeigte wieder aufs Land, auf das unerbittlich drohe nde Land. Wie zur Bestдtigung hцrte er Knockers Schrei: »Nordwest liegt an, Sir!« Und immer noch kein Lichtsignal. Sie wьrden auch vergeblich darauf hoffen, dachte Keen. Eigentlich hдtte er verzweifelt sein mьssen. Er hatte sich geirrt, und Quantock hatte recht behalten. Nun war das Schiff verloren und mit ihm jeder Mann an Bord, und diese rebellische Insel konnte weiterhin der Krone trotzen, als hдtte es Achates nie gegeben. Aber trotz allem war er seltsam erleichtert. Er hatte es wenigstens versucht, und Bolitho wьrde davon hцren. Andere Schiffe wьrden kommen und sie rдchen, ob nun britische oder franzцsische, das spielte keine Rolle. Plцtzlich Leutnant Foords gellende Stimme: »Das Signal! O Gott, da ist das Signal!« Er schluchzte fast, so erleichtert war er. Scharf befahl Keen: »ReiЯen Sie sich zusammen, Mann! Mr. Knokker: einen Strich nach Steuerbord!« 116
BewuЯt versuchte er, seine verkrampften Glieder zu entspannen, wдhrend er nach dem Feuer ausspдhte, dessen sprьhendes Licht von den jagenden Wolken reflektierte. Wieder hievten die Deckshдnde an den Brassen, Keen hцrte das Vorbramsegel sich knallend mit Wind fьllen und wuЯte jetzt, daЯ vorhin das GroЯbramsegel zerfetzt worden war. Aber da war ihr Richtfeuer, ohne jeden Zweifel. Allday hatte das Unmцgliche geschafft. »Nordwest zu Nord, Sir.« »Recht so!« Das Schiff schien jetzt mit einem hцllischen Tempo durchs Wasser zu preschen. »Lotgasten in die Ketten!« befahl Keen. Tдuschte er sich, oder hatte im rauhen Ruf des Masters mehr gelegen als Ьberraschung und Erleichterung? Vielleicht auch ein respektvolles Staunen? Keen stieЯ sich ab und ging zur anderen Seite hinьber, um die weiЯ schдumenDe Brandung im Auge zu behalten. Die Brecher schienen nicht weiter als eine Bootshakenlдnge vom Rumpf entfernt. Er hцrte den ersten Lotgasten aussingen, aber seine Tiefenangabe verstand er nicht. Dicht neben dem Rumpf konnte er plцtzlich festes Land ausmachen, in Gischt gehьllt, und spьrte das Deck unter seinen FьЯen erbeben, als der Kiel mit knapper Not ьber eine gefдhrliche Sandbarre rutschte. Knocker gab neue Ruderkommandos, seine Stimme hallte plцtzlich laut von der Landzunge wider, auf deren Hцhe die Pontons den Hafen gesperrt hatten. Sie hцrten Gefechtslдrm: Gewehrfeuer und dazwischen vereinzelt das Krachen von Kanonen. Aber das klang alles so fern und unwirklich, als hдtte es nichts mit dem anstьrmenden Zweidecker und seiner Besatzung zu tun. Warnschreie vom Vorschiff ­ und dann hielt Keen scharf den Atem an, als ein heftiger Ruck durch das Schiff ging. Dunkel und ve rschwommen sah er ein kleineres Fahrzeug am Rumpf der Achates entlang gleiten und achteraus verschwinden: ein Boot, das sie von seiner Boje gerissen hatten und das nun langsam kenterte. Immer noch brannte das Richtfeuer lichterloh, und jetzt konnte Keen seinen Widerschein auf einem helleren Fleck erkennen, der 117
dichtbei lag: Alldays Barkasse. Er riЯ einem Midshipman das Teleskop aus der Hand und richtete es nach Backbord voraus. Im Schein ihres Feuers standen die Bootsgasten in der Barkasse und schwenkten jubelnd die geteerten Hьte, als das Schiff sich nдherte. Achates muЯte einen gespenstischen Anblick bieten, dachte Keen: oben feurig leuchtende Segel und darunter ein Rumpf, der mit dem dunklen Wasser verschmolz. »Klar zum Segelkьrzen, Mr. Quantock!« Keen stellte fest, daЯ er am ganzen Leib zitterte wie ein Mann der soeben dem Tod entronnen war. Dann erkannte er zum erstenmal die Lichter der Stadt, sie schimmerten durch die Gischt wie winzige Juwelen. Achates war fast am Ziel, das Unmцgliche geschafft. Im Dunkeln krachte wieder eine Kanone, aber Keen scherte sich nicht um den Einschlag der Kugel. »Klar zum Anluven, Mr. Quantock!« Noch war die Gefahr nicht vorbei. Falls Achates nicht rechtzeitig ankerte, muЯte sie an den Strand treiben oder sich wie eine Schildkrцte im Netz zwischen den verankerten Fahrzeugen verfangen. Vielleicht schnappte jetzt die selbstgestellte Falle hinter ihnen zu? Keen entdeckte plцtzlich, daЯ er diese Mцglichkeit bar jeder Emotion einkalkulieren konnte. Darauf kam es jetzt nicht mehr an. Denn wenn Achates den Hafen nicht mehr verlassen konnte, war das auch allen anderen Fahrzeugen unmцglich. Im Geist sah er Bolithos ernstes Gesicht wieder vor sich und hoffte, daЯ er beobachtet hatte, wie sein Flaggschiff, ein dunkles Phantom, mitten in den Hafen gestьrmt war. Wenn allein Willensstдrke diesen Kampf entschied, dann stand der Sieger jetzt schon fest. »Bemannt die Leebrassen!« Quantock warf seinem Kommandanten einen Blick zu. »Ich habe beide Anker klar zum Fallen, Sir, und einen Leutnant an den Kettenkneifer gestellt. Wenn die Trosse bei diesem Sturm bricht...« Er lieЯ den Satz unvollendet. Keen musterte ihn gelassen. »Bitte, machen Sie weiter.« Er konnte an Quantock keine Verдnderung feststellen, dachte er mit einer gewissen Genugtuung. Warum sollte sich der Mann auch wegen einer gewissenlosen Tollkьhnheit verдndern? Denn genau das hatte er eben begangen, wenn er es recht bedachte. 118
»Gei auf Bramsegel!« Keen wandte den Blick nach oben, wo plцtzlich hektische Bewegung entstand. Die Toppsgasten hatten eine Meisterleistung vollbracht, dachte er, sie hatten ihr Leben, ihr Schiff und ihren Stolz bewahrt, wie nur Seeleute das konnten. »Leeruder!« Wieder legte sich das Deck scharf ьber, und Alldays Barkasse zog am herumschwingenden Bugspriet vorbei, als suche sie ihr Heil in hastiger Flucht. Aber Sturm und See hatten fьr den Augenblick an Gewalt verloren. Ihre Revanche wьrde noch kommen, spдter. »LaЯ fallen Anker!« Keen hцrte das Platschen und spьrte ein leichtes Erzittern der Planken, als der zweite Anker, der an seinem Kranbalken klar zum Fallen hing, gegen den Rumpf schlug. Blцcke quietschten, als die unsichtbaren Toppsgasten langsam, aber sicher die widerspenstige Leinwand zu ihren Rahen aufholten und festzurrten. Sofort lieЯen die Schiffsbewegungen nach, und Keen befahl so gelassen er konnte: »Setzt die restlichen Boote aus. Und bringt achtern einen Warpanker aus. Mr. Rooke soll sich bei mir melden.« Und als Quantock verbittert schwieg, setzte er hinzu: »AuЯerdem nehmen Sie bitte eine allgemeine Musterung vor. Und melden Sie mir die Verluste.« An seinem Ellbogen stand plцtzlich eine kleine Gestalt, Ozzard, Bolithos Steward, mit einem silbernen Becher in der Hand. »Hier, Sir.« Keen setzte ihn an die Lippen und verschluckte sich fast an dem starken Rum. Aber er erzielte die von Ozzard beabsichtigte Wirkung. »Danke.« Keen reichte den Becher zurьck, es war einer von Bolithos eigenen. »Das hatte ich nцtig.« Gemeinsam sahen sie zu, wie Gig und Jolle an ihren Davits ausgeschwungen und zu Wasser gelassen wurden. Mдnner hasteten nach achtern, wдhrend die Bootsmannsgehilfen ihre Anweisungen fьr das Ausbringen des Warpankers bellten. Auf den blankgescheuerten Planken sah das dicke Tau aus wie eine endlose Schlange. Schьchtern fragte Ozzard: »Ob er in Sicherheit ist, Sir?« Keen sah einen Leutnant und Harry Rooke, den Bootsmann, auf sich 119
zukommen; ungeduldig erwarteten sie seine Befehle, aber in Ozzards Stimme hatte eine Dringlichkeit gelegen, die von ihm eine Antwort verlangte. Sicherheit? Wann verschwendete die Kriegsmarine schon Gedanken an die Sicherheit eines einzelnen? Vertrauen zдhlte da schon eher. Und Zuversicht. Beides besaЯen Mдnner wie Allday, fьr die Bolithos Wort und Reputation alles andere aufwog, selbst ihr Leben. Lдchelnd wandte er sich dem Steward zu. »Jedenfalls wird er uns morgen eine Menge zu tun geben, Ozzard. Zumindest das weiЯ ich genau.« Ozzard nickte strahlend und hoppelte davon. Diese Antwort genьgte ihm vollauf. IX Knapp davongekommen Eine Hand schьttelte Bolitho wach, und er regte sich mit einem unterdrьckten Stцhnen. Hatte er wirklich geschlafen? Der Schreck darьber weckte ihn endgьltig. »Was ist denn, Mann?« Leutnant Mountsteven starrte ihn neugierig an, als kцnne er es selbst nicht glauben, daЯ er diesen steinigen Graben mit seinem Vizeadmiral teilte. »Es dдmmert schon, Sir. Die Leute sind auf den Beinen.« Bolitho setzte sich und rieb seine brennenden Augen; jetzt fiel ihm auch auf, daЯ der Wind fast eingeschlafen war. Er erinnerte sich an die Nacht wie an eine Halluzination. Als er ьber den Grabenrand auf die glitzernde Wasserflдche spдhte, sah er wieder vor sich, wie Achates unter Segeln, die sich wie kupfern schimmernde Brustpanzer wцlbten, die Einfahrt erzwungen hatte. Sie war nur ein leichtes Linienschiff, hatte aber im Feuerschein fast doppelt so groЯ gewirkt und schien den ganzen Hafen zu fьllen. Mit wildem Jubel und nassen Augen hatten Bolithos Seeleute ihre gespenstische Erscheinung begrьЯt. Nun hцrte er, wie die Mдnner rundum nach ihren Waffen griffen, und dachte wieder an den Korporal der Marineinfanterie, den Hauptmann Dewar mit der Meldung zu ihm geschickt hatte, daЯ alle an Land waren und ihre Stellungen bezogen hatten. 120
Er muЯte grinsen. Der Korporal wirkte in seiner makellosen roten Uniform so untadelig im Vergleich zu seinem Admiral in schmutzigem Hemd und mit wirrem, staubigem Haar. Die Festung hьllte sich noch in Dunkelheit, aber der Gipfel des Vulkans trug schon eine graue Mьtze. Mountsteven reichte ihm eine Hьftflasche herьber. »Ich lasse das Schiff beobachten, Sir«, sagte er. »Aber die Marineinfanterie wird es schon zu verhindern wissen, wenn sie eine Kanone so in Stellung bringen wollen, daЯ es unter DirektbeschuЯ genommen werden kцnnte.« Bolitho hob die Flasche an die Lippen und lieЯ den starken Brandy brennend ьber seine Zunge rinnen. Jetzt hing alles von Rivers ab. Wenn ihm genug Zeit blieb, schaffte er seine schwere Artillerie bestimmt auf eine andere Bastion, von wo aus er die Achates mit glьhenden Kugeln binnen weniger Minuten zum Wrack schieЯen konnte. Irgendwo begrьЯte ein Hahn trotzig krдhend den Morgen, und Bolitho blickte sich um. Der Dritte Offizier kam den Hang herabgestolpert und meldete atemlos: »Sie verlegen die Artillerie im Fort, Sir. Ich habe einen Spдher so weit vorgeschickt wie mцglich.« Er lieЯ sich von seinem Kameraden ebenfalls die Flasche reichen und setzte sie an. Mit einer Grimasse schloЯ er: »Aber die Tore sind noch zu.« Bolitho nickte, wдhrend sein wie eingefrorener Verstand die spдrlichen Nachrichten zu verarbeiten suchte. Die erste Aufregung ьber die Vernichtung der Schwimmsperre und ihren Durchbruch in den Hafen muЯte sich inzwischen gelegt haben, Rivers sein Selbstvertrauen allmдhlich zurьckgewinnen. Bolitho erhob sich steif und wischte sich mit dem Дrmel ьber das Gesicht. Was fьr eine verfahrene Situation! In England wьrDe Man mit Recht die Notwendigkeit bezweifeln, daЯ hier Menschenleben geopfert wurden, um den Franzosen einen Vorteil zu verschaffen. Mit einem lautlosen Fluch verdrдngte er diesen Gedanken; nur seine Hoffnung auf eine glьckliche Zukunft mit Belinda flьsterte ihm solche Skrupel ein. Kein Wunder, daЯ ihn die jungen Offiziere wie Mountsteven oder Scott mit heimlichem Befremden musterten. Auch er hatte in ihrem Alter niemals an die privaten Sorgen seiner Vorgesetzten 121
gedacht, an ihre Rьcksichtnahme auf die eigene Familie, die sie vielleicht zцgern lieЯ, wenn es ans Kдmpfen ging. Aber dann schьttelte er diese Stimmung ab. Ein Leben ohne Belinda schien ihm unertrдglich. Aber ein Leben ohne Ehre konnte er ebens owenig ertragen. Vom Ufer klang ein erschreckter Anruf herauf und dann Alldays gedдmpfte, aber wьtende Stimme: »Ich bin's doch, du blindes Huhn! Sei leise, oder ich brech' dir das Genick!« Er rutschte in den Graben hinunter und schielte unsicher zu den drei Offizieren herьber. Bolitho lдchelte. »Ihr habt heute nacht ein Wunder vollbracht. Das war gute Arbeit!« Erst jetzt schien Allday zu begreifen, daЯ die eine der drei abgerissenen Figuren Bolitho war; weiЯ schimmerten seine Zдhne im Halbdunkel, als er breit zu grinsen begann. »Danke, Sir.« Scott sagte: »Mir kam's so vor, als seid ihr auf ein Patrouillenboot gestoЯen, Allday.« Allday betrachtete ihn, schien zu ьberlegen, ob ein bloЯer Leutnant seiner Aufmerksamkeit wьrdig war, aber dann antwortete er doch. »Stimmt, Sir.« Er fuhr mit der Hand quer ьber seine Kehle. »War aber kein Problem.« Das ohrenbetдubende Krachen eines einzelnen Kanonenschusses lieЯ einige der Umstehenden erschreckt zusammenfahren. Kreischend und krдchzend flatterten Vцgel scharenweise vom Wasser und aus den Uferbьschen auf. Aller Augen folgten den Rauchschwaden, die vom Festungswall aufstiegen, gefolgt vom dumpfen Einschlag eines Volltreffers. Bolitho rьckte seinen Sдbelgurt zurecht und sagte knapp: »Sie nehmen Achates unter BeschuЯ.« Wie zur Antwort drang Lдrm aus der Stadt: zunдchst nur Gewehrfeuer, dann lautes Hufgetrappel auf einer gepflasterten StraЯe. Also wollte Rivers' Miliz sie angreifen, ehe sie ihre Stellungen auf der Insel befestigen konnten, und eine schnell herbeigeschaffte Kanone sollte das verankerte Schiff in den Boden bohren. »Kapitдn Keen wird sich beeilen mьssen«, stellte Bolitho fest. »Und wir sollten ihm etwas Zeit verschaffen.« Schon nahm ihre nдhere Umgebung und die Gruppe zusammenge- 122
drдngter Seeleute im Morgengrauen deutlichere Umrisse an. Ruhig fragte Mountsteven: »Was haben Sie vor, Sir?« »Zu verhandeln.« Und die erstaunte Reaktion des anderen scharf unterbindend, setzte er hinzu: »Ich brauche zwei Freiwillige ­ sofort.« Wieder feuerte die Kanone, und Bolitho zwang sich, nicht zusammenzuzucken. Diesmal war kein Einschlag zu hцren, aber bald muЯte der Richtschьtze sein Ziel im zunehmenden Licht gut erkennen kцnnen. Brummig korrigierte Allday: »Nur einen Freiwilligen, Sir. Ich komme mit.« Bolitho verlieЯ die Deckung und wandte sich dem Weg zu, der in vielen Windungen zur Festung hinauffьhrte. Plante er wirklich nur einen Bluff? Jedenfalls hatte er Rivers nichts anderes zu bieten. Mit einem schnaufenden Allday an seiner Seite und Christy, dem Bootsmannsmaatgehilfen, hinter sich, schritt Bolitho auf dem holprigen Weg rasch aus. Christy trug einen Bootshaken mit einem weiЯen Hemd als Parlamentдrsflagge daran und pfiff leise vor sich hin. Beim Abschied hatte er noch darьber gewitzelt, daЯ das Hemd von einem der beiden Kadetten stammte, die ihrem Landungstrupp angehцrten: »Der einzige junge Herr, der fьr unseren Zweck sauber genug ist.« Bolitho wunderte sich, daЯ die Mдnner immer noch zum Grinsen aufgelegt waren. »Halt! Keinen Schritt weiter!« Bolitho blieb still stehen und blickte zu den Festungsmauern auf, die sich drohend ьber ihnen erhoben. Er glaubte, ein metallisches Klicken zu hцren, und konnte sich gut vorstellen, wie ein Scharfschьtze ihn ins Visier nahm, weiЯe Fahne oder nicht. Wieder stieg Verbitterung in ihm auf. Wen wьrde ihr Tod schon kьmmern? Ьberall waren Hunderte, Tausende von Seeleuten und Soldaten gefallen, fьr die verschiedensten Zwecke, und wer erinnerte sich noch an sie oder an den Grund ihres Sterbens? Er formte einen Schalltrichter mit beiden Hдnden. »Ich will mit Sir Humphrey Rivers sprechen!« Die Antwort war ein hцhnisches Auflachen. »Sie meinen wohl kapitulieren, Sir!« 123
Bolitho ballte die Fдuste. Also hatte er richtig vermutet, Rivers hielt sich da oben auf. Sonst hдtten die unbekannten Gegner mit einer spцttischen Abfuhr reagiert, ihn fьr seinen Irrtum verhцhnt. Allday murmelte: »Ich zeig's dem Schweinehund, von wegen kapitulieren!« Eine andere Stimme rief: »Ach, Sie sind das, Bolitho! Ich dachte schon, wir hдtten ein paar Bettler vorm Tor!« Bolitho merkte, daЯ er sich entspannen konnte, jetzt, da Rivers ihm wirklich gegenьberstand. »Bitte, sagen Sie doch ­ was kann ich fьr Sie tun, bevor ich Sie und Ihre Rabauken gefangennehme?« Bolitho fьhlte sein Herz gegen die Rippen schlagen, als sei es der einzige Teil seines Kцrpers, der noch spontan reagieren konnte. War es nicht schon viel heller geworden? Ohne das Sturmgewцlk der ve rgangenen Nacht hдtte bereits heller Tag geherrscht. Irgendwo hinter der Mauer hцrte er den Ruf: »Feuerbereit, Sir!« Aber Rivers wollte die Situation ausgiebig genieЯen. »Einen Moment noch, Tate. Ich mцchte hцren, worum unser stolzer Admiral mich bittet.« Bolitho flьsterte seinen Begleitern zu: »Sie kцnnen nicht feuern, so lange Rivers da oben ist. Er steht genau zwischen der Kanone und dem Schiff.« Laut rief er: »Ich fordere Sie auf, das Feuer einzustellen und Ihre Miliz zurьckzubeordern. Sie haben keine Chance, uns zu besiegen. Und Ihre Leute mьssen sich klar darьber sein, welch hohen Preis sie fьr den Angriff auf ein englisches Kriegsschiff zahlen we rden.« Dabei stellte er sich vor, wie seine Worte hinter den Festungsmauern von Mund zu Mund gingen. Trotzdem, Rivers' Leute waren ьberwiegend Einheimische, wahrscheinlich nicht viel besser als Piraten, obwohl die wдhrend des Krieges erfundene, zartfьhlende Umschreibung >Freibeuter< diese Profession inzwischen fast legalisiert hatte. Wьtend schrie Rivers zurьck: »Zur Hцlle mit Ihnen, Bolitho! Ich habe Ihnen eine Chance gegeben, aber jetzt werden Sie fьr Ihre ve rdammte Arroganz bьЯen!« Bolitho blinzelte geblendet, als die ersten Sonnenstrahlen ihm zwischen den Zinnen des Burgfrieds hindurch in die Augen stachen und den Hang ьber der Festung in goldenes Licht tauchten. Aufgeregte 124
Rufe erklangen hinter den Mauern, als auch der verankerte Zweidekker unten klar sichtbar wurde. Rivers' Stimme wurde noch um einige Tцne schriller: »Da liegt das Ziel, Jungs! DaЯ mir jede Kugel trifft! Dieser Kommandant ist ein noch grцЯerer Narr als sein Admiral.« Langsam wandte Bolitho sich um und sah ьber die Reede hinweg zu den weiЯen Hдusern von Georgetown und den dicht gedrдngt ankernden Fahrzeugen hinьber. Und er vergaЯ das Hohngeschrei aus dem Fort, als er erkannte, was Keen mit seiner kleinen Besatzung im Schutz der Dunkelheit bewerkstelligt hatte: Eine lange Trosse verlief vom Heck der Achates zu einer Festmacherboje und hielt das Schiff regungslos, und zwar so, daЯ es seine Breitseite voll der Festung zuwandte. Damit hatte Keen eine Batterie, die nach beiden Seiten feuern konnte, zum einen auf die Stadt und die Reede, zum anderen auf die Festung und die Hafeneinfahrt. Kein Wunder, daЯ Rivers ihre Plдne nicht durchschaut hatte. Rivers rief: »Meine Kavallerie rьckt schon aus, um Sie fertigzumachen, Bolitho! Ihr schдndliches Ende wird alle kьnftigen Angriffe auf meine Insel abschrecken, das garantiere ich Ihnen!« Nun konnte Bolitho auch seine Gestalt vor dem hellen Himmel sehen und den HaЯ fьhlen, der von diesem Mann ausging. Trдge stieg Rauch ьber die Mauerkrone und verriet, daЯ dahinter Kugeln erhitzt wurden, die Achates vernichten sollten. Jetzt wurde die Zeit knapp. Er rief hinauf: »Ich gehe zu meinen Leuten zurьck, Sir Humphrey...« An seinem Hals zuckte ein Nerv, als er plцtzlich ein entferntes, aber wohlvertrautes Rumpeln hцrte. Diesmal wandte er sich nicht um, wagte es auch nicht, Rivers aus den Augen zu lassen, als das dumpfe Poltern wie abgehackt verstummte. Rivers hatte es ebenfalls gehцrt. »Wozu soll das gut sein?« rief er. »Keine Ihrer Kanonen kann diesen Mauern auch nur einen Kratzer beibringen.« Aber das klang schon nicht mehr ganz so selbstsicher; vielleicht hatte das Poltern, mit dem Achates' Kanonen ausgefahren wurden, auch bei ihm alte Erinnerungen heraufbeschworen, genau wie bei Bolitho. »Haben Sie ein Teleskop, Sir Humphrey?« 125
Nur mit Mьhe zwang er sich zur Ruhe, obwohl es ihn mit allen Fasern seines Kцrpers danach verlangte, gegen dieses vermaledeite Tor anzurennen und es mit bloЯen Fдusten zu zertrьmmern. Rivers hatte bereits ein Glas auf das bewegungslose Schiff gerichtet. DaЯ Achates so ruhig dalag, verstдrkte die Drohung noch. Alle Segel waren ordentlich aufgelacht, ьber dem schwarzen, hellbraun abgesetzten Rumpf rьhrte sich keine Menschenseele. Bolitho fuhr fort: »Im Krдhennest des GroЯmasts sehen Sie einen Mann, einen Leutnant, um genau zu sein. Auch er hat ein Teleskop, Sir Humphrey, aber es ist auf Ihr Haus, Ihren Besitz gerichtet: unserEinschlagbeobachter.« »Sie spielen ja nur um Zeit«, sagte Rivers. »Und danach kommt die Stadt dran, Sir Humphrey, bis dort kein Stein mehr auf dem anderen ist.« Als die Explosion kam, wirkte sie ohrenbetдubend laut, denn das Land warf das Echo der Breitseite zurьck und lieЯ es ьber die Bucht rollen, als hдtte die Festungsbatterie schon das Feuer erцffnet. Bolitho wandte sich um und sah Rauch von der abgewandten Seite der Achates aufsteigen und zum Uferkai treiben, wo sich eben noch die Schaulustigen zusammengedrдngt hatten, um Zeugen des ungleichen Gefechts zu werden. An Bord muЯten Keens Offiziere jetzt neue Anweisungen an die Gangspillwachen geben, damit der Rumpf noch besser auf das Ziel ausgerichtet werden konnte. Bolitho sah auch die aufgerissenen Planken in Achates' Bordwand, wo die erste Kugel getroffen hatte. Doch das war nichts im Vergleich zu dem Schaden, den glьhende Kugeln anrichten muЯten. Ein schmaler Wimpel stieg schneidig zur GroЯrahnock auf und flatterte in der leichten Brise. Bolitho informierte seinen Gegner: »Die Batterie ist feuerbereit fьr die nдchste Breitseite. Nun hдngt es von Ihnen ab.« Hinter ihm murmelte Christy: »Allmдchtiger!« Und Allday meldete: »Die Kavallerie rьckt an, Sir.« Bolitho sah die Schwadron aus der Stadt galoppieren, auf dem Weg, der zu ihnen herauffьhrte. Aber sie ritt ungeordnet, wahrscheinlich hatten die Pferde bei den ьberraschenden Kanonenschьssen gescheut. Die Reiter mochten Sцldner, einheimische Pflanzer oder Milizionдre 126
sein, darauf kam es nicht an. Doch wenn sie Bolithos Landungstrupp unten auf der StraЯe ьberwдltigten, muЯte das Glьck sich gegen ihn wenden. Ein kurzes Hornsignal, dann sah Bolitho die geschlossenen Reihen seiner Rotrцcke aus dem Gebьsch neben der StraЯe treten, wo sie sich versteckt gehalten und auf den entscheidenden Augenblick vorbereitet hatten. Sonnenlicht reflektierte von den aufgepflanzten Bajonetten. Die Pferde der Gegner galoppierten jetzt schneller, ihre Hufe warfen Staubwolken auf, die in breiter Front ьber die StraЯe zogen. Eine erste, unregelmдЯige Salve fiel, und Bolitho durchfuhr es kalt, als er drei der winzigen roten Gestalten auf dem Weg zusammenbrechen sah. Es schien endlos zu dauern, bis sich die erste Reihe der Marinesoldaten neben ihren toten Kameraden auf ein Knie niedergelassen hatte, wдhrend die hintere Reihe ьber ihren Kцpfen die Gewehre anlegte. Erneut fielen Schьsse, und diesmal sank ein kleiner Trommelbube in den Staub. »Jesus«, keuchte Allday, »warum schieЯen sie nicht endlich?« Aber da fuhr Dewars Sдbel schon blitzend nach unten, und die Salve der Briten krachte wie ein einziger ьberlauter SchuЯ. Pferde und Reiter stьrzten wirr durcheinander, und als der Pulve rdampf sich hob, standen die roten Reihen unerschьtterlich an ihrem Platz. Die ьberlebenden Reiter hatten ihre Pferde herumgerissen und galoppierten zur Stadt zurьck, Tote und Verwundete sich selbst ьberlassend. Erregt meldete Christy: »Das Tor geht auf, Sir!« Es war vorьber. Erst zu zweit und zu dritt, dann in ganzen Gruppen, stolperte die Fortbesatzung ins Sonnenlicht und warf im Laufen ihre Waffen weg. Als letzter erschien Rivers, schwankend wie ein Betrunkener. Doch als er sich an Bolitho wandte, war seine Stimme fest und klar. »Dafьr sollen Sie mir in der Hцlle schmoren!« Wilden Blicks starrte er zu dem ьppig begrьnten Hang oberhalb der Stadt hinьber. »Sie haben auf mein Haus, meine Familie schieЯen lassen, ohne alle Skrupel...« Bolitho unterbrach ihn scharf. »Durch Ihre Schuld habe ich heute gute Mдnner verloren.« Mьhsam beherrschte er seinen Zorn. »Und 127
warum muЯten sie sterben? Weil Sie Ihren Ehrgeiz und Ihre Habgier nicht zьgeln wollten.« Er wandte sich ab, weil er die Kontrolle ьber sich zu verlieren fьrchtete. »Aber regen Sie sich nicht auf, Sir Humphrey. Wдhrend Sie sich anschickten, ein Schiff Ihres Kцnigs in Brand zu schieЯen und jeden Mann an Bord zu ermorden, war Kapitдn Keen so rьcksichtsvoll, seine Kanonen nur mit Pulver zu laden. Rauch hat Sie besiegt, nichts weiter.« Es hдtte ein Augenblick des Triumphes sein sollen, aber Bolitho fьhlte sich nur angeekelt. Er wandte sich an Allday. »Wir kehren an Bord zurьck. Dewars Soldaten sind hier Herr der Lage.« Allday deutete auf den verstцrten Rivers. »Und was wird aus ihm?« ­ »LaЯt ihn gut bewachen, zu seiner eigenen Sicherheit.« Als zwei Seeleute Rivers an den Armen packten und zum Festungstor abfьhrten, fьgte Bolitho wie zu sich selbst hinzu: »Fьr den Sieger ist Rache immer wohlfeil.« Dann schlug er dem vierschrцtigen Bootsmann auf die Schulter und schloЯ: »Aber wir gehцren nicht hierher, sondern dort hinaus, auf die See.« Allday stieЯ einen Seufzer der Erleichterung aus. Diesmal war es gerade noch gut gegangen; ihn schauderte trotz der warmen Morge nsonne. Aber allmдhlich wurde er zu alt fьr solche Scherze. Das nдchste Mal waren die jungen Spunde an der Reihe. Nach diesem Fazit besserte sich seine Laune, und er beschleunigte den Schritt. Die Matrosen des Landungstrupps sдumten den Weg und цffneten grinsend eine Gasse fьr ihren Admiral. Bolitho erriet ihre Gedanken: Einer von uns. Weil er genauso schmutzig und abgerissen daherkam wie sie, weil er diesen Bluff mit ihnen gemeinsam durchgestanden hatte, obwohl sie um ein Haar ve rloren hдtten. Und jetzt gab es eine Unmenge zu tun. Dewars Seesoldaten muЯten das Fort besetzen, die Einheimischen muЯten versammelt und beruhigt werden. Er hatte Depeschen zu verfassen und Erklдrungen zu formulieren. Irgendwo wieherte schrill ein verletztes Pferd, es klang wie der Schrei einer gemarterten Frau. Zum Glьck brachte ein GnadenschuЯ das Tier zum Verstummen. 128
Bolitho verhielt den Schritt an der Stelle, wo Dewar die Kavallerie zurьckgeschlagen hatte. Der kleine Trommler lag auf dem Rьcken, die blauen Augen offen, die Zьge in einer schmerzlichen Grimasse erstarrt. Bolitho nahm sein Taschentuch und bedeckte damit das Gesicht des Toten. »Zu jung fьr dieses Geschдft«, hцrte Allday ihn murmeln. Einer von uns? Die Worte schienen ihn jetzt zu verhцhnen, als er durch die Reihen der Seeleute schritt, die ihn mit frцhlichem Nicken begrьЯten, obwohl sie alle darauf gefaЯt gewesen waren, diesen Mo rgen nicht mehr zu erleben. Nein, er fьhrte, und sie folgten. Das traf eher zu, und so wollte es auch die Flagge, die drьben im Fockmasttopp von Achates wehte. Vor den Felsen wartete die Barkasse, um ihn an Bord zu bringen. Da straffte er sich und ging hinunter, ohne nach links oder rechts zu blicken. Bolitho saЯ am Schreibtisch in seiner Tageskajьte und nahm seufzend ein weiteres Schriftstьck entgegen, das Yovell ihm zur Unterschrift vorlegte. Furcht und Feuer des nдchtlichen Angriffs schienen weit hinter ihnen zu liegen, obwohl erst eine knappe Woche vergangen war, seit er Rivers vor seiner Festung die Stirn geboten hatte. Glьcklicherweise hatten sie nur wenige Tote zu beklagen, die alle auf dem Bergfriedhof der Insel begraben worden waren. Ungeduldig erhob sich Bolitho, trat zu den Heckfenstern und blickte auf die bleiern daliegende Reede hinaus. Das hцlzerne Sьll verbrannte ihm fast die Handflдchen, denn die Sonne hatte ihren Hцchststand ьber dem erloschenen Vulkan erreicht. Er sah das Wachboot langsam und ohne groЯe Begeisterung seine Runden um das Schiff ziehen, und konnte leicht erraten, womit sich die Gedanken der Bootsgasten und der Mдnner an Bord beschдftigten. Seit ihr Gouverneur unter Arrest stand, verhielt die Inselbevцlkerung sich ruhig und abwartend. Alle Feindseligkeiten waren eingestellt, einige Milizsoldaten sogar neu vereidigt worden, um die Marineinfanteristen auf der Festung zu verstдrken. Aber Bolitho traute dem Frieden nicht. Es war eine feindselige Passivitдt, denn zu angestrengt 129
wandten die Einheimischen den Blick ab, wenn sie einem britischen Arbeitstrupp oder Offizier begegneten. Die Seeleute reagierten zunдchst enttдuscht, dann verдrgert. SchlieЯlich waren einige ihrer Kameraden gefallen ­ wofьr, wuЯten die wenigsten ­, und den Sieg hatten sie sich verlockender vorgestellt. Jetzt zur Mittagszeit mischte sich der Geruch des erhitzten Teers mit dem wьrzigeren Duft der tдglichen Rumration, die in den Messen ausgegeben wurde. Das Hдmmern der Schiffszimmerleute verstummte; sie hatten den von der Festungskanone angerichteten Schaden schon fast behoben. Immerhin hatte ein Seemann durch Splitter ein Auge verloren. Es klopfte, Keen trat ein, den Hut unter dem Arm. Auf Bolitho machte er jetzt einen entspannteren Eindruck, obwohl er ein gewaltiges Arbeitspensum bewдltigen muЯte; der Schiffsarzt und der Erste, der Master und der Zahlmeister, sie alle gingen den Kommandanten um die letzte Entscheidung an, und sei es nur, um die Verantwortung von sich abzuwдlzen. »Sie wollten mich sprechen, Sir?« »Nehmen Sie Platz, Val.« Wohl zum hundertstenmal lockerte Bolitho seinen Hemdkragen. »Wie geht die Arbeit voran?« »Ich halte die Leute beschдftigt, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen. Aber Achates ist seeklar. Besser als neu, wьrde ich sagen.« Bolitho nickte, ihm war nicht entgangen, wie stolz Keen neuerdings auf sein Schiff zu sein schien. Vielleicht hatte er endlich den Schatten seines Vorgдngers abgeschьttelt. Bolitho hatte auch von Keens Streit mit Quantock kurz vor der Erstьrmung des Hafens gehцrt. Kaum zu glauben, was sie da fьr ein Wagnis eingegangen waren. Aber die britische Flagge wehte wieder ьber dem Fort, und dem дuЯeren Anschein nach hatte die Insel zum Alltag zurьckgefunden. Bald muЯte er eine Depesche an den franzцsischen Admiral absenden, dessen Schiffe in Boston warteten. Falls sie dort noch warteten... Dann wьrde es um den Frieden der Insel geschehen sein und das Elend von neuem beginnen. Mit einem Blick in Bolithos ernstes Gesicht sagte Keen: »Der Admiral auf Antigua wьrde uns Unterstьtzung nicht verweigern, Sir.« 130
Als er Bolithos Wangenmuskeln spielen sah, fьgte er hinzu: »Doch daran haben Sie bestimmt schon gedacht.« »Die Aufgabe hier wurde mir anvertraut, Val. Ich kann nicht ьber meinen Schatten springen.« Mit einer Handbewegung unterband er Keens Protest. »Ich brauche gute Augen und Ohren drauЯen auf See, nicht einen Flaggoffizier, der mir Vorschriften macht. Wenn wir Sparrowhawk nicht verloren hдtten....« Sie tauschten einen Blick; daЯ Duncan nicht mehr lebte, war immer noch unfaЯbar. Nachdenklich sagte Keen: »Wenn wir Anker lichten und uns auf die Suche nach diesem verdammten Schiff machen, kцnnen die Dinge hier auЯer Kontrolle geraten. Das Fort wдre leicht auszuhungern. Ich glaube, wir sollten ein Standgericht zusammentreten lassen und Sir Humphrey an der GroЯrahnock hдngen, wie er es verdient.« Sein Ton war ungewцhnlich haЯerfьllt. »Solange er lebt, ist er eine Bedrohung fьr uns.« Sie fuhren beide zu den Fenstern herum, als drauЯen ein MusketenschuЯ krachte. »Vom Wachboot. Da muЯ etwas passiert sein.« Keen griff nach seinem Hut und sprang auf. »Ich sehe nach, Sir.« Bolitho nahm ein Teleskop aus seiner Halterung und wartete, bis Achates an ihrer Ankertrosse zurьckschwojte. Die Festung glitt in sein Blickfeld, die Mauerkronen von Hitzedunst verhьllt, so daЯ die Flagge an den Himmel selbst gepinnt schien. Bolithos Blick wanderte weiter zum Vorland und zu dem vorgelagerten Inselchen mit seiner spanischen Missionsstation. Dann sah er hinter der Landzunge ein einzelnes braunes Segel auftauchen und schlieЯlich zum letzten Schlag wenden, der es direkt in den Hafen fьhren wьrde. Achates' Kutter dьmpelte abwartend, mit hochgestellten Riemen, auf der leichten Dьnung. Der Neuankцmmling war eine kleine Brigantine, wahrscheinlich ein Hдndler von den Inseln. Auf ihren Skipper wartete eine Ьberraschung, sobald er erst den Hafen einsehen und Achates' mдchtigen Rumpf erkennen konnte. Mit schweiЯnassem Gesicht kehrte Keen zurьck. 131
»Unser Wachboot wird die Brigantine zu einer Boje eskortieren.« Als Bolitho sich zu ihm umwandte, fuhr er fort: »Wie es aussieht, ist sie beschossen worden. Ich lasse gleich unseren Arzt hinьberrudern.« »Beschossen?« Keen hob die Schultern. »So sieht es aus.« »Na gut. Aber signalisieren Sie allen anderen Fahrzeugen, sich von ihr freizuhalten. Ich habe ein ungutes Gefьhl.« Wieder richtete Bolitho das Glas auf die Brigantine, die jetzt die killenden Vorsegel wegnahm und geschickt an eine Festmacherboje heranschor. Langsam und sorgfдltig musterte er ihren Rumpf mit dem Glas. Der Farbanstrich trug schwarze Pockennarben von Schrot- oder SchrapnellbeschuЯ. Schwereres Kaliber hдtte ein so leichtes Fahrzeug sofort versenkt. Bolitho konzentrierte sich auf die beiden Gestalten, die ac htern an der Pinne standen: ein groЯer bulliger Mann in blauem Rock, das graue Haar zerzaust, und daneben... Bolitho rief: »Verflucht noch mal, Val, es ist Adam! Wenn er unnцtig viel riskiert hat, werde ich ihn...« Sie sahen einander an und lachten. »Aber ich kann mich da schlecht als sein Richter aufspielen, wie?« Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis das Beiboot der Brigantine bei Achates lдngsseits ging. Bolitho hatte das Teleskop wieder sorgsam an seinen Platz gehдngt. Adam sollte ihn nicht fьr ьberдngstlich und allzu fьrsorglich halten. Trotzdem... Keen sagte: »Ich gehe an Deck, um ihn zu begrьЯen, Sir.« Mit einem heimlichen Lдcheln schloЯ er die Tьr hinter sich. Als Adam die Kajьte betrat, verriet sein Gesicht Besorgnis; er schien sich auf eine Strafpredigt gefaЯt zu machen. »Tut mir leid, Sir...« begann er. Bolitho ging auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Du bist hier, und das ist die Hauptsache.« Adam blickte sich in der Kajьte um, als fьrchte er, Spuren des Kampfes zu sehen. »Im Wachboot haben sie mir schon von dem Gefecht erzдhlt, Onkel. Und daЯ ihr euch mit Gewalt die Einfahrt erzwingen muЯtet.« Er senkte den Blick, eine schwarze Strдhne fiel ihm in die Stirn. »Auch 132
von Sparrowhawks Verlust habe ich gehцrt. Das hat mich erschьttert.« Bolitho fьhrte ihn zu einem Stuhl. »Wir wollen nicht mehr davon reden«, sagte er leise. »Erzдhle mir lieber von deinen Problemen.« Es war schon eine erstaunliche Geschichte, die der junge Leutnant zu berichten hatte. Erst vor wenigen Tagen, nachdem sie einen starken Sturm auf der Hцhe der Bahamas abgewettert hatten, waren sie von einer Fregatte gestellt worden. Sie gab sich als spanisches Schiff aus und befahl ihnen, beizudrehen und ein Prisenkommando an Bord zu nehmen. Aber der miЯtrauische Skipper der Brigantine blieb auf der Hut. Als das Prisenboot fast schon lдngsseits war, hatte er blitzschnell gewendet, mehr Segel gesetzt und mit dem gьnstigen Wind seine Zuflucht in flacherem Wasser gesucht, wohin ihm die Fregatte nicht folgen konnte. Immerhin hatte das spanische Prisenkommando die fliehende Brigantine noch beschossen, mit einem Buggeschьtz und zwei Drehbassen. Der Maat war getцtet und der Rumpf mit Einschlдgen ьbersдt worden. Bolitho lauschte Adams hervorgesprudeltem Bericht, ohne ihn zu unterbrechen. Man durfte sich doch nie in Sicherheit wдhnen, dachte er dabei. Wдhrend er sich ьber das kьnftige Schicksal von San Felipe den Kopf zermartert hatte, war Adam einem unerklдrlichen Angriff ausgesetzt gewesen und um ein Haar getцtet worden. Laut sagte er: »Dieser Skipper muЯ ein beherzter Mann sein. Fast schon tollkьhn. Ich mцchte ihn gern kennenlernen.« Adams Augen leuchteten; er wollte Bolitho unbedingt von Robina erzдhlen, aber nach der abenteuerlichen Ьberfahrt von Boston mit all ihren neuen Erlebnissen und Informationen muЯte das warten. »Er hat mit mir ьbergesetzt und ist an Bord.« Bolitho musterte ihn fragend. »Na ja, dann soll er doch hereinkommen.« Der Wachtposten цffnete die Tьr und trat beiseite, um den Besucher einzulassen. Nur die Augen unter dem hohen schwarzen Lacklederhut des Postens bewegten sich, als er meldete: »Der Kapitдn der Vivid, Sir!« Ein lautes Aufstampfen des Gewehrkolbens beschloЯ den Satz. Bolitho wollte den Besucher begrьЯen, aber es verschlug ihm vor Erstaunen die Sprache. Der geflickte blaue Rock mit den Marineknцpfen auf den Manschetten, der hцlzerne Stumpf, der aus dem einen 133
Hosenbein ragte ­ all dies konnte ihn nicht darьber hinwegtдuschen, wen er da vor sich hatte. Bolitho eilte dem Mann entgegen und streckte ihm beide Hдnde hin. »Jethro Tyrrell! Mein Gott, es muЯ zwanzig Jahre her sein. Und nun stehen Sie plцtzlich wieder vor mir!« Tyrrell legte den Kopf schief und musterte Bolitho mit geheuchelter Belustigung. »Zum Vizeadmiral befцrdert, hieЯ es.« Langsam nickte er, das struppige graue Haar tanzte auf seinem Kragen. »Hдtte nie gedacht, daЯ die Seelords doch noch vernьnftig werden!« Noch einmal drьckte er Bolithos Hдnde, dann begann er, durch die groЯe Kajьte zu humpeln, wobei er hier und da etwas berьhrte; seinen aufmerksamen Augen entging kein Detail. Wдhrend Bolitho ihm zusah, stiegen wieder die Bilder der Erinnerung in ihm auf: die kleine Korvette Sparrow, sein erstes Schiff, auf dem der Sьdstaatler Jethro Tyrrell Erster Offizier gewesen war. Es tat weh, den Holzstumpf zu sehen, den er nachschleifte, und seine schдbige Kleidung. Bei Bolithos Admiralsrock, der nachlдssig ьber einen Stuhl gewo rfen war, blieb Tyrrell stehen und betastete eine goldene Epaulette. »Stimmt, es ist zwanzig Jahre her«, sagte er leise. »Aber Sie sind ganz schцn vorangekommen, Dick. Bin richtig stolz auf Sie.« Allein schon sein weicher Virginia-Tonfall rief tausend Dinge in Bolithos Gedдchtnis zurьck. Vorsichtig lieЯ Tyrrell sich auf einen Stuhl nieder und zupfte seinen Rock zurecht. »Am besten gehe ich bald wieder. Wollte nur mal guten Tag sagen. Ich mцchte nicht...« Bolitho rief dazwischen: »He, ich war einmal Ihr vorgesetzter Offizier, und mein Wort gilt immer noch. Deshalb werden Sie hierbleiben und mir erzдhlen, wie es Ihnen ergangen ist. Nach dem Krieg habe ich vergeblich nach Ihnen geforscht.« Tyrrell sah zu, wie Ozzard mit Flaschen und Glдsern hantierte. »Als man mir unseren jungen Freund hier als Passagier schickte, da wuЯte ich, daЯ ich Sie wiedersehen wьrde.« Seine Augen spiegelten das reflektierte Sonnenlicht wider. »Das waren groЯartige Zeiten, sage ich Ihnen.« Er warf dem jungen Leutnant einen Blick zu, der gebannt lauschte. »So grьn er war ­ sogar noch jьnger als ich ­, so faustdick 134
hatte er's schon damals hinter den Ohren. Duellierte sich um ein Mдdchen, das ihn um jeden Preis tot sehen wollte, und attackierte die Franzosen beinahe mit bloЯen Hдnden.« Tyrrell lдchelte breit, aber seine Augen blieben dьster und traurig. Vorsichtig erkundigte sich Bolitho: »Und was treiben Sie jetzt?« »Dies und das. Ich fьhre die Vivid, aber sie gehцrt mir nicht, leider. Treibe mit ihr Handel zwischen den Inseln. ­ Die Spanier und die Briten sind mir dauernd auf den Fersen, weil sie mich auЯerdem fьr einen Schmuggler halten. Was fьr ein Witz! Man braucht mich ja nur anzusehen ­ ein Schmuggler wдre besser dran.« Die Tьr ging auf, und Keen trat zцgernd ein. »Dies ist Jethro Tyrrell«, machte Bolitho bekannt, »mein Erster auf der Sparrow.« Bei Keens Verblьffung muЯte er lдcheln. »Das war in einem ganz anderen Krieg, Val. Aber ein feines kleines Schiff.« Unbehaglich rutschte Tyrrell auf seinem Stuhl herum, die allgeme ine Aufmerksamkeit machte ihn verlegen. »Wie dem auch sei, ich hцre, Sie haben hier unten ziemlichen Дrger. San Felipe soll an die Franzosen zurьckgegeben werden, stimmt's?« Bolitho nickte ernst. »Das hat sich aber schnell herumgesprochen.« Tyrrell verzog das Gesicht. »Wohl doch nicht schnell genug. Sie sollten sich vor den verdammten Spaniern besser in acht nehmen. Die haben es sich in den Kopf gesetzt, diese Insel zu erobern.« Mit heimlicher Genugtuung sah er in ihre erstaunten Gesichter. »Und das werden sie auch schaffen, wenn Sie nicht ve rteufelt vorsichtig vorgehen. Sie haben ьberall ihre Spдher. Sogar meine kleine Vivid wollten sie anhalten und durchsuchen, nach Briefen oder Depeschen.« Er warf Adam einen Blick zu. »Beim Satan, wenn sie ihn an Bord gefunden hдtten, wдren wir alle umgebracht worden, so sicher wie das Amen in der Kirche.« Bolitho beugte sich vor. »Stimmt das wirklich? Das mit den Spaniern?« Tyrrells grimmiger Blick lieЯ ihn nicht los. »Ich brauche Geld, damit ich die Vivid kaufen kann. Viel stellt sie ja nicht dar, aber wenigstens wдre sie ein neuer Anfang.« Dann wandte er sich ab. »Sie ist fьr mich genauso wichtig wie fьr Sie das Schiff, das Ihre Fregatte ve rsenkt hat.« 135
Sein Ton war defensiv, beschдmt; aber man merkte ihm an, wie ernst es ihm war. »Ich werde Ihnen helfen, Jethro«, versprach Bolitho. »Das hдtte ich auf jeden Fall getan, wenn ich nur gewuЯt hдtte, wie.« »Ich hatte auch mal meinen Stolz, Dick. Damals. Jetzt kann ich mir Stolz nicht mehr leisten. Hab meine ganze Familie verloren. Mein Leben ist die See, mehr ist mir nicht geblieben. Ich brauche ein Schiff.« Bolitho trat neben ihn und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Sie bekommen Ihr Schiff, glauben Sie mir.« Tyrrell seufzte tief auf. »Dafьr bringe ich Sie zu dem verdammten Spanier!« Bolitho warf Keen einen Blick zu, aber dem schien es vor Erstaunen die Sprache verschlagen zu haben. Es war zwanzig Jahre her ­ und trotzdem so frisch, als wдre es erst gestern gewesen. X Verkцrperung der Treue »Herrgott noch mal, Allday, mach die Luke zu!« Bolitho beugte sich wieder ьber die Seekarte von San Felipe mit den benachbarten Kьstenabschnitten Kubas und Haitis; seine Finger trommelten auf den exakten Kursberechnungen und Tiefenangaben. Aber bei den geschlossenen Fenstern und Luken wurde es in der Kajьte bald heiЯ wie in einem Backofen. AuЯerdem war es sinnlos, die Gerдusche lieЯen sich nicht aussperren; immer noch hцrte Bolitho laut und deutlich Black Joe Langtry die Schlдge mitzдhlen, die der Profos mit der neunschwдnzigen Katze austeilte. Bolitho fand es selbst merkwьrdig, daЯ er sich mit der Prьgelstrafe immer noch nicht abgefunden hatte, diesem Allheilmittel jedes Kommandanten bei VerstцЯen gegen die Disziplin. Ein Trommelwirbel, danach eine kurze Pause und schlieЯlich wi eder das scheuЯliche Klatschen der Peitsche auf einem nackten Rьcken. Bolitho starrte blicklos auf die Karte nieder, bis seine Augen schmerzten. »Zehn!« Erneut Langtrys rauhe Stimme. 136
Keen und seine Offiziere muЯten da oben sein und zusehen, obwohl auch ihnen dieser Strafvollzug zuwider war. Aber auf einem Kriegsschiff, das allein segelte und von niemandem Unterstьtzung erwarten konnte, muЯte der stдndig drohenden Gefahr des Aufruhrs mit drakonischen Strafen vorgebeugt werden. Drei verlдЯliche Matrosen hatten an Land fьr den Zahlmeister gearbeitet und waren desertiert. Aber die Inselmiliz hatte sie bald aufgestцbert und wieder an Bord gebracht. Offenbar hatten sie auf einer Plantage ein paar Halbblutmдdchen kennengelernt, und was darauf folgte, war nur zu alltдglich. Wieder das Klatschen. »Elf!« Jetzt zahlten sie den Preis fьr ihr kurzes Vergnьgen. Keen hatte die Mindeststrafe von vierundzwanzig Peitschenhieben pro Deserteur verhдngt, aber auch sie reichte schon aus, einen Rьcken in rohes Fleisch zu verwandeln. Um sich abzulenken, dachte Bolitho an Tyrrell. Er war wieder auf seine Vivid zurьckgekehrt, um die Sturmschдden zu beheben und die Narben auszubessern, die der BeschuЯ der spanischen Drehbassen hinterlassen hatte. Sein plцtzliches Auftauchen hatte Bolitho mehr aus dem Gleichgewicht gebracht, als er sich eingestehen wollte. Seither verfolgte ihn die Erinnerung an die lange zurьckliegenden, gemeinsamen Erlebnisse, an die kleine Sparrow und die schicksalhafte Rolle, die das Schiff fьr sie beide gespielt hatte. Wьrden die alten Bilder ihn denn auf ewig verfolgen? Erst letztes Jahr war die Fregatte Phalarope, Bolithos zweites Schiff, wie ein Gespenst aus der Vergangenheit aufgetaucht und in seinem Geschwader mitgesegelt; und nun suchte ihn die Erinnerung an die alte Sparrow heim... War er damals wirklich glьcklicher gewesen, wie ihm die Erinnerung jetzt vorgaukelte? Mit weniger Verantwortung, aber eher bereit, das Leben zu riskieren, sogar zu verlieren, nicht in dieser stдndigen Sorge um seinen Ruf? Die Trommeln an Deck verstummten, die Auspeitschung war beendet. Er kannte Tyrrell besser als die meisten, hatte ihm beigestanden, als ihm das Bein unterm Leib weggeschossen worden war. Aber jetzt war 137
er nur noch ein Zerrbild des Offiziers von damals. Auf den ersten Blick ein harmloser Alter, der typische kleine Handelskapitдn, der ьberall Gerьchte ьber das Kommen und Gehen der groЯen Kriegsschiffe aufschnappte. Der Skipper eines so kleinen Frachtseglers scherte sich wenig um ihre Nationalitдten oder Flaggen, sie waren fьr ihn alle gleich bedrohlich. Immer auf der Suche nach erfahrenen Seeleuten, obwohl das gewaltsame Pressen nicht mehr ьblich war. Aber wen kьmmerte schon das Schicksal eines schanghaiten Matrosen, wenn man davon ьberhaupt jemals erfuhr? Auch bei eindringlicher Befragung hatte Tyrrell auf seiner Beschreibung des mдchtigen Zweideckers beharrt: ohne Flagge, ohne Namen, war er doch bekannt bei den spanischen Fregatten aus Santo Domingo, ja selbst aus dem Hunderte von Meilen sьdlicher gelegenen La Guaira; alle kannten und mieden ihn. Dieses geheimnisvolle Schiff, das ohne zu zцgern Keens List mit Kanonenschьssen beantwortet und die Sparrowhawk erbarmungslos abgeschlachtet hatte, muЯte mit einem bestimmten Auftrag in der karibischen See und ihren Zugдngen segeln; ein Auftrag, fьr den sein Kommandant notfalls auch das ДuЯerste riskierte. Bolitho hцrte Allday wieder das Oberluk цffnen und war sich bewuЯt, daЯ dieser ebenso wie Ozzard und alle anderen, die in seine Nдhe kamen, wie auf Katzenpfoten um ihn herumschlichen. Er sah seinen bulligen Bootsfьhrer an und hob hilflos die Schultern. »Ich frage mich selbst, was mit mir los ist«, sagte er entschuldigend. Allday nickte mit einem wissenden Lдcheln. »Es ist das Warten, Sir, das macht einen fertig.« »Kann sein.« Wieder wandte Bolitho sich der Seekarte zu. Es war jetzt eine Woche her, seit Vivid eingelaufen und Tyrrell aus der Vergangenheit aufgetaucht war. Ohne Unterstьtzung durch ein zweites Schiff wagte Bolitho nicht, San Felipe sich selbst zu ьberlassen. Rivers' Sympathisanten, fьr deren Existenz es immer noch genьgend Beweise gab, mochten einen Gegenangriff starten. Bolitho konnte es ihnen nicht einmal verdenken, denn wenn die Franzosen erst eintrafen, muЯten sie alle ihre Hдuser und Plantagen verlassen. Vielleicht hatte Keen vцllig recht gehabt: wenn Rivers gehenkt wurde, war der Rebellion die Spitze genommen. 138
Aber Rivers besaЯ einfluЯreiche Freunde in Amerika und in London. Auch wenn er Bolithos Meinung nach nur ein Pirat wie alle anderen war, muЯte doch ein ordentliches Gerichtsverfahren in London stattfinden, damit die Seelords das auch beweisen konnten. AuЯerdem ­ wenn Tyrrell recht hatte und der unbekannte Zweidekker einen Ьberfall auf San Felipe vorbereitete, dann wдre es Torheit gewesen, den Hafen ohne Schutz zu lassen. Achates hatte selbst bewiesen, wozu ein Schiff fдhig sein konnte, wenn ein hoher Einsatz winkte. Die Tьr ging auf, und Adam betrat die Kajьte. Seit ihrem Wiedersehen war eine Woche vergangen, und doch hatten sie nur wenige Worte gewechselt. Bolitho spьrte, daЯ Adam etwas vor ihm verbarg. Oder vielleicht war er selbst zu beschдftigt und in Gedanken gewesen, um das Vertrauen des jungen Leutnants zurьckzugewinnen? »Signal von der Festungsbatterie, Sir«, meldete Adam. »Die Brigg Electra hдlt auf den Hafen zu und sollte binnen einer Stunde hier Anker werfen.« »Danke, Adam.« Bolitho erinnerte sich noch gut an ihren jungen Kommandanten, der ihm vom Auffinden der Sparrowhawk-Ьberlebenden berichtet hatte, ьbernommen von dem amerikanischen Handelsschiff. Napier, so hieЯ er. Er muЯte jeden Fetzen Tuch gesetzt haben, wenn er inzwischen bis Antigua und dann westwдrts nach San Felipe gesegelt war. Durfte er hoffen, daЯ Electra als Reprдsentantin britischer Staatsgewalt im Hafen bleiben und die Aufsдssigen in Schach halten wьrde? Sie war zwar nur eine kleine Brigg, segelte aber unter der gleichen Flagge wie Achates. Bolitho vermutete, daЯ vielen Inselbewohnern selbst ein lдnger anwesendes britisches Kriegsschiff noch lieber war als ein franzцsisches oder spanisches, das aus dem unbewachten Zugang seinen Vorteil zog. Er trat zu den Heckfenstern und beschattete seine Augen mit der Hand. »LaЯ dem Kommandanten der Electra signalisieren, daЯ er sich gleich nach dem Ankerwerfen bei mir melden soll.« Adam lдchelte zurьckhaltend. »Ich habe die Festung schon ersucht, dieses Signal an Electra weiterzugeben, Onkel.« 139
Bolitho wandte sich um und hob die Hдnde. »Eines schцnen Tages wirst du noch mal einen tьchtigen Kommandanten abgeben, mein Junge.« Keen betrat die Kajьte und lieЯ sich auf Bolithos Wink in einen Stuhl fallen. »Ich frage mich, was sie uns Neues bringt, Sir.« Dankbar nahm er ein Glas Wein entgegen und setzte es durstig an. Es war Rheinwein aus Ozzards heimlichem Vorrat in den Bilgen, den er seit England wie einen Schatz hьtete. »Mir sind alle Neuigkeiten recht. Manchmal komme ich mir hier wie ein Taubstummer vor.« »Vielleicht rufen Ihre Lordschaften uns zurьck«, ьberlegte Keen. Bolitho ging nicht darauf ein. »Adam, ein Signal an Vivid«, sagte er. »Oder besser, laЯ dich ьbersetzen und sprich selbst mit Mr. Tyrrell. Ich mцchte, daЯ er an Bord ist, wenn wir auslaufen.« Keen wartete, bis die Tьr sich hinter Adam geschlossen hatte, dann stellte er sein Glas bedдchtig ab. »Gestatten Sie mir eine Bemerkung, Sir?« »Sie sind mit meiner geplanten Taktik nicht einverstanden, wie?« Keen lдchelte knapp. »Sie gehen damit ein sehr hohes Risiko ein. Ein doppeltes sogar, um genau zu sein.« Als Bolitho schwieg, fuhr er fort: »Dieser Tyrrell ­ wieviel wissen Sie denn schon von ihm?« »Er war mein Erster Offizier...« Keen nickte nur. »Sie meinen, nach zwanzig Jahren ist das ein biЯchen wenig?« Keen hob die Schultern. »Schwer zu sagen, Sir. Er hat sich ja selbst als einen verzweifelten Mann bezeichnet, der seine Familie und seinen guten Ruf verlor, weil er lieber fьr den Kцnig als fьr Was hington kдmpfen wollte.« »Und weiter?« Bolitho merkte, daЯ Allday den Atem anhielt. »Angenommen, wir stoЯen auf den Spanier und zwingen ihn zu einem Gefecht ­ wie verhalten wir uns, wenn er seine wahre Flagge zeigt? Mцchten Sie der Zьndfunke zu einem neuen Krieg sein?« »Und das zweite Risiko?« Keen дuЯerte seine Bedenken vцllig zu recht. Trotzdem fьhlte Bolitho sich dadurch noch einsamer als zuvor. »Zweitens steht zu befьrchten, daЯ der Spanier ­ falls er sich ьberhaupt noch in diesen Gewдssern aufhдlt ­ nur darauf wartet, daЯ wir 140
den Hafen verlassen, damit er Achates' Rolle hier ьbernehmen kann. Dann mьЯten wir uns den Rьckweg teuer erkдmpfen, nicht gegen ein paar unerfahrene Pflanzer und die Inselmiliz, sondern gegen ein Kriegsschiff mit erfahrener Besatzung. Meiner Ansicht nach ьbersteigt dieses doppelte Risiko den mцglichen Gewinn.« Keen senkte den Blick. »Tut mir leid, Sir, aber das muЯte gesagt werden.« Bolitho lдchelte trьbe. »Ich weiЯ, welche Ьberwindung es Sie gekostet hat. Um die Wahrheit zu sagen, ich glaube nicht, daЯ ein Risiko jemals genau vorherberechnet werden kann. Ich will meine Leute nicht in einen sinnlosen Tod hetzen, ich will auch nicht zwischen den Zangen und Sдgen auf dem Tisch eines Schiffsarztes enden. Ich besitze viel, wofьr zu leben lohnt ­ endlich wieder. Aber...« Grinsend nahm Keen sein nachgefьlltes Weinglas von Ozzard entgegen. »Aye, Sir, das groЯe Aber. Es ist nur ein kleines Wort, aber das stдrkste Argument gegen die bessere Einsicht.« Bolitho klopfte mit dem Messingzirkel auf die Seekarte. »Ich bin ьberzeugt, dieses Schiff hдlt sich in der Nдhe auf, genau wie Jethro Tyrrell behauptet. Es muЯ eine starke Besatzung haben, deshalb braucht es einen Hafen als Basis, um sich zu verstecken, wд hrend der Kommandant Auskьnfte ьber uns einholt. Und da wir rundum von Feinden umgeben sind, dьrfte er dabei keine Schwierigkeiten haben.« Keen erhob sich und trat an den Kartentisch. »Falls Tyrrell recht hat«, sagte er, »mьЯte sich das fьr uns bei einem Krieg erschwerend auswirken.« Er fuhr mit dem Finger an der Inselkette entlang: Puerto Rico, Santo Domingo, Haiti, Kuba. »Die Spanier wьrden alle Zufahrtswege in die Karibik und nach Jamaika beherrschen.« Begreifend nickte er. »Und in der Durchfahrt zwischen Kuba und Haiti liegt wie eine Zugbrьcke San Felipe. Kein Wunder, daЯ die Franzosen es unbedingt haben wollen. Sie brauchen zwar Verbьndete, aber deshalb trauen sie ihnen noch lange nicht ьber den Weg.« Noch immer standen beide Mдnner ьber die Seekarte gebeugt, als ein Midshipman eintrat und Electras Ankunft meldete. Keen knцpfte seinen Rock zu. »Ich gehe Kapitдnleutnant Napier begrьЯen, Sir.« Und mit einem letzten Blick auf den Kartentisch: »Ganz ьberzeugt bin ich noch nicht, Sir.« 141
Bolitho lдchelte. »Sie werden mir bald recht geben.« Er lieЯ sich von Ozzard in seinen Dienstrock helfen, zu Ehren des jungen Kommandanten der Electra. Bald war er schweiЯgebadet und sah sehnsьchtig auf das blaue Wasser hinaus, das sich vor den Heckfenstern sanft hob und senkte; kцnnte er doch jetzt ein erfrischendes Bad darin nehmen! Und sofort muЯte er wieder an Belinda denken. Er hatte versucht, jeden wachen Augenblick mit Arbeit auszufьllen, um sie aus seinen Gedanken zu verbannen, konnte aber nicht ganz verhindern, daЯ ihr Bild und das BewuЯtsein der groЯen Entfernung, die sie trennte, ihn immer wieder ьbermannten. DrauЯen hцrte er Schritte und gedдmpfte Stimmen. Er muЯte sich zusammenreiЯen, um seinet- wie um ihretwillen. Bald, vielleicht schon sehr bald, stand ihnen ein Gefecht bevor, diesmal nicht heraufbeschworen durch eine Zufallsbegegnung oder rдuberischen Piratenьbermut. Das unbekannte Schiff hatte ihnen schon gezeigt, daЯ es nichts nьtzte, im Recht zu sein. RechtmдЯigkeit allein war kein Schutz, dafьr gab es schon viele tote Zeugen. Er wandte sich der Tьr zu. Wenn im Krieg erst die Kanonen sprachen, dann taten sie das vцllig indifferent gegenьber Gut und Bцse. Ihre Breitseiten radierten alle aus, ob sie es nun verdienten oder nicht. Kapitдnleutnant Napier trat ein, eine glдnzende neue Epaulette auf der linken Schulter, und salutierte. Bolitho nahm den schweren Briefumschlag aus seiner Hand entgegen und reichte ihn an Yovell weiter. »Sie hatten eine schnelle Ьberfahrt, Kapitдnleutnant Napier.« Aber Bolitho muЯte sich gedulden, bis Napier zu einem Stuhl geleitet und mit einem Glas Wein versorgt worden war. Dann berichtete er: »In English Harbour auf Antigua liegen kaum noch Schiffe, lediglich zwei Fregatten und ein Linienschiff dritter Klasse, das aber ьberholt wird. Der Admiral hat das Geschwader zu den Inseln unter dem Winde verlegt, Sir.« Napier muЯte unter Bolithos Blick schlucken. »Er lдЯt Ihnen durch mich seine Hochachtung ьbermitteln und seine besten Wьnsche, Sir.« Bolitho hцrte, wie Yovell die Siegel auf dem Leinwandumschlag aufbrach, und wдre am liebsten hinьbergerannt, um ihm die Depeschen aus den Hдnden zu reiЯen. Aber wenn der Admiral sich aus dem 142
Staub gemacht hatte, war er hilflos. Kommodore Chater war ihm nicht ganz unbekannt, er wuЯte genug ьber ihn, um keine groЯe tapfere Geste von ihm zu erwarten, die ihm das MiЯfallen seiner Vorgesetzten einbringen konnte. Heiser fьgte Napier hinzu: »Ich wurde angewiesen, Electra zu Ihrer Verfьgung zu stellen. Als Chater vom Verlust der Sparrowhawk hцrte, wollte er Ihnen einige Marinesoldaten schicken, um Ihre Mannschaft zu verstдrken.« Bolitho nickte. »Aber auch die Marinesoldaten waren mit dem Geschwader ausgelaufen, habe ich recht?« »Aye, Sir«, antwortete Napier betreten. Aber dann hellte sich sein Gesicht auf. »Statt ihrer bringe ich Ihnen einen Zug Infanteristen, Sir.« »Immerhin etwas«, murmelte Keen, der mit Napier eingetreten war. Bolitho wandte sich den Fenstern zu, um diese Bruchstьcke gedanklich zu verarbeiten. Unbefangen sprach Napier weiter. »Aber die Soldaten haben Sie sicherlich schon erwartet, Sir. Der Kommodore lieЯ es Ihnen ja durch die Kurierbrigg mitteilen, die zwei Tage vor mir auslief.« Bolitho fuhr herum. »Was sagen Sie da?« Napier wurde blaЯ. »Ein Kurier, Sir. Mit Depeschen fьr den Admiral auf Antigua und fьr Sie, Sir.« Hilfesuchend sah er zu Keen hinьber. »Depeschen aus England, Sir.« Keen konnte sich nicht mehr beherrschen. »Sie hatten also doch recht, Sir!« rief er aus. »Die mьssen auch die Kurierbrigg abgefangen und versenkt haben.« Bolitho verschrдnkte die Hдnde auf dem Rьcken und grub sich die Fingernдgel ins Fleisch, bis der Schmerz ihm half, seine Enttдuschung zu zьgeln. Depeschen aus England, eine Nachricht von BelindA. Aber jetzt... Er fixierte Keen. »Sind Sie endlich ьberzeugt?« Ohne die Antwort abzuwarten, fragte er Napier: »Haben Sie einen tьchtigen Ersten Offizier?« Das alles ging ьber Napiers Horizont. Stundenlang hatte er auswe ndig gelernt, was er Bolitho sagen wollte, hatte sich in seine beste Uniform geworfen. Und jetzt war alles anders gekommen, alles umsonst 143
gewesen. Er kam sich vo r wie jemand, der einem Freund die Tьr цffnen wollte und einem Irren gegenьberstand. Immerhin brachte er ein Nicken zustande. »Aye, Sir. Er ist verlдЯlich.« »Um so besser.« Bolitho wandte sich wieder an Keen. »Bei erster Gelegenheit lichten wir morgen frьh Anker und laufen aus. In der Zwischenzeit werde ich sehen, welchen Honig ich aus den Depeschen saugen kann, die der tapfere Kommodore mir schickt. Aber ehe ich damit beginne«, er schritt zum Tisch hinьber und goЯ fьr Napier ein neues Glas Rheinwein ein, »trinken wir alle einen Toast. Auch du, Allday.« Allday lieЯ sich von Ozzard ein Glas reichen, fasziniert von dem plцtzlichen Stimmungsumschwung im Raum. Bolitho merkte, daЯ er grinste. »Einen Toast«, er hob sein Glas, »auf Mr. Napier, den neuen Gouverneur von San Felipe!« »Sьdwest zu Sьd, Sir!« »Recht so.« Nur mit halbem Ohr hцrte Bolitho Meldung und Bestдtigung, er konzentrierte sich ganz auf den violetten, weit ausladenden Schatten am Backbordhorizont. Es war Nachmittag, und die Sonne brannte immer noch erbarmungslos aufs Deck des nur wenig Fahrt machenden Schiffes. Aber nach der bedrьckenden Feindseligkeit auf San Felipe fьhlten sich alle hier drauЯen wie neu belebt. Die Stimmung war gut; selbst Mountsteven, der Offizier der Wache, befleiЯigte sich eines normalen Tonfalls, wдhrend er das Trimmen der Breitfock ьberwachte. Bolitho richtete sein Teleskop auf das ferne Land: Haiti, das etwa fьnfzehn Seemeilen querab liegen muЯte. Trotz dieser Entfernung ging eine Drohung von ihm aus. Wenn irgend mцglich, mieden die Seeleute seine Kьsten mit ihrem Hexenzauber und ihren schauerlichen Riten. Flaute hatte Achates noch einen Tag lдnger in San Felipe festgehalten, aber jetzt fьllte ein stetiger Nordost ihre Segel, und sie strebte auf die Windward Passage zu, als beseele sie ein eigener Wille. Diese Durchfahrt zwischen Kuba und Haiti war an ihrer engsten Stelle kaum 144
siebzig Meilen breit. Wenn San Felipe in Feindbesitz war, konnte ein Konvoi sich nur unter hohen Verlusten hier ein Durchkommen erzwingen. Je lдnger er darьber nachdachte, desto unbegreiflicher schienen Bolitho die Befehle, die er in London erhalten hatte. Er reichte das Glas einem Midshipman zurьck und begann, langsam auf dem Achterdeck hin und her zu wandern. Hoffentlich hatte er Kapitдnleutnant Napier nicht ьberfordert. Immerhin schien er in seinem neuen, wenn auch befristeten Amt als Gouverneur ьberglьcklich zu sein. Und mit seiner unter der mдchtigen Festungsbatterie verankerten Vierzehn-Kanonen-Brigg und den schneidigen Infanteristen vom 60. Regiment ­ den Royal Americans, wie sie immer noch genannt wurden ­ konnte er wenigstens den Anschein von Stдrke und Kampfkraft erwecken. Bolitho sah Leutnant Hawtayne Waffen und Ausrьstung einiger Marine-Infanteristen inspizieren. Ein Glьck, daЯ sie wieder da waren, wo sie hingehцrten: an Bord der Achates. Sehr wahrscheinlich wurden sie bald erneut gebraucht. Mit einem heimlichen Lдcheln hцrte er die helle Stimme des Marineleutnants schimpfen: »ReiЯ dich zusammen, Jones! Der Schlendrian an Land ist vorbei!« Sofort hatte Bolitho wieder das Bild des erscho ssenen Trommelbuben vor Augen; es wьrde ihn noch lange heims uchen, das wuЯte er. Da hцrte er Adams leichten Schritt neben sich und sah ihn abwartend stehenbleiben. »Und wie geht's meinem Flaggleutnant an diesem schцnen Tag?« fragte er. Adam lдchelte; der Augenblick war gьnstig. »Miss Robina ist ein wunderbares Mдdchen, Onkel. Ich bin noch nie einer Frau wie ihr begegnet...« Bolitho lieЯ ihn sein Herz ausschьtten, ohne ihn auch nur einmal zu unterbrechen. So standen die Dinge also. Hдtte er nicht selbst so viele Probleme gehabt, wдre ihm schon damals klargeworden, daЯ Adams Ausflug nach Newburyport nicht ein AbschluЯ, sondern ein neuer Anfang sein wьrde. »Hast du ihren Vater um ihre Hand gebeten?« Adam errцtete. »Dafьr war es noch viel zu frьh, Onkel. Das heiЯt, ich habe etwas durchblicken lassen ьber unsere Zukunft, will sagen, 145
ьber die nicht allzu ferne Zukunft...« Er lieЯ den Satz unvollendet und starrte ins dunkelblaue Wasser hinunter. Dann raffte er sich auf und sagte: »Ich weiЯ natьrlich, daЯ sie mich nicht heiraten kann. Und ihr Onkel ist im Bilde. Er war richtig froh, daЯ er mich auf eines seiner Schiffe abschieben konnte.« Bolitho sah auf. Vivid gehцrte also Chase. Seltsam, daЯ Tyrrell das unerwдhnt gelassen hatte. »Gehen wir eine Weile auf und ab, Adam.« Einige Minuten schritten sie schweigend nebeneinander her, wд hrend das Schiff sich unter ihnen hob und senkte. SchlieЯlich begann Bolitho: »Du hast eine Zukunft bei der Marine, Adam. Und zwar eine aussichtsreiche, falls ich ein Wort dabei mitzureden habe. Du kommst aus einer alten Seefahrerfamilie, aber das gilt auch fьr andere. Denke immer daran, daЯ du alles bisher Erreichte nur dir selbst zu verdanken hast. Wenn die jungen Offiziere wie du erst an die richtigen Stellen kommen, sollte die Kriegsmarine ein besseres, menschlicheres Gesicht aufweisen als zu meiner Zeit. Wir sind ein Inselvolk und werden Schiffe immer bitter nцtig haben, ebenso Mд nner, die auf ihnen zu kдmpfen verstehen.« Adam erwiderte Bolithos Blick. »Nichts anderes wьnsche ich mir, seit ich auf deiner Hyperion als Kadett angeheuert habe.« Bolitho sah zum Batteriedeck hinunter, wo der Matrose, der ein Auge verloren hatte, von seinen Kameraden begrьЯt wurde; unsicher ertastete er sich seinen Weg an einem Achtzehnpfьnder vorbei. Er hatte sich immer noch nicht ganz erholt, aber die schwarze Augenklappe gab ihm etwas Verwegenes, und seine Kameraden behandelten ihn als Helden. Auch Adam hatte ihn bemerkt, bedachtsam suchte er nach Worten. »Mдnner wie er da unten, Onkel, sind dir wohl ziemlich wichtig, nicht wahr? Du siehst in ihnen nicht nur unwissende Handlanger, sondern sie bedeuten dir etwas.« Bolitho wandte sich ihm zu. »Ganz sicher tun sie das. Wir dьrfen ihre Treue niemals fьr selbstverstдndlich halten, Adam. Leider gibt es viele andere, die genau das tun.« Adam nickte. »Als ich in Vaters altem Sessel saЯ...« Leise fragte Bolitho: »In Newburyport, wo er einst mit seinem Schiff Zuflucht suchte?« 146
Adam wandte den Blick ab. »Sie haben mich hingefьhrt, Onkel. Al s sie meinen Familiennamen hцrten, haben sie es gleich erraten. Er ist in Neuengland nicht gerade hдufig.« »Ich freue mich darьber. Du hast also mehr gesehen als ich.« Bolitho hцrte Keen herankommen und war fast dankbar fьr die Stцrung. Schmerzlich war nicht nur die Erinnerung an Hugh und an das, was er ihrem Vater angetan hatte, als er desertierte, um mit den amerikanischen Rebellen zu kдmpfen; und es war nicht nur das BewuЯtsein der Schande, die Rivers so geflissentlich erwдhnt hatte. Nein, Bolitho machte sich nichts vor, er war eifersьchtig auf Adams Vater. Und gekrдnkt, so lдcherlich ihm das auch vorkam. Keen griff grьЯend zum Hut. »Mr. Tyrrell ist beim Master im Kartenhaus, Sir. Ich denke, wir sollten uns den nдchsten Kartenausschnitt vornehmen.« Er warf einen prьfenden Blick zum klaren Himmel. »Wie es aussieht, sollten wir die ganze Nacht unsere Fahrt beibehalten kцnnen.« Das verlegene Schweigen schien er nicht zu bemerken. »Gut, ich komme gleich nach.« Bolitho nickte seinem Neffen zu. »Und du am besten auch. Es ist eine Erfahrung mehr fьr dich.« Aber vor dem Kartenhaus zцgerte er plцtzlich. »Ьbernehmen Sie, Val«, sagte er abrupt. »Ich gehe in meine Kajьte. Sie kцnnen mir ja spдter berichten.« Erschreckt fragte Adam: »Fьhlen Sie sich nicht wohl, Sir?« »Nur etwas mьde.« Bolitho ging und war bald im Schatten unter dem Hьttendeck verschwunden. Irgendwie fьhlte er sich auЯerstande, ihnen allen gerade jetzt gegenьberzutreten: Knocker, dem Segelmeister, Quantock, Hauptmann Dewar von den Royal Marines und dazu ihren jeweiligen Gehilfen. Bolitho hatte bei Napier in San Felipe einen Brief zurьckgelassen und auЯerdem eine Abschrift davon, die mit dem nдchsten Schiff nach England abgehen sollte, das den Hafen zur Verproviantierung anlief. DaЯ er so vцllig im dunkeln blieb ьber Belindas Ergehen, fraЯ an ihm wie ein Geschwьr. Ihm war selbst nicht bewuЯt gewesen, wie sehr die UngewiЯheit an seinen Krдften zehrte. Bis Adam ihn an Hugh erinnert hatte: >Als ich in Vaters altem Sessel saЯ...< Bis dahin war Hugh nur ein vager Schatten aus der Vergangenheit gewesen. Aber jetzt stand er wieder zwischen ihnen, erhob Anspruch auf seinen Platz in der Familie. 147
Bolitho lieЯ sich auf die Bank unter den Heckfenstern sinken und starrte ins weiЯschдumende Kielwasser drauЯen, das Achates hinter sich herzog. Allday kam aus der Pantry getrottet. »Kann ich Ihnen etwas zu trinken holen, Sir?« fragte er bewuЯt beilдufig. »Nein, danke.« Bolitho wandte sich um und sah ihn an. »Du bist der einzige hier, der mich wirklich kennt, weiЯt du das?« »Manchmal stimmt das, Sir, manchmal nicht. Alles in allem kriege ich wohl цfter als andere den Mann zu sehen, der Sie wirklich sind, Sir.« Bolitho lieЯ sich zurьcksinken und atmete tief ein. »Mein Gott, Al lday, ist das eine Qual!« Aber als er aufblickte, war Allday verschwunden. Bolitho sah achteraus einen Fisch springen. Wer wollte es Allday auch verьbeln, daЯ er sich fьr seinen verzweifelten Vorgesetzten schдmte? Aber Allday hatte sich nur in seiNe Winzige, durch Vorhдnge abgeschirmte Kammer zurьckgezogen, die er mit seinen beiden Freunden teilte: Jewell, dem Segelmacher, und Christy, den er schon von der alten Lysander her kannte. Spдter, mit drei groЯen Bechern Rum im Leibe, baute er sich vor Keens Kajьte auf. Der Steward des Kommandanten beдugte ihn miЯtrauisch. »Was willst du hier, Allday?« Er rьmpfte die Nase, als Allday ihm seinen Fuselatem ins Gesicht blies. »Ich verlange den Kдpt'n zu sprechen.« Das war ganz unьblich, und auЯerdem fьhlte Keen sich nach der Diskussion im Kartenhaus wie gerдdert. Aber er kannte Allday und verdankte ihm auЯerdem sein Leben. »Komm herein und mach die Tьr zu.« Er winkte seinen Steward hinaus. »Was ist los, Mann? Du siehst ja aus, als wolltest du dich prьgeln.« Allday holte tief Luft. »Es geht um den Admiral, Sir. Er hat sich mehr aufgeladen, als er tragen kann. Das ist unfair...« Keen muЯte lдcheln; darum ging's also. Er hatte schon befьrchtet, daЯ eine Katastrophe passiert sei. Aber Allday war noch nicht fertig. »Wollte mir's nur von der Seele reden, Sir, weil Sie doch ein anstдndiger Mensch sind. Und fьr ihn da 148
achtern ein wirklich guter Freund. Schuld dran ist irgendwas, das der Flaggleutnant gesagt hat. Das spьre ich in meinen Knochen. MuЯ was sein, was ihn tief getroffen hat.« Keen war zwar mьde, aber auch intelligent und schnell von Begriff. Jetzt wurde ihm klar, was ihm lдngst hдtte auffallen mьssen: wie seltsam fцrmlich der Admiral und sein Neffe neuerdings miteinander umgingen. Er sagte: »ЬberlaЯ das ruhig mir, Allday. Ich hab' schon verstanden.« Forschend sah Allday ihm ins Gesicht und nickte dann. »MuЯte einfach darьber reden, Sir. Sonst verprьgle ich eines Tages noch den Flaggleutnant, und wenn er dreimal Offizier ist!« Keen erhob sich. »Das will ich nicht gehцrt haben, Allday.« Er lдchelte. »Und jetzt mach, daЯ du in deine Koje kommst.« Danach saЯ Keen noch lange an seinem Schreibtisch und sah zu, wie die Sonne langsam im Meer versank. Eigentlich hatte er tausenderlei Dinge zu tun, denn eine Ahnung sagte ihm, daЯ sie bald wieder zu den Waffen wьrden greifen mьssen. Er spьrte das, um mit Allday zu reden, in seinen Knochen. Das Gesprдch war alles andere als erheiternd gewesen, aber er merkte, daЯ er darьber die Konferenz im Kartenhaus vergessen konnte, Quantocks stumme MiЯbilligung und Tyrrells prahlerisches Versprechen, daЯ er sie zu einem Platz fьhren kцnne, wo sie dem anderen Schiff ьberlegen sein wьrden. Alldays Besuch hatte das alles verdrдngt. Er kannte Bolithos Bootsfьhrer nun schon seit achtzehn turbulenten Jahren; es war eine Zeit der Gefahren und Entbehrungen gewesen, eben Kriegszeit, mit kurzen Erholungspausen dazwischen, in denen die ьberwдltigende Freude, trotz aller Fдhrnisse noch am Leben zu sein, das prдgendste Erlebnis war. Wenn es um Allday ging, drдngte sich stets als erstes ein einziges Wort auf: Treue. Mьde griff Keen nach der Glocke, um seinen Steward herbeizuzitieren. Die wenigsten, ьberlegte er, wьrden den Begriff Treue definieren kцnnen. Aber er hatte immerhin erleben dьrfen, in welcher Gestalt sie sich verkцrperte. 149
XI Spдte Rache »Alle Mann an Deck, alle Mann an Deck! Aufentern und klar zum Bramsegelsetzen!« Bolitho beobachtete von der Querreling aus, wie die tropfnassen Kutter wieder einmal auf ihren Stellings festgelascht wurden. Achates hatte hier einige Stunden geankert, wдhrend die Beiboote ausgesetzt wurden, um eine Bucht zu rekognoszieren, in der sich ein Schiff hдtte verstecken kцnnen. Aber wie schon all die Male zuvor waren die Le ute unverrichteter Dinge zurьckgekehrt. Bolitho beschattete die Augen, um trotz der grellen Sonne das Land zu erkennen Santo Domingo lag nur wenige Meilen weiter nordwestlich; danach kam noch die Mona-Passage, und dann waren sie wieder in den nцrdlichen Zufahrtswegen, wo alles seinen Anfang genommen hatte. Zwei vergeudete Wochen. Dazu der tдgliche Kampf um die Ausnьtzung einer so leichten Brise, daЯ sie an Land kaum ein Pappelblatt bewegt hдtte. Nun sah er zu, wie die groЯen Bramsegel schlugen und sich trдge fьllten, bis das Schiff sich auf dem neuen Kurs leicht ьberlegte. Keen kam quer ьbers Deck heran und wartete darauf, daЯ Bolitho sich zu ihm umwandte. »Mit allem Respekt, Sir, aber ich glaube, wir sollten nach San Felipe zurьckkehren.« »Ich kenne diese Gewдsser, Val«, erwiderte Bolitho. »Hier kцnnte man notfalls eine ganze Flotte verstecken. Sie glauben, daЯ ich mich geirrt habe, nicht wahr?« Er fuhr sich ьber das zerknitterte Hemd und lдchelte Keen an. »Ich mache Ihnen daraus keinen Vorwurf, schlieЯlich waren die letzten Wochen fьr uns alle eine Qual.« »Ich sorge mich Ihretwegen, Sir«, sagte Keen. »Je lдnger wir warten... Bolitho nickte. »Ich weiЯ. Mein Hals steckt in der Schlinge. Das war mir von Anfang an bewuЯt.« Die Wanten knarrten, als die Brise etwas auffrischte und die Segel sich strafften. Hoch oben in den Masten lieЯen die zusдtzlichen Ausguckposten die ьberanstrengten Augen rundum schweifen und ve rfluchten heimlich ihre Vorgesetzten wegen dieser Schikane. 150
Bolitho hцrte das dumpfe Tappen von Tyrrells Holzstumpf nдherkommen und wandte sich ihm grьЯend zu. Keen entschuldigte sich und schlenderte zur anderen Seite hinьber. Sein MiЯtrauen und sein wachsender Argwohn Tyrrell gegenьber lieЯen sich nicht mehr ve rbergen. Tyrrell sandte ihm einen Blick nach und meinte: »Kann mich wohl nicht ausstehen, der Gute.« Aber seine Stimme klang besorgt und nicht mehr so zuversichtlich. »Sind Sie sich Ihrer Sache immer noch so gewiЯ, Jethro?« fragte Bolitho. »Sie kцnnen Gott weiЯ wo sein.« Er hдmmerte mit der Faust auf die Reling. »Aber verschiedene Freunde haben mir gesagt, daЯ sie sich in einer dieser Buchten hier erholen wollen. Und von den Spaniern haben sie ja nichts zu befьrchten. AuЯerdem kennen die lдngst ihre Absichten, davon bin ich ьberzeugt.« Bolitho musterte Tyrrell nachdenklich. »Wir sind jetzt in spanischen Gewдssern. Es gibt keine Rechtfertigung fьr unsere Anwesenheit, es sei denn, dieses verdammte Schiff versteckt sich wirklich hinter der spanischen Flagge.« Keen kam zurьck und sagte mit ausdruckslosem Gesicht: »Wir mьssen bald wieder ьber Stag gehen, Sir.« Tyrrell lieЯ er absichtlich unbeachtet. »Und danach kommt das mьhsame Aufkreuzen zur MonaPassage. So flau der Wind ist, hat er es offenbar doch darauf abgesehen, uns das Leben schwer zu machen.« Noch wдhrend er sprach, wurde das Vorbramsegel schlaff und schlug gegen die Wanten; Mдnner hasteten an die Brassen, um die Rah abermals neu zu trimmen. Plцtzlich sagte Tyrrell: »Mir ist etwas eingefallen. Geben Sie mir ein Boot.« Er sprach hastig, als mьsse er auch eigene Vorbehalte ьbertцnen. »Sie glauben mir nicht. Aber ich bin mir ja selbst nicht sicher.« Sie blickten alle nach oben, als ein Ausguckposten rief: »An Deck! Segel in Nordwest!« »Hol's der Teufel«, murmelte Keen. »Das ist bestimmt ein Patrouillenboot aus Santo Domingo!« Tyrrell musterte ihn kalt. »Die Spanier haben Ihr schцnes Schiff schon seit Tagen beobachtet, Kapitдn Keen, darauf halte ich jede We tte.« 151
Keen wandte den Blick ab. »Ich wette nicht mit einem Glьcksritter«, brummte er. Scharf befahl Bolitho: »Das reicht!« Er blickte zum Krдhennest auf. Der Tag war sonnig und klar, der Ausguckposten da oben muЯte mehr erkennen kцnnen als jeder andere. Durch die hohlen Hдnde schrie er hinauf: »Was fьr ein Schiff?« Bolitho war sich bewuЯt, daЯ einige der in der Nдhe arbeitenden Seeleute innehielten und ihn anstarrten. Ein Admiral, auch wenn er noch so jung war, und Schreien? Das muЯte ihnen vorkommen wie eine Blasphemie. Aus dem Ausguck schrie es herunter: »Eine Fregatte, Sir, wie's aussieht.« Bolitho nickte. Also eine Fregatte. Wahrscheinlich hatte Keen mit seiner Vermutung recht, dann blieben ihnen hцchstens noch zwe i Stunden. Er befahl: »Lassen Sie bitte beidrehen und einen Kutter aussetzen. Bewaffnet und unter dem Befehl eines Leutnants.« Eifrige Rufe erklangen, hastiges Getrappel ringsum auf den von der Sonne gedцrrten Planken, und dann drehte Achates zцgernd in den Wind, wдhrend das Boot bereits ruckartig ьber das Steuerbordschanzkleid geschwungen wurde. Knocker, der sich an Keen herangeschoben hatte, murmelte: »Die Bucht ist nicht grцЯer als ein Dorfteich, Sir. Ein solches Schiff kдme niemals da hinein.« »So steht's in Ihrer Karte«, erwiderte Tyrrell dьster. »Aber ich weiЯ es besser.« Bolitho sah Scott, den Dritten Offizier, sich hastig mit dem Sдbel gьrten, wдhrend ihm der Messesteward mit Pistole und Zweispitz nachlief. Von trьbsinniger Untдtigkeit zu hektischer Betriebsamkeit ­ wie oft hatte Bolitho diesen Stimmungsumschwung schon erlebt, auch an sich selbst. »Kutter liegt lдngsseits, Sir!« Mit einem dumpfen Poltern landete die abgefierte Drehbrasse im Bug des Beiboots, um sofort von zwei Seeleuten geladen zu werden. Leise fragte Bolitho: »Ist Ihnen diese kleine Bucht erst jetzt wieder eingefallen, Jethro? Oder wissen Sie schon seit zwei Wochen und 152
lдnger, daЯ sie die richtige Stelle ist? Wir hдtten im nдchsten Augenblick gewendet und diese Chance fьr immer verspielt.« »Sie wollten das Schiff«, antwortete Tyrrell. »Ich halte mein Wort.« Damit wandte er sich ab und hinkte zum Schanzkleid, sein Holzbein holte bei jedem Schritt in weitem Bogen aus. Und obwohl Bolitho in diesem Augenblick die Wahrheit erkannt hatte, drдngte ihn ein unerklдrlicher Impuls, mit zwei, drei Schritten an die Finknetze zu eilen und Tyrrell nachzurufen: »Seien Sie vorsichtig, Jethro! Und viel Glьck!« Tyrrell hielt inne, die groЯen Fдuste um die Taue der Jakobsleiter gekrampft, und blickte mit Augen, die im grellen Licht trдnten, zum Achterdeck hinauf. Einen Lidschlag lang standen nicht mehr die vi elen Jahre zwischen ihnen, sondern sie waren wieder an Bord der Sparrow. Dann stieЯ sich Tyrrell von der Bordwand ab und lieЯ sich in den Kutter fallen, den Holzstumpf steif vorgereckt wie einen Rьssel. Keen murmelte: »Wenn das nur gutgeht.« Schon lцste sich der Kutter vom Mutterschiff, die Riemen hoben und senkten sich in schnellem Takt, wдhrend der Bootsmann, hinter dem Leutnant stehend, aufs Land zuhielt. Bolitho biЯ sich auf die Lippen. »Ich habe ihm vertraut. Aber vielleicht war es doch eine zu starke Versuchung fьr ihn.« Keen schьttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht, Sir.« Bolitho sah dem Boot nach, das jetzt einen engen Bogen beschrieb, weil Tyrrells ausgestreckter Arm in eine neue Richtung deutete. Die Wirbel einer kleinen FluЯmьndung waren zu erkennen, zu deren beiden Seiten Bдume und Gebьsch bis zum Ufer wuchsen. Kaum zu glauben, daЯ dieses FlьЯchen breiter sein sollte als auf der Karte angegeben. Von weit her erscholl ein gedдmpfter Knall, gefolgt vom lauten Ruf eines Ausguckpostens: »Die Fregatte hat gefeuert, Sir!« »Auf diese Distanz treffen sie nicht mal den Felsen von Gibraltar«, hцhnte Knocker. Bolitho tauschte einen Blick mit Keen. War der SchuЯ eine Warnung, die Aufforderung, das spanische Hoheitsgebiet zu verlassen ­ oder sollte er einen Dritten alarmieren? Er sagte: »Machen Sie lieber klar zum Gefecht.« Und nach einem prьfenden Blick zum Kutter hinьber, der gut vorangekommen war: 153
»Wir wollen uns nicht ein zweites Mal ьberraschen lassen.« Die Mдnner in seiner Umgebung erstarrten, konnten nicht glauben, was sie soeben gehцrt hatten. Aber als die Trommeln zu rasseln begannen und sich heisere Be- fehlsrufe durch das ganze Schiff fortpflanzten, wurden die letzten Illusionen ausgerдumt. Keen verschrдnkte die Arme und lieЯ den Blick ьber sein Schiff wandern. Auf beiden Seitendecks drдngten sich die Mдnner, stopften die zusammengerollten Hдngematten als Kugelfang in die Finknetze, wдhrend Schiffsjungen zwischen den Kanonen herumrannten und das Deck mit Sand bestreuten, damit die Stьckmannschaften nicht ausrutschten, wenn erst Blut die Planken bedeckte. Big Harry Rooke, der Bootsmann, schrie einen Sдumigen aus seiner Crew an, die auf den untersten Rahen auslegte und Kettenschlingen ausbrachte, die gebr ochene Spieren daran hindern sollten, an Deck zu stьrzen. Andere schlugen unten Zwischenwдnde ab und verwandelten die getrennten Messen und Kammern in einen einzigen groЯen Raum, der den Stьckmannschaften vom Bug bis zum Heck Bewegungsfreiheit gab. Quantock blickte vom Batteriedeck herauf und tippte grьЯend an seinen Hut. »Schiff klar zum Gefecht!« meldete er. Inzwischen kannte er Keens Anforderungen. »In neun Minuten, Sir!« Keen nickte. »Gut gemacht, Mr. Quantock.« Aber die Spannung zwischen den beiden Mдnnern blieb fьhlbar, das kleine Kompliment entlockte keinem ein Lдcheln. Bolitho richtete ein Teleskop auf den fernen Kutter. Er konnte nur raten, was Leutnant Scott und die Bootsgasten jetzt dachten, wдhrend Achates unter dem Wirbel der Trommeln gefechtsklar machte und sie sich mit jedem Riemenschlag weiter von ihrem Schiff entfernten. Er hцrte Allday sich diskret neben ihm rдuspern und lieЯ sich in den bereitgehaltenen Uniformrock helfen, wдhrend Ozzard mit dem alten Sдbel herbeitrippelte. Auch Adam stand plцtzlich bei ihnen, mit glдnzenden Augen, unglaublich jung und eifrig. »Befehle, Sir?« Bolitho hob leicht die Arme, damit Allday ihm den Sдbelgurt umschnallen konnte, und bemerkte betrьbt Adams Fцrmlichkeit. »Tut mir leid, Adam«, sagte er. »Ich hдtte es besser wissen mьssen. 154
Es war dein gutes Recht, stolz darauf zu sein. An deiner Stelle hдtte ich genauso empfunden.« Der junge Leutnant machte einen halben Schritt auf ihn zu. »Ich wьrde mir eher die Hand abhacken, als Sie zu verletzen, Sir. Es war nur...« »Es war nur so, daЯ du mich an deiner Freude teilhaben lassen wolltest und ich zu beschдftigt war, um dir zuzuhцren.« Keen sagte: »Alles klar, Sir.« Erleichtert blickte er von einem zum anderen. Dann suchte er Alldays Blick, aber der zuckte mit keiner Wimper. Keen muЯte lдcheln; was war Allday doch fьr ein alter Fuchs! »Also gut.« Bolitho sah zu seiner Flagge im Vormasttopp auf. »Setzt die Gefechtsflagge. Und dann, Mr. Bolitho, bitte folgendes Signal: Feind in Sicht!« Er sah die Verblьffung auf Adams Gesicht schnellem Begreifen weichen und fьgte fьr die Umstehenden erklдrend hinzu: »SchlieЯlich kann es nichts schaden, wenn wir sie glauben machen, daЯ wir nicht ganz allein sind, wie?« Und zu Keen sagte er: »Also fangen wir an.« Aber angenommen, da drьben lag gar kein Schiff? Angenommen, er hatte sich in Tyrrell und in allem anderen geirrt? Dann wurde er jetzt zum Gespцtt seiner Leute. Signalfдhnrich Ferrier und der kleine Evans von Sparrowhawk machten sich mit ihren Gehilfen eifrig an den Flaggleinen zu schaffen, bis die bunten Stoffbдllchen zьgig zur Signalrah emporstiegen und in der leichten Brise auswehten, begrьЯt vom aufgeregten Hurrageschrei der Stьckmannschaften an den Achtzehnpfьndern des Oberdecks. Die meisten von ihnen konnten eine Signalflagge nicht von der anderen unterscheiden, aber die bunten Wimpel bedeuteten ihnen mehr als Worte: Sie waren ein Symbol. Keen beobachtete Bolitho und unterdrьckte einen Seufzer. Ich hдtte damit rechnen mьssen, dachte er. Es knallte einmal scharf, dann riefen mehrere Stimmen zugleich: »Sie feuern auf den Kutter, die Schweine!« Jubel schlug um in Wut. Bolitho hob schnell das Glas und sah den Kutter gerade noch einen Haken schlagen; vorьbergehend aus dem Takt gebracht, zцgerten die Riemen ьber dem in bцsartigen kleinen Fontдnen aufspritzenden Was- 155
ser. Ein schlaffer Kцrper wurde rьcksichtslos ьber das Dollbord gerollt, damit die Rudergasten mehr Platz gewannen. Mit einem trockenen Krachen feuerte die Drehbrasse des Kutters und bestrich das Ufergehцlz mit ihrer Kartдtschenladung. Keen rief zum Batteriedeck hinunter: »Vielleicht mьssen wir den Kutter sich selbst ьberlassen, Mr. Quantock! Aber signalisieren Sie Mr. Scott fьr alle Fдlle, so schnell wie mцglich zurьckzukehren!« Zustimmung heischend sah er sich nach Bolitho um, doch der stand drьben an den Finknetzen und starrte gebannt zu der halbverborgenen FluЯmьndung hinьber, als erwarte er dort jeden Augenblick eine Reaktion. Der Kutter war langsamer geworden, woraus Bolitho schloЯ, daЯ doch mehrere Mдnner getroffen worden waren, wahrscheinlich von Musketenkugeln. An der Pinne stand jetzt Tyrrell und fuchtelte mit der Faust, um die Rudergasten zu grцЯerer Anstrengung zu bewegen. Das GroЯbramsegel fьllte sich knallend mit Wind. Bolitho sagte: »Halten Sie sich bereit, das Schiff wieder in Fahrt zu bringen, Mr. Knocker. Uns bleiben nur noch wenige Minuten.« Quantock meldete: »Die Fregatte behдlt ihren Kurs bei, Sir.« Bolithos Mund wurde plцtzlich trocken, als er hinter den Wipfeln einer Baumreihe am Ufer eine Bewegung entdeckte: wie eine Schlange, die rot und gelb im Sonnenlicht leuchtete. Es war der Toppwimpel eines groЯen Schiffes, das, hinter den Bдumen versteckt, auf dem unsichtbaren FlьЯchen langsam dem offenen Wasser zustrebte. Dann schob sich ihr hochaufragender Bugspriet ins Freie, gefolgt von der golden glдnzenden Galionsfigur, der Back und dem noch an seiner Rah aufgetuchten Vorbramsegel; aber die Breitfock war gesetzt und killte leicht, als das Schiff ins gleiЯende Licht hinausglitt. Nur noch wenige Minuten, und es wдre unbemerkt geblieben. Wahrscheinlich hatten sie in ihrem FluЯversteck den Atem angehalten, als Achates drauЯen vorbeisegelte, hatten ьber diese dilettantische Suchaktion gelacht. Unter seinen RockschцЯen ballte Bolitho die Fдuste. Das Lachen wollte er ihnen bald austreiben. Der Kutter war jetzt nur noch eine Kabellдnge entfernt, und Keen befahl: »Klar bei Wurfanker! Wir haben keine Zeit, ihn an Bord zu nehmen.« Gewaltsam muЯte er den Blick von dem anderen Schiff losreiЯen, 156
das seine Deckung jetzt verlassen hatte und im Nдhergleiten immer grцЯer wurde, bis es das Ufer ganz zu verdecken schien. »Hol mich der Teufel, aber das ist sie wirklich!« Bolitho zog den alten Sдbel probeweise zwei Zoll aus der Scheide und stieЯ ihn wieder zurьck. »Endlich, Kapitдn Keen, habe ich Sie ьberzeugt.« Mit viel Geschrei wurden die Bootsgasten aus dem Kutter ьber das Schanzkleid gehievt. Dann legte sich Achates unter dem Winddruck etwas stдrker ьber und schob das aufgegebene Beiboot wie ein Stьck Treibholz beiseite. Immer noch stand Tyrrell an der Pinne, ihm zu FьЯen lag als einziger Begleiter ein toter Seemann. Bolitho rief: »Werft ihm eine Leine zu! Ich lasse ihn nicht zurьck!« Irgend etwas sagte ihm, daЯ Tyrrell im Kutter bleiben und sich mit der Strцmung abtreiben lassen wollte. Absichtlich hatte er Achates in die Irre gefьhrt, von einer falschen Spur zur anderen, und zum SchluЯ hatte er sogar vorgeschlagen, daЯ die Boote eine Bucht absuchen sollten, die dicht neben dem wirklichen Versteck des Spaniers lag. Niemand hдtte jemals die Wahrheit erfahren. Und doch hatte ihn etwas im letzten Augenblick anderen Sinnes werden lassen. Nun war er entlarvt und hatte noch Glьck, wenn er fьr seinen Verrat nicht mit dem Leben bezahlen muЯte. Bolitho sah eine Talje ьber dem treibenden Boot schwingen, bemerkte Tyrrells furchtsames Zцgern, ehe er schlieЯlich das Ende ergriff und zweimal um die Drehbrasse schlang. Keen wartete noch ab, bis Tyrrell und die Drehbrasse von den an der Pforte wartenden Helfern gepackt wurden, dann gab er seine Befehle und hetzte die Mannschaften in die Masten, wo sie die Brams egel setzten, um den auffrischenden Wind voll zu nutzen. Bolitho spьrte ein leichtes Beben unter seinen FьЯen, hцrte Blцcke klappern und Wanten knirschen, als Achates auf den steigenden Winddruck reagierte. Keen starrte ihn an. »Was hatte dieser verdammte Narr eigentlich vor?« fragte er. »Verspricht er sich etwa...« Aber die Worte wurden ihm durch das Krachen einer Breitseite vom Mund gerissen. Schon ruckten in der Bordwand des anderen Schiffes die Rohre wieder binnenbords, wдhrend durch Achates Takelage plцtzlich ein tцdlicher Eisenhagel fuhr. In den prallen Segeln klafften auf einmal 157
Lцcher, und Bolitho spьrte die schon vertraute Erschьtterung unter seinen Sohlen, die schwere Treffer im Rumpf anzeigte. Doch Knockers Steuerleute fingen sich wieder, und der Bugspriet begann sich, langsam zuerst und dann immer zielbewuЯter, zum Land hin zu drehen. Wie mit unsichtbarer Hand half die frische Brise nach. Aber das gegnerische Schiff folgte Achates' Manцver und profitierte genauso vom Wind. Hдtte Bolitho Keen in die Mona-Passage beordert, angespornt durch das nun gьnstigere Wetter, wдren sie erst viel spдter nach San Felipe zurьckgekehrt. Das Schiff, mit dem sie nun fast Bug an Bug lagen, wдhrend es sich von den Untiefen freikдmpfte, wдre ihnen um Tage zuvorgekommen. Die kleine Brigg Electra hдtte ihm gewiЯ bis zum bitteren Ende Widerstand geleistet, aber am Schicksal der Insel nichts mehr дndern kцnnen. Keen hob den Arm. »Langsam, Mr. Knocker! Aufkommen!« Noch drehte Achates weiter, ihre Segel begannen sich auf dem ne uen Bug zu fьllen, wдhrend die Seeleute mit aller Kraft an den Brassen hievten, um die herumschwingenden Rahen richtig zu trimmen. Aber der Master grunzte etwas ьber seine Schulter, und die Rudergasten bremsten die wirbelnden Speichen des groЯen Rades ab. »Recht so!« »West zu Nord liegt an, Sir!« Bolitho befeuchtete sich die Lippen. Die Stьckpforten des Feindes lagen jetzt in zu spitzem Winkel vor ihnen, als daЯ er sie unter Feuer nehmen konnte. Er hatte seinen Erцffnungszug zu frьh gemacht. Aber trotzdem, die Schiffsfьhrung drьben verstand ihr Handwerk, die We nde klappte, und fast alle Segel standen wieder voll. »Steuerbordbatterie!« In einer einzigen, zischenden Bewegung zog Keen seinen Sдbel. »Feuer in der Aufwдrtsbewegung!« Auf beiden Decks spдhten die Stьckmeister durch ihre Luken, die AbriЯleinen straff gespannt in der Faust, und warteten darauf, daЯ das Ziel vor ihre Mьndungen glitt. Dann hieb die Schneide blitzend nach unten, ein sekundenlanger Donnerschlag brach los, und die Rohre der Achtzehn- und Vierundzwanzigpfьnder fuhren, von ihren Taljen abgefangen, wieder binnenbords. Rauch trieb nach vorn davon und erlaubte einen Blick auf die Take- 158
lage des Feindes, die im Kugelhagel einen Hцllentanz aufzufьhren schien. An der Wasserlinie stiegen hohe Fontдnen auf, wo andere Kugeln den Rumpf getroffen hatten. Doch obwohl der Fremde sein Manцver noch nicht ganz beendet hatte, erwiderte er sofort das Feuer. Wieder spьrte Bolitho dieses schreckliche Aufbдumen des Decks und hцrte einen schrillen Aufschrei am mittleren Luk. Die Stьckmannschaften arbeiteten wie die Wilden mit Schwдmmen, Ladestцcken und Kartuschen, bis sie endlich die schwarz schimmernden Eisenkugeln in die Rohre gerammt hatten. Die Crews wetteiferten miteinander, welche ihre Kanone als erste feuerbereit melden konnte. Sowie alle Stьckmeister mit erhobenen Hдnden dastanden, erklang wieder Keens heiserer Schrei: »Breitseite ­ Feuer!« Diesmal gab es keine Fehlschьsse. Bei einer Distanz von knapp zwei Kabellдngen konnten sie den Rumpf des Feindes unter den Treffern erzittern sehen. Das Seitendeck barst und riЯ einen Teil der Besantakelage in die Tiefe. Aber auch drьben hatten sie inzwischen nachgeladen, und die viel schwereren ZweiunddreiЯigpfьnder reckten schon wieder ihre Rьssel aus den Stьckpforten. Abermals schossen die Feuerzungen aus der Bordwand, und ein schreckliches Krachen und Rumpeln zeugte davon, daЯ viele Kugeln auf Achates ihr Ziel gefunden hatten. Das Gesicht eine blutige Maske, wurde ein Kanonier von seiner Lafette weggerissen. Aber Bolitho sah auch, daЯ Midshipman Evans steif und starr dastand und das andere Schiff nicht aus den Augen lieЯ. Wenn ihn das Schlachtgetцse erschreckte, so merkte man es ihm nicht an. Bolitho begriff, wie der Feind in den Augen des Jungen aussehen muЯte: der Mцrder seines ersten Schiffes, das er brennend und zerschmettert in die Tiefe geschickt hatte, wдhrend Duncan neben ihm verblutete. Bolitho rief: »Bewegen Sie sich, Mr. Evans!« Und als der Junge ihm einen verstдndnislosen Blick zuwarf: »Auch wenn Sie klein sind, geben Sie doch ein gutes Ziel ab!« Ьber Evans' Gesicht glitt das Gespenst eines Lдchelns, dann wandte er sich um und ging zu dem gefallenen Kanonier. Wieder rollten die Kanonen im RьckstoЯ nach hinten, Explosionen erschьtterten die Luft, keuchend und hustend rangen die Mдnner im 159
Pulverrauch nach Atem, wдhrend ihnen noch die Splitter vom letzten BeschuЯ um die Ohren flogen. Hallowes, der Vierte Offizier, schritt hinter der vorderen Batterie auf und ab; den Degen auf der Schulter, beobachtete er seine Abteilung und gab in schneller Folge Kommandos. »Zьndloch stopfen!« »Auswischen!« Die Mдnner auf dem Batteriedeck duckten sich, als einige Finknetze an der Reling unter dem BeschuЯ zerplatzten und Fetzen der Hдngematten durch die Luft flogen. Die Kugeln fдllten zwei Seeleute, ein dritter konnte noch davonhinken und sich wie ein scheues Tier unter der Gangway verkriechen. »Laden!« Hallowes deutete mit dem Sдbel auf den zusammengekauerten Mann und schrie: »Zurьck an deinen Platz ­ sofort!« Und dann: »Ausrennen!« Wieder rumpelten und quietschten die Lafetten, als das Schiff Kanone um Kanone dem Feind seine Breitseite prдsentierte. Dieser lag nach einem leichten Richtungswechsel jetzt auf konvergierendem Kurs mit Achates und feuerte pausenlos weiter. Bolitho sah Keen zur anderen Seite des Achterdecks hinьbergehen. Neue Treffer hдmmerten in den Rumpf, ein vielstimmiger Aufschrei aus dem unteren Batteriedeck verriet Bolitho, daЯ ein Vierundzwa nzigpfьnder umgestьrzt sein muЯte oder ­ noch schlimmer ­ sich aus seinen Taljen losgerissen hatte. Beide Schiffe waren der Bewaffnung nach ebenbьrtig. Achates hatte zwar mehr Kanonen, aber die schwereren Kaliber des Feindes forderten einen schrecklichen Blutzoll. Ein einziger Glьckstreffer konnte die Entscheidung bringen. Bolitho starrte auf Keens Rьcken, als kцnne er ihn durch Willenskraft zum Handeln antreiben: AufschlieЯen, Val. Geh ran, ehe er dich entmastet. Wieder ьbertцnten Schreie das allgemeine Inferno der Kanonade. Ein Seesoldat taumelte, die Hдnde vors Gesicht geschlagen, von seinem Platz an den Finknetzen zurьck; seine Brust war gespickt mit scharfen Holzsplittern. 160
»Herrgott, was fьr ein Schlamassel!« Tyrrell bahnte sich mit seinem Stumpf mьhsam einen Weg durch zerrissene Taljen und gebrochene Leinen, die trotz der Schutznetze herabgefallen waren. Bolitho wies ihn an: »Gehen Sie nach unten. Sie sind Zivilist.« Tyrrell zog eine Grimasse, als eine Kugel am VerschluЯstьck eines Neunpfьnders auf dem Achterdeck zerbarst und es Splitter hagelte, die abermals zwei Seeleute zu Boden rissen, wo sie sich in Lachen ihres eigenen Blutes wдlzten. Keen fuhr herum und funkelte Tyrrell an. »Verdammt, was machen Sie hier?« Durch zusammengepreЯte Zдhne knurrte Tyrrell: »Bringen Sie Ihren Kahn endlich lдngsseits, Kдpt'n, Ihre Leute kцnnen dieses Tempo nicht mehr lange durchhalten.« Keen sah zu Bolitho hinьber. »Aber dann wird Ihr Flaggschiff erkannt, Sir!« Daran lag's also. Bolitho zog seinen alten Sдbel. »Legt Ruder! Wir bringen ihnen jetzt das Fьrchten bei«, er hob die Stimme, »stimmt's, Jungs?« Als sie ihm zujubelten, muЯte er sich abwenden. Halbnackt, pulve rgeschwдrzt, schweiЯьberstrцmt, waren dies nicht die romantischen Helden, wie er sie auf manchem prдchtig gemalten Schlachtenpanorama in London gesehen hatte. Wieder spьrte er die schon vertraute Wildheit des Nahkampfes in sich aufsteigen. »Lebhaft, dort drьben!« drдngte er. Als Ruder gelegt wurde, schwangen die Rahen leicht herum, und binnen weniger Minuten war die Distanz auf eine Kabellдnge geschrumpft und verringerte sich schnell weiter. Bald waren es nur noch fьnfzig Meter und weniger, die Takelage des Feindes ragte hoch ьber ihren Kцpfen empor, und jetzt fiel Musketengeknatter in den betдubenden Chor der Kanonen ein. Dem anderen Kommandanten blieb keine Wahl. Er konnte nicht mehr halsen und sich davonmachen, denn das Land, das ihm bisher Zuflucht geboten hatte, war jetzt zu einer tцdlichen Gefahr geworden und drohte ihm mit den steine rnen Fдngen des Riffs, auf dem sich tobend die Brandung brach. Und wenn er es mit einer Wende versuc hte, muЯte er sich mit backstehenden Segeln festfahren und genau die 161
entscheidenden Sekunden verlieren, die Keen brauchte, um ihn vom Bug bis zum Heck mit seinen Breitseiten zu beharken. Ein splitterndes Krachen hoch ьber ihnen, und dann warnende Rufe: »In Deckung da unten!« Teile der FuЯrah des Besansegels durchschlugen die Schьtznetze, knallten an Deck und zogen ein Gewirr gebrochener Leinen und Taljen hinter sich her. Bolitho spьrte an der Schulter einen Schlag wie von einer eisernen Faust, und dann lag er mit dem Gesicht auf den Planken. Seine erste Reaktion kam einer Panik sehr nahe: wieder verwundet, und diesmal bestimmt schwer! Aber dann hцrte er sich fluchen, vor allem ьber den Rauch, der ihm im entscheidenden Moment die Sicht geraubt hatte. Er merkte, daЯ Adam mit starrem Blick seinen Arm gepackt hielt, wдhrend Allday irgend etwas Schweres von seinem Rьcken wegzog und ihm zunдchst auf die Knie, dann auf die FьЯe half. Ein riesiger Block, den der SchuЯ durch die Besantakelage losgerissen hatte, schwang wie ein Knьppel an seinen Parten vom Netz und hatte ihn umgerissen. Er hatte nicht mal einen Kratzer davongetragen. Mit leicht verzerrtem Grinsen dankte er, als jemand ihm seinen Hut zurьckreichte und ein anderer jubelte: »Zeigen Sie's den Hunden, Sir!« Bolitho wandte sich dem Feind zu, obwohl ihm der Rauch in den Augen brannte und ein dumpfer Schmerz in seiner Schulter pochte. Hдtte der Block ihn am Kopf getroffen, wдre er jetzt tot gewesen. Musketenkugeln durchlцcherten die zusammengerollten Hдngematten, Holzsplitter wurden aus den Planken gerissen oder ragten wie spitze Federkiele aus dem Deck. Doch schon blinkten Дxte im rauchgetrьbten Sonnenlicht, die Trьmmer aus der Besantakelage wurden freigehackt und mit Handspaken ьber das Schanzkleid gehievt. Jetzt trug das erbarmungslose Exerzieren an Segeln und Kanonen Frьchte. Wo ein Mann fiel oder beiseitegezerrt wurde, damit er nicht im Weg war, bis die Gehilfen des Schiffsarztes kamen, da stand sofort ein anderer an seinem Platz, herbeigesprungen von den Kanonen auf der gegenьberliegenden Decksseite. Die Musketen der Marinesoldaten griffen jetzt in den Kampf ein. Sergeant Saxton schrie laut den Takt und stampfte dazu mit dem Stiefel auf, wдhrend die Ladestцcke sich alle zugleich hoben und senkten. Sobald die Lдufe sich dann durch die Netze schoben, schrie er: »Ziel 162
auffassen! Jeder SchuЯ ein Treffer!« Geknatter hoch ьber ihren Kц pfen zeigte an, daЯ auch in den Masten Marinesoldaten feuerten; diese Scharfschьtzen zielten vor allem auf die Offiziere des Gegners. Bolitho schritt auf und ab und stolperte dabei ьber einen gezackten Splitter, wodurch die Kugel eines feindlichen Scharfschьtzen ihn knapp verfehlte. Die beiden Schiffe glitten immer nдher zusammen. Die Kanonen feuerten jetzt auf KernschuЯweite, bedient von halb blinden und tauben Mannschaften, die mit Hдnden und FьЯen kдmpfen muЯten, um ihre schweren Waffen unter Kontrolle zu bringen. »Feuer einstellen!« Quantock muЯte den Befehl wiederholen, ehe auch die letzte Kanone auf dem unteren Deck verstummte. Als der Feind es ihnen nachtat, entstand eine dumpfe Stille, in der andere Gerдusche erst allmдhlich wieder wahrgenommen wurden: die Schmerzensschreie Verwundeter, Hilferufe, Befehle. »Hartruder!« Sobald das Rad herumwirbelte, fegte Achates' Bugspriet wie eine Axt durch die vorderen Wanten des gegnerischen Schiffes. Mit einem fьrchterlichen Knirschen stieЯen die beiden Rьmpfe zusammen. Bolithos Mдnner rannten nach vorn, griffen jetzt zu Дxten, Entermessern und Piken, lieЯen Kanonen Kanonen sein und rьsteten sich zum Kampf Mann gegen Mann. Leutnant Hallowes, dem der Hut halb vom Kopf geschlagen worden war, brьllte mit geschwungenem Sдbel: »Auf sie, Leute!« Jubelnd wie die Besessenen rannten die Mдnner nach vorn zu der Stelle, wo sich die Schiffsrьmpfe berьhrten, um sich mit Hauen und Stechen einen Weg nach drьben zu erkдmpfen, ьber das schmale Dreieck glitzernden Wassers hinweg. Einige wurden von den Piken der Verteidiger aufgespieЯt, als sie sich schon an die Enternetze klammerten, andere fдllten die Scharfschьtzen, noch ehe sie hinьbergesprungen waren. Aber die meisten kamen durch, und immer mehr folgten ihnen; Bolitho sah den Vierten Offizier auf dem Backbordseitendeck des Feindes nach achtern stьrmen, wobei er eine schrill aufschreiende Gestalt mit seinem Sдbel beiseite hackte und eine andere mit dem Messer durchbohrte, bis er schlieЯlich von seinen eigenen johlenden und kampfestollen Mдnnern 163
ьberholt wurde, deren Entermesser schon blutrot waren vom Handgemenge auf dem Vorschiff. Die britischen Marinesoldaten drдngten mit grimmigen Gesichtern auf der dem Feind zugekehrten Seite an die Reling und schцssen in das Gedrдnge auf dem Achterdeck; der Drill war vergessen, jeder feuerte, so schnell er konnte. Und nun zog Hauptmann Dewar seinen Sдbel. »Vorwдrts, Soldaten!« Die roten Uniformrцcke mit den weiЯen Brustriemen stьrzten sich in die Rauchschwaden; auch wenn die Stiefel immer wieder im Blut ausrutschten, die Bajonette bahnten ihnen eine Gasse durch die Ve rteidiger, bis die Soldaten die erste Welle der Enterer auf dem Deck des Feindes erreicht hatten. Keen war nach vorn gerannt, um seine Leute anzufeuern; trotz der Verluste im feindlichen Feuer hцrte Bolitho immer wi eder Hurrageschrei, das noch anschwoll, als die ersten das Achterdeck erreichten. Plцtzlich stieЯ Achates' Bootsmann einen Warnruf aus: »Feuer! Sie haben Feuer an Bord!« Im selben Augenblick sah Bolitho drьben Rauchfдden aufsteigen. Die Fдuste um den Handlauf gekrampft, starrte Tyrrell zum Feind hinьber, wo die ersten bereits ihre Waffen wegwarfen und um Gnade flehten, hart bedrдngt von den wie im Rausch fechtenden Englдndern. »Mr. Hawtayne!« rief Bolitho. »Lassen Sie den Trompeter zum Rьckzug blasen! Klar zum Loswerfen!« Eine dumpfe Explosion erschьtterte beide Rьmpfe, aus dem Vo rdeck drьben quoll jetzt dicker schwarzer Rauch. Wenn das Schiff in Flammen aufging, drohte Achates das gleiche Schicksal. Sich den SchweiЯ vom Gesicht wischend, kehrte Keen zurьck und suchte mit den Blicken seine Offiziere und Maaten, als eine zweite Explosion den Ernst der Lage unterstrich. Ihre Verwundeten hinter sich herzerrend und einige wenige Verfolger abwehrend, rannte Achates' Entermannschaft auf ihr eigenes Schiff zurьck. Sobald die letzte Verbindungsleine gekappt war, begann der fremde Zweidecker hilflos nach Lee abzutreiben, da sein Ruder entweder entzweigeschossen oder unbemannt war. Leichen trieben im Wasser 164
zwischen den beiden Schiffen, leblose Gestalten hingen in Webeleinen und Netzen, wie die Kugeln sie ereilt hatten. »Setzt die Breitfock! Holt dicht den Klьver! Entert auf und setzt die Bramsegel!« Quantocks rauhe Stimme ьbertцnte das Chaos und sorgte fьr zielgerichtetes Handeln. Auf dem Batteriedeck des Feindes leckte eine gewaltige Feuerzunge gen Himmel und brachte herumliegende Pulverladungen zur Explosion. Wie betдubt rannten Mдnner zwischen Gefallenen und Trьmmern herum, niemand machte auch nur den Versuch, das Schiff zu retten. Als Ruder gelegt wurde, wandte Achates sich langsam von dem geschlagenen Feind ab und entblцЯte dabei dessen Wunden: Blutspuren an der Bordwand, weggeworfene Waffen und Kanonenrohre, die wie aus eigenem Antrieb immer noch qualmten. Eine weitere Explosion drцhnte ьbers Wasser, brennende Holz- und Riggstьcke schlugen gefдhrlich nahe bei Achates ein; aber sie nahm jetzt mehr und mehr Fahrt auf, weil ihre durchlцcherten und rauchgeschwдrzten Segel sich mit Wind zu fьllen begannen. Mehrere kleinere Explosionen, gefolgt von einer Funkenfontдne mittschiffs: Flammen zьngelten an Masten und Segeln empor, bis die ganze Takelage ein Feuermeer war. Binnen weniger Sekunden wurden Leinen und Tuch zu Asche, Mдnner sprangen ­ manche selbst brennend ­ ins Meer, wo andere wild um sich schlagend schon nach Wrackteilen suchten, an die sie sich klammern konnten, wдhrend das Schiff lodernd davontrieb. Bolitho sah zu und dachte an Sparrowhawk, fьhlte aber keine Genugtuung. Jubelnd umarmten sich seine Leute. Sie hatten ьberlebt ­ ein weiteres Mal. Fьr viele war es das erste Gefecht gewesen. Die spanische Fregatte, die sich wдhrend der ganzen Zeit mit der Rolle des unbeteiligten Zuschauers begnьgt hatte, segelte jetzt vo rsichtig auf das brennende Wrack zu. Sie verdeckte Achates die Sicht auf ihr Opfer, wohl um sich unbeobachtet schuldig zu machen. Aber die Spanier sagten sich wahrscheinlich, daЯ Tote nichts mehr beze ugen konnten. Ein grelles Aufblitzen und eine gewaltige Detonation lieЯen allen Jubel bei den Englдndern wie abgeschnitten verstummen. Das besiegte Schiff rollte sich auf die Seite, die brennenden Stьckpforten starrten wie zornrote Augen himmelwдrts. Ihre Verbдnde gaben wohl nach, denn sie sank jetzt sehr schnell. 165
Unter Deck muЯten die losgerissenen Kanonen die Agonie der Eingeschlossenen noch verstдrken. Bolitho sah Midshipman Evans hinьberstarren auf das Ende; aber sein Gesicht war trдnennaЯ, nicht schadenfroh, und Bolitho wuЯte, warum. Evans sah vor sich nicht die gerechtfertigte Vernichtung eines verhaЯten Feindes, sondern durchlebte noch einmal den Untergang seiner Sparrowhawk. Leise sagte Bolitho: »Kьmmere dich bitte um Mr. Evans, Adam. Er macht jetzt eine Krise durch.« . Keen trat heran und griff grьЯend zum Hut. »Wie hoch ist der Blutzoll, den wir dafьr bezahlen muЯten?« fragte ihn Bolitho. Aber beide fuhren herum, als die Luft unter einer letzten Explosion erbebte. Das feindliche Schiff drehte wie ein tцdlich getroffener Ri esenwal den Bauch nach oben und versank. Gedдmpft sagte Keen: »Nicht viel hat gefehlt, dann wдren wir jetzt an deren Stelle.« Bolitho reichte Allday seinen Sдbel. »Ich verstehe, Val. Dann ist wohl der Blutzoll noch immer nicht ganz bezahlt.« XII Der Brief Electras jugendlicher Kommandant, Kapitдnleutnant Napier, hatte sich mitten in Bolithos Tageskajьte aufgebaut, um seinen Bericht zu erstatten. In MiЯachtung seiner Befehle war Napier mit seiner Brigg ausgelaufen, um dem ramponierten Zweidecker auf den letzten zwei Meilen bis zur Reede von San Felipe das Geleit zu geben. So sehr er sich auch bemьhte, Napier hatte nicht verhindern kцnnen, daЯ seine Blicke neugierig umherschweiften, sowie er den FuЯ an Bord gesetzt hatte, Zwischen den in alte Segel eingenдhten Toten, die auf ihre Bestattung warteten, gingen die erschцpften, abgerissenen Matrosen ihrer Arbeit nach und hoben kaum den Blick vom SpleiЯen, Nдhen oder von den Taljen, mit denen sie Ersatzteile zu den Toppsgasten in den Rahen hinaufhievten. 166
Bolitho dachte wieder an die letzten Augenblicke seines Gegners. Immer noch wuЯte er nicht den Namen des Schiffes. Doch bald wьrde er ihn erfahren, ebenso den des Kommandanten. Auch wenn die spanische Fregatte so bemьht gewesen war, durch ihr Dazwischenkommen jeden Bergungsversuch Ьberlebender zu verhindern. Napier berichtete: »Es kreuzten doch tatsдchlich zwei spanische Kriegsschiffe vor der Kьste auf. Sie wollten einen Landungstrupp auf der Missionsinsel absetzen.« Er schien ьberrascht, daЯ der Admiral ihn zu diesem Vorfall nicht nдher befragt hatte. Aber Bolitho war so mьde gewesen, daЯ er Napiers sauber abgefaЯten Bericht lediglich ьberflogen hatte. Nun raffte er sich auf und ging zu den offenen Heckfenstern hinьber, wдhrend Achates die Insel ansteuerte. Immer noch roch er SchweiЯ und Asche, den Gestank des Gefechts, den Todesatem. »Wie haben Sie sich verhalten?« Napier erinnerte sich stolzgeschwellt an seine schцnsten Augenblikke als Gouverneur auf Zeit. »Ich habe sie verscheucht, Sir. LieЯ die Festungsbatterie einen SchuЯ abfeuern, um ihnen Beine zu machen.« Ihnen Beine machen. Bolitho hдtte gern darьber gelacht, aber er wuЯte, daЯ er dann vielleicht nicht mehr aufhцren konnte. Wann und wo wьrde das alles enden? Tyrrell hatte ihn verraten, oder hatte es jedenfalls bis zum letzten Moment vorgehabt. Und jetzt gierten nicht nur die Franzosen nach der Insel, sondern auch die Spanier. Keen betrat die Kajьte. »Wir laufen in den Hafen ein, Sir«, meldete er. »Der Wind bleibt stetig aus Sьdost.« Er wirkte ьberanstrengt und so ausgelaugt, als fьhle er die Blessuren seines Schiffes am eigenen Leibe. Seit dem Gefecht waren die Pumpen fast nicht mehr verstummt, denn Achates hatte zwei schwere Treffer nahe der Wasserlinie eingesteckt. Und ein >langer Neuner<, wie die ZweiunddreiЯigpfьnder genannt wurden, konnte auf einem 22 Jahre alten Schiff schrecklichen Schaden anrichten. »Ich komme an Deck.« Bitter fьgte Bolitho hinzu: »Einige, die uns von Land aus beobachten, mag es enttдuschen, daЯ wir immer noch schwimmfдhig sind.« 167
Darьber fielen ihm die beiden spanischen Kriegsschiffe ein, die offenbar Truppen auf einem Territorium an Land setzen wollten, das sie immer noch als ihr Eigentum betrachteten. Wenn Tyrrell es sich nicht in letzter Sekunde anders ьberlegt hдtte, wдre den beiden das groЯe Schiff zu Hilfe gekommen, das jetzt am FuЯe eines karibischen Riffes lag. Napier erbleichte plцtzlich. »Ich ­ ich muЯ um Vergebung bitten, Sir. Beinahe hдtte ich's vergessen. Aber ein Postschiff aus England war da.« Bolitho starrte ihn an. »Fahren Sie fort«, sagte er scharf. Napier suchte in seinen Rocktaschen und holte schlieЯlich einen Brief hervor. »Fьr Sie, Sir.« Unter Bolithos Blicken schien er zu schrumpfen. Keen sagte knapp: »Kommen Sie mit nach oben, Kapitдnleutnant Napier, ich muЯ ьber die Reparaturen an meinem Schiff mit Ihnen sprechen...« Doch in der Tьr blieb er noch einmal stehen und warf einen Blick auf Bolitho zurьck. Dieser hielt seinen Brief in beiden Hдnden und scheute sich offenbar, ihn zu цffnen. Als Keen sich abwandte, stieЯ er fast mit dem Flaggleutnant zusammen. »Warten Sie noch, Adam«, sagte er. »Ein Brief ist gekommen.« Im halbdunklen Batteriedeck lehnte Allday an einem verschrammten Achtzehnpfьnder und spдhte durch die offene Stьckpforte nach der grьnen Landzunge aus, die querab vorbeiglitt. Dort standen Leute, um das besudelte und verkrьppelte Schiff vorbeisegeln zu sehen; aber keiner winkte. Fьr Allday war es ein Landfall wie andere auch. Er war schon in so vielen Hдfen eingelaufen, daЯ sich ihr Bild in seiner Erinnerung ve rwischte. Seufzend gestand er sich ein, daЯ im Augenblick nur der Brief aus England zдhlte. Als wдre es gestern gewesen, stand ihm vo r Augen, wie er sich mit Bolitho in die verunglьckte Kutsche gezwдngt und darin eine bildschцne Frau gefunden hatte, die dem Tode nдher schien als dem Leben. Sie sah Bolithos verstorbener erster Frau so дhnlich, daЯ er seinen Augen nicht traute. Mit schiefgelegtem Kopf lauschte er nun dem Salut, den die Festungsbatterie fьr sie schoЯ. Der richtige WillkommensgruЯ, dachte 168
er, obwohl sie zu viele Kameraden an Bord hatten, die keinen einzigen SchuЯ mehr hцren wьrden. Er richtete sich auf, als die Tьr klappte und der Wachtposten Haltung annahm. Bolitho zog den Kopf unter den niedrigen Decksbalken ein und gewahrte dann die wartende Gestalt. Als er die besorgte Spannung in Alldays Gesicht sah, spьrte er seine letzten Kraftreserven schwinden. Die Selbstbeherrschung, zu der er sich wдhrend der Lektьre des Briefes gezwungen hatte, die Verzweiflung, die seinen Blick getrьbt hatte, all das zehrte jetzt an ihm. Er hielt inne und lauschte dem Salut, der von Achates' Kanonen erwidert wurde. Dann griff er zu und drьckte Al ldays Hand. Heiser fragte sein Bootsfьhrer: »Steht es gut, Sir?« Noch einmal drьckte Bolitho Alldays Hand. Es fьgte sich ganz richtig, daЯ er in diesem Augenblick bei ihm war und somit als erster davon erfuhr. »Wir haben eine gesunde Tochter, Allday.« Keiner von beiden wuЯte, wie lange sie so dastanden. Achates setzte zum letzten Kreuzschlag um die Landspitze an, auf dem Achterdeck intonierten die Pfeifer und Trommler einen munteren Marsch, aber Bolitho war im Geist ganz woanders. Dann nickte Allday bedдchtig; er kostete den Augenblick aus, von dem er wuЯte, daЯ er ihm noch oft Gesprдchsstoff liefern wьrde, wenn er einst zum letztenmal den FuЯ an Land gesetzt hatte. »Und Mrs. Bolitho, Sir...« »Geht es sehr gut.« Bolitho schritt ins Sonnenlicht hinaus. »Sie lдЯt dich grьЯen.« Mit kraftvollen Schritten strebte er dem Achterdeck zu. Jetzt konnte er es mit allen aufnehmen. Konnte alles schaffen. Er sah sich nach Alldays breit grinsendem Gesicht um. »AuЯerdem hofft sie, daЯ uns der Dienst in dieser Friedenszeit nicht zu langweilig wird.« Allday hob den Blick zur zerschmetterten Besanrah, zu den Blutspuren und frischen Einschlдgen, die das Schiff entstellten. Und dann warf er ­ ungeachtet des feierlichen Augenblicks, des Saluts und des FlaggengruЯes, den die Festung dem einlaufenden Kriegsschiff entbot ­ den Kopf in den Nacken und lachte lauthals. Keen starrte erst ihn und dann Bolitho an. Dem Sieger war also endlich sein Lohn zuteil geworden. 169
In Kapitдn Valentin Keens Augen stand unverhohlene Ьberraschung und Bewunderung, als er seinen Vorgesetzten anblickte. Seit Achates nach San Felipe zurьckgekehrt war, hatte es bei den Reparaturarbeiten, beim Ersetzen zerschossener Planken und Spieren keine Pause gegeben. Dabei war die Werft von Georgetown jдmmerlich ausgerьstet, und auЯerdem erschwerten Feindseligkeit und mangelnde Kooperationsbereitschaft jeden Handgriff. English Harbour auf Antigua wдre der einzige geeignete Platz fьr eine so grьndliche Ьberholung gewesen, aber Keen hatte sich damit abfinden mьssen, daЯ sein Schiff unter den primitivsten Umstдnden wieder zusammengeflickt wurde. Denn sobald Achates die Insel sich selbst ьberlieЯ, wьrde unweigerlich eine Invasion von wem auch immer erfolgen, daran bestanden kaum Zweifel. Keen wuЯte am besten, wie wenig Bolitho sich geschont hatte. Er hatte zahllose Besuche an Land gemacht, auch beim ehemaligen Go uverneur Rivers, dem er die Rьckkehr in sein Haus erlaubt hatte, wo er jetzt unter Arrest stand. Keens Einspruch dagegen war vergeblich gewesen. Jetzt, gegen Ende August, war die Hitze unertrдglich geworden. Trotzdem muЯten sie jeden Tag, sogar zu jeder Stunde, darauf gefaЯt sein, daЯ die Ausguckposten des Forts die Annдherung spanischer ­ oder franzцsischer ­ Schiffe meldeten; Achates blieb deshalb Tag und Nacht see- und gefechtsklar. Am Vormittag war Electra nach Antigua ausgelaufen, mit Depeschen fьr den Admiral, sollte er zurьckgekehrt sein, und mit anderen, dringlicheren, fьr die Admiralitдt in London. Diese Schreibarbeit und eine Menge anderer Dinge hatten Bolitho bis spдt in die Nacht an seinem Schreibtisch festgehalten, und trotzdem schien er nie zu ermьden oder sich ьber die Verzцgerung und Quertreibereien durch die Inselbewohner zu дrgern. Der Brief seiner Frau aus Falmouth gab ihm offenbar mehr Auftrieb, als hundert Siege es vermocht hдtten. Bolitho blickte von seinen Papieren auf, erleichtert darьber, daЯ Napier endlich mit seinen Ideen und Vorschlдgen nach Antigua unterwegs war; wenn Sheaffe in der Admiralitдt sie schlieЯlich zu lesen bekam, war er festgelegt. Ob richtig oder falsch, seine Entscheidung war getroffen. Und genau davor hatte er sich bisher gescheut. Nun war 170
er froh, sogar begierig, mit einer Freiheit zu handeln, die er sich bisher nicht gestattet hatte. »Rivers sagt, daЯ er sich nicht einmischen wird. Spдter sollen andere ьber sein Schicksal entscheiden.« Bolitho fielen die tiefen Falten in Keens Gesicht auf, und er fьgte mitfьhlend hinzu: »Ich weiЯ, daЯ Sie harte Tage hinter sich haben, Val.« Keen zuckte mit den Schultern. »Mr. Quantock, der Master, Mr. Grace, der Zimmermann ­ alle sind sich ausnahmsweise einig: Wenn dieses Schiff vor der grьndlichen Ьberholung in einer Werft in ein Gefecht verwickelt wird, muЯ es ernsthaften Schaden nehmen.« Bolitho nickte. »Das ist mir klar. AuЯerdem sind wir wegen unserer Verluste unterbemannt.« »Ohne eine Unterstьtzung durch andere Schiffe kцnnen wir uns kaum selbst verteidigen, Sir«, fuhr Keen fort. »Geschweige denn die ganze Insel.« »Ich habe einen energischen Lagebericht verfaЯt, Val.« Bolitho beugte sich aus einem Heckfenster und holte tief Atem. Aber die Luft war drauЯen genauso schal und heiЯ. Er wьnschte sich, auf See zu sein, selbst eine Flaute dort wдre ertrдglicher gewesen als dieses untдtige Warten. Einzig der Gedanke an Belindas Brief, den er am Ende jedes arbeitsreichen Tages las, munterte ihn etwas auf. Eine Tochter ­ er konnte sich einfach nicht vorstellen, wie sie aussehen mochte. Belinda hatte von ihrer Liebe geschrieben, von ihren Hoffnungen, aber er konnte auch zwischen den Zeilen lesen. Offenbar war es eine schwere Geburt gewesen. Um so besser, wenn sie immer noch glaubte, daЯ er in diplomatischer, nicht in gefдhrlicher Mission unterwegs war. Scheinbar zusammenhanglos fragte Keen: »Und was wird aus Mr. Tyrrell, Sir?« Bolitho biЯ sich auf die Lippen. Er hatte Tyrrell gleich nach dem Festmachen auf seine Brigantine geschickt, fast ohne ein Wort mit ihm zu wechseln. Ob er sich aus Trotz oder SchuldbewuЯtsein stumm verhielt, lieЯ sich noch nicht beurteilen. Er sagte: »Ich mцchte ihn so bald wie mцglich sprechen, Val.« Keens Ьberraschung amьsierte ihn. »Ich brauche seine Vivid, sie ist das einzige Schiff, das mir im Augenblick auЯer Achates zur Verfь- 171
gung steht. Und da ich sie ohnehin kaufen will, kann sie auch gleich unter unserer Flagge segeln.« »Wenn Sie das fьr klug halten, Sir?« »Klug? Kann ich im Augenblick noch nicht sagen. Fest steht nur, daЯ es mehrere Monate dauern wird, ehe mein Flaggschiff wieder voll einsatzfдhig ist. Mittlerweile droht uns ein Angriff der Spanier. Niemand kann von mir erwarten, daЯ ich diese Insel den Franzosen ьbergebe, ehe ich die Dinge hier ein fьr allemal bereinigt habe. Wenn es in letzter Minute zu einem Konflikt um San Felipe kдme, wьrden uns die Franzosen nur zu gern die Schuld daran geben und uns vorwerfen, wir hдtten einen Zwischenfall provoziert, damit wir ihnen ihr rechtmдЯiges Eigentum vorenthalten konnten.« Aber Bolitho konnte Keen am Gesicht ablesen, daЯ er ihn nicht ьberzeugt hatte. »Ich habe den Verdacht, Val, daЯ man mich hier bewuЯt mit einer unlцsbaren Aufgabe betraut hat. Aber wenn ich schon den Sьndenbock spielen muЯ, dann treffe ich die Entscheidungen nach eigenem Ermessen und lasse sie mir nicht von Leuten vorschreiben, die noch nie einen SchuЯ gehцrt oder einen Mann sterben gesehen haben.« Keen nickte. »Also gut, Sir, ich stehe zu Ihnen, was auch kommt. Aber das wissen Sie bereits.« Bolitho lieЯ sich auf der Heckbank nieder und zupfte an seinem klebrigen Hemd, um die schweiЯnasse Haut zu kьhlen. »Wenn Sie erst den Stabsrang erreicht haben, Val, werden Sie sich hoffentlich an all das erinnern. Es ist einfacher, in Gefechtslinie zu segeln und alle Kanonen auf sich gerichtet zu sehen, als sich durch den Pfuhl der Diplomatie zu wьhlen. Ich werde gleich mit Jethro Tyrrell sprechen, einem Mann, der alles verloren hat, obwohl er der Flagge, die er verehrte, frьher aufopfernd diente. Er war ein aufrichtiger Patriot, aber seine eigenen Landsleute haben ihn als Verrдter gebrandmarkt. Er ist verbittert wie ein verstoЯener Wolf. Doch ein Rest Ehrgefьhl ist ihm geblieben, denn im entscheidenden Augenblick hat er uns zum Feind gefьhrt. Aus seiner Sicht war das Wahnsinn. Denn Ehrenhaftigkeit kann ihn nicht fьr sein Opfer entschдdigen. Er hielt es ursprьnglich fьr klьger, uns gar nicht erst in ein Gefecht zu verwickeln, damit wir die Insel nach unserer vergeblichen Suche bei der Rьckkehr bereits in spanischem Besitz vorfinden wьrden; dann 172
hдtte ich, so rechnete er, weiter nichts tun kцnnen als den Fehlschlag nach London zu melden.« Keen schьttelte unglдubig den Kopf. »Und Sie wollen ihm weiterhin vertrauen?« »Wenn ich kann.« Bolitho blickte auf die im Hitzeglast schimmernde Reede hinaus, wo die Boote reglos ьber ihrem Spiegelbild lagen. »Rivers ist ein Schurke. Er wurde reich, indem er sich beim Abschaum der Karibik anbiederte. Sklavenhдndler, Glьcksritter, Piraten ­ mit allen machte er Geschдfte. Er hat auch Besitz in Sьdamerika, doch um voll davon profitieren zu kцnnen, brauchte er die Machtbefugnisse eines Gouverneurs. Ich habe Beweise dafьr im Fort gefunden, aber sie scheinen nur die Spitze eines Eisbergs zu sein. Ich verabscheue ihn wegen seiner Gier, doch ich brauche ihn, und sei es nur, damit er unserer Anwesenheit hier eine gewisse Glaubwьrdigkeit verleiht.« Keen schien den Hammerschlдgen drauЯen zu lauschen. Insgeheim hatte er von Anfang an seine Bedenken gehabt, weil hier ein leichter Zweidecker mit einer Mission betraut wurde, die ein ganzes Geschwader erfordert hдtte. Er verstand sein Land nicht mehr. Statt auf errungene Siege stolz zu sein, schien es sich am Boden zu winden, um alte Feinde nicht erneut gegen sich aufzubringen. Keen hдtte Rivers gehenkt ­ und mit ihm alle, die fьr den Tod seiner Matrosen und Soldaten verantwortlich waren. Und zur Hцlle mit den Konsequenzen! Bolitho hatte sich erhoben und spдhte jetzt, mit der Hand die blendende Sonne abschirmend, zum fernen Fort hinьber. Als er wieder sprach, klangen seine Worte unbewegt, aber sie fielen schwer in die Stille. »Wissen Sie, Val, den Vereinigten Staaten ist es meiner Ansicht nach wichtiger, ihre Beziehungen zu Sьdamerika, Spanien und Portugal zu verbessern. Rivers' Ersuchen um amerikanischen Schutz vor einer Rьckgabe an Frankreich stieЯ deshalb auf offene Ohren. Weiterhin glaube ich, daЯ Samuel Fane ­ und erst recht Jonathan Chase ­ sich keinerlei Illusionen ьber die Franzosen machen, sollte es wieder zum Krieg kommen in Europa.« Keen starrte seinen Vorgesetzten an, alle Mьdigkeit war vergessen. 173
»Sie wollen damit sagen, daЯ die Regierung der Vereinigten Staaten sich mit den Spaniern gegen uns verschworen hat?« »Nicht direkt. Aber wer die Hand in einen Fuchsbau steckt, muЯ damit rechnen, daЯ er gebissen wird. Die spanische Regierung wollte sich mit einer offenen Intervention nicht kompromittieren, deshalb bediente sie sich eines starken Freibeuters. Nachdem Sparowhawk vernichtet und die Kьstenschiffahrt bis zur Lдhmung eingeschьchtert war, stand nur noch Achates zwischen ihr und der Ьbernahme von San Felipe. Chase muЯ von der alten Beziehung zwischen Tyrrell und mir gewuЯt haben; genauso klar war ihm, daЯ Tyrrell ein Schiff verzweifelt nцtig hatte. Den Rest kцnnen wir uns denken. Aber sie haben nicht mit Tyrrells alter Loyalitдt mir gegenьber gerechnet.« Keen wirkte perplex. »Ganz wie Sie meinen, Sir. Trotzdem steht das als Beweis bei einer kьnftigen Untersuchung auf ganz schwachen Beinen. Zu schwach, um Ihren guten Ruf davon abhдngig zu machen.« »Da stimme ich Ihnen zu. Deshalb mьssen wir noch ein paar Bewe ise fabrizieren.« Seelenruhig sah Bolitho ihn an. »Und jetzt mцchte ich Tyrrell sprechen. Sagen Sie meinem Flaggleutnant, daЯ ich ihn brauche.« Als Tyrrell spдter in die Kajьte humpelte, wurden schon die Lampen angezьndet. Bolitho wandte sich seinem ehemaligen Offizier mit einer Mischung aus Trauer und Entschlossenheit zu. Tyrrell setzte sich auf den angebotenen Stuhl und verschrдnkte seine krдftigen Finger. »Na denn, Jethro.« Tyrrell lдchelte. »Na denn, Dick.« Bolitho saЯ auf der Tischkante und musterte ihn ernst. Dann sagte er: »Da wir uns in Gewдssern befinden, die zur Zeit noch britischer Oberhoheit unterstehe n, mache ich Gebrauch von meinem Recht, Ihr Schiff zu beschlagnahmen und es in den Dienst meiner Regierung zu stellen.« Tyrrell zuckte kurz zusammen, sagte aber nichts. Er war viel zu ausgekocht, um sich durch einen Schock aus der Reserve locken zu lassen. 174
»AuЯerdem unterstelle ich Vivid vorerst dem Befehl meines Neffen, der als mein Adjutant eine Depesche von mir nach Boston bringen wird.« Jetzt rьhrte sich Tyrrell und verriet zum erstenmal Anzeichen einer gewissen Unruhe. »Und ich?« stieЯ er heiser hervor. »Mich wollen Sie wohl von der GroЯrah baumeln lassen, wie?« Bolitho schob ein Dokument ьber den Tisch. »Hier ist der Kaufve rtrag fьr Vivid, der bei Ihrer Rьckkehr nach San Felipe in Kraft tritt. Sie sehen, ich halte mein Wort. Die Brigg wird Ihnen gehцren.« Obwohl es ihm schwerfiel, Tyrrells Nцte mitanzusehen, fuhr er fort: »Ich habe mit Sir Humphrey Rivers gesprochen. Um sich Schande zu ersparen und vielleicht sogar sein Leben zu retten, wird er mir alle Auskьnfte ьber den Spanier geben, die ich benцtige. Wenn er es sich anders ьberlegt, hat er die Wahl zwischen zwei Anklagen: wegen Hochverrats oder wegen Mordes. Aber fьr beide wьrde er hдngen.« Tyrrell starrte Bolitho an, dann rieb er sich das Kinn. »Chase wird sich niemals von der Vivid trennen.« »Ich glaube doch.« Aber Bolitho muЯte den Blick abwenden; Tyrrell konnte nur an eines denken: ein eigenes Schiff, seine letzte Chance. Nun erhob sich dieser und sah sich um wie ein Tier in der Falle. »Dann mache ich mich jetzt auf den Weg«, sagte er. »Ja.« Bolitho setzte sich an seinen Schreibtisch und begann in Papieren zu blдttern. »Ich bezweifle, daЯ wir uns noch einmal bege gnen.« Wie ein Blinder wandte Tyrrell sich zur Tьr. Aber Bolitho sprang auf, unfдhig, dieses grausame Spiel bis zum ДuЯersten zu treiben. »Jethro!« Mit ausgestreckter Hand kam er hinter dem Tisch hervor. »Sie haben mir doch einmal das Leben gerettet.« Tyrrell musterte ihn forschend. »Und Sie meines, mehr als einmal.« »Ich mцchte Ihnen wenigstens Glьck wьnschen. Hoffentlich finden Sie, was Sie suchen ­ was das auch sein mag.« Tyrrell erwiderte den Hдndedruck und sagte rauh: »So einen wie Sie gibt's nicht noch einmal, Dick.« Jetzt lag Bewegung in seiner Stimme. »Ich habe die alten Zeiten wieder durchlebt, als ich Ihren Neffen plцtzlich vor mir sah. Schon damals schwante mir, daЯ ich weich 175
werden wьrde, obwohl diese Insel es bei Gott nicht wert ist, daЯ man dafьr stirbt. Aber ich kenne Sie, Dick, und Ihre WertmaЯstдbe. Sie werden sich nie дndern.« Ein breites Grinsen ging ьber sein Gesicht und machte ihn fьr Augenblicke wieder zu dem Mann, der er einst gewesen war: Offizier an Bord der kleinen Korvette in eben diesen Gewдssern. Dann humpelte er davon, und Bolitho hцrte den Midshipman der Wache das Boot fьr ihn lдngsseits rufen. Bolitho lehnte sich an die Bordwand und sah auf seine Hдnde nieder; er hatte ein Gefьhl darin, als zitterten sie. Allday trat aus der Tьr zur Schlafkajьte, als hдtte er die ganze Zeit dahinter gelauert, um einen Ьberfall auf Bolitho abzuwehren. »Das ist mir schwergefallen, Allday.« Bolitho lauschte immer noch dem dumpfen Klopfen des Holzbeins nach. »Und ich fьrchte, es wird noch schwerer fьr den Jungen, fьr Adam.« Allday verstand kein Wort. Der Mann namens Tyrrell war ein alter Freund des Admirals, jedenfalls wurde das behauptet. Trotzdem schien er eher eine Drohung zu verkцrpern, und deshalb war er heilfroh, ihn los zu sein. Doch Bolitho sprach schon weiter. »Ich habe mich verдndert, seit ich weiЯ, daЯ ich eine Tochter habe.« Allday atmete auf; die trьbe Stimmung war verflogen. »Eins ist mal sicher, Sir: Sie bringt endlich Abwechslung in die Familie. Zwei Bolithos auf hoher See sind fьr uns mehr als genug, das steht fest.« Einen Augenblick fьrchtete Allday, jetzt doch zu weit gegangen zu sein, aber Bolitho antwortete mit einem Lдcheln: »Also, dann brechen wir doch einer Flasche den Hals und trinken auf die Gesundheit der jungen Dame, einverstanden?« Oben an Deck hцrte Adam Alldays rauhes Lachen aus dem Skylight schallen und umfaЯte die Reling in plцtzlicher Erregung. Beim Blick ьber die allmдhlich dunkler werdende Reede konnte er Vivids Ankerlicht erkennen und den schwachen Schimmer einer Laterne hinter den Kajьtfenstern. Bald ­ und viel frьher, als er zu hoffen gewagt hatte ­ wьrde er also Robina wieder in die Arme schlieЯen kцnnen. Er spьrte ihre Lippen, als hдtte sie ihn eben erst gekьЯt, und roch ihr Parfьm, als stehe sie neben ihm. 176
Wie froh war er, daЯ Bolitho sich doch noch entschlossen hatte, seinem alten Freund zu vertrauen! Es wьrde interessant werden, wieder seinen Geschichten aus alten Zeiten zu lauschen, sobald sie erst Segel gesetzt und San Felipe hinter sich gelassen hatten. Der Erste Offizier ging seine Abendronde und gewahrte Adams Silhouette vor dem dдmmrigen Himmel. Da ballte Quantock die Fдuste. Es war aber auch zu unfair! Ihm hдtte man die Brigg geben mьssen, ganz gleich fьr wie kurze Zeit. Zur Hцlle mit ihnen allen! Wenn Achates in ihrem jetzigen Zustand nach England zurьckkehrte, wurde sie bestimmt auЯer Dienst gestellt wie die meisten anderen Schiffe der Flotte. Quantock wuЯte, daЯ er dann wie ein Fisch auf dem Trockenen landen wьrde, nur einer von den vielen ьberzдhligen Marineoffizieren, fьr die nirgends ein Posten frei war. Er fluchte in den dдmmerigen Abend. Verdammter Frieden! Krieg brachte zwar Gefahren, zugleich aber viele Chancen auf Befцrderung und Auszeichnung. Chancen, wie sie die Bolithos dieser Welt immer hatten und haben wьrden. Er lieЯ den Blick ьber das leere Deck wandern. Aber die Reihe wьrde auch an ihn kommen. Trдge schwojte Achates in ihrer Ankertrosse und wartete wie die Verwundeten im Schiffslazarett darauf, daЯ die Spuren des Gefechts verheilten. Die Messe im Zwischendeck war ьberfьllt. Zwischen den mдchtigen Kanonen saЯen die Matrosen und Soldaten im Schein der Цllampen, klцnten oder widmeten sich ihrem sorgsam gehьteten Rumvorrat. Hier und da schnitzten schwielige Finger ьberraschend feinfьhlig an einem kleinen, detailgetreuen Modell oder an einer Muschelschale herum. Ein Matrose, der schreibkundig war, hockte dicht unter einer Lampe, wдhrend daneben ein Kamerad ihm mьhsam einen Brief an seine Frau in England diktierte. Im Quartier der Seesoldaten sдuberte man die Waffen oder dachte an das letzte Gefecht, vielleicht auch an das bevorstehende; denn obwohl niemand davon sprach, wuЯten alle, daЯ es nicht zu vermeiden war. Unten im Orlopdeck war die Luft zum Schneiden dick. Der Schiffs- 177
arzt James Tuson wischte sich die Hдnde und sah zu, wie abermals einem Schwerverwundeten die Decke ьbers Gesicht gezogen wurde; die Arztgehilfen hoben ihn an und trugen ihn hinaus. Besser fьr ihn, daЯ er tot war, dachte Tuson. Bei einer doppelten Beinamputation... Er lieЯ den Blick durch sein kleines Lazarett schweifen, diese Stдtte des Elends. Warum? fragte er sich. Wozu das alles? Die Matrosen fochten nicht fьr Kцnig und Land, wie die Landratten immer so gern glaubten. Der Chirurg fuhr jetzt schon zwanzig Jahre zur See und wuЯte es besser. Sie kдmpften fьr ihre Kameraden, fьr ihr Schiff und manchmal fьr ihren Anfьhrer. Ihm fiel Bolitho ein, den er mit erschьttertem Gesicht an Deck hatte stehen sehen, als ihn die Mannschaft hochleben lieЯ, obwohl er sie in den Tod schickte. Ja, auch fьr ihn wьrden sie kдmpfen. Er duckte sich unter den schweren Decksbalken und wollte weitergehen, da spьrte er, daЯ jemand sein Bein packte. Tuson bьckte sich. »Was ist denn, Cummings?« Ein Gehilfe leuchtete ihm mit der Laterne, so daЯ er den Verwundeten besser sehen konnte. Ein Eisensplitter hatte ihn in die Brust getroffen ­ ein Wunder, daЯ er noch lebte. Der Mann namens Cummings flьsterte: »Danke, daЯ Sie sich um mich gekьmmert haben, Sir«. Dann verlor er das BewuЯtsein. Tusons Gefьhle waren abgestumpft, dazu hatte er schon zu viele Mдnner sterben gesehen oder zu Krьppeln werden; aber die simplen Dankesworte des Matrosen durchbrachen seinen Schutzpanzer und schьttelten ihn wie Fдuste. Bei der Arbeit am Operationstisch war er zu beschдftigt, als daЯ er an das Kanonenfeuer oder Kampfgetьmmel oben auch nur einen Gedanken verschwenden konnte. Der Strom der Verwundeten, die ihm ins Orlopdeck gebracht wurden, schien niemals ein Ende zu haben. Kaum daЯ er den Blick zu den blutigen Schьrzen seiner schweiЯgebadeten Gehilfen hob. Kein Wunder, daЯ man seine Zunft mit Metzgern verglich. Hier ein Bein ab, dort ein Arm, wдhrend der nackte Kцrper mit roher Gewalt auf dem Tisch festgehalten wurde, damit er sдgen und hacken konnte, taub fьr das Gebrьll der Gemarterten. Aber hinterher, in solchen Augenblicken wie jetzt, setzte auch bei ihm die Reaktion ein. Dann fьhlte er sich beschдmt darьber, daЯ er so wenig fьr sie tun konnte; daЯ sie ihm auch noch dankbar waren. 178
Der Arztgehilfe lieЯ die Laterne sinken und wartete geduldig. Tuson setzte seinen Rundgang fort und verdrдngte das verfьhrerische Bild der Schnapsflasche aus seinen Gedanken. Wenn er dieser Versuchung erlag, war er verloren. Vor ihr hatte er sich ursprьnglich auf See geflьchtet. Irgendwo aus dem Halbdunkel kam ein schriller Aufschrei. »Wer war das?« »Larsen, Sir, der groЯe Schwede.« . Tuson nickte. Er hatte dem Mann einen Arm amputiert. Der Schrei lieЯ eine Wendung zum Schlechteren vermuten. Vielleicht Wundbrand. In diesem Falle. »Hebt ihn auf den Tisch«, befahl er knapp. Tuson war wieder ruhig und Herr der Lage. Er wartete, bis die Gestalt auf dem Operationstisch ausgestreckt dalag. Also ein Schwede. Aber was zдhlte schon die Nationalitдt eines Matrosen? »Na denn, Larsen...« Bolitho stand neben Keen an Deck, als Vivid von ihrer Muring loswarf und langsam auf die Hafenausfahrt zukreuzte. Er hob ein Teleskop und suchte das kleine Schiff vom Bug bis zum Heck ab, bis er Adam neben Tyrrells vierschrцtiger Gestalt am Ruder stehen sah; er wirkte sehr schneidig in seiner Uniform. Was ihn in Boston erwartete, wьrde ihm wehtun, aber nicht das Herz brechen. Bolitho wuЯte jetzt, daЯ er sich nicht einmischen durfte; er muЯte riskieren, daЯ Adam sich gegen ihn wandte. Keen schien seine Gedanken zu erraten. »Vielleicht trifft er die Kleine gar nicht, Sir«, sagte er trцstend. Bolitho lieЯ das Glas sinken und die Brigantine damit wieder zu einem fernen kleinen Spielzeugschiff werden. »Er wird schon dafьr sorgen. Ich weiЯ genau, wie ihm zumute ist. Sehr genau.« Vivid glitt hinter dem Vorland auЯer Sicht, nur ihr Toppsegel war noch zu erkennen. Dann, als sie auf den anderen Bug ging, ve rschwand auch dieses. Keen hegte Bolitho gegenьber groЯen Respekt, aber er konnte einfach nicht verstehen, warum er gutes Geld verschwenden wollte, nur um Tyrrell zu dem Schiff zu verhelfen. Der sollte sich glьcklich 179
schдtzen, daЯ er dem Strick entronnen war. Aber dann gewahrte er Bolithos traurigen Gesichtsausdruck und begriff, daЯ kein Dritter jemals die besondere Beziehung zwischen diesen beiden Mдnnern durchschauen wьrde. Bolitho wandte der See den Rьcken. »Und wir mьssen jetzt an die Verteidigung dieser Insel gehen, Val.« Er ballte die Faust. »Wenn ich doch nur ein paar Schiffe mehr hдtte! Dann kцnnte ich auslaufen und sie mit geladenen Kanonen erwarten.« Keen schwieg. Bolitho rechnete also fest mit einem Ьberfall. Der Friede von Amiens hatte hier drauЯen ja auch keinerlei Bedeutung, schon gar nicht fьr die Spanier. Nachdenklich starrte er zur glitzernden Kimm hinaus und ьberlegte, welch gefдhrliches Spiel Rivers getrieben hatte, als er Amerikaner und Spanier gegen England aufgestachelt hatte. Gefдhrlich vor allem fьr Achates, die nun dafьr bezahlen muЯte. Aufmunternd schlug ihm Bolitho auf die Schulter. »Warum denn so grimmig, Val? Wir wollen doch dem Unvermeidlichen ins Gesicht sehen.« Er schien so guter Laune zu sein, daЯ Keen seine Depression sofort abschьttelte. »Womit mцchten Sie beginnen, Sir?« fragte er. Stimmungen waren ansteckend, das hatte Keen schon oft erlebt. Auch damals, als er in dem Gefecht beinahe ums Leben gekommen wдre, hatte man von einer Friedenszeit gesprochen. »Wir beschaffen uns Pferde und besichtigen erst einmal die ganze Insel. Dabei vergleichen wir jede Landmarke mit Mr. Knockers Karte oder anderem Kartenmaterial, das wir hier auftreiben kцnnen.« Bolitho deutete auf den Dunst, hinter dem sich der Gipfel des Vulkans verbarg. »Diese Insel ist ein fetter Brocken, Val. Und die hungrige Meute schlieЯt schon den Kreis um uns.« Die Besorgnis seines Flaggkapitдns war Bolitho nicht entgangen. Wenn schon Keen davor zurьckschreckte, um San Felipe einen Krieg ohne Kriegserklдrung zu fьhren, dann muЯte es seiner Besatzung noch mehr widerstreben. Den Ritt um die Insel brauchte Bolitho im Grunde nicht, er hatte die Stдrken und Schwдchen fьr eine Verteidigung von der Karte her im Kopf. Aber es war notwendig, daЯ er Keen und den anderen seinen 180
Widerstandswillen demonstrierte. Und seine Entschlossenheit, die Insel zu halten, bis sich eine gьnstigere Wendung ergab. Seine Schenkelwunde juckte bei dem feuchtwarmen Wetter, und es verlangte ihn danach, sie zu reiben. Warum bedrьckte ihn die Aussicht auf eine Belagerung oder einen offenen Angriff? Sorgte er sich Belindas wegen oder weil der Ausgang der Schlacht ungewiЯ war? Plцtzlich sah er sich wieder in Sir Hayward Sheaffes stillem Dienstzimmer in London. Hier, zu FьЯen der Festung und des erloschenen Vulkans, war es fьr ihn wie die Erinnerung an eine andere Welt. Trotzdem klangen ihm Sheaffes klare Worte immer noch in den Ohren: »Ihre Lordschaften benцtigen fьr diese Aufgabe einen ebenso taktvollen wie tapferen Mann.« Und dann dachte Bolitho an des kleinen Evans' Gesicht, als der namenlose Zweidecker in Flammen aufgegangen war; an den Schrecken und das Entsetzen in den toten Zьgen des Trommlerbuben. Und er dachte an Duncan und die vielen anderen, die er gar nicht gekannt hatte. Taktvoll konnte er spдter immer noch sein. XIII Ein Feiertag Adam Bolitho stand in Jonathan Chases Bibliothek am Fenster und starrte hinaus auf die endlos heranrollenden, gischtgekrцnten Brecher der Massachusetts Bay. Erst vor einer Stunde war er in Vivids Beiboot gelandet und von Chases erstauntem Agenten in Empfang genommen worden. Wie er bald merkte, hatte Vivids Rьckkehr unter britischer Flagge in ganz Boston Aufsehen erregt. Adam kam es vor, als trдume er. Chase hatte ihn begrьЯt, wirkte aber zurьckhaltend und nahm den dicken Umschlag nur zцgernd an, den Adam ihm von seinem Onkel ьberbrachte. Er schauderte in der kьhlen Herbstluft Neuenglands und dachte seltsam schuldbewuЯt an das warme San Felipe. Schlimm, daЯ ihm alles so unwirklich schien. Aber da stand er nun, und Chase hatte sich entschuldigt, um Bolithos Brief zu lesen; vorher hatte er noch wie beilдu- 181
fig erwдhnt, daЯ Robina sich mit ihrer Mutter in Boston aufhielt und vielleicht bald vorbeikommen wьrde. Adam wandte sich um und lieЯ den Blick ьber die Gemдlde und nautischen Antiquitдten des geschmackvollen Zimmers schweifen. Es war der richtige Rahmen fьr einen Mann wie Chase, den ehemaligen Seemann ­ und ehemaligen Feind ­, der jetzt ganz hier verwurzelt war. Ihre Zehn-Tages-Reise von San Felipe nach Boston war ganz anders verlaufen als die Hinfahrt, auf der er sich die Zeit im Gesprдch mit Jethro Tyrrell so angenehm vertrieben hatte. Diesmal hatte er trotz der Enge an Bord kaum ein Wort mit Tyrrell wechseln kцnnen, hцchstens ьber das Wetter und ihre Navigation. Warum hatte sein Onkel angeboten, Vivid fьr Tyrrell zu erwerben, und weshalb sollte Chase sie verkaufen wollen? All das konnte er sich nicht erklдren. Aber es scherte ihn auch wenig ­ jetzt, da er wieder in Boston war und Robina wiedersehen wьrde. »Tut mir leid, daЯ ich Sie warten lieЯ.« Chase war ein krдftig gebauter Mann, aber dennoch lautlos wie eine Katze wieder ins Zimmer gekommen. Nun nahm er bedachtsam Platz und begann: »Ich habe den Brief Ihres Onkels gelesen und veranlaЯt, daЯ der zweite Brief, den er beigelegt hatte, sofort zu Sam Fane in die Hauptstadt gebracht wird.« Nachdenklich musterte er den Leutnant. »Mich wundert nur, daЯ er Sie damit gesandt hat.« Adam hob die Schultern; darьber hatte er sich noch keine Gedanken gemacht. »Hm. Ihr Onkel versichert mir, daЯ er Politik verabscheut, dennoch scheint er sich ausgezeichnet darauf zu verstehen.« Ohne dies nдher zu erlдutern, fuhr Chase fort: »Wie Sie beim Einlaufen zweifellos bemerkten, haben die franzцsischen Kriegsschiffe Boston verlassen. Gerьchte verbreiten sich eben mit Windeseile. Der franzцsische Admiral schien jedenfalls nicht auf einer schnellen Rьckgabe San Felipes durch die Briten zu bestehen, solange die Lage dort unten noch unklar ist.« »Aber Frankreich und Spanien waren doch schon oft verbьndet, Sir.« Zum ersten Mal lдchelte Chase. »Frankreich wьrde Spanien gewiЯ 182
als Bundesgenossen brauchen, wenn es wieder zum Krieg mit England kдme. Falls es also ьber San Felipe wirklich einen Konflikt geben sollte, dann mцchten die Franzosen keineswegs als die Schuldigen dastehen. Es kдme ihnen sehr zupaЯ, wenn die britischen Schiffe sich diskret zurьckziehen wьrden, nachdem sie alle Ansprьche Spaniens auf San Felipe tapfer zurьckgewiesen haben. Dann ­ und erst dann ­ wird fьr den franzцsischen Admiral der rechte Zeitpunkt sein, die Insel zu ьbernehmen und einen Gouverneur einzusetzen.« Adam erwiderte: »Es scheint mir verwerflich, so mit Menschenleben zu spielen.« Chase nickte. »Da mцgen Sie recht haben, aber San Felipe ist ein hoher Einsatz. Im Krieg wie im Frieden beherrscht es einen wichtigen Schiffahrtsweg. Meine Regierung wьrde es lieber im Besitz eines befreundeten Landes sehen, am liebsten unter unserem eigenen Schutz. Und genau das hatte Sir Humphrey Rivers vorgeschlagen. Aber da Sie Vizeadmiral Bolithos Adjutant sind, wissen Sie das alles zweifellos. Ich merke, daЯ Sie diese Zusammenhдnge genauso schnell durchschauen wie Ihr Onkel, also muЯ Ihnen auch klar sein, daЯ es Rivers trotz seiner Loyalitдtsbezeugungen fьr Kцnig Georg vor allem um seinen eigenen Vorteil geht. Er brachte eine gefдhrliche Karte ins Spiel, als er das Schicksal der Insel mit Spanien erцrterte oder ­ um genau zu sein ­ mit dem spanischen Befehlshaber in La Guaira. Geteilte Geheimnisse sind keine Geheimnisse mehr.« Chase seufzte tief auf. »AuЯerdem lдЯt sich ein Tiger nicht aufs Teilen ein.« Chase war sich jetzt Adams voller Aufmerksamkeit sicher. Er fuhr fort: »Ich kann offen mit Ihnen sprechen, weil keiner von uns beiden auf diese Affдre entscheidenden EinfluЯ hat. Das spanische Interesse blieb mir nur deshalb nicht ve rborgen, weil ich sowohl mit dem Befehlshaber in La Guaira wie auch mit seinem Nachbarn in Caracas Geschдftsbeziehungen unterhalte. Beide waren schon immer der Ansicht, daЯ ihre Regierung den AnschluЯ an die rapide Ausweitung ihres Imperiums in Sьdamerika verloren hat. Woche fьr Woche bringen die Sklavenschiffe mehr Arbeiter fьr die Bergwerke und Plantagen; unterwegs begegnen sie wahrscheinlich den bis ans Schanzkleid mit Gold beladenen Galeonen, die auf dem Weg nach Spanien sind. In der Vergangenheit hat San Felipe ihre Bewegungsfreiheit eingeschrдnkt. Dem wollen sie in Zukunft einen Riegel vorschieben.« 183
Adam sah im Geiste plцtzlich Achates im Hafen von San Felipe vor sich, halb abgetakelt fьr Reparaturen, die Mannschaft ьberfordert mit Arbeiten, die das Ge schick erfahrener Werfthandwerker verlangt hдtten. »Dieser Zweidecker...« rief er aus. Chase lдchelte grimmig. »Den Sie versenkt haben? O ja, Leutnant, darьber haben mir meine Informanten alles berichtet. Das war die Intrepido, frisch ьberholt in Cadiz und stark genug bewaffnet, um es mit jedem Narren aufzunehmen, der ihr in die Quere kommen wollte. Ein Freibeuter, ein gekaufter Abenteurer ­ nennen Sie ihn, wie Sie wollen. Aber ihr Kommandant hatte Anweisung, jeden Widerstand zu brechen und die Insel in Besitz zu nehmen. Spдter sollte ein beamteter Gouverneur installiert und die spanische Flagge gehiЯt werden, wobei weder von den Briten noch von den Franzosen nennenswerte Gege nmaЯnahmen erwartet wurden. Ihrer Regierung wдre es peinlich gewesen, wegen dieser aussichtslosen Sache noch mehr Zeit und Menschenleben zu opfern, und auch die Franzosen wьrden sich nicht dagegen sperren, weil sie sich damit Spanien fьr kьnftige Zwecke zum Schuldner machen konnten.« Er lehnte sich bequem in seinem Stuhl zurьck und schloЯ: »Erklдrt das nicht alles?« Adam nickte verwirrt; doch die scheinbare Stichhaltigkeit dieser grausam simplen Ьberlegungen ekelte ihn an. Chase fuhr fort: »Aber nichts ist so einfach, wie es scheint. Die Spanier dachten schnell, raffiniert und skrupellos, doch sie machten die Rechnung ohne Ihren dickkцpfigen Onkel. Trotzdem ist er zu bedauern. Er steht als einziger zwischen den Spaniern und ihrer Gier nach San Felipe. Wie ich annehme, war all dies schon in England bekannt, bevor man ihn ausschickte. Es ist nicht als Beleidigung gedacht, wenn ich sage, daЯ die Briten bei ihren Verhandlungen ziemlich hinterhдltig vorgehen kцnnen. Fьr manche Leute zдhlt Selbstac htung eben nicht, wenn es um Dinge geht, die sich auf der anderen Seite der Welt abspielen. Habe ich recht?« »Ich kann es nicht glauben, Sir. Mein Onkel wird ihnen die Stirn bieten.« Chase wirkte plцtzlich besorgt. »GewiЯ, davon bin ich ьberzeugt. Aber was kann er erreichen, wenn die Bevцlkerung der Insel nicht hinter ihm steht? Auf verlorenem Posten kдmpfen?« 184
Adam ballte die Fдuste so fest, daЯ sich die Nдgel schmerzhaft in sein Fleisch gruben. »Genau das!« Chase wandte den Blick ab, als kцnne er Adams Verzweiflung nicht mitansehen. »Dann helfe ihm Gott.« In diesem Augenblick schwang die Tьr auf, und Adam hцrte Robinas aufgeregte Stimme fragen: »Wo hast du ihn versteckt, Onkel? Und was soll das ganze Gerede ьber einen Verkauf der Vivid? Sie ist doch eines deiner Lieblingsschiffe!« Sie fuhr herum, erkannte Adam neben dem Fenster und schrie in freudiger Ьberraschung leise auf. »Da bist du ja!« Sie lief auf ihn zu und kьЯte ihn leicht auf die Wange. »Jetzt wird alles gut!« Adam wagte nicht, sie zu berьhren oder zu umarmen, denn er sah ьber ihrer Schulter Chases umwцlkte Miene. Ernst sagte ihr Onkel: »Vivid war schon immer etwas zu klein fьr meine Zwecke. Tyrrell hat sie mehr als verdient.« Er lieЯ Adam nicht aus den Augen und versдumte es, den von Bolitho entrichteten Kaufpreis zu erwдhnen. Langsam schritt er zur Tьr, den Blick immer noch auf das junge Paar am Fenster gerichtet. Er sah keine Mцglichkeit, es ihnen schonend beizubringen; deshalb war sein Ton fast grob, als er fortfuhr: »Vivid muЯ noch vor Anbruch der Nacht den Anker lichten. Unser Leutnant hier hat seinem Onkel wichtige Nachrichten zu ьberbringen. Ist's nicht so?« Langsam nickte Adam; er verabscheute Chase und bewunderte ihn doch. Wie lange sie so dastanden, konnte er spдter nicht sagen. Er preЯte Robina an sich, murmelte Unverstдndliches in ihr Haar, wдhrend sie seine Schultern umklammert hielt, als wehre sie sich mit Gewalt gegen das Unbegreifliche. SchlieЯlich lehnte sie sich in seinen Armen zurьck und starrte zu ihm auf. »Warum?« fragte sie. »Was ist daran denn so wichtig? Wir sind endlich wieder zusammen, mehr wollten wir doch nicht. Also warum muЯt du schon wieder fort?« Adam wischte eine blonde Haarstrдhne aus ihren Augen und sah seine Hoffnung, sein Glьck, verrinnen wie Sand im Stundenglas. »Ich muЯ zurьck nach San Felipe, Robina«, sagte er. »Dein Onkel kennt den Grund. Er kann es dir besser erklдren als ich.« 185
In ihren Augen blitzte plцtzlich Zorn auf. »Was geht das alles dich an? Du bist doch bloЯ Leutnant, weshalb sollte er dich mit hineinziehen?« Sie versuchte, sich ihm zu entwinden, aber Adam hielt sie fest. »Es hat schwere Kдmpfe gegeben. Mein Schiff hat den Gegner ve rsenkt, wurde dabei aber selbst stark beschдdigt.« Er spьrte, wie alle Kraft sie verlieЯ, als sie die Bedeutung seiner Worte erfaЯte. »Mein Onkel hat herausgefunden, welche Gefahr der Insel drohte und wer sie heraufbeschwor. Er hat mich mit Depeschen zu deinem Onkel nach Boston gesandt, damit diese Informationen umgehend an euren Prдsidenten weitergeleitet werden.« Ihre Augen hingen an seinem Gesicht. »Aber weshalb wird mein Onkel da mit hineingezogen, meine Familie?« Resigniert hob Adam die Schultern. »Weil er schon damit befaЯt war. Er kannte seit langem die Absichten Spaniens, das hat er gerade indirekt zugegeben. San Felipe unter franzцsischer oder britischer Flagge zu wissen, wьrde deinem Land offenbar wenig behagen. Aber da mein Onkel all diese widerstreitenden Interessen jetzt ans Licht gebracht hat, wird sich keine der Parteien in seinen Konflikt mit den Spaniern einmischen.« Adam konnte seine Verbitterung nicht unterdrьcken. »Also steht mein Onkel ganz allein da, wenn er seine Pflicht tut.« Sie machte einen Schritt von ihm weg und sagte, ohne ihn anzusehen: »Dann planst du also nicht mehr, dir hier bei uns ein neues Leben aufzubauen?« »Aber so ist es doch nicht! Ich liebe dich von ganzem Herzen.« »Und trotzdem schlдgst du mir das ab?« Adam trat auf sie zu, doch sie wich zwei Schritte vor ihm zurьck. »Es ist meine Pflicht...« Da hob sie den Blick zu ihm, in ihren Augen funkelten Trдnen. »Pflicht! Was kьmmert mich das! Wir sind beide jung, so jung wie dieses Land, weshalb willst du uns also unglьcklich machen ­ fьr etwas ganz Sinnloses?« Adam hцrte Schritte im Korridor, die schweren von Chase und die leichteren einer Frau: Robinas Mutter. Als die beiden durch die Tьr traten, war Chases Gesicht streng und verschlossen, das der Frau bleich vor Sorge. Ohne Umschweife fragte Chase: »Also, haben Sie's ihr gesagt?« 186
Adam begegnete seinem Blick offen. »Das meiste, Sir.« »Aha.« Chase schien erleichtert zu sein. »Ihr Mr. Tyrrell hat es eilig mit dem Auslaufen. Der Wind krimpt...« Er lieЯ den Satz unvollendet. »Ja, gleich.« Adam wandte sich noch einmal dem Mдdchen zu, die beiden anderen Menschen im Raum sofort vergessend. »Jedes Wort eben war mein voller Ernst, Robina. Eines Tages komme ich zurьck, und dann...« Sie blickte zu Boden. »Dann wird es zu spдt sein.« Chase nahm Adams Arm und bugsierte ihn durch die geschmackvoll getдfelte Halle. Ein schwarzer Lakai цffnete die Haustьr, und Adam sah vor sich den kalten blauen Streifen der See und den Himmel darьber, der ihn zu verspotten schien. Leise sagte Chase: »Bitte, glauben Sie mir, daЯ ich das sehr bedaure. Aber es ist besser so, das werden Sie eines Tages begreifen.« Geistesabwesend schritt Adam die Treppe hinunter und sah Tyrrell schon am Tor warten. Dieser studierte aufmerksam das Gesicht des Nдherkommenden und fiel dann mit seinem Holzstumpf neben ihm in Schritt. »Also haben Sie sich entschieden?« »Man hat fьr mich entschieden.« Adam sah kaum, wohin er den FuЯ setzte, so beschдftigt war er mit seinem Schmerz, seiner Verzweiflung, »Da wдre ich mir nicht so sicher, Leutnant.« Tyrrell warf ihm einen Seitenblick zu. »Aber ich weiЯ, wie Ihnen zumute ist.« Adam wurde zornig. »Woher plцtzlich dieses Mitgefьhl? Auf dem Weg hierher haben Sie doch kaum das Wort an mich gerichtet!« Tyrrell grinste. »Da wuЯte ich noch nicht, woran ich mit Ihnen war. Sie hдtten sich ja auch hier ins warme Nest setzen kцnnen.« Als die verankerte Brigantine vor ihnen auftauchte, beschleunigte er den Schritt. »Aber Ihre Treue war nicht kдuflich, Leutnant. Da ging's Ihnen nicht anders als mir.« Nebeneinander warteten sie an der Pier auf das Boot, das sie zur Vivid ьbersetzen sollte. Dabei glitt Tyrrells Blick immer wieder von Adam zu seinem neuen Schiff hinьber. Er kannte sich aus mit gebrochenen Herzen, hatte das selbst mehr als einmal erlebt. Aber ein eigenes Schiff war etwas ganz anderes. 187
Mit rauher Freundlichkeit schlug er dem Leutnant auf die Schulter. »Also los, junger Freund, ausnahmsweise stehen Wind und Tide endlich einmal gьnstig fьr uns.« Adam zцgerte noch; er blickte sich um, aber das Haus war schon von anderen Gebдuden verdeckt. Ihm kam wieder in den Sinn, was er Robina erst vor wenigen Minuten gesagt hatte: »Ich liebe dich von ganzem Herzen.« DaЯ er die Worte laut ausgesprochen hatte, wurde ihm erst klar, als er Tyrrells mitfьhlende Stimme sagen hцrte: »Das geht vorbei. Nur seine Trдume vergiЯt man nie.« Bolitho nahm die letzten Steinstufen zur Brustwehr des Forts im Eilschritt und bemerkte mit Genugtuung, daЯ er nicht auЯer Atem gekommen war. An Land bekam man doch mehr kцrperliche Bewegung als an Bord. Es war noch frьh am Morgen und angenehm kьhl nach der schweren nдchtlichen Regenbц. Typisches Wetter fьr die Inseln dieser Gegend, dachte er. Regengьsse bei Nacht, und eine Stunde nach Sonnenaufgang schon so starke Hitze, daЯ alles wieder knochentrocken wurde. Leutnant George Lemoine, der den Trupp des 60. Infanterieregiments befehligte, griff grьЯend zum Hut. »Ich hцrte, daЯ Sie schon frьh auf den Beinen sind, Sir«, lдchelte er. Bolitho beugte sich ьber die Brьstung und blickte auf das schimmernde Wasser des Hafens hinunter. Ein groЯer Teil lag noch im Schatten, aber bald muЯte die Sonne ьber den Vulkangipfel steigen; dann wьrden die Schiffe wie die Stadt dahinter im Hitzeglast ve rschwimmen. Er sah Achates' schwarzen Rumpf mit den hellbraunen Streifen der Batteriedecks und fragte sich, ob Keen immer noch ьber den endlosen Vorratslisten grьbelte. Ihr Frischproviant wurde allmдhlich knapp; und Trinkwasser muЯte FaЯ fьr FaЯ von den Seeleuten an Bord geschafft werden. Die Inselbewohner rьhrten immer noch keinen Finger fьr die Briten, sondern beriefen sich auf ihre Armut, wenn Frьchte oder Obstsдfte fьr die Besatzung besorgt werden sollten. Bolitho hatte sein Bestes getan, um mit der Bevцlkerung in Kontakt zu kommen. Das Ausweglose ihrer Situation war ihm durchaus klar. 188
Die Pflanzer und Hдndler verьbelten ihm, daЯ ihre Schiffe weder ausnoch einlaufen konnten und daЯ Frachtsegler, die Waren nach San Felipe brachten, durchsucht werden muЯten, ehe man sie auf Reede ankern lieЯ. Selbst eine vollbesetzte Garnison und mehrere Kriegsschiffe wдren pausenlos beschдftigt gewesen mit dieser Aufgabe, die Lemaines Soldaten und die Marineinfanteristen jetzt ganz allein bewдltigen muЯten. Bolitho holte tief Atem. Unten lag seine Barkasse an der Pier des Forts, wo er vor drei Monaten Rivers zum erstenmal gegenьbergetreten war. Nun schrieben sie Ende September, und Adam wurde stьndlich zurьckerwartet. In Vivid. Hatte er sie Tyrrell zur Belohnung oder als Bestechung geschenkt? Ganz klar war er sich immer noch nicht ьber seine Motive. Und Bolitho dachte auch an Falmouth: herbstliches Laub in roten und braunen Farbtцnen, abends dann der Duft der Holzfeuer; tьchtig und zuversichtlich gingen die Leute ihrem Tagwerk nach, denn Schiffe wie Achates sicherten ihnen den Frieden. Von Belinda war kein weiterer Brief gekommen, aber schlieЯlich hatten ihn von nirgendwo neue Nachrichten erreicht. Die Insel schien vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein, auch wenn die Ausguckposten gelegentlich fern am Horizont die Toppsegel unidentifizierter Kriegsschiffe gemeldet hatten. Vielleicht war alles lдngst vorbei? Das unvermutete Aufspьren des versteckten Zweideckers und seine Versenkung konnten die Angriffsgelьste der Spanier erstickt haben. Aber die UngewiЯheit kostete Bolitho Nerven und Schlaf. Er hatte sich angewцhnt, in der Morgenkьhle ьber die Insel zu reiten oder dem Fort einen Besuch abzustatten, und sei es nur, um der Besatzung zu zeigen, daЯ sie nicht vergessen war. Manchmal fragte er sich, ob die Kunde von den Ereignissen um San Felipe schon bis in die StraЯen Londons oder aufs Land gedrungen war. Wьrde Belinda dann begreifen, was hier wirklich vorging? Bestimmt gab es genug Neider, die sein Vorgehen nur als Bemьhen interpretieren wьrden, den Verlust von Duncans Sparrowhawk zu verschleiern. Der Ruf eines Wachtpostens riЯ Bolitho aus seinen Gedanken. »Kanonenfeuer, Sir! Цstlich von hier.« 189
Lemoine straffte sich. »Bei Gott, er hat recht.« Durch die gewцlbten Hдnde rief er: »Korporal der Wache, geben Sie Alarm!« Schon sah Bolitho die Rotrцcke aus ihren Kasematten unterhalb der Festungsmauern rennen. Die Kanonenschьsse hatten wahrscheinlich nicht viel zu bedeuten, waren vielleicht nur eine Geste ohnmдchtigen Trotzes von einem weit drauЯen passierenden spanischen Schiff. Aber man durfte nichts riskieren. Er sah sich um und gewahrte im Schatten des Wachtturms Midshipman Evans, der schon ein Teleskop aus seinem Futteral zog. Es war fast unheimlich, wie der Junge jedem seiner Schritte folgte und stets zu erraten schien, was er als nдchstes tun wьrde. Doch war es noch nicht hell genug, um weit ьber das Vorland hinaussehen zu kцnnen. Oder doch? Ja, da war es: das von der Unterseite einer Wolke reflektierte Aufblitzen. Und noch eines. Zu sporadisch fьr ein Seegefecht. Also wahrscheinlich eine Verfolgungsjagd. Bolitho winkte Evans heran. »Verstдndigen Sie das Wachboot, man soll Achates vorwarnen. Eine Empfehlung an Kapitдn Keen, und ich lasse ihm ausrichten, daЯ wir Gesellschaft bekommen, noch ehe der Tag voll angebrochen ist.« Er sah Crocker, den Artilleriemaat der Achates, auf der oberen Bastion herbeilaufen, gefolgt von keuchenden Soldaten. Crocker, wahrscheinlich der дlteste Mann an Bord, war mit seinem dьnnen weiЯen Nackenzopf und seltsam hьpfenden Gang ein richtiges Original. Seit ihn etwa in Adams Alter ein Splitter ins linke Auge getroffen hatte, war er darauf fast blind. Doch mit dem rechten Auge sah er so scharf wie ein Falke, und wenn er einen Kanonenlauf ausrichtete und abfeuerte, traf er besser als eine ganze Crew. Er verstand sich auch aufs Kugelerhitzen, und Bolitho glaubte schon die beiЯenden Schwaden zu riechen, die von den hinter der Brьstung aufgestellten Essen aufstiegen. Crocker schien ьberrascht, seinen Vizeadmiral auf der Bastion anzutreffen. GrьЯend tippte er sich an die Stirn und drehte dann seine Mьtze herum, damit er besser durch die SchieЯscharten spдhen konnte. Jetzt sah er noch verwegener aus, und Bolitho konnte es seinen Stьckfьhrern leicht nachfьhlen, daЯ sie ihn wie die Pest fьrchteten. »Feiner Morge n fьr `ne Ballerei, Sir!« 190
Bolitho muЯte lдcheln. »Halten Sie sich bereit.« Lemoine sah dem davonhastenden Crocker nach. »Der hat meine Mдnner ziemlich in Trab gehalten, Sir.« Von der Kirche in der Stadt klang Glockengelдut herьber, dьnn und melancholisch in der feuchten Morgenluft. »Was bedeuten die Glocken, Mr. Lemoine?« Bolitho hielt sein Teleskop auf das ferne Schiff gerichtet. Der Leutnant unterdrьckte ein Gдhnen. Er hatte bis nach Mitternacht mit seinem Stellvertreter Karten gespielt ­ und verloren. »Hier auf der Insel leben viele Katholiken, Sir«, antwortete er. »Die Glocken rufen zur Morgenandacht.« Als Bolitho schwieg, fьgte er noch erlдuternd hinzu: »Heute ist ein Feiertag fьr sie, der Namenstag von St. Damian.« Lemoine ging ohne Scheuklappen durch die Welt, dachte Bolitho zufrieden. Im Gegensatz zu manchen Offizieren, fьr die auЯerhalb ihres eigenen engen Befehlsbereichs nichts anderes existierte. Wieder Kanonenfeuer. Es klang, als versuchten sie, ein Schiff am Einlaufen zu hindern. Adam fiel ihm ein. Nein, ihn betraf es bestimmt nicht. Tyrrell war ein viel zu alter Fuchs, um sich so frьh fangen zu lassen. Er schwenkte das Glas zum anderen Vorland herum, das sich eben aus dem Schatten schдlte. An seinem felsigen FuЯ erkannte er schon die weiЯe Brandung und weiter drauЯen die Kette grцЯerer Felsblцkke, die ins Meer hinausragte und den bezeichnenden Namen Cape Despair, Kap der Verzweiflung, trug. Schritte polterten die Treppe herauf, und ein Melder erstattete Lemoine bellend Bericht. Der Leutnant wandte sich an Bolitho: »Me ldung vom Flaggschiff, Sir: alle Boote ausgesetzt und Patrouillen alarmiert.« Bolitho konnte sie vor sich sehen, die kleinen Truppen der Marineinfanteristen, verstдrkt durch ein paar Freiwillige der Inselmiliz. Eine kleine Streitmacht, aber wenn sie geschickt eingesetzt wurde, konnte sie wenigstens verhindern, daЯ durch den Riffgьrtel StoЯtrupps angelandet wurden. Abgesehen davon gab es nur eine Zufahrt, eine sichere, und das war der Weg, den Keen nachts gewдhlt hatte. Aber wenn der Feind dort einen Durchbruch versuchte, wьrde ihm der alte Crokker mit seinen glьhenden Kugeln tьchtig einheizen. 191
Sonnenlicht floЯ die Hдnge herunter und ьbergoЯ die Hafeneinfahrt mit Gold. Im Teleskop sah Bolitho das Wachboot dort langsam entlangrudern, befehligt von einem Midshipman, der im Heck stand und wahrscheinlich seine befristete Freiheit genoЯ. Lemoine sagte: »Da ist sie, Sir!« Das fremde Schiff rundete das Vorland, seine Segel verloren den Wind, als es wendete, fьllten sich aber gleich wieder auf dem neuen Bug: ein groЯes, gut gefьhrtes Fahrzeug. »Indienfahrer, Sir«, meldete sich wieder Lemoine. »Ich kenne ihn, es ist die Royal James. Vor einigen Monaten lag sie in Antigua.« Aus den SchieЯscharten beugten sich neugierige Mдnner, andere liefen unten auf der Pier nach vorn, um den Ankцmmling besser sehen zu kцnnen. Bolitho kam zu einem EntschluЯ. »Ich kehre aufs Flaggschiff zurьck, Mr. Lemoine. Sie werden hier ja allein fertig.« Er war schon die halbe Treppe hinabgelaufen, ehe der Leutnant antworten konnte. Die Mannschaft der Barkasse sprang auf, als Bolitho durchs Tor eilte. »Zum Schiff, Allday«, befahl er. Er ignorierte ihre Ьberraschung und versuchte sich darьber klar zu werden, was ihn so beunruhigte. Wenn der Verfolger nicht noch durch einen Zufallstreffer in seinem Rigg Schaden anrichtete, sollte der Indienfahrer sicher den Hafen erreichen kцnnen. Bei diesem starken Sьdost muЯte sich das feindliche Schiff gut von der Leekьste freihalten ­ oder sich dem Kugelhagel der Kanonen stellen. Und jetzt, bei vollem Tageslicht, konnte Crocker eigentlich nicht danebenschieЯen. Die Riemen der Barkasse hoben und senkten sich in schnellem Gleichtakt, bis das Boot ьbers glatte Wasser zu fliegen schien. Plцtzlich packte Bolitho Alldays Arm. »Kursдnderung! Aufs Vo rland zuhalten!« Als Allday zцgerte, schьttelte er ihn und rief aus: »Ich muЯ blind gewesen sein! Dabei hat Lemoine mich unwissentlich darauf gebracht: Heute ist St. Damianstag!« Allday legte Ruder, so daЯ die Barkasse einen Bogen beschrieb, aber dennoch kam kein einziger der langen Riemen aus dem Takt. »Aye, Sir, wenn Sie's sagen?« Er hдlt mich fьr verrьckt, dachte Bolitho und erlдuterte hastig: »Aber trotz des Feiertags ist noch kein einziges Boot von der Missionsinsel gekommen!« 192
Immer noch starrte Allday ihn an. Bolitho blickte sich nach dem Wachboot um, aber das stand zu nahe an Land, dicht vor der Hafeneinfahrt, und jeder Mann im Boot hatte nur Augen fьr die Royal James, die jetzt gleich um den Landvorsprung brausen muЯte. Bolitho hieb sich mit der Faust in die andere Handflдche. Er hдtte es gleich sehen mьssen! »Ist die Mannschaft bewaffnet?« fragte er Allday. Der nickte und kniff die Augen vor der blendenden Sonne zusammen. »Jawohl, Sir, mit Entermessern und drei Pistolen.« Er warf Bolitho einen Seitenblick zu, gespannt, was nun bevorstand, wagte aber vor seinen Untergebenen nicht danach zu fragen. »Dann muЯ das reichen.« Bolitho deutete auf einen winzigen Sandstrand. »Setz uns dort auf.« Als die Rudergasten ihre Riemen in der Schwebe hielten und das Boot lautlos in den Schutz der hohen Steilkьste glitt, wirkte die Szenerie ungemein friedlich. »Alle von Bord!« Bolitho kletterte hinaus und spьrte, wie die Strцmung die Beine unter ihm wegziehen wollte, als er zum Strand watete. Entermesser und drei Pistolen ­ wogegen? Er befahl: »Schickt einen Mann aus, er soll die Patrouille von der Landspitze herbeiholen. Aber sich dabei nicht blicken lassen.« Allday lieЯ ihn nicht aus den Augen. »Ist das ein Ьberfall, Sir?« fragte er nervцs. Aus dem Hдufchen Waffen im Sand suchte sich Bolitho eine Pistole und ein schweres Entermesser heraus. Ausgerechnet diesmal war er unbewaffnet an Land gegangen. »Es geht um die Mission. Irgend etwas stimmt dort nicht.« Auch die Mдnner bewaffneten sich und folgten ihm gehorsam den Steilhang hinauf. Auf dem Bergrьcken empfing sie starker Wind, der ihnen Sand ins Gesicht peitschte; der Bewuchs, der von weitem so einladend aussah, bestand nur aus zдhem Unkraut und niedrigen Strдuchern. Auf dem Missionsinselchen drдngten sich die wenigen Gebдude dicht zusammen; der Strand war leer, alles wirkte vцllig verlassen. Nicht einmal Rauch zeugte von Herdfeuer oder anderweitigem Leben. Bolitho hцrte schwache Hochrufe, halb verweht vom Wind, als rie- 193
fen irgendwo spielende Kinder. Er hielt inne und warf einen Blick ьber die Hafeneinfahrt zur alten Festung hinьber, deren Flagge munter auswehte. Die Hochrufe kamen wahrscheinlich vom Wachboot, denn der mдchtige Indienfahrer ragte plцtzlich ьber dem Vorland auf und hielt zielstrebig auf den sicheren Hafen zu. Er hatte ein groЯes Boot im Schlepp, doch an Deck zeigten sich kaum Leute; auch enterte niemand auf, um die Segel zu kьrzen, sobald das Schiff den Ankerplatz erreicht hatte. In diesem Augenblick glitt das Wachboot in Sicht; der Midshipman hob schon seine Flьstertьte an die Lippen, um den Neuankцmmling anzupreien. Gewaltsam wandte Bolitho sich ab und musterte sein kдrgliches Hдuflein. Keen und die anderen konnten sich um die Royal James kьmmern. Er hatte die schnittige Takelage einer Fregatte entdeckt, die gerade drauЯen beidrehte, weil ihre Beute den Schutz der Festungsbatterie erreicht hatte. »Die Boote sind weg, Sir«, sagte Allday. Bolitho starrte zur kleinen Insel hinьber. Es stimmte, die Fischerboote waren alle verschwunden. Das mochte die simple Erklдrung sein: Die Mцnche oder Missionare waren zum Fischen ausgelaufen, denn schlieЯlich ging der Lebensunterhalt dem Gebet vor. »Sehen Sie dort, Sir!« Bei Alldays Aufschrei fuhr Bolitho zu der vorgelagerten Riffkette herum. Die Felsen waren nicht mehr leer und ve rlassen, sondern voll kletternder, geduckt rennender Gestalten; Sonnenlicht reflektierte von Sдbelschneiden und Bajonetten. »Soldaten!« Keuchend vor Aufregung hob Allday seine Pistole. »Das sind ja hundert und mehr!« Einige Schьsse fielen; sie klangen weit entfernt und ungefдhrlich, bis die Kugeln ьber ihre Kцpfe pfiffen oder in den harten Sand klatschten. »In Deckung!« Bolitho sah den ausgeschickten Mann mit zwei Seesoldaten aus dem Wachboot unten am Ufer entlangrennen. Einer fiel sofort, die anderen verschwanden aus seinem Blickfeld. Nun gab es eine gedдmpfte Explosion, fьhlbar eher als Druckwelle denn als Schall. Als ob alle Luft aus den Lungen gesaugt wьrde. Bolitho rollte sieh auf die Seite und spдhte zu der Stelle hinьber, wo 194
sie die Barkasse gelassen hatten; da sah er, wie die Royal James sich aufbдumte. In ihrer Bordwand flogen die Stьckpforten auf, aber statt der Kanonenrohre schossen Flammenzungen heraus, die sofort nach oben leckten und Wanten, Spieren und Segel mit entsetzlicher Schnelligkeit verzehrten. Das nachgeschleppte Boot war losgeworfen worden und wurde jetzt zur Hafeneinfahrt zurьckgerudert. »Ein Brander!« flьsterte Allday. Bolitho sah den noch wachsenden Feuerschein sich in Alldays Augen spiegeln und konnte sogar die Hitze fьhlen, die wie aus einer offenen Esse zu ihnen herьbergeweht wurde. Der Wind stand so, daЯ er das aufgegebene Schiff direkt in den Hafen trieb. Geradewegs auf die verankerte Achates zu. Wieder peitschten Schьsse ьber die Landzunge, und Bolitho hцrte schon das Geschrei der anstьrmenden Soldaten. Mit Achates wьrden sie alle Hoffnung und jeden Schutz verlieren. Und die Festungsbatterie hatte ihrem Mцrder noch Deckung geboten. Mit wilden Augen starrte Allday ihn an. »Kдmpfen wir, Sir?« Bolitho fiel etwas zurьck. Sollte das schon alles gewesen sein? Ein sinnloser Tod auf dieser gottverlassenen Insel? Dann fiel ihm wieder der Trommler ein und der Ausdruck seines toten Gesichts, ehe er es zugedeckt hatte. Er richtete sich auf und wog das schwere Entermesser in der Hand. »Ja, wir kдmpfen!« Links und rechts von ihm erhob sich die Bootscrew und schwenkte ihre Entermesser. Bolitho zielte, taub gegen das furchtbare Prasseln der Flammen, und feuerte in die anrьckende Reihe Soldaten. Zum Nachladen blieb keine Zeit. Fьr nichts blieb mehr Zeit. Er machte einen Ausfall ьber das lose Gerцll und hackte den Sдbel eines Gegners mit solcher Wucht beiseite, daЯ der Mann den Abhang hinunterrollte. Stahl schlug auf Stahl, ein paar vereinzelte Schьsse fielen, aber ihre Gegenwehr war erbдrmlich schwach. Bolitho spьrte, wie er von den Kдmpfenden bedrдngt wurde, sah wilde Augen und gebleckte Zдhne, fьhlte HaЯ und Verzweiflung, als seine kleine Gruppe von der spanischen Ьbermacht zurьckgedrдngt wurde. Noch einmal hieb er mit aller Kraft zu, spaltete das Gesicht eines Gegners vom Ohr bis zum 195
Kinn, hцrte sein Entermesser auf Knochen knirschen, als er die De kkung eines zweiten durchbrach und seine Brust durchbohrte. Plцtzlich ein Keuchen neben ihm ­ zu seinem Entsetzen brach Al lday im Handgemenge zusammen und entschwand seinen Blicken. »Allday!« Bolitho stieЯ einen Soldaten beiseite, um seinen Bootsfьhrer zu erreichen. Ihr Widerstand war sinnlos geworden, eine leere Geste, dienlich nur seinem Stolz. Bolitho senkte die Waffe. »Genug!« Zwischen den unschlьssig Zцgernden fiel er auf die Knie und versuchte, Allday auf den Rьcken zu drehen. Dabei rechnete er jede Sekunde mit dem TodesstoЯ, erwartete den weiЯglьhenden Schmerz der eindringenden Klinge, aber selbst das war ihm gleichgьltig. Doch die Soldaten verharrten reglos, ob aus Verblьffung ьber die erbitterte kurze Gegenwehr oder aus Respekt vor Bolithos hohem Rang, lieЯ sich nicht sagen. Bolitho beugte sich so ьber Allday, daЯ er ihm Schatten spendete. Er gewahrte Blut auf seiner Brust, viel zu viel Blut. Verzweifelt flьsterte er: »Nur ruhig, alter Freund. Du hast nichts mehr zu befьrchten, bis...« Allday цffnete die Augen und sah sekundenlang stumm zu ihm auf. Dann krдchzte er: »Es tut weh, Sir. Hцllisch weh. Diesmal haben sie mich umgebracht, die Hunde...« Ein Matrose lieЯ sich neben ihnen zu Boden fallen. »Sir!« keuchte er. »Die Spanier rennen davon!« Bolitho blickte auf und sah die fremden Soldaten sich laufend oder hinkend zu den Felsen zurьckziehen, wo sie ihre Boote gelassen hatten. Der Grund dafьr wurde bald sichtbar: eine Reihe Kavallerie, die unter der Fьhrung Hauptmann Masters' von der Inselmiliz mit gezogenen Sдbeln ьber den Bergrьcken galoppiert kam ­ eine lautlose Attakke, die deshalb um so bedrohlicher wirkte. Masters zьgelte sein Pferd und sprang ab, in seinem Gesicht stand unglдubiger Schrecken. »Wir haben gesehen, wie Sie sie aufzuhalten versuchten«, brach es aus ihm hervor, »da beschlossen ein paar von uns, sie abzufangen.« Bolitho sah ihn an, gewahrte aber nur Masters dunkle Gestalt und 196
dahinter die groЯen Rauchschwaden, die von dem Inferno im Hafen aufstiegen. »Sie kommen zu spдt!« Er entwand das Entermesser Alldays schlaffer Hand und warf es den Fliehenden nach. Da spьrte er einen Griff ums Handgelenk und blickte hinab in Alldays schmerzverdunkelte Augen. »Geben Sie nicht auf, Sir«, murmelte sein Bootsfьhrer. »Wir schlagen die Kerle, verlassen Sie sich drauf.« Schwere Stiefel stapften durch den Sand heran, mehr Rotrцcke umschlossen sie zu beiden Seiten. Bolitho sagte: »Hebt ihn vorsichtig auf, Leute.« Er sah den vier Soldaten nach, die Allday zur Barkasse hinuntertrugen. Dabei hцrte er in der Ferne weitere Explosionen und Geschrei aus allen Richtungen. Er wurde gebraucht. Zum Trauern war jetzt keine Zeit. Wie oft hatte er das schon gehцrt... Trotzdem eilte er den Soldaten nach und ergriff noch einmal Al ldays Arm. »LaЯ mich nicht allein, Allday. Ich brauche dich.« Alldays Augen blieben geschlossen, aber ьber sein Gesicht glitt der Schatten eines Lдchelns; dann wurde er in die Barkasse gehoben. Als Bolitho ьber den Strand schritt und seine Goldepauletten in der Sonne funkelten, brachen einige Milizsoldaten in Hochrufe aus. Ein Mann der Bootscrew, der den verwundeten rechten Arm ruhiggestellt im Hemd trug, blieb stehen und fuhr sie bцse an: »Jetzt jubelt ihr wohl, ihr Lumpen, was? Weil ihr noch einmal davongekommen seid!« Verдchtlich spuckte er vor ihre FьЯe und deutete dann mit dem Kopf auf Bolitho. »Aber der dort ist mehr wert als ihr und die ganze verdammte Insel zusammen!« Bolitho ging durchs Buschwerk davon, das an einigen Stellen schon aufflammte, entzьndet vom Funkenflug des Branders. Jeden Augenblick erwartete er die zweite Angriffswelle. Und Keen benцtigte bestimmt dringend seine Hilfe. Aber all das schien ihm so unwirklich. Ihn erfьllte nur ein Gedanke: daЯ Allday nicht sterben durfte. Nicht so sinnlos. Er war knorrig und stark wie ein Eichbaum ­ das konnte doch nicht sein Ende sein! 197
XIV Ein Schluck Rum Als plцtzlich Flammen und schwarze Rauchwolken die Hafeneinfahrt verhьllten, erklangen von allen Seiten Entsetzensschreie. Fьr Seeleute war Feuer der schlimmste Feind; bei Sturm oder Strandung gab es immer noch eine Ьberlebenschance, aber wenn Feuer an Bord wьtete, wo alles geteert, kalfatert und zundertrocken war, bestand keine Hoffnung mehr. Leutnant Quantock zwang sich, den Blick von dem lodernden Indienfahrer zu wenden, und rief zu Keen hinьber: »Was sollen wir tun, Sir?« Er war barhдuptig, der Wind zerzauste sein Haar; nichts an Quantock erinnerte mehr an den makellosen, bдrbeiЯigen Ersten Offizier der Achates. Keen umklammerte die Reling und wandte sich dem nдherkomme nden Verhдngnis zu. Erst Sparrowhawk, dann der spanische Freibeuter und jetzt seine Achates. Es blieb keine Zeit mehr, das Schiff an eine andere Stelle des Hafens zu verholen, auЯerdem waren die meisten Boote unterwegs und anderweitig beschдftigt. Aber Quantock starrte ihn ratheischend an, wдhrend die Seeleute ihn umstanden, wie versteinert vor unglдubigem Entsetzen. Eben noch hatten sie gejubelt, weil der Indienfahrer wohlbehalten bis in den Schutz des Forts gelangt war. Und im nдchsten Moment befand sich der Feind mitten unter ihnen und drohte, sie bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Keen kannte die Anzeichen nur zu gut: erst Zaudern, dann Panik. Aber er konnte sie doch nicht zwingen, hilflos wie Schlachtvieh dazustehen und den sicheren Tod zu erwarten. Zum Glьck hatte er das Schiff sofort gefechtsklar gemacht, nachdem Midshipman Evans Bolithos Warnung ьberbracht hatte. »Mr. Quantock! Lassen Sie die Backbordkanonen laden und ausfahren! Beide Decks!« Er boxte den Leutnant in die Seite. »Bewegung, Mann!« Pfeifen schrillten, sie schreckten die Mдnner aus ihrer Starre und riefen sie auf Gefechtsstationen. In beiden Decks quietschten die Lafetten, als die dem Brander zugewandten Kanonen ausgerannt wurden. Rauch brannte Keen in den Augen, als er abzuschдtzen versuchte, mit wieviel Fahrt der Brander auf sie zukam. Seine Segel waren nur 198
noch verkohlte Fetzen, seine Masten schwarze Stьmpfe. Aber er brauchte weder Masten noch Segel, der Winddruck allein genьgte, ihn auf sein Opfer zuzutreiben. Wдhrend er noch hinsah, stieЯ der Brander leicht gegen einen an seiner Boje liegenden Toppsegelschoner; im Handumdrehen brannte er wie eine Fackel, und der Ankerwache blieb nur der Sprung ins aufspritzende Hafenwasser. »Feuerklar, Sir!« Quantocks Stimme klang verzweifelt. Keen merkte, daЯ er an Bolitho dachte. Wo steckte er? Schlug er, unterstьtzt von einer der Patrouillen, einen Flankenangriff irgendwo am Strand zurьck? Sein Magen verkrampfte sich. Oder war Bolitho vielleicht schon tot? »Ziel auffassen!« Er trat an die Querreling und sah auf seine Stьckmannschaften hinunter ­ wie sonst, wenn sie es mit einem lebenden Feind aufnehmen muЯten. »Feuer!« In dem engen Hafen hallte die aufbrьllende Breitseite wie ein Donnerschlag. Keen sah die Spur der Kugeln gleich einem WindstoЯ ьber das Wasser fahren und spьrte das Aufbдumen des Decks unter seinen FьЯen, als sich das Schiff im RьckstoЯ von seiner Muring zu befreien versuchte. Ein Ruck ging durch den Brander, er versprьhte einen Regen brennender Wrackteile, der zischend aufs Wasser schlug. »Nachladen! Ruhig Blut, Leute!« Das war Mountsteven von der unteren Batterie. Keen rief: »Mr. Rooke, lassen Sie Mдnner aufentern und die Segel begieЯen. Und stellen Sie andere mit Pьtzen auf die Seitendecks.« Der Bootsmann nickte und eilte davon, den Befehl auszufьhren, obwohl er wuЯte, daЯ die wenigen Eimer voll Wasser, die sie in der kurzen Zeit zu den Rahen hinaufziehen oder ьber die Bordwand gieЯen konnten, so gut wie nichts bewirken wьrden: als wolle man einen Waldbrand mit Spucke lцschen. Aber es gab ihnen wenigstens etwas zu tun und lieЯ ihnen keine Zeit, den Kopf zu verlieren und ьber Bord zu springen ­ jedenfalls nicht bis zum letzten Augenblick, und dann wьrde es diszipliniert geschehen. »Feuer!« Abermals sah Keen die volle Breitseite in den Brander schlagen, 199
diesmal ins Vorschiff; es machte ihn fast krank vor Verzweiflung, daЯ die Eisenkugeln nur Lцcher rissen, durch die sofort noch grцЯere Flammenbьndel ins Freie loderten. Heiser flьsterte der Master neben ihm: »So kцnnen wir ihn nicht aufhalten, Sir.« Keen sah ihn nicht an. Knocker war ein bedachtsamer Mann und hatte wahrscheinlich schon seinen Chronometer ausgebaut, damit er nicht mit Achates unterging. Aber es stimmte, er konnte sein Schiff nicht mehr retten, das tapfere alte Kдthchen, das schon so viel gesehen und erlebt hatte. Wieder hob Quantock sein Sprachrohr: »Feuer!« Tuson, der Schiffsarzt, erschien am FuЯ der Leiter, und Keen fragte ihn: »Wollen Sie Ihre Verwundeten an Deck schaffen?« Diese MaЯnahme konnte die mьhsam bewahrte Disziplin in ein Chaos verwandeln. Wenn die Stampede erst begann, lieЯ sie sich nicht mehr aufhalten, denn von Dewars Seesoldaten war kein einziger an Bord. Doch als Keen Tusons dankbares Gesicht sah, wuЯte er, daЯ er das Richtige getan hatte. Steuermannsmaat Goddard schrie: »Seht mal dort, Leute!« Der Indienfahrer hatte ein zweites Fahrzeug gerammt und in Brand gesetzt; aus seiner Ladung schoЯ ein Funkenregen empor und mehrte die Schrecken noch. Aber nicht darauf richtete sich Goddards Augenmerk. Keen hielt so angestrengt Ausschau, daЯ seine Augen schmerzten, als die kleine Brigantine Vivid ihren Bugspriet durch Rauch und fallende Wrackteile schob; mit vierkant gebraЯten Rahen ьberholte sie den treibenden Brander. Quantock stцhnte heiser. »Allmдchtiger! Sie muЯ ihm dichtauf in den Hafen gefolgt sein. Gleich fдngt sie Feuer!« Keen riЯ einem Midshipman das Fernrohr aus der Hand und richtete es auf die nдherkommende Flammenwand. In der VergrцЯerung wirkte sie noch schrecklicher, und Keen schnьrte es nur vom Hinsehen die Kehle zu. Tyrrells mдchtige Gestalt stand am Ruder und steuerte seine Vivid dichter an die Steuerbordseite des Branders heran; im Wirbel der Rauchwolken und RuЯfetzen wirkte er unerschьtterlich wie ein Fels. Und jetzt schwangen die Spieren herum, die Segel killten und fьllten 200
sich wieder; Gott mochte wissen, woher Tyrrells Mдnner die Kraft nahmen, bei dieser Hitze noch an Schoten und Winschen zu arbeiten. Aus dem Augenwinkel bemerkte Keen, daЯ die ersten Verwundeten an Deck gebracht wurden, aber er konnte sich von der fьrchterlichen Szene im Hafen nicht abwenden. Schon glaubte er, die Hitzewelle zu spьren, und war sich klar, daЯ er bald den Befehl zum Verlassen des Schiffes geben muЯte. »Sichern Sie die Kanonen, Mr. Quantock.« Er erwartete empцrtes Geschrei, aber niemand protestierte gegen den anscheinend sinnlosen Befehl; statt dessen hцrte er das Knirschen der Lafetten und Knarren der Handspaken, als die Achtzehnpfьnder hinter ihren Stьckpforten gesichert wurden, damit sie nicht quer ьbers Deck rutschten. Ein vielstimmiges Aufstцhnen lief reihum, als Vivids Toppstander in einem Rauchwцlkchen verpuffte. Nur noch wenige Sekunden, dann konnte auch das vorsichtigste Manцver sie nicht mehr vor dem Feuer bewahren. Vor Keens Augen stieЯen beide Schiffe mit dem Bug zusammen; die unter Vollzeug segelnde Vivid hatte dabei genug Schwung, um den Brander etwas nach Backbord abzudrдngen. GepreЯt sagte Leutnant Trevenen: »Vivid hat Feuer gefangen, Sir.« Wie triumphierende Teufel sprangen die Flammen von Rigg zu Rigg ьber, vermehrten sich blitzschnell und breiteten sich aus, bis die Breitfock sich in Asche auflцste. Aber immer noch schob Vivid den anderen, schwereren Bug aus dem Kurs. Jetzt wьrden an der Stelle, wo beide Schiffe ineinander verhakt waren, einige Gestalten sichtbar. Im nдchsten Augenblick sah Keen das Wasser aufspritzen: einer der beiden Buganker des Indienfahrers war gefallen. Jemand hatte ihn vom Kranbalken gelцst. Zwar wьrde die Ankertrosse den Flammen nicht lange standhalten, aber noch grub er sich in den Grund, so daЯ die Trosse steifkam und der Brander noch weiter nach Backbord schwojte. Seine eingeдscherte Takelage fiel krachend in sich zusammen und ьber Bord. Atemlos sagte Knocker: »Bei Gott, er ist auf Grund gelaufen!« Keen nickte wortlos, er konnte nicht sprechen. Tyrrell, der die Hдfen hier wie seine Jackentaschen kannte, hatte sein Rettungsmanцver 201
auf die Sekunde genau berechnet, so daЯ der brennende Indienfahrer sich immer hцher aufs Flach schob. Keen fand seine Stimme wieder. »Setzen Sie jedes verfьgbare Boot aus, Mr. Quantock.« Vivid brannte jetzt lichterloh. Kaum konnte man das eine Schiff vom anderen unterscheiden, sie waren ein einziges Flammenmeer. Immer noch war Achates nicht ganz auЯer Gefahr, denn der Brander konnte wieder flottkommen, auch mochte ein brennendes Wrackteil herьbertreiben. Keen wandte sich ab und lieЯ den Blick ьber sein Schiff schweifen. Aber was auch noch geschah, sie waren nicht gewichen. Ohne zu wanken hatten sie zusammengehalten, so wie Bolitho es von ihnen erwartete. Vom Batteriedeck starrten Mдnner zu Keen herauf; die Gesichter rauchgeschwдrzt, erinnerten sie eher an einen Piratenhaufen als an regulдre britische Matrosen. Nun begannen sie zu jubeln, schьttelten die Fдuste und beglьckwьnschten sich, als hдtten sie eine Schlacht gewonnen. Aber Keen entging auch nicht Quantocks bitterer Blick. Endlich hatte die Mannschaft ihren verstorbenen Kommandanten vergessen und Keen akzeptiert. Keen grinste zu ihnen hinunter, obwohl ihm eher nach Weinen zumute war. Dann faЯte er einen EntschluЯ. »Lassen Sie meine Gig aussetzen, ich hole Tyrrell selbst.« Sie fanden Tyrrell und den Rest seiner kleinen Crew im Wasser, wo sie sich an eine Stenge und das Wrack eines gekenterten Bootes klammerten. Unter ihnen war auch Adam Bolitho, halb nackt und mit einer groЯen roten Brandwunde an der Schulter. Tyrrell lieЯ sich in die Gig helfen und sackte im Heck zusammen, den Blick immer noch auf die Ьberreste seiner Brigantine gerichtet. Inzwischen war sie bis zur Wasserlinie niedergebrannt, ein unkenntliches Wrack. Keen sagte: »Ich bedaure, daЯ dies geschehen ist und auch, daЯ ich Sie schlecht behandelt habe. Sie kamen in letzter Minute. Nun haben Sie Ihr Schiff verloren, aber meines gerettet.« 202
Tyrrell schien ihn nicht zu hцren. Er legte Adam die Hand auf die unverletzte Schulter und murmelte heiser: »Mir scheint, wir haben beide einiges verloren, wie?« Als die Gig bei Achates lдngsseits ging, rannten die Seeleute auf die Seitendecks oder kletterten in die Wanten, um Tyrrell mit Hochrufen zu empfangen. »Sie sind Ihnen dankbar«, sagte Keen. »Haben auch Grund dazu.« Tyrrell musterte sein Holzbein; sogar das war angekohlt. Weshalb sollte er sich wiederholen? Wenn Achates bei dem spanischen Ьberfall nicht hier gewesen wдre, hдtte das alles nicht geschehen mьssen. Er blickte hinьber zu der Stelle, wo seine geliebte Vivid jetzt zerbrach und mit einer Dampfwolke versank. Und er hдtte immer noch ein Schiff gehabt. Da spьrte er die Hand des jungen Offiziers auf seinem Arm und hцrte ihn trцstend sagen: »Wir werden beide eine neue Chance bekommen, Jethro.« Tyrrell entblцЯte die Zдhne in einem grimmigen Lдcheln. »Ve rdammt, das will ich doch hoffen. Kann schlieЯlich nicht den Rest meines Lebens damit verbringen, auf euch aufzupassen!« Keen stand neben Bolithos Tisch und musterte den Vizeadmiral besorgt, der schon die ganze Zeit auf das Logbuch mit den Ereignissen des Tages niederstarrte, aber nichts zu sehen schien. Er rдusperte sich. »Der Zahlmeister berichtet, Sir, daЯ den ganzen Tag frisches Obst und Gemьse von der Insel herьbergeschafft wurden. Jetzt plцtzlich kцnnen sie gar nicht genug fьr uns tun.« Bolitho strich die Papiere glatt. Jetzt plцtzlich... Diese beiden Worte waren vielsagend. Hinter sich hцrte er Ozzards leise Schritte, der die Heckfenster schlieЯen ging, weil wieder einmal ein scheidender Tag den Hafen in Schatten hьllte. Immer noch bezeichneten Funken und ein gelegentliches Aufglьhen die Stelle der Untiefe, wo der Brander lag. War es tatsдchlich erst an diesem Morgen gewesen, daЯ er sich mit Leutnant Lemoine auf den Festungswдllen unterhalten hatte? Keen merkte, daЯ Bolitho allein sein wollte, aber es widerstrebte ihm, ihn seinem Gram zu ьberlassen. Zu gut erinnerte er sich noch an 203
sein Erschrecken, als die Barkasse am Schiff angelegt hatte und Al lday leblos an Bord gehievt worden war. Dieser Anblick hatte all seine anderen Empfindungen wie Asche zerstieben lassen: Stolz auf seine Mдnner, weil sie sich angesichts der Gefahr tapfer geschlagen hatten; tiefe innere Befriedigung, daЯ auch er nicht zusammengebrochen war. Doch das zдhlte nicht mehr, denn Allday war auch ein Teil seines Lebens geworden. Und wenn er's recht ьberlegte, hatten die meisten Menschen, die ihm etwas bedeuteten, Bolithos Bootsfьhrer eine Menge zu verdanken. In Augenblicken wie diesen wдre Allday in die Kajьte getreten und hдtte unwillkommene Besucher hinauskomplimentiert. Aber nun lag er in Bolithos eigenem Schlafraum mit einer Sдbelwunde in der Brust, die sogar den wortkargen Schiffsarzt erschreckt hatte. Keen versuchte noch einmal, Bolitho anzusprechen. »Wir haben mehrere Gefangene gemacht, Sir: die Besatzung des Branders und einige Soldaten von der Missionsinsel. Sie hatten recht, es sind alles Spanier aus La Guaira. Aber nach diesem MiЯerfolg werden die Dons San Felipe in Ruhe lassen mьssen. Alle Welt weiЯ jetzt, was sie vo rhatten. Ihre Kцpfe werden ziemlich locker sitzen, wenn ihr Kцnig erst von dem Desaster hier erfдhrt.« Bolitho lehnte sich im Stuhl zurьck und rieb sich die Augen. Immer noch glaubte er, Rauch zu riechen, Alldays mьhsames, schmerzve rzerrtes Lдcheln zu sehen. Er sagte: »Morgen setze ich meinen Bericht an Sir Hayward Sheaffe auf. Danach ist der Rest Sache des Parlaments.« Beim Gerдusch von Schritten blickte er scharf hoch, aber es war nur die Wache, die ьber ihnen auf und ab ging. Trotz seiner Vergangenheit war Tuson ein guter Arzt, das hatte er mehrfach bewiesen. Wenn doch nur... Aber Bolitho verbot sich diese Gedanken. Er sagte: »Es tat mir leid, vo n Jethro Tyrrells Verlust zu hцren.« »Er trдgt es tapfer, Sir.« Keen zцgerte. »Aber er bittet darum, daЯ Sie ihn empfangen.« Die Tьr zum Nebenraum цffnete sich, und Adam betrat lautlos die Tageskajьte. »Wie geht's ihm?« fragte Bolitho. Adam hдtte gern Trцstliches berichtet, konnte aber nur antworten: 204
»Er ist immer noch bewuЯtlos, und Mr. Tuson meint, die Atmung ist zu unregelmдЯig.« Er blickte zu Boden. »Ich habe den Arzt ausgefragt, aber...« Bolitho erhob sich mit bleiernen Gliedern. Von Georgetown schimmerte Licht herьber. Ob die Bewohner immer noch schweigend am Ufer beisammenstanden und zum Schiff starrten? Die ganze Zeit seit dem Angriff hatten sie sich so verhalten ­ ob aus Mitgefьhl oder aus schlechtem Gewissen, das wuЯte er nicht; es kьmmerte ihn auch nicht. Adam sprach immer noch. »Allday und ich gerieten einmal in Gefangenschaft, Sir.« Er richtete seine Worte an Keen, den Blick aber auf Bolitho. »Spдter sagte er dann zu mir, damals hдtte er zum ersten und einzigen Mal Bekanntschaft mit der Peitsche gemacht. Das schien er fьr einen Scherz zu halten.« Keen nickte. »Typisch fьr ihn.« Bolitho ballte die Fдuste. Sie wollten ihm helfen, machten aber alles nur noch schlimmer. Abrupt sagte er: »Ich gehe zu ihm. Ihr beide ruht euch jetzt besser aus. Kьmmere dich um die Brandwunde, Adam. In diesem Klima...« Er lieЯ den Satz unvollendet. Keen ging voran durch die Tьr und fragte ьber die Schulter: »Fдllt Ihnen die Stille an Bord auf? Dabei heiЯt es immer, Schiffe bestьnden nur aus Holz und Kupfer.« Adam nickte, froh darьber, daЯ sein Gesicht unter dem Hьttendeck im Schatten blieb. Selbst jetzt hatte Bolitho an seine verbrannte Schulter gedacht. Es war unglaublich. Bolitho цffnete die schmale Tьr und betrat seine Schlafkajьte. Das Schiff lag so reglos an seiner Muring, daЯ es sich kaum bewegte. Tuson, der eine kleine Arzneiflasche ans Lampenlicht gehalten hatte, wandte sich bei Bolithos Eintritt um. »Unverдndert, Sir.« Das klang wie ein Vorwurf. Bolitho blickte auf das Lager nieder, auf dem er so viele Nдchte gegrьbelt hatte. Allday war dick bandagiert und lag mit seitlich gedrehtem Kopf da, wohl damit er leichter atmen konnte. Bolitho berьhrte seine eiskalte Stirn und versuchte, sein Erschrecken zu verbergen. Die Haut fьhlte sich schon an wie die eines Toten. Leise berichtete Tuson: »Der Stich hat die Lunge knapp verfehlt, 205
Sir. Gott sei Dank, daЯ es offenbar eine saubere Schneide war.« Und als Bolithos Gestalt in den Schatten zurьcktrat: »Mцchten Sie, daЯ ich bei ihm bleibe, Sir?« »Nein.« Bolitho wuЯte, daЯ noch viele Ve rwundete Tusons Hilfe benцtigten. »Aber vielen Dank.« Tuson seufzte. »Bin sofort da, wenn Sie mich brauchen.« Bolitho folgte ihm in die Tageskajьte hinaus. »Sagen Sie es mir offen.« Tuson schlьpfte in seinen einfachen blauen Rock. »Ich kenne ihn nicht so gut wie Sie, Sir. Er scheint mir ziemlich krдftig zu sein, aber es ist eine schwere Verwundung. Die meisten wдren ihr an Ort und Stelle erlegen. Es tut mir aufrichtig leid...« Als Bolitho wieder aufblickte, war Tuson schon gegangen, hinunter ins Orlopdeck, in die Einsamkeit seines Lazaretts. Aber Ozzard drьckte sich noch in der Kajьte herum. »Brauchen Sie etwas, Sir?« Erst jetzt gewahrte Bolitho seine schmдchtige Gestalt. Auch Ozzard bangte um Allday, das sah man ihm an. »Was hat Allday am liebsten getrunken?« Ozzards feuchte Augen leuchteten auf. »Tja, Sir ­ Rum natьrlich. War einem guten Schluck nie abgeneigt.« Verlegen gestikulierte er. »Ist einem guten Schluck nie abgeneigt, meine ich.« Bolitho nickte. Das war wieder einmal kennzeichnend fьr Allday. In kritischen oder gefдhrlichen Augenblicken, zu traurigen oder frцhlichen Anlдssen hatte er ihm oft Brandy angeboten. Und Allday hatte akzeptiert, obwohl ihm doch Rum sehr viel lieber gewesen wдre. Leise sagte er: »Dann holen Sie bitte Rum, Ozzard. Und sagen Sie dem Zahlmeister: vom besten.« Bolitho saЯ neben Alldays Lager, die Tьr zur Nachbarkajьte der besseren Lьftung wegen halb offen, als Ozzard mit einem kupfernen Krug zurьckkehrte. Bei der Hitze wurde ihm von dem starken Aroma fast schwindlig. Bolitho versuc hte, sich auf die Aufgaben des nдchsten Tages zu konzentrieren, auf Tyrrells Zukunft, aber er sah immer nur Belindas Gesicht bei ihrem Abschied vor sich, wie sie Allday gebeten hatte, ihm und Adam beizustehen. So viele Reisen hatten sie gemeinsam gemacht ­ und erst letztes Jahr waren sie in Frankreich in Gefangen- 206
schaft geraten. Es war Allday gewesen, der den todkranken John Ne ale auf seinen Armen getragen hatte, dessen Willensstдrke und Zuve rsicht ihnen Mut und Zusammenhalt gegeben hatte. Und er erinnerte sich an seine Kadettenjahre: Damals hatte er es als ganz selbstve rstдndlich angenommen, daЯ einem Admiral niemals Kummer und Selbstvorwьrfe zu schaffen machten. Vom Vorschiff klangen die dьnnen Tцne einer Fiedel herein, und Bolitho sah im Geiste die Freiwдchter vor sich, die sich in der Abendkьhle vergnьgten. Dann erblickte er sein eigenes Gesicht im Spiegel ьber dem kleinen Tisch und sah weg. Ob sie jetzt mit ihrem Vizeadmiral getauscht hдtten? Er nahm ein sauberes Taschentuch, befeuchtete es mit Rum und betupfte damit vorsichtig Alldays Mund. »Hier, alter Freund...« Bolitho biЯ sich auf die Lippen, als der Rum wirkungslos von Alldays Kinn trцpfelte. Mitten auf dem Brustverband leuchtete ein roter Fleck. Es drдngte Bolitho, nach dem Wachtposten zu rufen und den Arzt zurьckholen zu lassen, aber er beherrschte sich. Alldays Ringen mit dem Tod ging nur ihn selbst an. Auch wдre es grausam gewesen, seine Leiden jetzt noch zu vermehren. So starrte Bolitho nur in Alldays vertrautes Gesicht. Es schien plцtzlich gealtert zu sein, fiel ihm auf. Das Begreifen lieЯ ihn aufspringen, auch wenn er die Erkenntnis nicht akzeptieren wollte. Mit geballten Fдusten sah er sich wild in der engen Kajьte um, wie ein Tier in der Falle. Dagegen war er machtlos. Ohne zu wissen, was er tat, hob er den Krug an die Lippen und trank, bis ihm der scharfe Rum die Kehle verbrannte und er keuchend nach Luft ringen muЯte. Als er darauf wartete, daЯ sich sein Atem beruhigte, sah er Ozzards schmдchtige Gestalt vor der halboffenen Tьr warten. Mit einer Stimme, die ihm selbst fremd klang, sagte er: »Meine Empfehlung an den Arzt und...« Ozzard schien noch mehr zu schrumpfen, als er Bolithos Worte begriff. »So schnell ich kann, Sir!« Bolitho fuhr herum, weil Allday suchend ьber den Rand der Koje tastete. »Ja, ich bin hier.« Er nahm Alldays Faust zwischen beide Hдnde und starrte ihm gebannt ins Gesicht. Darauf zeigte sich jetzt ein Stirnrunzeln, als versu- 207
che Allday, sich an etwas zu erinnern. Seine Finger hatten weniger Kraft als die eines Kindes. Bolitho flьsterte: »Warte noch. Gib nicht auf.« Er drьckte Alldays Hand fester, spьrte aber keine Erwiderung. Doch dann цffnete Allday die Augen und starrte ihn an, sekundenlang und anscheinend ohne ihn zu erkennen. Seine Lippen bewegten sich, und er sprach so leise, daЯ Bolitho sich tief ьber ihn beugen muЯte. Allday murmelte: »Aber Sie mцgen doch keinen Rum, Sir...« Bolitho nickte. »Stimmt.« Er hдtte gern mehr gesagt, um Allday zu ermutigen, aber die Stimme versagte ihm. Tьrenschlagen, eilige Schritte drauЯen, und dann stьrzte Tuson, gefolgt von Keen und Adam, in die Kajьte. Der Schiffsarzt legte seine Hand auf Alldays Brust, ohne sich um das Blut zu scheren. Dann sagte er: »Er atmet schon sehr viel besser.« Und mit einem Schnьffeln: »Ist das Rum?« Alldays Augen kippten immer wieder weg, aber er schien unbedingt sprechen, Bolitho irgendwie beruhigen zu wollen. »Hдtte gern `nen Schluck, Sir.« Tuson trat beiseite und beobachtete kritisch, wie Bolitho dem Bootsfьhrer den Kopf stьtzte und ihm mit der anderen Hand ein Glas an die Lippen hielt. Er wuЯte, diesen Anblick wьrde er sein Leben lang nicht vergessen. SchlieЯlich sagte er: »Legen Sie ihn jetzt zurьck.« Er sah zu, wie Bolitho sich Wasser aus einer Schьssel ins Gesicht spritzte, um sich fьr die anderen drauЯen zu wappnen. »Ihretwegen brauchen Sie das nicht zu tun, Sir.« Spдter wunderte Tuson sich ьber sich selbst, daЯ er es gewagt hatte, seinen Admiral so vertraut anzusprechen. »Es schadet nichts, wenn sie sehen, daЯ auch Sie Gefьhle haben. Wie wir alle.« Bolitho warf noch einen Blick auf Allday. Er schien jetzt zu schlafen. »Danke«, sagte er. »Sie kцnnen nicht wissen...« Damit verlieЯ er den Schlafraum, um den anderen gegenьberzutreten. Der Arzt betrachtete den Krug Rum auf dem Tisch und verzog das Gesicht. Sein Sachverstand sagte ihm, daЯ Allday lдngst tot sein mь Яte. Er begann, den blutigen Verband aufzuschneiden. 208
Aber dann verzog sich Tusons ernstes Gesicht zu einem schiefen Lдcheln. Ein Schluck Rum, bei Gott... In der Tageskajьte saЯen die anderen schweigend beisammen, bis Ozzard eine Karaffe Wein brachte. Da endlich hob Keen sein gefьlltes Glas. »Auf uns alle, Sir«, sagte er. Bolitho wandte den Blick ab. Keen hдtte keinen besseren Toast ausbringen kцnnen. XV Heimatkurs Die Wochen und Monate nach dem spanischen Ьberfall auf San Felipe kamen Bolitho vor wie eine schier endlose Chronik von Alldays Ьberlebenskampf. Nur zu oft folgte auch der kleinsten Besserung ein ernster Rьckschlag. Bolitho konnte es sich nur so erklдren, daЯ Al ldays Bewegungsunfдhigkeit ihm zu schaffen machte, »seine Nutzlosigkeit«, wie er es nannte. Ab und zu liefen wieder Schiffe die Insel an, und langsam kehrte Normalitдt ein. Es kam zu keinen neuen Angriffen, auch berichteten die Hдndler, die von niemandem mehr behelligt wurden, daЯ sie keine spanischen Kriegsschiffe gesichtet hдtten. Dagegen suchten im Oktober zwei Wirbelstьrme die Insel heim und richteten solche Verwьstungen an, daЯ ein Krieg dagegen sanft gewirkt hдtte. Flutwellen gefдhrdeten Achates, vernichteten leichtere Schiffe, und der Sturm deckte viele Hдuser ab. Aus Plantagen wurden Wьsteneien, mehrere Tote und viele Verletzte waren zu beklagen, und die meisten verloren alles, was sie besaЯen. Aber die Naturkatastrophe bedeutete einen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen der Inselbevцlkerung und der Besatzung von Achates. Ohne die disziplinierte, gut organisierte Hilfe der Seeleute und Soldaten wдre kaum etwas von Wert zu retten gewesen. Das Schiff, einst Symbol fьr aufgezwungene Staatsmacht, begann allmдhlich eine neue Rolle zu spielen: die des Beschьtzers. Und damit wurde der Dienst fьr Offiziere und Mannschaften weniger anstrengend. Drei Monate, nachdem ihn ein spanischer Sдbel niedergestreckt hatte, ging Allday zum erstenmal auf Achates' Achterdeck spazieren. 209
Ozzard begleitete ihn, aber Allday wies ­ ganz der alte ­ seinen stьtzenden Arm zurьck. Bolitho richtete es so ein, daЯ er sich auf dem Hьttendeck aufhielt, und sah Allday mit solch schleppenden, unsicheren Schritten ins So nnenlicht treten, als hдtten seine FьЯe noch nie die Planken eines Schiffes berьhrt. Auffallend war auch, daЯ alle Freunde Alldays offenbar zufдllig in der Nдhe zu tun hatten; aber sie bewiesen Takt und hielten sich auf Distanz. Dann hцrte Bolitho Adams leichten Schritt neben sich und sagte: »Hдtte nie gedacht, daЯ ich diesen Anblick erlebe, Adam.« Er schьttelte den Kopf. »Niemals.« Adam lдchelte. »Er erholt sich gut.« Unten erreichte Allday die Querreling und packte sie mit beiden Hдnden; er holte einige Male tief Luft und starrte hinunter aufs BatteriedecK. Scott, der Dritte Offizier und Wachfьhrer, ignorierte Allday bewuЯt und trat sogar zum KompaЯ, studierte die Windrose, als sei das Schiff auf See und nicht im Hafen. Bolitho wandte sich seinem Neffen zu. So viel Zeit war inzwischen vergangen, und doch hatten sie kaum ьber Boston und die Vorgдnge dort gesprochen; nur Tyrrell hatte ihm kurz das Wichtigste erzдhlt. Gedдmpft sagte der Admiral: »Was wir hier erreicht haben, ist von Bedeutung, Adam. Ich habe der Admiralitдt meine Ansichten mitgeteilt, meine Vorschlдge, was hier geschehen soll, nachdem wir wieder ausgelaufen sind.« Er hob die Schultern. »Ich muЯ daran glauben, daЯ London dementsprechend handeln wird. Es gab zu viele Tote und Verwundete, als daЯ man jetzt noch alles zum Teufel gehen lassen kцnnte. ,,Mein Vater hat uns Englдndern oft diesen Vorwurf gemacht: Wir gewinnen etwas mit Blut und SchweiЯ ­ und danach wird es uns gleichgьltig.« Mit einer Handbewegung umfaЯte er den ganzen Hafen. »Nur zwei Fregatten mehr, und die Spanier hдtten es nie gewagt, die Hand nach dieser Insel auszustrecken. Und die Franzosen hдtten sich anderswo nach einem fetten Brocken umgesehen.« »Aber wenn Ihre Lordschaften darauf bestehen, daЯ die Insel doch noch ьbergeben wird, Onkel?« »Die spanische Gier muЯ sie vom Wert San Felipes ьberzeugt haben. Wenn nicht, habe ich hier versagt.« Mit spontaner Wдrme ergriff 210
Bolitho Adams Arm. »Trotzdem war es nicht recht, wie ich mich deiner bedient habe. Ich wuЯte, daЯ Chase dir vertrauen, dir erzдhlen wьrde, was ich unbedingt wissen muЯte. Aber das Ergebnis war, daЯ dir die Gelegenheit genommen wurde, seine Nichte fьr dich zu gewinnen. Das werde ich mir immer vorwerfen.« Adam machte eine Bewegung und spьrte wieder die Brandwunde auf der Schulter; er lдchelte bedauernd. »Trotzdem wдren wir beinahe zu spдt gekommen, Onkel.« Beider Blicke wanderten zu den verkohlten Ьberresten hinьber, die im flachen Wasser vor dem Ufer lagen. Reihenweise saЯen Seevцgel auf den geschwдrzten Spanten des Branders, und ьber die Stelle, wo Tyrrell seine Brigantine zu ihrer aller Rettung geopfert hatte, wuchs Seetang. Zцgernd meinte Adam: »Wenigstens habe ich Vaters Haus gesehen.« Bolitho sah ihn an und war froh, daЯ er es ohne Eifersucht auf den Bruder tun konnte. Wie geistesabwesend fuhr Adam fort: »Ich habe ihr gesagt, daЯ ich eines Tages zurьckkommen werde.« »Vielleicht kцnnen wir gemeinsam zurьckkehren. Und dann fьhrst du mich zu Hughs altem Haus, ja?« Sie tauschten einen Blick des Einverstдndnisses. Es war, als sei Hugh bei ihnen, aber jetzt ohne die alte Drohung und Feindseligkeit. Wie die Insel. Bolitho zuckte zusammen, als er sah, daЯ Allday unten schwankte; er hatte die Querreling losgelassen und sich zu ihnen umgedreht. Nun sah er zum Hьttendeck auf und grinste. Er war sich ihrer Gegenwart die ganze Zeit bewuЯt gewesen, begriff Bolitho. Laut sagte er: »Ohne Allday.:.« Er muЯte den Satz nicht vollenden, Adam verstand ihn auch so. Der Fдhnrich der Wache kam die Leiter heraufgepoltert und griff grьЯend zum Hut. Bolitho wandte sich ihm zu. »Na, Mr. Ferrier, wo llen Sie mir dieses fremde Segel melden?« Der junge Mann errцtete, seine sorgsam zurechtgelegten Worte waren vergessen. »Ich ­ дh ­ Empfehlung des Kommandanten, Sir, und von Osten nдhert sich eine Kurierbrigg.« Bolitho nickte. »Danke. Es ist schon eine Weile her, seit ich den 211
>Luxus< der Fдhnrichsmesse genieЯen durfte, aber ein Flaggensignal kann ich immer noch lesen.« Adam rief aus: »Du hast es gewuЯt? Und hast mit mir geplaudert, als sei die Brigg und die Nachricht, die sie uns bringt, von keinerlei Bedeutung?« Der Fдhnrich meldete sich ab, blieb aber unterwegs bei zwei Freunden stehen, um mit ihnen zu sprechen. Bis heute abend wьrde der Vorfall, um einiges ausgeschmьckt, im ganzen Schiff bekannt sein, dachte Bolitho. Ferrier war der дlteste Fдhnrich an Bord, und die Ankunft der Brigg war auch fьr ihn entscheidend; wahrscheinlich brachte sie ihm die Kommandierung zur Offiziersprьfung in der Heimat ­ fьr einen jungen Menschen Grund genug zur Freude. Bolitho trat an die Reling und musterte die oberen Decks. Auf der Back, den Seitendecks und in der Takelage, ьberall waren Mдnner bei der Arbeit, aber ihre Blicke schweiften immer wieder zur Hafeneinfahrt, und Bolitho konnte ihre Gedanken leicht erraten. Zunдchst waren sie froh gewesen, England und ihre demьtigende Arbeitslosigkeit hinter sich zu lassen; aber nun wьrden sie nach allem, was sie gemeinsam erlebt und bewдltigt hatten, nur zu gern in die Heimat zurьckkehren. Auch Bolitho dachte an Falmouth, an seine neugeborene Tochter. Welchen Namen Belinda wohl fьr sie ausgesucht hatte? Er sagte: »Ich gehe unter Deck. Der Offizier der Wache soll die Mannschaft tьchtig beschдftigen. Ich will keine langen Gesichter sehen, wenn die Nachrichten enttдuschend sind.« Adam trat zurьck und tippte grьЯend an den Hut. Vergeblich ve rsuchte er zu erraten, was seines Onkels nдchster Schachzug sein wь rde. Als Bolitho seine Kajьte betrat, stellte er zu seiner Ьberraschung fest, daЯ Allday den Dienst wieder aufgenommen hatte; eifrig polierte er den alten Familiensдbel. »Du sollst dich ausruhen, Mann! Wirst du denn, verdammt noch mal, nie tun, was dir gesagt wird?« Aber diesmal blieb seine scheinbare Verдrgerung ohne jede Wirkung. Allday rieb noch einmal mit dem Tuch ьber die Klinge, dann blickte er zu Bolitho auf. 212
»Der Arzt sagt, daЯ ich mich nie mehr ganz erholen werde, Sir.« Bolitho schritt zu den offenen Heckfenstern. Das war es also. Eigentlich hдtte er es voraussehen mьssen. Allday ging nach wie vor leicht gekrьmmt, als hindere ihn die tiefe Wunde daran, sich aufzurichten. Leise fuhr Allday fort: »Fьr einen Admiral wдre ich ein trauriger Bootsfьhrer, deshalb wollte ich...« Bolitho unterbrach ihn. »Niemand, den ich kenne, hat sich das bequeme Leben an Land so ehrlich verdient wie du. In Falmouth wartet Arbeit auf dich, aber das weiЯt du lдngst.« »Ja, und ich danke Ihnen dafьr, Sir. Aber das allein ist es nicht.« Allday sah auf den Sдbel nieder. »Sie brauchen mich nicht mehr. Nicht dafьr.« Bolitho nahm ihm den Sдbel aus den Hдnden und legte ihn auf den Tisch. »Wofьr? BloЯ weil du im Moment etwas wacklig auf den Beinen bist? Glaub mir, binnen kurzem bist du wieder der alte rebellische Haudegen.« Er legte ihm die Hand auf die Schulter. »Ich werde nie ohne dich segeln, es sei denn, du willst nicht mitkommen. Mein Wort darauf.« Allday stand auf und unterdrьckte eine Grimasse, als ihn ein stechender Schmerz durchfuhr. »Dann ist das also geregelt, Sir.« Schleppenden Schrittes verlieЯ er die Kajьte. Alldays Entschlossenheit und Stolz waren ungebrochen, dachte Bolitho traurig. Und er lebte, das war die Hauptsache. Spдter am Tag, als sich die Sonne schon der glatten See zuneigte, trat Bolitho in die Offiziersmesse; nach der Gerдumigkeit seiner Kajьte und der Keens kam sie ihm eng und ьberfьllt vor. Steif machte Quantock Meldung: »Alle Offiziere und Decksoffiziere wie befohlen zugegen, Sir.« Bolitho nickte. Quantock war ein kalter Fisch, den auch das Gefecht nicht menschlicher gemacht hatte. Als Adam die Tьr hinter ihm geschlossen hatte, sagte der Vizeadmiral: »Bitte, nehmen Sie Platz, meine Herren, und Dank fьr die Einladung.« Der alte Brauch amьsierte ihn immer wieder. In der Offiziersmesse war jeder Vorgesetzte, sogar Keen, lediglich ein geduldeter Gast. Aber hatte man wirklich jemals einem Vorgesetzten den Eintritt verwehrt? fragte er sich. 213
Er musterte die erwartungsvollen Gesichter. Sonnengebrдunt und zuverlдssig. Selbst die Kadetten und Fдhnriche, die sich ganz achtern um den Ruderschaft drдngten, machten den Eindruck von Mдnnern, nicht mehr von Jungen. Die Leutnants und die beiden Anfьhrer der Marinesoldaten, der mцnchshafte Segelmaster Knocker und der Schiffsarzt Tuson ­ er hatte sie kennen und verstehen gelernt, seit seine Flagge im Vortopp gehiЯt worden war. Bolitho begann: »Sie wissen inzwischen, daЯ die Kurierbrigg aus England auch Depeschen fьr uns an Bord hatte. Ihre Lordschaften haben sich mit den Berichten aus San Felipe eingehend beschдftigt und sind sich der wichtigen Rolle bewuЯt, die Ihrem Einsatz bei dieser schwierigen Mission zukommt.« Er sah, wie Mountsteven seinen Freund, den Sechsten Offizier, anstieЯ. »Weiterhin hat man mich unterrichtet, daЯ Frankreichs Einmischung im Mittelmeer und der Druck, den es auf die Regierung Seiner Majestдt wegen der Evakuierung Maltas ausьbt ­ einer Vereinbarung in eben jenem Vertrag, der uns zur Ьbergabe dieser Insel hier zwang ­, daЯ all dies weitere Verhandlungen verhindert. Als unmittelbare Folge daraus werden alle franzцsischen und hollдndischen Kolonien, in deren Rьckgabe wir eingewilligt hatten, in britischem Besitz bleiben. Und das, meine Herren, gilt natьrlich auch fьr San Felipe.« Bolitho konnte es immer noch nicht ganz glauben. Es fiel schwer, hinter den abgewogenen Formulierungen der Depeschen die komplizierten Verhandlungen zu sehen, die ьberall in Europa stattgefunden hatten, wдhrend die Crew von Achates um ihr Ьberleben kдmpfte. Bonaparte, jetzt auf Lebenszeit zum Konsul ernannt, hatte Piemont und Elba annektiert und machte keinen Hehl aus seiner Absicht, Malta wieder in Besitz zu nehmen, sobald England dort seine Flagge zugunsten einer scheinbaren Unabhдngigkeit der Insel gestrichen hatte. Mit dem Begreifen ging eine Welle der Erregung durch die Messe. Das war das Ende des Friedens von Amiens, dachte Bolitho. Er hatte kaum so lange gewдhrt, wie die Unterschriften zum Trocknen brauchten. Er fuhr fort: »Wir haben Befehl, auf San Felipe zu bleiben, bis entsprechende Streitkrдfte aus Antigua und Jamaika eintreffen, um die Inselgarnison zu verstдrken.« Und in Keens Richtung, der den Blick 214
abwandte, weil er offenbar ahnte, was nun kam: »Der augenblickliche Gouverneur wird so schnell wie mцglich abgelцst. Sir Humphrey Rivers kehrt nach England zurьck, um sich vor Gericht wegen Hochverrats zu verantworten.« Es bereitete Bolitho keine Genugtuung, sich vorzustellen, wie Rivers nach seinem Leben in Luxus und Reichtum die Heimkehr auf einem Kriegsschiff schmecken wьrde, dem ersten halbwegs geeigneten, das die Insel Richtung England verlieЯ. Und nach dieser unerwarteten politischen Entwicklung erwartete ihn wahrscheinlich der Strick des Henkers. Bolitho blickte von einem Gesicht zum anderen und schloЯ: »Sie alle haben sich дuЯerst tapfer geschlagen, und ich mцchte Sie bitten, auch der Mannschaft meinen Dank zu ьbermitteln.« Keen sah Bolitho zum erstenmal seit langem lдcheln. »Und wenn alles geregelt ist«, setzte ihr Vizeadmiral hinzu, »fahren wir heim.« Das brachte sie auf die Beine; sie lachten und schrien durcheinander wie Schuljungen. Keen hielt die Tьr auf, damit sich Bolitho unauffдllig zurьckziehen konnte. Er hatte zwei Briefe von Belinda erhalten und nun endlich Zeit, sie in Ruhe noch einmal von Anfang bis Ende zu lesen. Als Keen und Adam ihm die Treppe hinauf folgten, fragte der Kommandant: »Bedeutet das Krieg, Sir?« Bolitho dachte an die jungen, jubelnden Gesichter, die er gerade verlassen hatte, und auch an Quantocks sдuerliche MiЯbilligung. »Fьr mich gibt es daran kaum noch Zweifel, Val«, antwortete er. Keen sah sich im Halbdunkel um, als mьsse er sein Schiff sogleich gefechtsklar machen. »Herr im Himmel, Sir, wir haben uns vom letzten noch kaum erholt!« Als sich Bolitho der rotuniformierten Wache vor seiner Kajьte zuwandte, hцrte er Alldays neuerdings so schleppenden Schritt hinter der Tьr. »Manche werden sich nie mehr erholen«, sagte er. »Fьr sie ist es zu spдt.« Keen seufzte und sagte zu Adam: »Kommen Sie mit, Mr. Bolitho, wir trinken einen Schluck. Zweifellos werden Sie ein eigenes Schiff befehligen, wenn es zum Krieg kommt.« Er lдchelte schief. »Erst dann werden Sie merken, wie hart das Leben sein kann.« 215
In seiner groЯen Achterkajьte machte Bolitho es sich bequem und entfaltete den ersten Brief. Es ging heimwдrts. Seine Leute wдren ьberrascht gewesen zu hцren, daЯ diese Worte fьr ihren Vizeadmiral genausoviel bedeuteten wie fьr sie selbst. Und dann glaubte er, ihre sanfte Stimme aus den Zeilen sprechen zu hцren, als er las: Mein geliebter Richard... »Sorgen Sie dafьr, Yovell, daЯ diese Briefe mit den anderen an Bord der Kurierbrigg gebracht werden.« Bolitho lauschte dem Knarren der Taljen, das durchs Oberlicht hereindrang, dem Getrappel vieler FьЯe, als wiede r ein Netz mit frischem Proviant ьber das Schanzkleid gehievt wurde. Nach dem monatelangen Warten fiel es immer noch schwer zu glauben, daЯ der Augenblick des Aufbruchs fьr sie gekommen war. Obwohl sie wirklich keine Zeit zur MuЯe gefunden hatten. Eine schnittige Fregatte und zwei Mцrserboote lagen nun unterhalb der Batterie vor Anker, und ein groЯer Truppentransporter hatte die versprochene Verstдrkung fьr die Garnison gebracht. Bolitho muЯte lдcheln, als ihm einfiel, wie Lemoine seine Ablцsung durch einen Obersten kommentiert hatte. »Und dabei habe ich gerade Geschmack an der Macht gefunden«, hatte der Leutnant gesagt. Bolitho hцrte Alldays Schritt in der Pantry und blickte auf, um ihn zu begrьЯen. Allday hatte groЯe Fortschritte gemacht und sogar wi eder etwas Farbe gewonnen, aber er konnte die Schultern immer noch nicht gerade halten, und der blaue Rock mit den Goldknцpfen hing lose um seine mдchtige Gestalt. Seit seiner Verwundung muЯten jetzt sechs Monate vergangen sein und drei seit der Ankunft des Kurierschiffs mit den Anweisungen der Admiralitдt, die das Schicksal der Insel endgьltig regelten. Bolitho sagte: »Wenn wir England erreichen, wird es dort Frьhling sein. Ein volles Jahr ist seit unserem Auslaufen vergangen.« Dabei beobachtete er Alldays Gesicht, aber der zuckte nur mit den Schultern und antwortete: »Wahrscheinlich hat sich die ganze Aufregung bis dahin wieder gelegt, Sir.« »Kann sein.« 216
Allday grьbelte also immer noch, fьrchtete das Land mehr als die Gefahren auf See. Einem alten Seemann ging es da nicht anders als seinem Schiff: sobald es unnьtz festlag und nicht mehr gebraucht wurde, war es zum Verfall verurteilt. Bootsmannspfeifen schrillten an Deck oben und Befehle wurden gebrьllt, wдhrend die Seitenwache an der Pforte aufzog. Bolitho erhob sich und lieЯ sich von Ozzard seinen Paraderock bringen. Mit der Fregatte war auch der neue Gouverneur fьr San Felipe eingetroffen, ein schmдchtiger Mann mit einem Vogelgesicht, der im Vergleich zu Rivers farblos wirkte. Und er brachte die Anweisung mit, daЯ Rivers auf Achates nach England zurьckgeschafft werden sollte. Pech fьr uns beide, dachte Bolitho. Oder wie Keen bemerkt hatte: »Hцlle und Teufel, warum ausgerechnet wir? Die Pest ьber diesen Mann!« Ozzard klopfte an dem goldbetreЯten Uniformrock herum und musterte die Goldepauletten mit sachkundigem Interesse. Dann griff er nach dem Prunksдbel an der Wand, lieЯ aber die Hдnde sinken, als Bolitho schnell den Kopf schьttelte. Er wartete darauf, daЯ Allday die alte Familienwaffe von ihrem Platz nahm und ihm an den Gьrtel schnallte, wie immer. Bolitho hatte Belinda von Alldays Mut geschrieben und auch den Preis erwдhnt, den er dafьr hatte zahlen mьssen. Sie wьrde besser als jeder andere wissen, was jetzt zu tun war. Mit einem schnellen Kurier muЯten seine Briefe lange vor Achates in England sein. »Danke. Ich gehe und begrьЯe unseren ­ an ­ Gast.« Allday begleitete ihn an Deck, wo Bolitho Rivers an der Eingangspforte warten sah, flankiert von seiner Eskorte. Er trug Handschellen, und Leutnant Lemoine beeilte sich zu erklдren: »Befehl des Obersten, Sir.« Bolitho nickte unbeeindruckt. »An Bord befindet sich Sir Humphrey in meinem Gewahrsam, Mr. Lemoine. Und ich wьnsche nicht, ihn in Eisen zu sehen.« Die ьberraschte, fast erschreckte Dankbarkeit in Rivers' Blick blieb ihm nicht verborgen. Dann sah er seine Augen zum Vormasttopp schweifen, wo die Flagge in der frischen Brise auswehte. Da er selbst Vizeadmiral gewesen war, suchte er diesen Anblick wohl bis zuletzt auszukosten. 217
»Meinen Dank dafьr, Bolitho.« Bolitho sah Keen im Hintergrund die Stirn runzeln. »Das ist aber auch alles, obgleich das mindeste, was ich fьr Sie tun kann.« Rivers blickte hinьber zur Stadt, an deren UferstraЯe sich eine Me nschenansammlung eingefunden hatte, um ihn abreisen zu sehen. Kein Jubel, aber auch keine Schmдhrufe. Typisch fьr die Insel, dachte Bolitho, mit ihrer stьrmischen Vergangenheit und Ungewissen Zukunft. Aber was kьmmerte es ihn? Warum sollte er den Mann bedauern, diesen Verrдter und Piraten, dessen selbstsьchtige Gier so viele Me nschenleben gefordert hatte? Rivers hatte zwei Sцhne, die in London lebten und ihm schon einen tьchtigen Verteidiger fьr seinen ProzeЯ besorgen wьrden. Vielleicht konnte er sich sogar noch einmal herausreden. Die im Kriegsfall so wertvolle Wehrhaftigkeit der Insel ging schlieЯlich zum groЯen Teil auf ihn zurьck, auch wenn seine Motive dabei anderer Art gewesen waren. Bolitho muЯte sich eingestehen, daЯ die Hauptschuld bei den allmдchtigen Herren in London lag, die es zugelassen hatten, daЯ Rivers seine Macht zum eigenen Vorteil immer weiter ausbaute. Keen sah Rivers nach, der nach unten gefьhrt wurde, und murrte: »Ich hдtte ihn in die Arrestzelle gesteckt.« Bolitho lдchelte. »Wenn Sie jemals in Gefangenschaft geraten, Val, was hoffentlich niemals geschehen wird, dann werden Sie mich ve rstehen.« Ungerьhrt grinste Keen. »Aber bis dahin, Sir, kann ich ihn nicht ausstehen.« Fдhnrich Ferrier trat heran, grьЯte und meldete Keen: »Mr. Tyrrell ist an Bord gekommen, Sir.« Bolitho wandte sich um. Tyrrell hatte sich seit dem Verlust seiner Vivid ьberwiegend an Land aufgehalten, wohl um ­ wie Bolitho vermutete ­ nicht darьber sprechen zu mьssen. Oder hatte er, ­ unabhдngig wie immer, sich einen Platz auf einem anderen Schiff gesucht? Nun muЯte er gehцrt haben, daЯ Achates bald auslaufen wьrde. SchlieЯlich war das ein offenes Geheimnis auf der Insel. Wenn Achates erst den Ozean ьberquert hatte, wьrde es auf San Felipe einige neugeborene Kinder geben, hell- oder dunkelhдutige. Es stimmt Bolitho froh, die Abschiedsrufe zu hцren, die zwischen den Booten und dem Kai gewechselt wurden. Achates hatte ьber die Toppen geflaggt 218
und war bis zum Rand voll frischer Frьchte und Geschenke, ьberreicht von der Inselbevцlkerung, die das Schiff einst so gehaЯt und gefьrchtet hatte. Tyrrells wettergegerbter Kopf erschien auf der Leiter zum Achterdeck, und Bolitho ging ihm entgegen. »Will mich nur schnell verabschieden, Dick. Von Ihnen und dem Junior. Wenn ich ihn das nдchste Mal sehe, ist er bestimmt Kapitдn.« Wie Allday tat sich auch Tyrrell schwer; er wьrde im nдchsten Augenblick auf seinem verhaЯten Holzstumpf schleunigst das Weite suchen. Bolitho dachte ьber die rechten Worte nach, denn er wuЯte, daЯ Tyrrell jede wohlgesetzte Rede als Beweis fьr Mitleid, ja sogar Herablassung auffassen wьrde. »Fahren Sie jetzt nach Hause zurьck, Jethro?« »Hab kein Zuhause, ist alles hin. Das wissen Sie doch, verdammt noch mal!« Aber er beherrschte sich sofort wieder. »Tut mir leid. Unser Wiedersehen hat mich ziemlich aus dem Gleis geworfen.« »Mich auch.« »Tatsдchlich?« MiЯtrauisch starrte Tyrrell ihn an, einer Lьge gewд rtig. »Ich habe mir ьberlegt...« Aus dem Augenwinkel sah er Knocker zum Ersten Offizier hasten, der sich seinerseits an den Kommandanten wandte. Bolitho wuЯte den Grund, auch er hatte den Wechsel der Windrichtung im Gesicht gespьrt, schon als er mit Rivers sprach. Viel half das nicht, aber in dieser wetterwendischen Weltgegend muЯte man aus allem das Beste machen. Doch er untersagte sich den Blick zur Windfahne im Masttopp, weil er sich nicht ablenken lassen wo llte, sondern fuhr fort: »Wie wд r's mit England?« Tyrrell warf den Kopf zurьck und lachte rauh. »Mann Gottes, was sagen Sie da? Was soll ich in England?« Bolitho blickte an ihm vorbei zum Land hinьber. »Ihr Vater stammt aus Bristol, wie ich mich erinnere. Das ist nicht weit von Cornwall, von uns.« Auch Tyrrell war die plцtzliche Aktivitдt an Bord nicht entgangen, er interpretierte sie richtig: ein Schiff vor dem Auslaufen. Aber in die Heimat. Verzweifelt antwortete er: »Ich bin ein Krьppel, Dick, wozu wдre ich schon nьtze?« 219
»Westengland hat eine Menge Schiffe wie die Vivid.« Bolitho sah Keen herankommen. Er konnte nicht lдnger warten. »Jedenfalls mцchte ich, daЯ Sie mitfahren«, sagte er abschlieЯend. Tyrrell blickte sich um, als kцnne er seinen Augen und Ohren nicht mehr trauen. »Aber Hand fьr Koje, darauf bestehe ich.« Bolitho lдchelte. »Dann ist das also abgemacht.« Sie tauschten einen Hдndedruck, wobei Tyrrell versprach: »Bei Gott, Sir, das sollen Sie niemals zu bereuen haben!« Bolitho wandte sich an seinen Flaggkapitдn. »Bringen Sie das Schiff in Fahrt, Val, wenn Sie soweit sind.« Keen drehte sich um und rief: »Alle Boote einsetzen! Beide Wachen an Deck, Mr. Quantock!« Ein letztes Mal blickte er hinьber zu Bolitho und dem Einbeinigen, die an der Querreling standen, und schьttelte den Kopf. Die Toppsgasten enterten behende auf und legten auf den Rahen aus, das Ankerspill wurde bemannt, und bald zeigte Achates dem Land das Heck und glitt langsam seewдrts, auf ihren Anker zu. »Hцren Sie sie, Jethro?« fragte Adam aufgeregt. »Sie jubeln uns zu!« Das Ufer war gesдumt mit Menschen, die Tьcher schwenkten und AbschiedsgrьЯe ьbers Wasser riefen, wдhrend das groЯe Ankerspill das Schiff mit jedem Klicken weiter dem Land entzog. Tyrrell nickte. »Ja, mein Junge, diesmal jubeln sie.« Hauptmann Dewar kam schneidig heranmarschiert und griff schwungvoll grьЯend zu seinem Hut. »Also gut«, sagte Keen, der sich von der allgemeinen Frцhlichkeit anstecken lieЯ, »lassen Sie aufspielen. Das wollten Sie doch gerade vorschlagen, wie?« Bolitho spьrte, daЯ er den Handlauf unnцtig fest umklammerte. Solch einen Abschied hatte er schon ungezдhlte Male erlebt, aber trotzdem war es diesmal anders. »Anker ist kurzstag, Sir!« »Vorsegel los!« Bolitho wandte sich um und sah Allday neben sich stehen. Seine rechte Hand. 220
»An die Brassen!« Mit vorgerecktem Kopf tigerte Quantock an Deck hin und her; im Augenblick jedenfalls war seine Verbitterung ьber den komplizierten Anforderungen seines Handwerks vergessen. »Anker ist frei!« Es war kein schneidiges Manцver unter Vollzeug und mit starker Krдngung, nein, Achates ging langsam und mit der ganzen Wьrde ihrer Jahre durch den Wind, lieЯ die Sonne kurz von ihrer Galionsfigur reflektieren und dann auf den verschalkten Stьckpforten und der frisch gestrichenen Rumpfwцlbung schimmern. »Bramsegel los, aber biЯchen plцtzlich, Mr. Scott! Ihre Leute sind heute lahm wie alte Weiber!« Knallend fьllten sich die Segel mit Wind, bis sie steif wie Bretter standen; mit einer leichten Bugwelle unter ihrem Wasserstag glitt Achates auf die Hafenausfahrt zu. Bolithos Augen hingen an dem schmalen Fahrwasser, das ihm nicht viel breiter vorkam als ein Hoftor. Auch Keen, das sah er mit einem kurzen Seitenblick, muЯte wieder daran denken, wie sie bei vцlliger Dunkelheit hier durchgebrochen waren. »Recht so!« Das war Knockers Stimme. Sogar er schien ungewohnt heiter, als er fortfuhr: »Mr. Tyrrell, Sie kennen sich hier besser aus. Ich wдre Ihnen dankbar fьr Ihren Rat.« Hoch ьber ihnen glitt die Festung vorbei und darunter der leicht ansteigende Feldweg, auf dem der Trommelbube gefallen war und Rivers seinen grцЯten Fehler gemacht hatte. Die Flagge ьber dem alten Turm wurde grьЯend gedippt; auf der zinnenbewehrten Bastion stand eine Reihe rotuniformierter Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten und salutierend gesenkten Fahnen. Die Bramsegel von Achates warfen huschende Schatten auf die Festungsmauern. »So schnell werden die das alte Kдthchen nicht vergessen«, murmelte Allday. Lauschend wandte er sich um, als der kleine Musikzug mit seinen Pfeifern und Trommlern ein munteres Abschiedslied anstimmte. Bolitho sah, daЯ Alldays Hand noch einmal zur Wunde tastete, aber dann zog er sie entschlossen zurьck und legte sie neben seiner auf den Handlauf. Als lasse er mit der Insel auch den Schmerz hinter sich zurьck. 221
XVI Das Geheimnis Bolitho stieg die nassen Planken zur Luvseite hinauf und griff haltsuchend in die Wanten des Besanmasts. Das Schiff schьttelte sich und stampfte schwer in den hohen Seen, die mit ungebrochener Wucht schrдg gegen sein Achterschiff anrannten. Wieder einmal sackte der Bug weg, donnernd stieg die See ьbers Vorschiff ein und schдumte wie ein Wasserfall auf dem oberen Batteriedeck nach achtern, umbrandete die Kanonen und gurgelte schlieЯlich durch die Speigatten auЯenbords ­ bis zum nдchsten Ansturm. Trotz der heftigen Schiffsbewegungen und der unbehaglichen Nдsse hдtte Bolitho jubeln mцgen; ihn erfьllte eine Begeisterung, die er seit seinen Tagen als junger Kommandant nicht mehr gekannt hatte. Das graue Gesicht des Atlantiks ­ wie sehr unterschied es sich doch von den Gewдssern um San Felipe: gefurcht von wilden Seen, deren helle, brechende Kдmme ihn anfletschten wie gelbe, scharfkantige Zдhne, reckte es sich ihm trotzig entgegen. Achates wetterte den unerwarteten Sturm unter Breitfock und gerefften Marssegeln ab und hielt sich bei den rauhen Bedingungen recht tapfer. Trotzdem, in der kurzen Zeit, seit er an Deck gekommen war, hatte Bolitho den Bootsmann und seine Gang losgerissene Beiboote wieder festzurren gesehen, immer im Kampf mit dem ьberkomme nden Wasser, das sie von den FьЯen zu reiЯen drohte; genauso muЯten Kanonen neu gesichert werden oder Mдnner aufentern, um gebrochene Teile des Riggs zu reparieren. Auch Keen hielt sich an Deck auf. Der Sturm zerrte an seinem Цlzeugmantel, als er, ьber den KompaЯ gebeugt, sich schreiend mit dem Master unterhielt. Seit ihrem Auslaufen von San Felipe hatte das Wetter sie stдndig genarrt. Zunдchst war die Brise eingeschlafen, sobald die Insel hinter den Horizont gesunken war. Tagelang hatten sie in der Flaute gedьmpelt, ehe sie wieder Segel setzen und die vielen Seemeilen zurьckgewinnen konnten, die sie verdriftet waren. Jetzt standen sie weit drauЯen im Atlantik und bekamen die andere Seite zu spьren. Trotz der vielen Reparaturen, von denen manche mangels einer Werft nur behelfsmдЯig ausgefьhrt waren, hatte sich 222
das Schiff bisher behauptet. Zum Glьck fьr uns alle, dachte Bolitho grimmig, denn das nдchste Land waren die Bermudas, etwa zweihundert Meilen weiter nordwestlich. Hier kam wieder eine. Bolitho hielt den Atem an, als die See ьbers Luvschanzkleid kochte und ein paar Seeleute wie Treibholz we gschwemmte, ehe sie sich irgendwo festklammern konnten. Er blickte zu den Rahen auf, wo die gerefften Segel im diffusen Licht wie Metallplatten schimmerten. Auf dem Achterdeck paЯten geduckte Schemen den rechten Moment ab, ehe sie von einem Handlauf zum nдchsten sprangen. Einige dieser Gestalten bemerkten den Admiral auf der Luvseite und zweifelten wohl an seinem Verstand, weil er das sturmumtoste Deck seiner ruhigen, trockenen Kajьte vorzog. Das Gesicht tropfnaЯ von Gischt, kam Keen herangewankt. »Mr. Knocker sagt, das kann hцchstens noch einen Tag so bleiben, Sir.« Er duckte sich vor einer Wasserwand, die auf das Achterdeck krachte und ьber die Niedergangsleitern zu beiden Seiten wieder abfloЯ. »Wie wird Sir Humphrey mit all dem fertig?« Keen spдhte zum GroЯmast, wo zwei Mдnner einen Bunsch neuer Leinen klar zum Hochhieven machten, weil an der GroЯmarsrah etwas gebrochen war. Dann entspannte er sich leicht, als er sah, daЯ sie sich rechtzeitig zu den Wanten flьchteten und sich anklammerten, ehe die nдchste ьberkommende See sie von Bord waschen oder gegen eine Kanone schmettern konnte. Schreiend antwortete er: »Prдchtig, Sir. Er schreibt die meiste Zeit.« Bolitho drьckte das Kinn in den Kragen, als Gischt und Spritzwasser von der Hьtte auf ihn herabprasselten. Also bereitete Rivers seine Verteidigung vor. Oder er verfaЯte seinen Letzten Willen. Wahrscheinlich hielt er sich so beschдftigt, um die Meilen zu vergessen, die Achates' zerschrammter Kiel unerbittlich verschlang. Der Wachoffizier hangelte sich Hand ьber Hand an der Querreling heran und rief: »Zeit fьr die erste Kurzwache, Sir!« Keen grinste in den Sturm. »Mein Gott, dabei sieht's eher aus wie Mitternacht.« 223
Bolitho ьberlieЯ ihn sich selbst und tastete sich nach achtern unter die Hьtte, wo es relativ ruhig war; hier dдmpfte massives Eichenholz das Getцse von See und Sturm. Aber in der Kajьte ging der Hexentanz wieder los: Spritzwasser schoЯ durch die verschalkten Fenster in Luv, die Hдngelampen kreiselten wild unter der Decke, und das Mobiliar tat sein Bestes, um sich aus Ozzards Sturmlaschings zu befreien. Der SteWard Erschien in der Tьr zur Pantry und klammerte sich haltsuchend an den Rahmen. Bolitho wollte ihn um ein heiЯes Getrдnk bitten, lieЯ es aber, als er sah, wie grьnlich-blaЯ Ozzards Gesicht war. »Wie geht's Allday?« Ozzard schluckte. »Liegt in seiner Hдngematte und ruht sich aus. Vorher hat er einen groЯen Becher...« Aber allein der Gedanke an Rum war zuviel fьr Ozzard; er drehte sich wьrgend um und floh in die Pantry zurьck. Bolitho ging in seinen Schlafraum und packte das FuЯbrett seiner Koje, in der Allday beinahe gestorben wдre. Dann wartete er ab, bis das Deck sich wieder zu heben begann, und hievte sich voll angekleidet auf sein Lager. Es war ihm verhaЯt, so am Rande des Geschehens bleiben zu mьssen, wenn das Schiff seinen Kampf mit dem naturgegebenen Feind austrug. Sich bei dieser Gelegenheit kaum wichtiger als ein Passagier zu fьhlen, war ein Aspekt seines Admiralsranges, mit dem er sich nur schwer abfand. Trotzdem blieb er angekleidet und lieЯ nur die Schuhe zu Boden poltern. Den Schatten, die in einem makabren Tanz ьber Schotten und Decke huschten, zog er eine Grimasse. Ob nun Passagier oder nicht, wenn das Schiff unterging, sollte die Besatzung ihren Admiral nicht in Unterhosen sehen. Aber in dieser Nacht verausgabte der Sturm seine Kraft; gegen Morgen drehte der Wind, obwohl immer noch sehr stark, nach Sьden, so daЯ Keen mehr Segel setzen lassen konnte und seine Mдnner sich an die Beseitigung der Sturmschдden machten. In den Zwischendecks wurde gepumpt, getrocknet und aufgeklart, und als zum Frьhstьck gepfiffen wurde, stieЯ der Kombьsenschornstein wieder seine ьblichen, fettig schwarzen RuЯwolken aus. Bolitho saЯ am Tisch, trank dampfenden Kaffee und kaute auf dьn- 224
nen Schweinefleischscheiben, die in Zwiebackkrьmeln hellbraun gerцstet waren. Auf See war das eines seiner Lieblingsgerichte, und niemand konnte es besser zubereiten als Ozzard. Trotz des ungьnstigen Wetters und ihrer dadurch bedingten Verzцgerung sollten sie Kap Lizard, die Sьdwestspitze Englands, in vierzehn Tagen in Sicht bekommen. Es ьberraschte ihn selbst, daЯ er sich bei diesem Gedanken so unsicher, so nervцs fьhlte. Voraus lag alles, wonach er sich gesehnt, was er sich erhofft hatte, und trotzdem war ihm zumute wie einem schьchternen Seekadetten. Er erhob sich und trat vor den Spiegel, der ьber seinem Schreibpult hing. SchlieЯlich war er um ein Jahr дlter geworden. Die Strдhne, die ьber sein rechtes Auge fiel und die tiefe Narbe verdeckte, war zwar noch rabenschwarz, aber trotzdem argwцhnte er, daЯ irgendwo graue Haare sein muЯten. Er zuckte die Schultern. Immerhin war er der jьngste Vizeadmiral der britischen Marine ­ wenn man von Old Nel absah, natьrlich. Aber auch das war ihm kein Trost. Er hatte 46 Jahre auf dem Buckel und eine um zehn Jahre jьngere Frau. Angenommen... Fast dankbar fuhr Bolitho herum, als Keens Eintreten ihn aus seinen Gedanken riЯ. »Nehmen Sie sich Kaffee, Val, wenn...« Jetzt fiel ihm Keens grimmige Miene auf, und er fragte: »Probleme?« Keen nickte. »Der Ausguck hat Wrackteile gesichtet, Sir, in Nordost«, berichtete er. »Wahrscheinlich ein Opfer des letzten Sturms.« »Mцglich.« Bolitho schlьpfte in seinen ausgeblichenen Dienstrock. »Doch nicht die Kurierbrigg, die vor uns ausgelaufen ist?« »Nein, Sir. So weit kцnnte sie nicht getrieben sein.« Gespannt beobachtete Keen seinen Admiral. »Wenn wir ьber Stag gehen, um die Wrackteile zu untersuchen, verlieren wir wertvolle Zeit, Sir.« Bolitho biЯ sich auf die Lippen. Er hatte schon einmal ein treibendes Boot gefunden, in dem nur noch ein Mann am Leben gewesen war, umgeben von lauter Leichen. Auch dachte er an den kleinen Evans in seinem Kutter, mit Ve rwundeten und Toten als Bordkameraden. Wie fьhlte man sich als letzter Ьberlebender? Er sagte: »Es gibt immer noch eine Hoffnung, Val. Дndern Sie Kurs und lassen Sie ein Boot aussetzen, wenn wir nahe genug sind.« 225
Eine Stunde spдter, als Achates unter verringerter Segelflдche unruhig hoch am Wind lag, pullte das groЯe Seitenboot hastig auf die Stelle zu, wo ein Teppich dunkler Wrackteile im Wasser trieb. Bolitho stand mit einem Teleskop auf dem Hьttendeck und studierte die klдglichen Ьberreste, auf die Achates' Bugspriet zeigte. Ein groЯes Schiff konnte es nicht gewesen sein, ьberlegte er. Wahrscheinlich hatte eine von achtern kommende Monstersee sein ungeschьtztes Heck so unter Wassermassen begraben, daЯ es sich nicht mehr aufrichten konnte. Keen lieЯ sein Glas sinken. »Dort ist ein Boot, Sir!« Bolitho schwenkte sein Fernrohr in die angezeigte Richtung und starrte zu dem halb ьberspьlten, mit Schlagseite im Wasser liegenden Ding hinьber, das einst eine Barkasse gewesen war. »Mit Ьberlebenden«, rief Keen. »Zwe i jedenfalls.« Leutnant Scott, der Achates' Seitenboot befehligte, trieb seine Rudergдnger bereits zu noch grцЯerer Anstrengung an; auch er hatte die Schiffbrьchigen gesichtet. Bolitho hцrte Tyrrells Holzbein auf den Planken hinter sich und fragte: »Was halten Sie davon, Jethro?« Tyrrell muЯte keinen Augenblick ьberlegen. »Das ist ein Franzose. Oder war jedenfalls einer.« Keen richtete sein Glas aus und sagte erregt: »Sie haben recht! Und auЯerdem war's kein Handelsschiff.« Bolitho sah den Arzt Tuson mit seinen Gehilfen an der Eingangspforte warten, wo ein Flaschenzug aufgeriggt worden war, mit dem die Schiffbrьchigen an Bord gehievt werden sollten. »Wer spricht von uns am besten franzцsisch?« fragte er. Keen zцgerte keinen Augenblick. »Mr. Mansel, der Zahlmeister. Er war vor dem Krieg Weinhдndler.« Bolitho muЯte lдcheln. Er hatte es anders im Gedдchtnis, nдmlich daЯ Mansel Schmuggler gewesen war. »Gut, er soll sich bereithalten. Vielleicht erfahren wir, was hier passiert ist.« Insgesamt retteten sie zehn Ьberlebende. Der wilde Seegang hatte sie so lange geschunden und herumgestoЯen, daЯ sie ­ fast blind und halb bewuЯtlos ­ so weit von Land schon jede Hoffnung auf Rettung aufgegeben hatten. Ihr Schiff war die Brigg La Prudente gewesen, 226
unterwegs von Lorient in Richtung Martinique. Eine See hatte ihren Kommandanten ьber Bord gerissen; der Erste hatte es zwar noch geschafft, ein Boot auszusetzen, war aber dann von einem herabstьrze nden Wrackteil erschlagen worden. Der Tote lag noch im Boot, sein Gesicht leuchtete gespenstisch weiЯ aus dem Wasser, das schon fast bis zum Dollbord stand. Der Bootsmann rief: »Soll ich es treiben lassen, Sir?« Aber Leutnant Scott griff nach einem Bootshaken und zog den toten Leutnant heran. Die Schiffbrьchigen mochten zu benommen und erschцpft gewesen sein, als daЯ sie ihren toten Offizier hдtten ьber Bord werfen kцnnen. Bolitho sah zu, wie man sie nun zu einem Niedergang trug oder geleitete; sie schienen immer noch nicht zu begreifen, was mit ihnen geschah. Keen meldete: »Mr. Scott hat etwas gefunden, Sir.« Der tote Leutnant wurde gerade ьber das Schanzkleid gehievt, Wasser floЯ ihm aus Mund und Uniform, als er wie ein Gehenkter am Galgen pendelte, bis er auf das Seitendeck niedersank. Scott kam nach achtern gelaufen und griff salutierend zum Hut. »Dies hier hatte er um seine Taille gebunden, Sir. Ich konnte es sehen, als das Boot rollte.« Bolitho sah Keen an und kam sich vor wie ein Leichenfledderer. Arme und Beine gespreizt, lag der franzцsische Leutnant auf dem Deck, das eine Augenlid halb geцffnet, als sei ihm das Licht zu hell. Black Joe Langtry, der Schiffsprofos, breitete ein Stьck Segeltuch ьber den Leichnam, zog ihm aber vorher noch eine Pistole aus dem Gьrtel. Keen sah die Adresse des Umschlags. »Wie vermutet: von Lorient nach Martinique«, sagte er. Bolitho nickte. Er brauchte einige Zeit, bis er den dicken Leinenumschlag aufgerissen und die eindrucksvollen, scharlachroten Siegel erbrochen hatte. Dann reichte er den Inhalt an Mansel weiter. Die Lippen des Zahlmeisters bewegten sich, wдhrend er die gewдhlten Wendungen der Depesche las, die an den kommandierenden Admiral der westindischen Flotte in Fort de France gerichtet war. Kein Wunder, daЯ der Leutnant den Brief unter allen Umstдnden hatte retten wollen. 227
Unter den beobachtenden Blicken wurde es dem Zahlmeister unbehaglich; er blickte auf und sagte: »Soweit ich es verstehe, Sir, steht hier, daЯ sofort nach Empfang dieser Depesche die Feindseligkeiten gegen England und seine ьberseeischen Besitzungen wieder aufzunehmen sind.« Keen starrte Bolitho an. »Allein das reicht schon vцllig!« Bolitho beobachtete, wie das Seitenboot zum Anbordhieven in die Taljen gehдngt wurde. Er brauchte Zeit zum Nachdenken, wollte Glьck, Zufall und einen beilдufigen Akt der Menschlichkeit gegeneinander abwдgen. SchlieЯlich sagte er: »Diesmal hat uns der Sturm einen Gefallen getan, Val.« Keen sah zu, wie Bolitho eine Handvoll Pistolenkugeln aus dem Briefumschlag schьttelte: Ballast, der ihn eher auf den Meeresgrund sinken als in falsche Hдnde geraten lassen sollte. Aber der Leutnant war zu schnell gestorben und seine Crew zu ahnungslos oder zu furchtsam gewesen. Keen sagte: »Jetzt handelt es sich also nicht mehr nur um eine Dr ohung. Wir haben tatsдchlich Krieg.« Bolitho lдchelte nachdenklich. »Zumindest wissen wir es frьher als andere; das ist immer von Vorteil.« Mit neu getrimmten Rahen und hartgelegtem Ruder wandte Achates ihren Bugspriet von den treibenden Wrackteilen und dem voll Wasser gelaufenen Boot ab, das binnen kurzem sinken muЯte. Nach SonnenunterGang Wurde der franzцsische Leutnant mit allen Ehren der See ьbergeben. Bolitho wohnte der Bestattung mit Adam und Allday bei und hцrte Keen ein Gebet sprechen, ehe der Tote von der Grдting rutschte und im Kielwasser versank. Der nдchste Franzose, den sie trafen, wьrde nicht so friedlich sein, dachte Bolitho. »Also, Sir Humphrey, wie ich hцrte, wollen Sie mich sprechen.« Bolitho lieЯ sich nichts anmerken, war aber entsetzt ьber den Wan- del in Rivers' Aussehen und Benehmen. Er wirkte um zehn Jahre gealtert und hielt sich gebeugt wie unter einer schweren Last. Er schien ьberrascht, als Bolitho ihn zu einem Sessel winkte, lieЯ sich aber dankbar hineinsinken und blickte sich gierig in der Kajьte um. 228
SchlieЯlich sagte er: »Ich habe alles, was ich weiЯ, ьber die Verschwцrung niedergeschrieben, die zur Ьbernahme meiner...« Er verhedderte sich. »Zur Ьbernahme von San Felipe durch die Spanier fьhren sollte. Konteradmiral Burgas, der das Geschwader in La Guaira kommandiert, sollte die Insel regieren, bis das Besitzrecht Spaniens endgьltig anerkannt war.« »WuЯten Sie, daЯ die spanische Mission als Tarnung fьr die Invasionsflotte diente?« »Nein. Ich vertraute dem spanischen Oberbefehlshaber. Er versprach mir eine Ausweitung des Handels mit dem sьdamerikanischen Festland. Mir schien das alles nur vorteilhaft.« Bolitho nahm die Aufzeichnungen entgegen und ьberflog sie nachdenklich. »Das kцnnte fьr Ihre Verteidigung in London von Nutzen sein, obwohl...« Rivers hob die Schultern. »Obwohl. Ich verstehe.« Dann sah er Bolitho direkt an und fragte: »Wenn Sie zur Zeit meines Prozesses in England sind, wьrden Sie dann fьr mich aussagen?« Bolitho konnte ihn nur anstarren. »Da verlangen Sie aber allerhand von mir. Nach dem Angriff auf mein Schiff und meine Mдnner...« Aber Rivers lieЯ sich nicht beirren. »Sie sind Frontoffizier. Fьr mein Verhalten suche ich keine Entschuldigung, sondern Verstдndnis. Sie begriffen, was ich beabsichtigte: die Insel fьr England zu erhalten. Genau das, was durch Ihr Verdienst jetzt auch geschah.« Als Bolitho nur schwieg, fuhr Rivers fort: »SchlieЯlich ­ hдtten die Spanier den Angriff noch vor Ihrem Eintreffen begonnen, wдre vielleicht meinen AbwehrmaЯnahmen der Erfolg zu verdanken gewesen. Dann sдhe mich alle Welt jetzt in ganz anderem Licht.« Bolitho musterte ihn mitfьhlend. »Aber der spanische Angriff kam spдter. Sie wissen doch aus Erfahrung, Sir Humphrey, wie es dem Kommandanten ergeht, der ein feindliches Schiff versenkt oder erobert ­ eben ein Schiff, das er fьr feindlich hдlt ­ und dann im Hafen erfдhrt, daЯ ihrer beider Lдnder lдngst Frieden geschlossen haben. Der Kommandant konnte das unmцglich wissen, und doch...« Rivers nickte. »Und doch ist er der Schuldige.« Er erhob sich. »Ich mцchte jetzt in meine Zelle zurьckkehren.« Auch Bolitho stand auf. »Ich muЯ Ihnen mitteilen, daЯ wir noch in 229
dieser Woche England erreichen werden. Danach liegt Ihr Schicksal nicht mehr in meiner Hand.« »Verstehe. Danke.« Rivers ging zur Tьr, vor der zwei Seesoldaten ihn erwarteten. Adam, der Zeuge des kurzen Gesprдchs gewesen war, ergriff jetzt das Wort. »Mir tut er nicht leid, Onkel.« Bolitho fuhr sich ьber die Stirn und betastete die Narbe unter der Haarstrдhne. »Jemanden zu verurteilen, ist nur allzu leicht, Adam.« Aber sein Adjutant grinste. »Wenn du Gouverneur der Insel gewesen wдrst, hдttest du dich dann so verhalten wie Rivers?« Als er Bolithos Verwirrung sah, nickte er. »Na bitte, da hast du's.« Bolitho setzte sich. »Frechdachs. Allday hatte ganz recht, was dich betrifft.« Adam war plцtzlich ernst geworden, »Ich bin sehr froh, daЯ ich dein Flaggleutnant werden durfte, Onkel. Die vielen Monate an deiner Seite haben mich eine Menge gelehrt. Ьber dich, aber auch ьber mich selbst.« Wehmьtig sah er sich in der Kajьte um. »Diese Freiheit werde ich schmerzlich vermissen.« Bolitho war gerьhrt. »Mir geht es genauso. Man hat mich vor dir gewarnt. Zu nahestehend fьr einen Adjutanten, sagte Oliver Browne. Vielleicht hatte er in gewisser Beziehung sogar recht, aber wenn wir erst in Falmouth sind, wird...« Beide blickten zum Oberlicht auf, weil drauЯen die Stimme des Ausguckpostens erklang: »An Deck! Segel in Sьdost!« Bolitho starrte das Viereck blauen Himmels an und spьrte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte, sein Mund trocken wurde. Er fьhlte sich wie ein Jдger, der in einem Augenblick der Unachtsamkeit ertappt wurde. Schnell trat er zum Tisch mit der Seekarte und studierte sie, folgte den sauberen Kursberechnungen, der zielstrebigen Kurslinie mit den Blicken bis zur Kьste von Cornwall. Unwahrscheinlich, daЯ ein Handelsschiff jetzt, da gerade ein neuer Krieg ausgebrochen war, von England oder Frankreich nach Ьbersee auslaufen wьrde. Es dauerte immer einige Zeit, ehe die neuen Spielregeln festgelegt und dann miЯachtet wurden. »Ich gehe an Deck.« DrauЯen empfing ihn warmer Sonnenschein. Die See war bewegt 230
mit weiЯen Kдmmen, der Wind kam immer noch stetig aus Sьd, so daЯ Achates mit vollgebraЯten Rahen ьber Backbordbug segelte. Die Mдnner standen in Gruppen herum oder starrten zum Krдhennest hinauf. Keen rief den Ausguck an: »Was fьr ein Schiff?« »Kriegsschiff, Sir!« Ungeduldig gestikulierte der Kommandant. »Entern Sie mit Ihrem Glas auf, Mr. Mountsteven, der Mann da oben ist ein Narr!« Da gewahrte er Bolitho und grьЯte. »Entschuldigen Sie, Sir.« Bolitho lieЯ den Blick ьber die noch leere See schweifen und spьrte so etwas wie eine schlimme Vorahnung. Aber weshalb? Machte es einen solchen Unterschied, daЯ sie kurz vor der Heimat standen? Keen informierte ihn: »Scheint aus Sьdost zu kommen und ist schon zu weit drauЯen fьr einen Zielhafen in der Biskaya.« Mountsteven hatte seinen luftigen Platz neben dem Ausguckposten erreicht. Er rief hinunter an Deck: »Sieht aus wie `ne verdammte Fregatte, Sir. Franzose, wьrde ich sagen.« Bolitho zwang sich, ruhig an die Querreling zu treten, wдhrend rund um ihn Stimmengewirr erklang. Also eine franzцsische Fregatte weit drauЯen im Atlantik, wahrscheinlich mit Nordkurs auf den Дrmelkanal ­ oder auf Brest? Ihm fiel wieder der Briefumschlag des toten Leutnants ein, die Depesche aus Lorient fьr Martinique. »An Deck! Zweites Segel folgt der Fregatte, Sir!« Knocker, der lautlos neben das Ruder getreten war, murmelte: »Pech und Schwefel ьber sie! Ich wette, die bringen uns Дrger!« Keen sagte: »Sie segeln auf konvergierendem Kurs zu uns, Sir. Und ­ bei Gott ­ sie haben die Luvposition.« Bolitho wandte sich nicht um, sondern starrte weiterhin ьber die ganze Lдnge des Schiffs hinweg nach vorn. So nah ­ und doch so fern. Noch zwei Tage, vielleicht sogar weniger, und sie wдren auf die Schiffe der englischen Kanalflotte gestoЯen, die ihren eintцnigen Blockadedienst versahen. SchlieЯlich sagte er zu Keen: »Die Franzosen gehen ein Risiko ein, Val.« Und als er das Begreifen im Gesicht seines Flaggkapitдns sah: »Vielleicht hat die Neuigkeit sie noch nicht erreicht, und es geht ihnen, wie es uns gegangen wдre, hдtten wir nicht La Prudente gefunden.« 231
Midshipman Ferrier, der be i der ersten Meldung in die Luvwanten geklettert war, rief gellend: »Ich sehe das erste Schiff, Sir! Eine groЯe Fregatte. Das zweite kann ich noch nicht erkennen, aber...« Mountstevens Stimme von oben schnitt ihm das Wort ab: »Das zweite ist ein Linienschiff, Sir! Ein 74er!« Ein Rudergдnger pfiff durch die Zдhne. »Diese Hunde!« Bolitho nahm sich ein Fernrohr und kletterte neben Ferrier in die Wanten. »Welche Richtung?« Aber schon fand er von allein das fьhrende franzцsische Schiff, dessen Bramsegel golden in der Sonne schimmerten. Noch wдhrend er hinsah, дnderte sich seine Silhouette. »Er setzt die Royals«, murmelte Bolitho wie zu sich selbst. SchlieЯlich stieg er wieder an Deck hinunter und wandte sich an seinen Neffen. »Wie du selbst am besten weiЯt, Adam«, sagte er, »hдtte eine Fregatte eigentlich die Aufgabe, Gefahren rechtzeitig aufzuspьren und Fremde zu identifizieren.« Adam nickte. »Also kцnnen sie vom Kriegsausbruch noch nichts wissen.« Bolitho versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen, aber die Tatsachen paЯten einfach nicht zueinander. Jedenfalls kamen die franzцsischen Schiffe mit dem fьr sie gьnstigen Sьdwind rasch nдher. »Kurs, Mr. Knocker?« fragte er kurzangebunden. »Ostnordost, Sir. Voll und bei!« Keen murmelte: »Wenn ich einen oder zwei Strich abfalle, werden sie miЯtrauisch und glauben, daЯ wir uns verdrьcken wollen. Andererseits wьrden wir bei einem Kurswechsel um ein paar Knoten schneller, Sir.« Ob sie nun mehr Segel setzten oder einen Kurs vom Feind weg einschlugen ­ beides muЯte das Interesse jedes Fregattenkommandanten erregen, erst recht, wenn er im Verband mit einem groЯen Linienschiff segelte. »Bleiben Sie auf Kurs, Val. Vergessen Sie nicht, die beobachten uns genau.« Keen warf einen Blick zur Windfahne hinauf. »Wдre das Wetter nicht so verdammt launisch gewesen, lдgen wir jetzt lдngst vor Anker.« 232
Vom Vorschiff glaste es sechsmal, und der Zahlmeister erschien mit einem Gehilfen, um die tдgliche Mittagsration Rum auszugeben. »Ich schlage vor, Sie schicken die Leute in die Messen, Val. Die Kombьse soll das warme Essen heute frьher ausgeben.« Keen eilte davon und besprach sich mit Quantock; bald darauf schrillten die Pfeifen und riefen die Matrosen unter Deck, die grinsend verschwanden, erfreut ьber die unerwartete Abwechslung. Wieder griff Bolitho zum Fernrohr und suchte das andere Schiff. Eine der neueren Fregatten, stellte er fest, mit 44 Kanonen. Er konnte bereits ihren Rumpf ausmachen, wenn ihn einer der langen Atlantikroller anhob, ehe er wieder hinter einem Gischtvorhang ins Wellental sackte. Das Schiff flog ihnen fцrmlich entgegen. Die Wachgдnger rund um Bolitho unterhielten sich gedдmpft. Die Aussicht auf ein Seegefecht schien sie nicht weiter zu beunruhigen. SchlieЯlich hatten sie schon einen spanischen Zweidecker besiegt und eine Insel erobert. Im Vergleich dazu muЯte mit einer franzцsischen Fregatte leicht fertig zu werden sein. Keen kehrte zurьck. »Vielleicht drehen sie ab, wenn sie unsere Nationalitдt kennen, Sir.« »Also gut. HeiЯen Sie die Flagge.« Aber als die rote Flagge an der Gaffel auswehte, wuЯte Mountsteven nur zu berichten, daЯ die Fregatte ihrerseits die Trikolore gesetzt hatte. Tyrrell erschien an Deck, noch auf einem Stьck Pцkelfleisch kauend, schielte zur Besanstenge hinauf und fragte: »Glauben Sie, daЯ mich jemand da hinaufhieven kцnnte, Kдpt'n?« Keen hatte andere Sorgen und starrte ihn nur geistesabwesend an. »Im Bootsmannstuhl, meinen Sie?« Tyrrell grinste Bolitho an. »Mir ist gerade ein Gedanke gekommen. Erinnern Sie sich an den 74er in Boston, der mit uns ьber die Inseln verhandeln sollte? Das kцnnte er sein. Und wenn, dann weiЯ man an Bord wahrscheinlich noch nichts vom Krieg.« Sein Grinsen wurde noch breiter. »Was fьr ein scheuЯliches Pech, nicht wahr?« Mountsteven war fьr den Augenblick vergessen, deshalb fuhren sie zusammen, als seine Stimme herunterrief: »Ein drittes Schiff, Sir! Noch eine Fregatte, wьrde ich sagen.« 233
»Jesus Christus!« stieЯ Keen leise hervor. Dann sagte er zum Bootsmann: »Helfen Sie Mr. Tyrrell bitte in den Besan.« Viele Wachgдnger drehten sich um und beobachteten gespannt, wie Tyrrell ruckartig in den Besanmast gehievt wurde, wobei sein Holzbein laut gegen Spieren und Fallen stieЯ. Gedдmpft sagte Keen: »Drei gegen eins, Sir. Eine gewaltige Ьbermacht.« Bolitho reichte das Fernrohr zurьck. »Schlagen Sie vor zu fliehen?« Keen schьttelte den Kopf. »Ich fliehe vor keinem, Sir. Aber ich kann fьr den Zustand des Schiffes nicht garantieren, wenn wir in ein Gefecht verwickelt werden.« Wieder sah Bolitho die Silhouette der Fregatte sich verдndern, als sie den Kurs wechselte und nun direkt auf sie zuhielt. Leise sagte er: »Wir haben einen neuen Krieg vor uns, Val, nicht irgendeine kleine Meinungsverschiedenheit. Und England war noch nie so schlecht auf einen Krieg vorbereitet, weil unsere halbe Flotte auЯer Dienst gestellt ist. Wenn unser Volk diesen langen, harten Konflikt ertragen soll, dann braucht es Siege ­ keine Offiziere, die sich umdrehen und weglaufen, nur weil sie vor einer Ьbermacht stehen!« Er sah Keen ins besorgte Gesicht. »Wir haben keine andere Wahl, Val. Die beiden Fregatten kцnnen uns hetzen und stellen wie die Meute den Hirsch. Damit bekдme der 74er Zeit, zu uns aufzuschlieЯen und uns den Garaus zu machen. Aber wenn wir schon verlieren sollen, dann lieber mit dem Gesicht zum Feind und nicht auf der Flucht!« Bolitho wandte sich um, weil Tyrrell vorsichtig wieder an Deck gesetzt wurde. »Das kann einen Mann ja entzweischneiden«, schimpfte er. Dann sah er sie an und setzte hinzu: »Ich hatte recht, es ist dasselbe Linienschiff. MuЯ nach dem Auslaufen aus Boston nach Sьden gesegelt sein. Fдhrt eine Konteradmiralsflagge im Besan.« Bolitho nickte. »Dann ist es die Argonaute, ein Neubau der dritten Klasse. Und auch den Admiral kenne ich von frьher: Konteradmiral Jobert, einer der wenigen alten Royalisten, der den Terror ьberlebt hat. Ein guter Offizier.« Er wuЯte, daЯ die Umstehenden die Ohren spitzten, um ihm zuzuhцren, auch wenn sie es sich nicht anmerken lieЯen. Aber sie gierten nach jedem Hinweis auf das, was ihnen bevorstand. 234
Leichthin sagte er deshalb: »Ich gehe nach achtern und esse einen Happen, dann kцnnen wir das Schiff gefechtsklar machen.« Wдhrend er mit langen Schritten seiner Kajьte zustrebte, war er sich bewuЯt, daЯ seine beilдufige Bemerkung wie ein Lauffeuer durch die Messen gehen wьrde: kein Grund zur Sorge, Kumpels, der Admiral fьllt sich erst mal den Bauch. Ohne ihn richtig wahrzunehmen, schritt er an dem Wachtposten vorbei, der die Tьr aufriЯ, in seine Kajьte und blieb erst an den Heckfenstern stehen. Als er sich hinausbeugte, konnte er gerade noch die oberen Segel der franzцsischen Fregatte ausmachen. Also eine gute Stunde Frist. Vielleicht wьrde ja gar nichts Dramatisches geschehen. Warum sollten sie auch kдmpfen ­ nur um zu sterben? Wer wьrde ihm einen Vorwurf machen, wenn er sich von einer Ьbermacht fernhielt, gegen die er keine Chance hatte? Er legte eine Hand auf die Brust und fьhlte sein Herz hдmmern. Aus Angst? War es diesmal soweit? War das kommende das eine Gefecht zuviel? WeiЯ Gott, es war schon anderen, weitaus tapfereren Mдnnern vor ihm geschehen, daЯ sie die Nerven verloren. Bolitho wischte sich das Gesicht mit dem Дrmel trocken und wandte sich blicklos wieder dem Raum zu. Es war die Angst, etwas so Kostbares zu verlieren, daЯ er sich keinen Ersatz dafьr vorstellen konnte. Er hatte sich zuviel erhofft, hatte zu sehr gebangt. Eine Schwдche, die er sich nicht leisten durfte, wenn so viele Menschenleben von seiner Entscheidung abhingen. Was zдhlte schon Hoffnung? Ьberhaupt nichts, wenn erst die Breitseiten do nnerten. Ozzard trat mit einem Tablett in die Kajьte. »Frisches Huhn, Sir.« Bolitho sah ihm zu, als er das Tablett vorsichtig abstellte. Also hatte auch der Zahlmeister seine Hoffnungen gehabt, denn andernfalls hдtte er niemals eins seiner kostbaren letzten Hьhner geopfert. »Ein Glas Wein, Sir?« fragte Ozzard geduldig. Bolitho muЯte lдcheln. Der schmдchtige Ozzard, wie vertrauensvoll und loyal er war! Nichts schien ihm ferner zu liegen als der Gedanke, daЯ er noch vor dem Abend tot sein konnte. »Ja, bitte, Ozzard«, sagte Bolitho. »Ein Glas aus deinem speziellen Kistchen.« 235
Als der Steward davongehuscht war, vergrub Bolitho das Gesicht in den Hдnden. Der franzцsische Admiral war also ьber den neuerlichen Kriegsausbruch noch nicht informiert, sonst hдtte er auf jeden Fall die Formation seines Geschwaders so geдndert, daЯ er aus drei Richtungen zugleich angreifen konnte. Achates konnte die erste Fregatte unter Feuer nehmen und wahrscheinlich zum Wrack schieЯen, ehe ihr Kommandant wuЯte, wie ihm geschah. Danach konnten sie das Linienschiff angreifen. Dann war die Ьbermacht immer noch groЯ, aber wenigstens um ein Drittel reduziert. Bolitho rief sich seine unglдubige Wut ins Gedдchtnis, als der spanische Zweidecker Achates ohne Vorwarnung angegriffen hatte. Wie hatten sie ihn fьr seine Feigheit und Hinterhдltigkeit verflucht! Brachte er es jetzt ьber sich, genauso zu handeln? Nicht ehrenhaft. Ehrenhaft. Das Wort schien wie ein geflьsterter Zauberspruch in der Kajьte umzugehen. Bolithos Blick fiel auf den alten Familiensдbel an der Wand, und er erinnerte sich wieder daran, wie sein Vater die Waffe ihm und nicht seinem дlteren Bruder Hugh ьbergeben hatte. Sie hдtte eigentlich Hugh gebьhrt, wдre da nicht sein Verrat, seine Desertion gewesen, die wie ein Schatten ьber der Familie hing und Bolitho sogar bis nach San Felipe gefolgt war. Das hatte dem alten Bolitho das Herz gebrochen und den Sдbel in die Obhut seines zweiten Sohnes gebracht. Laut sagte Bolitho: »Also sei's drum!« Im Grunde hatte er nie die freie Wahl gehabt, hatte sich nur etwas vorgemacht. Als Ozzard mit einer in der Bilge gekьhlten Flasche Wein zurьckkam, fand er Bolitho so ruhig und дuЯerlich unbesorgt vor, wie er es von ihm gewohnt war. So schlecht konnte es demnach nicht um sie bestellt sein. 236
XVII Mit Vorwarnung Mit ein paar Schritten ьber aufgeschossene Leinen war Bolitho an der Luvreling des Achterdecks. Die franzцsische Fregatte stand nun an Steuerbord achteraus viel dichter bei ihnen, hatte aber Segel gekьrzt, als sei sich der Kommandant ьber den nдchsten Schritt noch unschlьssig. Bolitho schдtzte den Abstand auf eine halbe Meile. Hinter sich hцrte er Mдnner unbeholfen herumkriechen, als sei die Achates plцtzlich mit Krьppeln bemannt. Aber es war unbedingt nцtig, daЯ sie ohne das ьbliche Hasten und Rennen gefechtsklar mac hten, denn das wдre den Ausgucks der Franzosen sofort aufgefallen. Keen sagte gerade zum Bootsmann: »Lassen Sie die Leute zum Kettenaufriggen erst aufentern, wenn das Gefecht beginnt.« Big Harry Rooke brummte eine mьrrische Antwort, und Keen wies ihn scharf zurecht: »Wir haben keine Wahl, Mann. Machen wir jetzt auch nur einen falschen Zug, dann fressen uns heute abend die Fische.« Er wandte sich ab und entdeckte Bolitho. »Mr. Quantock ist tief beschдmt ьber seinen negativen Rekord, Sir: zwanzig Minuten, um gefechtsklar zu machen!« Dieser Versuch zu scherzen schien ihm sein seelisches Gleichgewicht zurьckgegeben zu haben, denn er fuhr ruhiger fort: »Welches sind Ihre Befehle fьr diesen denkwьrdigen Tag, Sir?« Bolitho deutete nach Lee. »Gleich werden wir drei Strich abfallen. Ich rechne damit, daЯ die Fregatte dann erneut zu uns auf schlieЯen und achteraus ihre Position einnehmen wird. Diesmal aber viel nдher an Achates.« Wenn sich sein Herzschlag doch nur beruhigen wollte! Ein falscher Ton, und die Anspannung wьrde sich in seiner Stimme verraten. Keen spдhte ьber seine Schulter nach der Segelpyramide des Franzosen. »Sie ist genauso neu wie der 74er. Wahrscheinlich sollte das die Amerikaner beeindrucken.« Die Verbitterung war ihm deutlich anzumerken. »Wogegen unsere Regierung es fьr angebracht hielt, den дltesten noch segelnden 64er nach Amerika zu schicken!« Bolitho ging zur Querreling und musterte das Batteriedeck mit seinen schwarzen Achtzehnpfьndern. Die Stьckmannschaften, die sich fьr den Kampf schon ihrer Hemden entledigt hatten, duckten sich 237
unter die Seitendecks oder preЯten sich mit ihrem Handwerkszeug in den Schatten der Kanonen. »Es muЯ sehr schnell gehen, Val«, sagte Bolitho. »Der franzцsische 74er ist jetzt direkt achteraus, und wir dьrfen keine Minute vergeuden. Sobald wir unsere Absichten zu erkennen geben, werden sie blitzschnell dagegen gewappnet sein.« Keen nickte, in Gedanken schon beim nдchsten und ьbernдchsten Manцver. »Das dritte Schiff ist kleiner. Mr. Mountsteven meint, es handelt sich um eine Fregatte mit 26 Kanonen. Wenn ich mich recht erinnere, ist es die Diane, im Vergleich zu den beiden anderen ein Veteran.« Knocker drehte das Halbstundenglas neben der KompaЯsдule um und meldete: »Alles klar, Sir.« »Sagt das ins untere Batteriedeck weiter.« Keen sah sich um, weil Allday mit Bolithos Sдbel an Deck erschien, das Gesicht so starr, als schmerze ihn seine Wunde. Bolitho hob leicht die Arme an, damit Allday ihn mit der Waffe gьrten konnte. Sein Bootsfьhrer murmelte: »Sie sollten heute die Epauletten ablegen, Sir.« Aber dann zuckte er grinsend die Schultern. »Ich weiЯ ja, ich predige tauben Ohren.« Bolitho sah drьben auf dem Franzosen Sonnenlicht von einem Teleskop im Fockmasttopp reflektieren. Jede Sekunde jetzt mochten sie Verdacht schцpfen und klar zum Gefecht machen. Aber er sagte nur: »Gib acht auf dich, Allday. DaЯ du mir heute nichts riskierst!« Er legte ihm die Hand auf den Arm, und zwe i Pulverjungen auf dem Achterdeck stieЯen sich mit den Ellbogen an, ьber dem Kiebitzen ins Privatleben ihres Admirals den Feind momentan vergessend. Alldays Blick war trotzig. »Beleidigen Sie mich nicht, Sir. Wenn die Kerls sich mit uns anlegen wollen, kriegen sie von mir Saures, verlassen Sie sich drauf!« Bolitho lдchelte. »Ich weiЯ ja genausogut, daЯ ich tauben Ohren predige, alter Freund.« Er fuhr herum, weil Keen meldete: »Sie signalisieren der Argonaute, Sir!« Midshipman Ferrier lieЯ enttдuscht sein groЯes Signalteleskop sinken. »Verschlьsselt, Sir.« 238
Bolitho befahl: »Kurs дndern!« Darauf hatten die Rudergдnger schon lange gewartet. Sie lieЯen das groЯe Rad wirbeln, und wдhrend andere an die Brassen eilten, um die Rahen neu zu trimmen, meldete Knocker: »Drei Strich abgefallen, Sir. Neuer Kurs Nordost zu Nord!« Bolitho spьrte selbst die Verдnderung in dem viel heftigeren Zupakken des Windes oben in den Segeln. Keen erinnerte sich an den Ausguck. »Rufen Sie Mr. Mountsteven wieder herunter«, befahl er. »Der Franzose дndert Kurs, Sir.« Bolitho hielt den Atem an, als die mдchtige Fregatte um etwa einen Strich auf Achates zudrehte und gleichzeitig GroЯsegel und Treiber setzte. Keen hieb mit der Faust auf die Reling. »Sie ьberholt uns, Sir«, rief er. Ein Seesoldat lieЯ etwas Metallisches an Deck poltern, worauf Sergeant Saxton ihn anzischte: »Wenn du dich noch einmal rьhrst, zieh' ich dir bei lebendigem Leibe die Haut ab!« Gischt sprьhte ьber Galion und Bugspriet der Fregatte. Wenn sie Kurs und Geschwindigkeit beibehielt, muЯte sie Achates mit einer halben Kabellдnge Distanz an Steuerbord ьberholen. Als Bolitho wieder sein Fernglas hob, sah er gespannte Gesichter ьbers bewegte Wasser zu ihnen herьberspдhen; sie kamen ihm seltsam fremdartig vor, da er seit Wochen nur die vertrauten Gesichter seiner eigenen Besatzung gesehen hatte. »Batteriedecks ­ feuerklar!« Mit verschrдnkten Armen starrte Keen zum Feind hinьber. Sobald Achates wieder ьber Stag ging, wьrde der Wind sie stark nach Lee ьberlegen. Aber das plцtzliche Manцver muЯte sie auf einen Kurs quer zu dem der Fregatte bringen, praktisch vor ihrem Bug vorbei. Also jetzt oder nie ­ denn in ein paar Minuten wдre es zu spдt, dann wьrden die beiden Schiffe kollidieren, wenn Achates ihre Halse fuhr. »An die Brassen!« Bolitho packte seinen alten Sдbel und preЯte ihn fest an den Oberschenkel. »Jetzt!« Das groЯe Doppelrad quietschte laut, als die Rudergдnger sich mit 239
ganzem Gewicht in die Speichen warfen. Wдhrend die Rahen mit dem Wind herumzuschwingen begannen, stiegen zwei neue Flaggen zum GroЯ- und zum Besanmasttopp empor. »Stьckpforten auf! Schneller, dort drьben! Ausrennen!« Bolitho konnte den Blick nicht von der turmhohen Segelpyramide der franzцsischen Fregatte wenden, die jetzt auf Achates' Steuerbordseite zuglitt. Er hцrte ein Trompetensignal und konnte sich drьben die fieberhafte Geschдftigkeit vorstellen, als das britische Schiff, das sie gehetzt hatten, plцtzlich wie ein gestellter Eber herumfuhr, alle Kanonenrohre ausgerannt; in jedem Rohr staken Doppelkugeln, hinter jeder Lafette kauerte ein Stьckmeister und suchte sein Ziel. Keen rief gellend: »Ziel auffassen!« Sein Arm hieb nach unten: »Einzelfeuer!« Einen Augenblick fьrchtete Bolitho, daЯ er zu lange gezцgert und wertvolle Sekunden mit dem Hissen seiner Gefechtsflaggen verloren hдtte. Wenn die Rollen vertauscht gewesen wдren... Aber dann drцhnte ihm der Kopf, und er hцrte auf zu denken, weil die Achtzehnpfьnder des oberen Batteriedecks einer nach dem anderen losbrьllten und wieder binnenbords ruckten. Mit tieferem, noch stдrkerem Krachen stimmten die schweren Vierundzwanzigpfьnder auf dem unteren Batteriedeck ein und lieЯen das Schiff vom Vorsteven bis zum Heck erbeben. Mдnner taumelten wьrgend durch den Rauch, der viel zu langsam durch die Stьckpforten und ьber die Seitendecks abzog, als Achates jetzt ihre Breitseite dem Sьdwind darbot. Auf so kurze Distanz war die Wirkung der Salve verheerend. Fockmast und GroЯmaststenge der Fregatte gaben unter dem Hagel der Doppelkugeln nach und begannen zu wanken. Spieren, Segel und laufendes Gut prasselten wie eine verheerende Lawine auf Vorschiff und Seitendecks nieder, warfen Gischt auf und rissen den Rumpf aus dem Kurs. »Auswischen! Nachladen!« Keens Stimme ьbertцnte die Artilleriekommandos: »Klar zur Wende, Mr. Quantock!« DaЯ es schnell gehen muЯte, brauchte er nicht eigens zu betonen. Als erneut Ruder gelegt wurde und Achates' Bug durch den Wind 240
drehte, war Bolitho erleichtert, daЯ sie nicht mehr Segelflдche oben hatten, sonst wдre das Schiff entmastet worden. Wieder hoben die Steuerbord-Stьckmeister einer nach dem anderen die Hand, um ihre Kanone schuЯbereit zu melden. Die franzцsische Fregatte trieb unter dem Gewicht der Wrackteile hilflos nach Lee ­ einstweilen noch. Denn Bolitho lieЯ sich nicht tдuschen; er wuЯte nur zu gut, was geschehen konnte, sobald Дxte und Messer die Trьmmer drьben erst gekappt und das Schiff befreit hatten. »GroЯbrambrassen ­ hievt, Leute, hievt! Noch mehr!« Achates schwang immer weiter herum, bis die Fregatte plцtzlich Steuerbord vo raus an ihr vorbeiglitt, als mache sie so viel Fahrt und nicht der leichte Zweidecker. Jedem unerfahrenen Auge hдtte er ein chaotisches Bild geboten. Ein Bootsmann legte mit seiner Gang auf der GroЯrah aus, um die Kettenschlingen aufzuriggen, wдhrend das Schiff unter ihnen fast um seine Masten auf der Stelle drehte, um das Heck des Feindes zu passieren. »Steuerbordbatterie ­ feuerklar!« Keen hielt den Arm hoch erhoben und zuckte mit keiner Wimper, als in der Bordwand des Feindes hier und da eine einzelne Kanone trotzig zurьckfeuerte. Aber fьr Gegenwehr war es zu spдt. Als Achates das Steuerbord-Achterschiff des Feindes passierte, verstummten drьben auch die letzten Kanonen, denn der SchuЯwinkel wurde zu spitz. Aber aus dem Besan und vom Hьttendeck wurde mit Musketen geschossen ­ spдrliches Einzelfeuer, das Dewars Scharfschьtzen energisch erwiderten. Bolithos Magen verkrampfte sich, als er sah, wie Achates' Klьverbaum am Heck der Fregatte mit seinen schimmernden Fenstern und dem in Goldbuchstaben geschnitzten Namen La Capricieuse vorbeiglitt. Denn nun spuckte Achates' Steuerbordkarronade auf dem Vorschiff Feuer und Rauch, und das Heck des Franzosen schien aufzuplatzen wie eine obszцne Eiterbeule. Aber damit nicht genug: Wenn die groЯkalibrige Kugel in dem mit Menschen vollgepackten Rumpf barst, muЯte ihre Ladung aus Nдgeln und scharfen Eisenstьcken das Batteriedeck in ein blutiges Schlachthaus verwandeln. Menschen, Waffen und das Ruderrad, alles wьrde weggefegt we rden und das Schiff fьr lange Zeit bewegungsunfдhig bleiben. 241
Keen formte mit den Hдnden einen Schalltrichter. »Lassen Sie die Royals setzen. Mr. Quantock!« Ihm blieb keine Zeit, ьber die Bluternte der Karronade nachzudenken, fьr ihn zдhlte nur, daЯ die Fregatte auЯer Gefecht gesetzt war. Wieder einmal kдmpfte sich Achates in eine Position, in der sie den Wind von schrдg achtern harte. An Bord schien sich nichts verдndert zu haben: keinem Mann war ein Haar gekrьmmt, kein Segel war durchlцchert, keine Planke zerfetzt worden. Bolitho stieg aufs Hьttendeck und richtete sein Fernrohr auf das franzцsische Linienschiff. Selbst auf diese Distanz machte das Schiff einen wьtenden, kдmpferischen Eindruck, als es mehr Segel setzte und Signalflaggen hiЯte, um die zweite, noch unbeschдdigte Fregatte zu verstдndigen. Knocker rief: »Neuer Kurs Ostnordost, Sir!« Der franzцsische 74er steuerte Nordost und damit wieder konvergierenden Kurs zu ihnen. Aber er hielt immer noch die Luvposition und wьrde wahrscheinlich versuchen, seinen Gegner mit einer hoch gezielten Breitseite zu entmasten oder ihn mit Kettenkugeln wenigstens stark zu beschдdigen, wдhrend er selbst fьr den Briten auЯer SchuЯweite blieb. Keen trat heran und salutierte. »Alle Kanonen geladen und feuerklar, Sir«, meldete er und warf einen Blick nach oben in die Takelage. »Mr. Rooke hat es sogar geschafft, in der Zwischenzeit alle Netze und Kettenschlingen auszubringen.« Bolitho muЯte lдcheln. »Ich weiЯ, daЯ wir viel riskiert haben, Val.« Keen wandte den Blick ab. »Jedenfalls waren Sie fair und haben sie vorher gewarnt. Diesmal brauchen Sie das nicht mehr zu tun.« Auch er starrte gespannt zu dem franzцsischen Linienschiff hinьber, das noch eine Seemeile entfernt war; die kleine Fregatte hielt sich gut frei von ihm und kreuzte vor dem Wind, um sich jederzeit auf Achates stьrzen und das Feuer aus einem anderen Winkel erцffnen zu kцnnen. Bolitho wuЯte, daЯ Achates sich nun bald mit dem moderneren, grцЯeren und besser bewaffneten Gegner messen muЯte, und spьrte die Spannung wie eine geballte Faust in seinen Eingeweiden; immerhin war sein Schiff beweglicher und hatte sich schon Hunderte von Malen im Gefecht bewдhrt. Keen ьberlegte laut: »Wenn er in Luv bleibt, kommen wir nicht an 242
ihn heran, Sir. Wдhrend er jederzeit zu uns aufschlieЯen oder sein Glьck mit Einzelfeuer auf weite Distanz versuchen kann. Auch dabei sind verheerende Treffer mцglich.« »Richtig.« Bolitho stieg in die Wanten und spдhte achteraus. »Die andere Fregatte, die Diane, hat noch Westkurs, wird aber bald halsen und hinter uns herkommen.« Er lдchelte Ke en grimmig an. »Um uns in die Hacken zu beiЯen.« Keen nickte. »Und wenn wir dann bereits im Gefecht mit Argonaute sind, kann sie entscheidenden Schaden anrichten, Sir.« Bolitho sprang wieder an Deck. »Was halten Sie davon, Val, wenn wir die Diane als Kцder benutzen?« Keens Augen leuchteten auf. »Indem wir zuerst sie angreifen, Sir?« Bolitho nickte. »Soweit ich weiЯ, ist Konteradmiral Jobert ein Ehrenmann. Ich kann mir nicht vorstellen, daЯ er untдtig zusieht, wenn seine letzte Fregatte von einem Linienschiff attackiert wird.« Er vergewisserte sich ьber den Stand der Sonne. Erst eine Stunde war vergangen, seit die Karronade das Schicksal der anderen Fregatte besiegelt hatte. Dann fuhr er fort: »Wir haben einen Stьckmeister namens Crocker an Bord. Er fiel mir auf, als ich die Festung besuchte: ein fьrchterlicher Haudegen, aber ein Meister seines Fachs.« Keen wuЯte, wen er meinte. »Vom unteren Batteriedeck. Ich lasse ihn rufen, Sir.« Crocker erschien auf dem Hьttendeck und beschattete sein eines unverletztes Auge mit der Hand vor der Sonne, die ihn nach dem Zwielicht des unteren Batteriedecks zu stцren schien. Er grьЯte lдssig und baute sich vor Bolitho auf, eine seltsam bizarre Gestalt zwischen den adretten Seesoldaten. Bolitho sagte zu ihm: »Sie ьbernehmen jetzt die beiden Heckkanonen, Crocker. Wir werden achteraus bald Gesellschaft bekommen. Wenn ich's sage, dann sollen Sie die Fregatte empfindlich genug treffen, um ihren Admiral auf den Plan zu rufen.« Crocker legte den Kopf schief, damit sein gesundes Auge Bolitho mustern konnte. »Sir?« fragte er begriffsstutzig. »Tu einfach, was man dir sagt, Crocker«, meinte Keen entnervt. »Der franzцsische 74er wird zu uns aufschlieЯen, wenn der Admiral an Bord sieht, was wir hier anstellen.« 243
»Ach so, verstehe, Sir.« »Such dir die besten Kanoniere zusammen, Hauptsache, du entmastest mir diese Fregatte.« Crocker grinste mit lьckenhaftem GebiЯ. »Und ich dachte schon, Sie wollten sich mit der Kleinen begnьgen, Sir.« Er hinkte davon, und Keen murmelte: »Wenn die Franzmдnner bei uns lдngsseits gehen, wird sie Crockers Anblick zu Tode erschrekken.« Bolitho lockerte sein Halstuch und warf einen Blick zum Himmel. Hoch ьber den feindlichen Schiffen trieben Seevцgel gleichgьltig im Aufwind dahin wie Geier, die kaltblьtig auf ihr grдЯliches Mahl warteten. Er dachte an Belinda, an die grьnen Hдnge zu FьЯen von Pendennis Castle, von wo aus sie den vorbeiziehenden Schiffen nachsehen konnte. Dann hцrte er Adam sagen: »Jetzt dauert es nicht mehr lange.« Bolitho sah ihn an und fragte sich, ob Adam Angst hatte. Oder verbitterte es ihn, daЯ er vielleicht so jung schon sterben muЯte? Dem Leutnant war der Blick nicht entgangen. »Keine Sorge, Sir«, sagte er, »ich bin bereit.« Bolitho lдchelte »Zweifellos. Komm, Adam, gehen wir ein biЯchen auf und ab, das vertreibt die Zeit.« Die Scharfschьtzen und die Kanoniere an den Drehbassen in den Marsen spдhten hinunter aufs Achterdeck, wo der Vizeadmiral und sein junger Adjutant promenierten, mit ihren Schatten die nackten Rьcken der Stьckmannschaften streifend. Vielleicht zum hundertsten Male lieЯ Midshipman Ferrier sein Glas sinken; seine Augen brannten, so angestrengt hatte er nach dem ansegelnden 74er ausgespдht. Kaum zu glauben, daЯ er noch vor ganz kurzer Zeit an daheim gedacht hatte, an die Chance, die das Offiziersexamen ihm bot. Je nдher diese hohe Segelpyramide mit ihrer Doppelreihe schwarzer Kanonenrohre kam, desto blasser wurden seine Hoffnungen. Inzwischen sorgte er sich am meisten um die Fr age, ob er vor dem Kommenden bestehen oder versagen wьrde. Er sah Bolitho vorbeigehen, ins Gesprдch mit seinem Neffen ve rtieft, der ьber eine Bemerkung seines Onkels lдchelte. Als Ferrier wieder das Fernglas hob, waren seine Дngste zerstreut. 244
Im unteren Batteriedeck spдhte Midshipman Owen Evans ins Halbdunkel, bis er Leutnant Hallowes ausgemacht hatte, der die 26 Kanonen befehligte; dann rannte er zu ihm mit der Nachricht des Kommandanten. Hallowes hцrte den Kadetten an und antwortete nur lakonisch: »Hol mich der Teufel, Walter, aber wir greifen zuerst die Fregatte an.« Sein Gehilfe, der Fьnfte Offizier, brach in Gelдchter aus, als hдtte Hallowes einen tollen Witz gemacht. Evans verharrte kurz am FuЯ der Niedergangsleiter und lieЯ den Blick ьber die rot gestrichenen Bordwдnde schweifen, ьber die schweiЯnassen Oberkцrper der Mдnner an den offenen Stьckpforten; alle trugen die Halstьcher schьtzend ьber die Ohren gebunden, denn in diesem engen Raum konnte das Krachen der Vierundzwanzigpfьnder einen Menschen binnen Minuten taub machen. Plцtzlich gewahrte Evans, daЯ seine Hand auf dem hцlzernen Handlauf so unkontrolliert zitterte, als hдtte sie einen eigenen Willen. Foord, der Fьnfte Offizier, sah den Jungen zцgernd am Niedergang stehen und blaffte: »Schlag da bloЯ keine Wurzeln, Kerl! Du wirst gleich Meldungen die Menge zum Austragen kriegen.« Foord hatte selbst als Midshipman auf Achates gedient und war erst neunzehn Jahre alt. Etwas leiser fьgte er hinzu: »Was ist denn, Mr. Evans?« Evans starrte zu ihm auf. »Nichts, Sir.« Aber in seinem Kopf gellte immer wieder der Satz: Ich werde fallen, ich werde fallen. Seufzend sah Foord ihm nach, als er die Leiter hinaufhastete; dachte wahrscheinlich immer noch an Duncans Tod, der Junge. Unter Foords FьЯen, im Orlopdeck, umkreiste der Chirurg Tuson langsam seinen Operationstisch und musterte die glitzernden Reihen der Sonden und Sдgen, die bereitstehenden Eimer, den Lederriemen, der den Verwundeten zwischen die Zдhne geschoben wurde. Und den groЯen Krug Rum, mit dessen Hilfe die Agonie ertrдglicher gemacht werden sollte. Hinter dem Lichtkreis der langsam schwingenden Lampen warteten seine Gehilfen wie Harpyien, die Fдuste unter den noch sauberen Schьrzen verborgen. Tuson ging in sein schmales Lazarett und starrte blicklos die Pritschen an, den Schrank mit Rum und Brandy. Er spьrte, daЯ er die Fдuste geballt hatte, daЯ sein Mund bei dem Gedanken an den ersten Schluck nach so langer Zeit ganz trocken wurde. 245
Da hцrte er Schritte und sah, daЯ Korporal Dobbs ihn an seinem aufgepflanzten Bajonett vorbei zweifelnd musterte. Der Schiffsprofos hatte Dobbs zum Gefangenenwдrter bestimmt, aber jetzt wurde er als Marinesoldat auf seinem Posten an Deck gebraucht. Auch Sir Humphrey Rivers stand an der Tьr, den Kopf unter dem niedrigen Decksbalken gebeugt. Unbehaglich meinte Dobbs: »Konnte einen so hohen Herrn wie ihn nicht gut in der Zelle lassen, Sir.« Tuson nickte. Fьr den Fall, daЯ das Schiff unter ihren FьЯen sank, ergдnzte er in Gedanken. »Und ich kann ihn ja auch nicht zu den Welschen sperren, die wir nach dem Schiffbruch geborgen haben«, fuhr Dobbs fort. Tuson sah Rivers an. »Wenn Sie hier bleiben, Sir Humphrey, finden Sie es vielleicht noch ungemьtlicher.« Rivers entgingen nicht die schwankenden Schatten, die wie Vorboten des Verhдngnisses in allen Ecken und Winkeln lauerten. »Immer noch besser, als allein zu sein.« Er nickte dem Arzt zu. »Danke, ich weiЯ Ihr Angebot zu schдtzen.« Erleichtert, weil er seiner Verantwortung ledig war, rannte der Korporal fast zur Niedergangsleiter. Plцtzlich begannen Flaschen und Krьge auf den Regalen zu klirren, als achtern ein KanonenschuЯ krachte. »Was machen die oben?« rief Tuson aus. Rivers lдchelte kalt. »Eine Heckkanone hat gefeuert.« Tuson massierte sich die Finger. »Dann haben Sie Ihr altes Handwerk also noch nicht vergessen?« Rivers hдngte seinen reichbestickten Rock an einen Haken. »Das kann keiner so leicht vergessen.« Tief unten im breiten Bauch des Schiffes, in seinem eigenen privaten Vorratslager, verschrдnkte der Steward Tom Ozzard die Arme vor der Brust und begann, wie im Schmerz vor und zurьck zu pendeln. Im Schein der einzigen Petroleumlampe sah er rund um sich Bolithos Besitztьmer gestapelt, hastig und nicht gerade schonend abgestellt, was Ozzard empцrte. Tisch und Stьhle, alle beste Handwerksarbeit, der prachtvolle Weinkьhler, das Schreibpult und die Koje waren wie alles oberhalb des Orlopdecks abgeschlagen und nach unten gebracht worden, als das Schiff gefechtsklar machte. Auf beiden Batte- 246
riedecks war Achates jetzt vom Bug bis zum Heck offen und leer, damit die Stьckmannschaften unbehindert feuern, die Pulverдffchen mit neuen Kartuschen und Kugeln so schnell wie mцglich aus dem Magazin rennen konnten. Ozzard hatte gehцrt, wie die Boote ausgeschwungen und zu Wasser gelassen wurden; jetzt hingen sie achtern im Schlepp. Sobald das Gefecht begann, wьrden die Schleppleinen gekappt werden; die Boote trieben dann ab, bis der Sieger ­ wer immer das sein mochte ­ sie wieder einfing. Aber es muЯte sein, die Boote waren auf ihren Stellings an Deck eine zusдtzliche Gefahr, denn sie barsten nach einem Treffer in tausend tцdliche Splitter. Ozzard starrte die verriegelte Tьr an und schauderte zusammen. Hier unten, wo er den Wein aufbewahrte und in solchen Augenblicken Zuflucht suchte, war es kьhl. Wie Allday hatte auch er das Privileg, im Privatlager des Vizeadmirals zu gehen oder zu kommen, wie es ihm beliebte. Und obwohl er Bolitho fьr seine Stellung dankbar war, fьrchtete er sich hier in der Bilge, der tiefsten Stelle des Rumpfes. Aber er akzeptierte diese Furcht wie etwas, an das er sich schon seit langem gewцhnt hatte. Er wuЯte, daЯ unter ihm nur noch der Kiel war und darunter der abgrundtiefe Ozean. Ozzard verkrampfte sich, als ein zweiter KanonenschuЯ die Planken erzittern lieЯ. Trotzdem, dieser klang weit entfernt und nicht sehr gefдhrlich. Spдter wollte er sich vielleicht an Deck wagen. Aber da krachte es wieder, und Ozzard beschloЯ, noch zu warten. Abgeschirmt von der beengten Welt der Zwischendecks, begab sich Bolitho auf die Poop und hielt Ausschau nach dem franzцsischen 74er. Er hatte mehr Segel gesetzt und die Distanz zu Achates verkьrzt, aber noch keinen einzigen SchuЯ abgefeuert. Ihm schien, daЯ er leicht den Kurs geдndert hatte und jetzt fast parallel zu ihnen lief. Im Gegensatz zu ihm war die kleine Fregatte mit dem Wind herangekommen und hatte gehalst, um dann in Lee, achteraus von Achates, ihre Position einzunehmen. Er sagte: »Erцffnet das Feuer.« Sein Befehl wurde ans Batteriedeck weitergegeben, Ruder wurde gelegt, und das Schiff ging zцgernd so hoch an den Wind, wie es nur konnte. 247
Die hinter ihre Finknetze geduckten Seesoldaten flьsterten miteinander, wetteten vielleicht um die nдchsten Treffer. Old Crocker war wirklich ein Meister seines Fachs. Schon mit dem ersten SchuЯ hдtte er die Fregatte beinahe entmastet. Nun hatte er sich eingeschossen, hatte es »im Urin« wie jeder gute Stьckmeister, der erst MaЯ nahm; und vor allem: Auch der franzцsische Kommandant muЯte das inzwischen begriffen haben. Die Fregatte schoЯ mit einer Bugkanone auf Achates, aber der Einschlag lag viel zu kurz und verursachte nur trotziges Hohngeschrei bei den Briten. Der Leutnant der Seesoldaten blaffte: »Sergeant Saxton, sorgen Sie gefдlligst dafьr, daЯ diese Rьpel sich ruhig und ordentlich verhalten!« Aber er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und gab sich wahrscheinlich nur Bolithos wegen so scharf. Adam kletterte mit einem Fernrohr aufs Hьttendeck und spдhte, achteraus, wдhrend unter ihm eine Heckkanone abermals feuerte. Diesmal zeigte keine Gischtfontдne den Einschlag an. Statt dessen barst ein Toppsegel der Fregatte und wehte in langen Fetzen wie ein bleiches Banner aus. Gedдmpfter Jubel drang zu Bolitho herauf. Sie hatten den ersten Treffer erzielt. Wenn Crocker jetzt mit einer seiner achtzehn Pfund schweren Kugeln den schlanken Rumpf der Fregatte traf, konnte es fьr sie kritisch werden. Adam rief: »Sir! Argonaute setzt das GroЯsegel!« Die Silhouette des Linienschiffs schien sich aufzuplustern, als es sich mit immer mehr Segeln in den Wind legte und die unteren Stьckpforten fast durch die See wuschen, wдhrend es auf Achates zuhielt. Keen befahl: »Fallen Sie wieder drei Strich ab, Mr. Knocker! Neuer Kurs Nordost zu Nord!« Wдhrend die Deckshдnde an den Brassen hievten und Knocker wachsam wie ein Habicht ьber seinem KompaЯ hing, gab Crocker abermals einen SchuЯ ab, und diesmal wurde ein Klьversegel der Fregatte zerfetzt. Quantocks Stimme gellte: »Mr. Mountsteven! Noch ein Pull an der Luvbrasse dort! Und jetzt belegen, verdammich ­ Sir!« 248
Die Mдnner warfen sich mit aller Kraft in die Brassen und Schoten, und nur die Mannschaften der Steuerbordbatterie, deren Rohre auf den Feind zeigten, blieben an ihren Plдtzen. Bolitho griff haltsuchend in die Wanten, als das Deck sich unter dem Winddruck in den Segeln stдrker ьberlegte. Nun muЯte der franzцsische Kommandant wohl oder ьbel zu ihnen aufschlieЯen. Es sei denn, er befahl seiner Fregatte abzudrehen, aber dann konnte Achates seine Herausforderung SchuЯ auf SchuЯ erwidern. Bolitho lдchelte. Jedenfalls beinahe... Ein Seesoldat, der mit angelegter Muskete hinter den Finknetzen kauerte, sah ihn lдcheln und meinte vorlaut: »Wir werden die Franzmдnner schon Mores lehren, Sir!« Aber dann wurde ihm bewuЯt, daЯ er unaufgefordert mit dem Vizeadmiral gesprochen hatte, und er ve rstummte verlegen. Bolitho warf dem Mann einen Blick zu; er wuЯte nicht einmal seinen Namen. Binnen kurzem wьrden sie um ihr Leben kдmpfen mьssen. Auf der ungeschьtzten Hьtte und dem Achterdeck gab es immer die schwe rsten Verluste, und auch diesen Soldaten mochte es treffen. So sagte er in ihre erwartungsvollen Gesichter hinein: »Ich zдhle auf euch, Jungs. Gebt euer Bestes.« Aber die eigenen Worte beschдmten ihn. Wieder ein ohrenbetдubendes Krachen, als Crockers nдchster SchuЯ zьndete. Die Fregatte hatte zwar leicht den Kurs geдndert, aber das war dem einдugigen Stьckmeister nicht entgangen. Nur kurz bot ihr Rumpf ein besseres Ziel, aber schon riЯ Crocker an seiner Abzugsleine, und die Kugel schlug ins Backbord-Seitendeck des Feindes ein, so daЯ Planken und Splitter hoch aufwirbelten. Neuer Jubel auf Achates; Bolitho hielt den Atem an, als die Fregatte Kurs дnderte und mit knatternden Segelfetzen die Distanz zu ihrem Gegner vergrцЯerte. Dann eilte er die Leiter hinunter und schritt zur Querreling oberhalb des Batteriedecks. Jetzt war es bald soweit. Schnell warf er einen Blick querab und sah den Bug des Linienschiffs in sein Blickfeld gleiten; seine Segel wцlbten sich im Wind, schlugen und fьllten sich wieder, als es noch weiter auf Achates zudrehte. 249
»Klar zum Feuern!« Sofort verstummte das Jubelgeschrei, die Stьckmannschaften duckten sich hinter ihre Achtzehnpfьnder und spдhten durch die Pforten nach dem Feind aus. »Ziel auffassen!« Der Franzose hatte zwar den Windvorteil, aber der Druck in Achates' Segeln war so stark, daЯ die Kanonenrohre dank des schrдgliegenden Decks mit hцchster Elevation schieЯen konnten. »Feuer!« SchuЯ auf SchuЯ donnerte die sorgfдltig gezielte Salve aus beiden Decks, auf ganzer Lдnge des Rumpfes. Die vordersten Kanonen waren bis zum дuЯersten nach achtern gerichtet, ihre Mannschaften warfen sich mit ganzem Gewicht in die Handspaken, bis auch sie ihre Rohre auf den Feind richten konnten. Vцllig absorbiert beobachtete Bolitho, wie die Toppsegel von Argonaute einen wilden Tanz auffьhrten, plцtzlich nicht mehr Meister, sondern Opfer des Windes, der gierig in die von den Doppelkugeln gerissenen Lцcher griff und sie ganz aufriЯ. Auch an der Wasserlinie des Feindes kochte die See, und Gischtfontдnen stiegen auf, als immer mehr Kugeln mit verheerender Wirkung in den Rumpf schlugen. Noch lieЯ sich nicht sagen, ob sie einen entscheidenden Treffer erzielt hatten. Aber die Distanz verringerte sich weiter, der franzцsische Kommandant muЯte sich ­ genau wie Keen ­ der Gefahr eines Glьckstreffers bewuЯt sein. Sicherlich fьhlte er sich jetzt, da die eine Fregatte auЯer Gefecht gesetzt und die andere in die Flucht geschlagen war, vor den Augen seines Admirals besonders gedemьtigt. Bolitho sah aus der Bordwand des Feindes die Reihe feuriger Zungen schieЯen und wappnete sich gegen das markerschьtternde Heulen der Kugeln, das Krachen, mit dem sie in die Planken einschlagen muЯten. Aber statt dessen hцrte er das irrwitzige Kreischen von Kettenkugeln und sah sogleich im Rigg gebrochene Stage und Toppnante auswehen; das Vorbramsegel zerriЯ wie ein mьrber Lumpen unter dem unsichtbaren Hagel. »Klar zum SchuЯ!« Keen hatte den Arm erhoben. »Feuer!« Wieder polterten die Kanonen nach dem AbschuЯ auf ihren Lafetten binnenbords, die Mannschaften sprangen vor und wischten die Rohre 250
aus, rammten frische Ladungen hinein und stopften sie schon fest, wдhrend aus den Mьndungen noch der Rauch quoll. »Und noch einmal!« Keen wischte sich das schweiЯnasse Gesicht mit dem Дrmel. »Feuer!« Achates' Feuerkraft war unschlagbar. Der harte Drill, die eiserne Disziplin bewдhrten sich jetzt. Die Kanoniere feuerten zwei Breitseiten ab, wдhrend Argonaute nur eine einzige schaffte. Und sie trafen. Die Besanbramstenge des Franzosen brach und pendelte wie eine gerissene Lianenbrьcke; fast alle Segel trugen die Narben von Kugeln und Splittern. Wieder hielt Bolitho den Atem an, als die Kanonen in der Bordwand des Feindes aufbrьllten. Diesmal spьrte er die dumpfen Schlдge, mit denen die Kugeln in ihren Rumpf krachten, und sah, daЯ die Breitfock gleich an mehreren Stellen durchlцchert wurde. Der Wind besorgte den Rest, und bald hing das groЯe Segel in Fetzen von seiner Rah. »Feuer!« Jetzt wurde die Reaktion schon langsamer, die SchuЯfolge unregelmдЯiger, als die Stьckmeister an ihren Abzugsleinen rissen und schnell zurьcksprangen, bevor die schweren Kanonen wieder nach innen ruckten. Plцtzlich ein lautes Krachen, und dann kam mitsamt dem ganzen Gewirr von Wanten und Stagen die GroЯbramstenge von oben. Wie eine Riesenfaust schlug sie auf das Backbordseitendeck, zerfetzte die Schutznetze und kippte halb ьber Bord. Sofort waren Rooke und seine Gang zur Stelle und kappten mit blitzenden Дxten die Wrackteile. Auch zwei Seeleute hatte die Stenge mit herabgerissen, nun hingen sie tot oder bewuЯtlos in dem Knдuel aus Tauen und Spieren. Noch einmal brьllten die Kanonen auf, und ihr ohrenbetдubender Lдrm fegte jeden klaren Gedanken aus Bolithos Kopf; gebrochene Leinen und Segelfetzen regneten auf die fluchenden Kanoniere herab, wдhrend sie nachluden und abermals feuerten. Keen schrie: »Argonaute hдlt auf uns zu, Sir!« Bolitho wischte sich die brennenden Augen trocken, um nach dem Feind auszuspдhen. Ihre List war erfolgreich: Alles nur verfьgbare Tuch gesetzt, brauste Argonaute mit dem Wind heran, wдhrend ihre 251
vorderen Kanonen schon auf gut Glьck schossen; einige Kugeln trafen, aber die meisten pflьgten wegen des spitzen SchuЯwinkels wi rkungslos achteraus durch die Wellenkдmme. Die kleine Fregatte hatte den Angriff abgebrochen und begnьgte sich mit der Rolle des hilflosen Zuschauers; inzwischen war sie auch zu weit zurьckgefallen, um noch wirksam eingreifen zu kцnnen. Bolitho hцrte seine eigene Stimme das Krachen und den RьckstoЯ der Kanonen ьbertцnen: »Die Mдnner zдhlen, nicht die Schiffe, Val!« Rauch wirbelte ьber das Seitendeck und verschluckte einen Seesoldaten, der aus den GroЯmarsen stьrzte; Kanonendonner erstickte seinen Todesschrei. Auf dem Vorschiff war ein Achtzehnpfьnder umgestьrzt, zwei Leute der Bedienungsmannschaft lagen blutend daneben, ein dritter wand sich schreiend unter dem heiЯge schossenen Rohr an Deck. Von der nicht ins Gefecht verwickelten Bordseite rannten Leute herbei, um die Stelle der Toten und Verwundeten einzunehmen; andere scheuchte Quantocks Sprachrohr in den GroЯmast, wo sie mit hastigen BehelfsspleiЯen ein neues GroЯsegel zu setzen versuchten. GroЯ war die Gefahr, daЯ Funkenflug oder ein glьhender Wergpfropfen Tuch und geteerte Hanfleinen in Brand setzten. Bolitho schдtzte die Distanz. Das franzцsische Schiff war noch eine Kabellдnge entfernt und feuerte unregelmдЯig, aber auf diese Entfernung erzielte es Treffer nach Treffer. Keen tat gut daran, das GroЯsegel setzen zu lassen. Wenn Achates gerade jetzt zu wenig Tuch oben hatte, deshalb an Fahrt und Ruderwirkung verlor, muЯte sie verfallen, der Wind wьrde ihren Bug nach Lee drьcken, bis das ungeschьtzte Heck sich dem Feind darbot; dessen schwere Kaliber wьrden ihr dann ein Ende bereiten, wie es die grцЯere Fregatte erlitten hatte. Bolitho hob den Blick zum Vormast und gewahrte seine Flagge, die ьber Rauch und Inferno auswehte. Den franzцsischen Admiral muЯte dieser Anblick noch anspornen, ihn erst recht dazu verleiten, sein Schiff lдngsseits zu bringen, ohne Rьcksicht auf die Folgen. »Feuer!« Keen wartete nur so lange, bis das Mьndungsfeuer abermals nach dem Feind leckte, dann: »Mr. Trevenen! Ьbernehmen Sie dort!« 252
Bolitho sah Mountsteven neben einer seiner Kanonen liegen; ein Arm war ihm abgerissen, das halbe Gesicht versengt worden. Das untere Batteriedeck feuerte pausenlos, und Bolitho sah die Szene vor sich, als stьnde er selbst dort unten. Als Fдhnrich hatte er einst solch eine Zwischendecksbatterie befehligt, auch wenn ihn jetzt dьnkte, das sei tausend Jahre her: zwischen den rot gestrichenen Bordwдnden ­ rot, damit Blut daran nicht so auffiel ­ zuckten und tanzten die grotesken Schemen der Stьckmannschaften durch den Rauch, im stдndigen Kampf mit den wie von eigenem Leben erfьllten Kanonen: Bilder aus Dantes Inferno. Eine Kugel fuhr durch eine offene Stьckpforte ins obere Batteriedeck, und Bolitho erkannte ihre Bahn an den zerrissenen Mensche nleibern, die sie zurьcklieЯ, ehe sie in die gegenьberliegende Bordwand krachte. Links und rechts wдlzten sich Mдnner in Todesqualen, wд hrend Tyrrell mit seinem Holzstumpf ьber Blut und Kцrperteile hinwegstapfte, ein grotesker To desengel, der das Gespenstische der Szene noch hervorhob. Eine zweite Kugel durchschlug die Finknetze auf dem Achterdeck und fegte Hдngematten und Menschen wie Stoffbьndel beiseite. Sie mдhte zwei Rudergдnger um und lieЯ den Gehilfen des Masters schreiend zurьck, gekrьmmt ьber das Ende eines fuЯlangen Splitters, der sich ihm wie ein gefiederter Pfeil in den Magen gebohrt hatte. Wild irrte Bolithos suchender Blick ьber die Umstehenden, aber dann sah er, daЯ Adam wieder auf die FьЯe kam. Er grinste seinen Onkel durch die ziehenden Rauchschwaden an, und seine Worte wurden vom Schlachtengetцse halb verschluckt, ehe er sich wieder umwandte, um der Achterdeckswache beizustehen. »Bei Gott, Sir, hier geht's fьr meinen Geschmack zu verdammt heiЯ her!« Bolitho sah sich nach Allday um. Er litt ganz offensichtlich Schmerzen, hielt aber sein Entermesser wie einen Beidhдnder umklammert. Da spьrte er, wie ihm eine Kugel den Hut vom Kopf riЯ, und wuЯte, die Franzosen waren nun so nahe, daЯ die Scharfschьtzen ihre Treffsicherheit beweisen konnten. »Beweg dich, Allday, oder geh unter Deck!« Er versuchte zu grinsen, aber sein Gesicht fьhlte sich so steif an wie Leder. 253
Ein Midshipman stьrzte vor und griff nach dem Hut des Admirals. Dicht unterhalb der Litze wies er zwei saubere DurchschuЯlцcher auf. Bolitho lдchelte mьhsam. »Danke, Mr. ­« Aber der Junge starrte ihn nur blicklos an, in seinen Augen erlosch das Leben wie eine Kerzenflamme. Ein Blutstrom quoll aus seinem Mund, und er sackte zusammen. Bolitho stьlpte seinen Hut auf und starrte zum Feind hinьber. Nicht einmal den Namen des Jungen hatte er gekannt. Ein mдchtiger Schatten glitt ьber das Deck, ihm nach wehte schrilles Geschrei und Gebrьll: Mars- und Bramstenge des Fockmasts, glatt abgehackt wie eine Bambussprosse, kamen mit ihrem ganzen Rigg von oben. Donnernd stьrzten sie ьber die Seite und rissen alles mit ьber Bord, was ihnen im Wege stand. Allday keuchte: »Die Flagge, Sir! Ihre Flagge ist weggeschossen!« Es ьberraschte Bolitho, daЯ er mitten in diesem Totentanz noch Gefьhle aufbringen konnte, aber er spьrte, daЯ ihn Wut und Verwirrung erfьllten. Er zog den alten Familiensдbel und legte die Scheide sorgsam an Deck, ohne recht zu wissen, was er tat. Fast Bord an Bord lagen die feindlichen Schiffe, und immer noch feuerten die Kanonen, jetzt auf kьrzeste Distanz; ein kreischender, wirbelnder Hagel aus Metall, Holzsplittern und Tuchfetzen erfьllte die Luft. Hier also sollte es zu Ende gehen, dachte Bolitho. Das Schicksal hatte es lдngst vorhergewuЯt, nur die Menschen machten sich immer etwas vor. Unten auf dem Hauptdeck duckten sich die Seeleute schutzsuchend, als noch mehr Wrackteile aus der Takelage prasselten, von den wi ppenden Netzen aufgefangen wurden oder spritzend ins Wasser schlugen. Die Leute waren erschцpft. Sie hatten ihr Bestes gegeben, weitaus mehr, als man von ihnen erwarten konnte. Bolitho riЯ sich den Hut vom Kopf, hieb damit auf die ihm am nдchsten stehende Kanone und rief gellend: »Auf, auf, Kinder! Eine letzte Breitseite!« Eine Musketenkugel riЯ ihm die Goldepaulette von der rechten Schulter, und ein Seesoldat bьckte sich rasch und steckte sie in die Tasche. Betдubt, blutverschmiert und mit pulvergeschwдrzten Gesichtern 254
taumelten die Stьckmannschaften noch einmal an ihre Kanonen, schwangen die Ladestцcke wie verlдngerte Arme und verbannten alles aus ihren Gedanken ­ bis auf die grellbunte Trikolore hoch ьber den Rauchschwaden. Bolitho rief zu Keen hinьber: »Noch eine Breitseite, Val, dann rammen sie uns!« Erst danach merkte er, daЯ Keen beide Hдnde in die linke Seite preЯte und Blut zwischen seinen Fingern hervorquoll. Aber er schьttelte den Kopf, als er Bolithos Besorgnis gewahrte. Zischend stieЯ er durch die zusammengepreЯten Zдhne hervor: »Nein, noch nicht, die Leute dьrfen mich nicht fallen sehen!« Quantock begriff, was geschehen war, und schwenkte auffordernd den Hut. »Feuer!« befahl er an Keens statt. Auf KernschuЯweite brьllten die britischen Kanonen auf, ihre Kugeln kreuzten sich mit dem Gegenfeuer des Feindes. Das Deck schien in lauter Splittern zu explodieren, дchzend krьmmten sich die Kдmpf enden, andere schrieen Befehle fьr Kameraden, die lдngst gefallen waren. Aber Quantock war sich nur eines ungeheuren Triumphgefьhls bewuЯt. Im entscheidenden Moment, jetzt, da sie sich in den Nahkampf stьrzten und harte Disziplin, nicht weiche Anbiederei den Ausschlag gab, ьbernahm er und nicht Keen das Kommando. Aber irgend etwas stimmte nicht mit ihm. Die Beine rutschten unter ihm weg, er fiel. Kein Grund zur Sorge, irgendwer wьrde ihm schon wieder aufhelfen. Als Quantock endlich begriff, daЯ die Blutlache unter ihm seine eigene war, blickten seine Augen schon so totenstarr wie die des Kadetten, der Bolithos Hut aufgehoben hatte. 255
XVIII Ruhe den Tapferen Immer noch, selbst in den letzten Sekunden vor dem RammstoЯ, feuerten die beiden Schiffe aufeinander, wenn auch nur mit einigen wenigen Kanonen. Aber es war, als hдtten die Besatzungen die Kontrolle ьber sich verloren oder als achteten sie, vom pausenlosen Kanonendonner betдubt, auf nichts mehr, was auЯerhalb ihrer eigenen hцllischen Welt lag. An Deck oben war die Luft zu einem todbringenden Element geworden, erfьllt vom Feuer der Musketen und Pistolen, die vor allem auf die Offiziere und Wachgдnger des Achterdecks gerichtet waren. Vor Bolithos Augen verengte sich die Lьcke zwischen den beiden Schiffen immer mehr, die von den Rьmpfen eingefangene See schwappte an den Bordwдnden hoch und verwandelte sich in Dampf, wo sie auf die glьhenden Kanonenrohre traf. Kugeln hдmmerten in Decksplanken oder Hдngemattsnetze; oben in der Takelage peitschte mцrderischer Schrothagel den Rauch und ьberzog Freund wie Feind mit rot schimmernden Arabesken aus Blut. Keen klammerte sich mit einer Hand an die Querreling und preЯte die andere gegen die Rippen, mit dem Stoff seines Uniformrocks den Blutstrom aus der Wunde stillend. Aber sein Gesicht war totenbleich, und er reagierte nicht mehr, wenn die Kugeln zu seinen FьЯen ins Deck schlugen oder Mдnner neben ihm fдllten. Adam riЯ den geschwungenen Sдbel aus der Scheide und rief: »Da kommen sie!« Mit blitzenden Augen beobachtete er, wie die Rьmpfe so hart zusammenstieЯen, daЯ noch mehr Trьmmer aus der Takelage fielen und beide Schiffe immer enger verflochten. Allday warf sich mit der Schulter gegen Bolitho, stieЯ ihn beiseite und schrie, das Entermesser hoch ьber seinem Kopf schwingend: »Die haben's auf Sie abgesehen, Sir!« Tatsдchlich waren schon die ersten franzцsischen Enterer von Argonautes Bugspriet an Deck gesprungen, als die Spiere ьber das Vo rschiff knirschte, dabei Rigg und Abwehrnetze zerreiЯend, wдhrend der Seegang beide Rьmpfe anhob und immer dichter zusammenschob. 256
Eine Musketensalve der Briten fдllte jedoch die meisten Enterer, ehe sie die Netze ganz weghacken konnten, und der Rest wurde mit Piken aufgespieЯt, obwohl er schon im Rьckzug begriffen war. Hauptmann Dewar zog seinen schweren Sдbel. »Auf sie, Soldaten!« Doch damit hatte er seinen letzten Befehl auf Erden gegeben; eine Kugel riЯ ihm die untere Gesichtshдlfte weg und warf ihn die Niedergangstreppe hinunter an Deck. Fassungslos starrte Hawtayne, sein Leutnant, die Leiche an, als weigere er sich, den Tod seines Vorgesetzten zu akzeptieren. Endlich raffte er sich auf und rief: »Folgt mir!« Bolitho sah die roten Uniformen durch den Rauch zum Vorschiff stьrzen, wobei einige fielen, andere aber zum letztenmal ihre Musketen abfeuerten, ehe sie mit den Bajonetten gegen die zweite Welle der Enterer vorgingen, die wie vom Himmel gefallen an Deck landete. Es nьtzte nichts, der Feind war in der Ьberzahl. Bolitho hцrte schon franzцsisches Jubelgeschrei, das jedoch noch einmal in Fluchen und Angstgebrьll ьberging, als der Schrot einer Drehbassensalve ihre Reihen wie mit einer blutigen Sense ummдhte. Er sah Midshipman Evans neben der Niedergangsleiter kauern. »Unter Deck mit Ihnen!« befahl er. »Sagen Sie ihnen, sie sollen weiterfeuern! Auf Befehl des Admirals!« Das Feuer konnte beide Schiffe in Brand setzen, war aber ihre einzige Chance. Aus dem Augenwinkel sah Bolitho franzцsische Seeleute drьben in die Besanwanten klettern; das vom Rauch getrьbte Sonnenlicht schimmerte matt auf Hieb- und Stichwaffen, wдhrend die Angreifer darauf warteten, daЯ Wind und Seegang ihr Achterschiff nдher an Achates heranschoben. Bald muЯte ihnen aus den unteren Decks Ve rstдrkung erwachsen. Bolitho verzog das Gesicht, als unten einige seiner Vierundzwanzigpfьnder noch einmal in die Bordwand des Franzosen feuerten. Rauch, Funken und Splitter wirbelten ьber das Seitendeck und rissen einige feindliche Enterer ьber Bord, die zwischen den Rьmpfen zermalmt oder unter Wasser gedrьckt wurden. Aber schon rannten Franzosen auf dem Seitendeck nach achtern, obwohl Bolitho entgangen war, wie sie sich durchgeschlagen hatten. Einer davon, ein Leutnant, hackte einen Matrosen nieder, bevor er 257
nach unten auf das Batteriedeck springen konnte, und einige Kugeln zischten schon zum Achterdeck hinauf, wo Knocker mit seinen Mд nnern am Ruder stand, einem Hдuflein Ьberlebender auf ihrem FloЯ vergleichbar. Der franzцsische Offizier entdeckte Keen an der Reling und machte einen Ausfall; entsetzt gewahrte Bolitho, daЯ Keen vor Schmerzen die Augen geschlossen hatte und nichts zu seiner Rettung tat. Bolitho stieЯ einen lauten Ruf aus, und als der Blick des Leutnants zu ihm hin zuckte, hieb er ihm den alten Sдbel in den Hals. Noch wдhrend der Franzose mit einem gurgelnden Schrei, der in Blut erstickte, vornьber taumelte, schlug Allday mit dem Entermesser zu und fдllte ihn wie ein Waldarbeiter einen jungen Baum. Stahl klirrte gegen Stahl, als sich die britischen Matrosen auf dem Achterdeck sammelten, taub und blind fьr das Gemetzel ringsum und nur darauf bedacht, die Stellung zu halten und nicht unter diese grausamen Schneiden und stampfenden FьЯe zu geraten. Bolitho sah Adam den Ausfall eines zweiten franzцsischen Leutnants parieren und wollte hin zu ihm, wollte zu Hilfe eilen. Doch selbst im Lдrm und Schlachten des Handgemenges blieb ihm nicht verborgen, mit welcher Geschicklichkeit Adam focht, wie gut er den Schwung des schwereren Angreifers gegen diesen selbst lenkte. Schon drдngte er nach, rьckte, bei jedem Ausfall mit dem rechten FuЯ aufstampfend, vor und zwang seinen Gegner aufs Vorschiff zurьck. »Vorsicht!« gellte Alldays Schrei. Bolitho fuhr herum und sah einen franzцsischen Unteroffizier mit der Pistole auf ihn zielen. Da sauste Stahl vor seinen Augen nieder, die Pistole polterte an Deck und explodierte, immer noch von der abgetrennten Hand des Franzosen umklammert. Einen blutigen Schnitt quer ьber die Stirn, ein Entermesser in der einen und einen schweren Belegnagel in der anderen Hand, keuchte Tyrrell: »Das war knapp!« Dann warf er sich, ein hinkender Riese, mitten ins Handgemenge, lieЯ seine Waffen wirbeln und brьllte Anfeuerndes in jedes Ohr, das ihn noch hцren konnte. Im unteren Batteriedeck war das Klirren und Scharren ьber den Kцpfen erschreckend anzuhцren: als sei ein irrer Mob auЯer Rand und Band geraten. Midshipman Evans tastete sich durch den Rauch und suchte die Lei- 258
ter zum Oberdeck. Er rutschte in Blutlachen aus und wдre fast ьber die Leiche eines Stьckmeisters gefallen. Als er sich wieder aufrichtete, sah er einige Gestalten durch eine offene Stьckpforte hereinklettern, deren Kanone aus Munitionsmangel aufgegeben worden war. Das war der Feind! Die Erkenntnis lдhmte ihn, verschlug ihm den Atem, und er wollte fliehen, wollte sich verkriechen vor dem GrдЯlichen, das ihn umgab. Aber ein verwundeter Matrose taumelte neben ihm von seiner Kanone zurьck, beide Hдnde auf eine klaffende Bauchwunde gepreЯt, in den hervorquellenden Augen das helle Entsetzen. Zwei Franzosen sahen ihn und holten nach ihm aus. Der Matrose stьrzte und versuchte mit ausgestreckten Fingern, Evans' FuЯ zu erreichen. »Hilfe!« krдchzte er. »Hilf mir, um Gottes willen!« Evans war erst dreizehn Jahre alt, aber fьr den Verwundeten bedeuteten sein blauer Uniformrock und die weiЯen Kniehosen Macht und vielleicht Sicherheit vor Tod und Verzweiflung. Also zog Evans seinen kurzen Dolch und richtete die Spitze auf die Franzosen. Rutschend kamen die beiden zum Stillstand, vielleicht ernьchtert beim Anblick ihres kindlichen Gegners. Wie ein heller Lichtfleck tauchte Crockers weiЯer Haarschopf im Halbdunkel auf. Er schwang einen Ladestock mit beiden Hдnden, hieb damit auf die Franzosen ein und warf sie auf die Knie. Ein weiterer Matrose sprang herzu und bereitete ihnen mit blitzendem Entermesser ein schnelles Ende. Crocker wandte den Kopf, musterte den kleinen Kadetten perplex und keuchte: »Ein richtiger kleiner Feuerfresser, wie?« Blicklos starrte Evans zum Niedergang, wo jemand die Leiter herabgepoltert kam. Sein Verstand konnte das Geschehen nicht verarbeiten, ihm war nur bewuЯt, daЯ er immer noch lebte. Adam Bolitho wischte sich die vor Rauch trдnenden Augen und blickte sich um. Hier unten konnte man ja kaum atmen, geschweige denn erkennen, was vor sich ging. »Wo ist der Vierte Offizier?« Er musterte den langen Ladestock, den Crocker immer noch umklammert hielt, das blutige Entermesser in der Hand des zweiten Matrosen. 259
Leutnant Hallowes taumelte mit gezьcktem Sдbel durch den Rauch. »Verdammt, wer will was von mir?« Da erkannte er Adam und grinste. »Ach so, unser flotter Flaggleutnant!« »Wie kommen Sie hier unten zurecht?« fragte Adam drдngend. Lдssig schwenkte Hallowes seinen Sдbel in der Runde. »Ich habe meine Leute an die Steuerbordpforten gestellt, wie Sie sehen.« Und mit einer wьtenden Geste: »Simms! Hau ihn nieder, den Franzmann!« Die Szene erinnerte an ein makabres Ballett. Ein franzцsischer Matrose stьrzte aus den Rauchschwaden, beide Hдnde wie schьtzend ьber dem Kopf. Er muЯte in der Erwartung, das Batteriedeck voller Kameraden vorzufinden, durch eine Stьckpforte gesprungen sein. Nun sank er auf die Knie, und das WeiЯe seiner Augдpfel schimmerte grell durch Qualm und Zwielicht. Der Wachtposten am Niedergang stieЯ mit seinem Bajonett zu; so viel Gewalt saЯ in dem StoЯ, daЯ der unglьckliche Franzose auf die Decksplanken gespieЯt wurde. Adam wandte den Blick ab. »Ich habe eine Idee«, sagte er zu Hallowes. »Wir gehen durch die Messe nach achtern.« Ob der Mann ihn verstand? Er machte einen fast irren Eindruck. »Argonaute hat eine breite Heckgalerie...« »Und entern sie?« rief Hallowes. Sein Blick zuckte nach oben, als ein schwerer Schlag die Decksbalken erschьtterte. »Wie steht's an Deck?« Adam dachte an das ungeschьtzte Achterdeck, an den Splitterhagel und das Gebrьll, mit dem an Deck um die Kontrolle ьber das Schiff gekдmpft wurde. »Schlecht«, sagte er. »Aber viele franzцsische Enterer kamen aus dem Zwischendeck.« Er duckte sich vor einer Kugel, die durch eine Stьckpforte pfiff und von einer Backbordkanone abprallte. Dann sah er Crocker an. »Kцnnten Sie Ihren GroЯmast sprengen?« Erst starrte Crocker ihn nur an, aber dann bejahte er heiser. »Klar, Sir. Ich bin dabei.« Er wandte sich um, brьllte ein paar Namen, und schon hasteten Leute von den Kanonen herbei. Nur Hallowes war noch nicht ьberzeugt, lieЯ sich von der tollkь hnen Idee nicht mitreiЯen. 260
»Warum? Was soll das nьtzen? Wir kommen doch niemals lebend hinьber.« Adam stieЯ seinen Sдbel in die Scheide, mit einer Bewegung, die er Bolitho abgeschaut hatte, und zuckte die Schultern. Wie sollte er Hallowes das erklдren, auch wenn er gewollt hдtte? Im Geiste sah er Bolitho auf dem von Trьmmern ьbersдten Achterdeck stehen, das bevo rzugte Ziel aller Feinde. Wenn er ausfiel, muЯte jeder Widerstand zusammenbrechen, jetzt, da Keen verwundet und Quantock gefallen war. Schon in den nдchsten Sekunden konnte es zu spдt sein. So sagte er nur: »Ich verdanke ihm alles. Alles, verstehen Sie?« Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich um und rannte nach achtern. »Also, komm mit, Junge, wenn du willst«, rief eR. Hallowes fuhr sich mit dem Handrьcken ьber den Mund und lachte hysterisch auf. »Sagen Sie bloЯ nicht >Junge< zu mir, Mister Bolitho!« Damit rannte er ihm nach, gefolgt von anderen, die von irgendwoher geladene Pistolen aufhoben und sich anschlossen, ohne zu wissen, wohin es ging. Verwirrt starrte Evans nach achtern zur Messe. Dann fiel sein Blick auf einen Offizier, der sitzend an einer Lafette lehnte; er erkannte in ihm Foord. Der Fьnfte Offizier hatte gerade noch ve rsucht, ihm Mut zuzusprechen. Als er sich neben ihn kniete, sah er, daЯ Weste und Kniehose des Leutnants blutgetrдnkt waren. Vor seinen Augen sickerte das Leben aus dem Kцrper, der nicht einmal zusammenzuckte, als wieder eine Kanonenkugel in die Bordwand schlug und das ganze Schiff erbebte, als sei es auf ein Riff gelaufen. Foord erkannte den kleinen Kadetten und versuchte zu sprechen. Ratlos hielt Evans seine Hand. »Sag dem Kommandanten...« Foords Augen verdrehten sich im Todeskampf. »Sag ihm...« Die Finger in Evans Hand erstarrten wie im Krampf und erschlafften dann. Vage kam dem Jungen zu BewuЯtsein, daЯ seine Angst verflogen war. Vorsichtig lцste er den Sдbel aus Foords anderer Faust und spьrte den leeren Blick des Toten zwischen seinen Schulterblдttern, als er sich aufrichtete und steif nach achtern zur Messe ging. 261
»Alles klar, Leute?« Adam musterte noch einmal die gespannten Gesichter in der Runde. Crocker warf sich den Ledersack ьber die Schulter und studierte das reich geschmьckte Heck des Franzosen, das dicht neben ihnen stampfte. Die Galerie lag etwas hцher als die Messe, aber damit bot sich ihnen Deckung beim Entern. Crocker nickte. »Sagen Sie nur, wann.« Adam zog sich durch eines der zerschossenen Heckfenster, zцgerte kurz und sprang dann zum Heck des anderen Schiffes hinьber. Einen Moment fьrchtete er schon, den Halt zu verlieren und ins Wasser zu stьrzen. Unten zwischen den beiden Hecksteven trieben schon mehrere Leichen, tanzten in den Wellen auf und ab, ohne sich noch um den mцrderischen Kampf da oben zu scheren. Adam rechnete jeden Augenblick damit, ein Gesicht ьber dem ve rgoldeten Gelдnder auftauchen zu sehen oder den Hieb eines Sдbels, den Einschlag einer Kugel zu spьren. Er umklammerte eine lebensgroЯe Holzfigur, eine vergoldete Seejungfrau, die das Ende der Galerie schmьckte. Ihr Gegenstьck auf der anderen Seite war offenbar von einer Kugel gekцpft worden. Vorsichtig schob er sich um die Seejungfrau herum, wobei er sich ьberdeutlich ihres starren Blicks, des goldenen Busens unter seiner Hand bewuЯt war. Urplцtzlich stieg hysterisches Gelдchter in ihm auf wie vorhin in Hallowes. Der blanke Irrwitz seines Vorhabens wollte ihm selbst nicht mehr in den Kopf. Sein Blick fiel auf das Gesicht der Seejungfrau, und unwillkьrlich muЯte er an Robina denken. Ein eitler Traum. Er hдtte das damals gleich begreifen sollen. Hinter ihm schrie Hallowes: »Mach Platz, Junge, fьr einen Offizier des Kцnigs!« Beide lachten wie die Irren, dann schwang sich Adam ьber das Gelдnder auf die Galerie. Seine FьЯe rutschten auf zersplittertem Glas, aber dann zertrat er ein Fenster und hechtete in die groЯe Achterkajьte. Wie Achates war auch dieses Schiff fьrs Gefecht vцllig ausgewe idet worden. Bis auf einige Tote und stцhnende Verwundete war die Kajьte leer, nur aus den Stьckpforten beugten sich einige Gestalten, die mit Achates' Leuten auf dem unteren Batteriedeck die Klingen kreuzten. 262
Ein am Arm verwundeter franzцsischer Unteroffizier sah die beiden Englдnder aus dem Rauch auftauchen und цffnete den Mund zu einem warnenden Schrei. Hallowes spaltete sein Gesicht mit einem Sдbelhieb und rannte weiter, auf die gewaltige Sдule des GroЯmastes zu. Das Holz fьhlte sich ganz glatt an, spьrte Adam, der sich um Luft ringend dagegenlehnte; es zitterte unter der Last der Stengen, Rahen und Segel wie etwas Lebendiges. Ohne auch nur einen Augenblick zu zцgern, bьckte sich Crocker und laschte Pulversдckchen um den MastfuЯ, bis er aussah wie mit einem Kollier geschmьckt. Gestalten schwankten durch den Rauch; wie eine Stahlfaust schlug eine Kugel in die Brust eines britischen Seemanns. Er fiel, ohne einen Laut von sich zu geben. Crockers gesundes Auge blickte sich suchend um. »Ein Streichholz, Kumpel!« Damit entzьndete er die kurze Lunte und wich zurьck. Hallowes hob die Pistole und feuerte auf die Gruppe schattenhafter Gestalten, die ihm am nдchsten war. »Wir halten sie in Schach! Sonst schneiden die Strolche noch die Lunte durch!« Adam stьrzte vor, um mit einem franzцsischen Offizier die Klinge zu kreuzen. Er fьhlte seinen Atem im Gesicht, als sie gegen eine Kanone taumelten, merkte, daЯ der HaЯ seines Gegners sich in Entsetzen verwandelte, als er ihn mit dem Handschutz von sich abstieЯ, ausholte und die Schneide in seine Schulter hieb. Hallowes machte einen Satz nach vorn, warf einem Franzosen seine leergeschossene Pistole ins Gesicht und hackte ihn, als er taumelte, mit zwei schnellen Streichen gegen Arm und Hals zu Boden. Aber immer mehr Franzosen kamen ьber den Niedergang nach unten geklettert; ihre weiЯen Hosen leuchteten grell durch den Rauch und hoben sich klar vom dunklen Holzpaneel ab. Einer von Hallowes Matrosen stach mit einer Pike durch die Leiter und lieЯ einen der Herabkletternden schreiend ьber seine Kameraden purzeln, doch eine Pistolenkugel fдllte ihn, ehe er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Angestrengt spдhte Adam durch den beiЯenden Rauch, konnte aber keinen Kameraden entdecken. Crocker war wahrscheinlich nach ach- 263
tern gerannt, ehe seine Sprengladung explodieren konnte, und von Hallowes war nichts zu sehen. Zwei Franzosen lauerten hinter einer aufgegebenen Kanone. Einer hob seine Pistole, aber Adam schlug den Lauf nach oben, so daЯ die Kugel in die Deckenbalken fuhr. Der zweite warf sich meterweit durch die Luft und krachte mit seinem ganzen Gewicht gegen Adams Rьcken. Der Gelenkriemen seines Sдbels zerriЯ, und er hцrte die Waffe klappernd davonschlittern. Der Franzose war ein Riese und besaЯ gewaltige Krдfte. Wie Stahlklauen hielten seine teerbeschmutzten Finger Adams Handgelenke umklammert, wдhrend er ihn wie einen Gekreuzigten gegen den Boden preЯte. Adam schrie auf vor Schmerz, als das Knie des Riesen ihn voll in den Unterleib traf. Er versuchte, die Qual zu beherrschen, aber dann stieЯ das Knie ein zweitesmal zu, und vor Adams Augen explodierten weiЯglьhende Blitze. Plцtzlich tauchte ein schmдchtiger Schatten ьber den Schultern des Riesen auf, und der Schmerz lieЯ nach. Der Riese rollte seitlich von Adam herunter. Midshipman Evans starrte ihn fassungslos an. Dann, als Adam mьhsam auf die FьЯe kam, lieЯ er den Sдbel sinken, mit dem er den riesigen Franzosen niedergestreckt hatte, und sagte drдngend: »Hier entlang, Sir. Ich habe...« Der Rest des Satzes wurde von einem gewaltigen Krachen ьbertцnt. Gekrьmmt stand Adam da, denn der Schmerz wьhlte immer noch wie ein heiЯes Eisen in seinen Lenden. Staub und Rauch machten ihn blind, und sein Gehцr hatte er schon lange verloren. So tastete er nur nach Evans' Schulter und lieЯ sich durch den Qualm fьhren, ohne recht zu begreifen, was um ihn vorging. Evans zupfte an seinem zerrissenen Uniformrock und protestierte, als Adam das Gleichgewicht verlor und kopfьber zwischen zwei Kanonen fiel. Trotz seiner Benommenheit begriff er, daЯ er hier Sonnenschein sah, wo keiner sein sollte. Dann kroch Evans neben ihn, und beide stellten fest, daЯ eine groЯe, gesplitterte Spiere beide Decks, das zu ihren FьЯen und das ьber ihren Kцpfen, durchschlagen hatte: einen Meter von der Stelle entfernt, wo sie eben noch gestanden hatten. 264
Die dumpfe Lautlosigkeit machte alles nur noch schlimmer. Adam sah, daЯ Hallowes durch den Staub stolperte und kurz stehenblieb, um an dem scheinbar endlosen Mast entlang nach oben zu starren, der mit dem ganzen Gewirr seines Riggs wie ein Rammbock durch das Deck gebrochen war. Dann fiel Hallowes' Blick auf die beiden Kameraden; sein Gesicht verzerrte sich in einem irren Grinsen, und er brьllte etwas Unverstдndliches, wдhrend er mit dem Sдbel auf Crockers Werk deutete. Adam zog sich hoch und stьtzte sich wieder auf Evans' Schulter. Langsam kehrte sein Gehцr zurьck, und er merkte, daЯ der infernalische Lдrm wenn mцglich noch lauter geworden war. Hallowes brьllte immer noch. »Das wird sie ganz schцn ins Grьbeln bringen«, schloЯ er. Offenbar hatte er mit dem Leben abgeschlossen und alle Angst verloren. Evans schob Adam den Sдbel des Fьnften Offiziers in die Hand, und dann starrten sie einander an, so verwirrt wie zwei Fremde, die sich zufдllig begegnet waren. Doch mit Adams Hцrvermцgen war auch sein Gedдchtnis zurьckgekehrt und drдngte ihn nun zu handeln. »Also los, bringen wir es hinter uns!« hцrte er sich selbst sagen. Der scharfe Ton seiner Worte erinnerte ihn an seinen Onkel, und das wi ederum brachte ihn auf eine Idee. »Ich kann sie nicht mehr aufhalten!« schrie Tyrrell gellend. Er hieb seinen Belegnagel in den Schдdel eines Franzosen, der sich ьber die zerfetzten Hдngemattsnetze rollen wollte, und holte mit seinem Entermesser nach einem anderen aus. Bolitho vergeudete keine Zeit mit Antworten; Feuer wьhlte in seinen Lungen, und sein Schwertarm schien ihm so schwer wie Blei, als er abermals einen Enterer durchbohrte und ьber die Besanrьsten auЯenbords fallen sah. Es war hoffnungslos. War von Anfang an hoffnungslos gewesen. Das ganze obere Batteriedeck schien von Feinden zu wimmeln, wд hrend sich die Besatzung von Achates auf Achterdeck und Hьtte zusammendrдngte und verzweifelten Widerstand leistete. Bolitho sah, daЯ Allday sein Entermesser hob, weil ein Franzose zwischen den Streben der Querreling aufs Achterdeck kletterte; das 265
Entsetzen in seinem Gesicht wich triumphierender Schadenfreude, als der Mann begriff, daЯ der englische Bootsfьhrer sich aus unerfindlichen Grьnden nicht bewegen konnte. Bolitho sprang ьber den Kцrper eines verwundeten Seesoldaten und stach mit dem Sдbel blindlings durch die Reling. Er fьhlte die Spitze der Klinge vom Schulterblatt des Franzosen tiefer in seinen Kцrper gleiten und riЯ sie zurьck, als der Mann schreiend nach unten auЯer Sicht fiel. Bolitho legte einen Arm um Allday und zog ihn von der Reling zurьck. »Langsam, Mann!« Er wartete, bis Midshipman Ferrier ihm zu Hilfe kam, und setzte dann hinzu: »Du hast genug getan!« Allday wandte den Kopf und starrte ihn mit blutunterlaufenen Augen unglьcklich an. »Es ist mein Recht, zu...« Ein StreifschuЯ zerriЯ Bolithos Uniformrock; aus dem Augenwinkel sah er verschwommen, daЯ Langtry, der SchiffsprofoЯ, den Scharfschьtzen mit einem Enterbeil umhackte. Sie starben alle. Und wozu? Eine neue, ьberraschend heftige Explosion stieЯ beide Rьmpfe knirschend gegeneinander. Einen Moment lang glaubte Bolitho, daЯ ein Pulvermagazin in die Luft geflogen sei und nun beide Schiffe in einem einzigen grдЯlichen Fanal eingeдschert wьrden. Aber dann verhielten Sдbel und Entermesser untдtig mitten in der Bewegung, die Marineinfanteristen vergaЯen ihr verzweifeltes Bemьhen, so schnell wie mцglich nachzuladen, und starrten hinьber, wo der turmhohe GroЯmast des Franzosen zu wanken begann. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, so daЯ selbst einige Verwundete sich aufrichteten und zusahen oder Freunde durch Rufe auf das Schauspiel aufmerksam machten. Bolitho lieЯ den Arm sinken, dessen Muskeln wie von tausend Nadelstichen schmerzten. Heiser rief Knocker: »Bei Gott, da geht er hin!« Erst langsam, dann immer schneller, begann der hohe Mast zu kippen. Mars- und Bramstenge, Rahen und aufgegeite Segel brachen und zerplatzten, stehendes und laufendes Gut riЯ wie dьnne Bindfдden, konnte das ungeheure Gewicht weder halten noch bremsen. Die Marsgrдting mit ihren Drehbassen und Brustwehren barst entzwei und lieЯ 266
die Besatzung hinunterfallen; die Toppsgasten folgten, gezogen vom Rigg der Stenge, die sich krachend durch das Deck bohrte. Selbst auf Achates spьrte Bolitho die Erschьtterung und das Gewicht des gebrochenen Mastes; das Deck neigte sich unter seinen FьЯen in einem steileren Winkel. Aus den ziehenden Rauchschwaden erklang ein Trompetensignal, und die Enterer zogen sich zurьck, bis sie auf dem Vo rschiff ein dichtes Knдuel bildeten. Sie handelten dem uralten Instinkt des Seemannes gemдЯ, dem die Rettung des eigenen Schiffes ьber alles geht. Bolitho rдusperte sich mit kratzender Kehle und rief: »Zu mir, Leute von Achates!« Jetzt hatten sie eine Chance, wenn auch nur eine verschwindend kleine. Vom Vorschiff erscholl ein scharfes Kommando, gefolgt von knatterndem Musketenfeuer. Unglдubig starrte Bolitho nach vorn, fьhlte sich erinnert an den Morgen auf San Felipe, als Hauptmann Dewar so kaltblьtig den rechten Augenblick abgewartet hatte, ehe er in die Inselkavallerie feuern lieЯ. Aber jetzt lag Dewar tot, mit weggeschossenem Unterkiefer, und Dutzende von FьЯen trampelten ьber seine Leiche, wenn der Kampf vor- und zurьckflutete. Auch hatten seine Soldaten nicht auf den richtigen Moment gewartet, sondern schon die ganze Zeit todesmutig gekдmpft. Und doch, irgendwie, hatten sie auf dem Vorschiff Front zum Feind gemacht. Bolitho erkannte Hawtaynes Hut ьber dem Qualm und hцrte seine schrille Stimme kommandieren: »Zweite Reihe vor! Legt an ­ Feuer!« Die Salve krachte mit verheerender Wirkung in die dichtgedrдngten franzцsischen Enterer. Doch zum Nachladen blieb den Briten keine Zeit. Bolitho sprang die Leiter zum Batteriedeck hinunter, ohne auf den Schmerz in seinem verwundeten Bein zu achten, und rannte ьber die Trьmmer und Gefallenen hinweg nach vorn, den Blick auf die zurьckweichenden Feinde gerichtet. Hawtayne rief: »Rьckt vor!«, und die aufgepflanzten Seitengewehre glitzerten im matten Sonnenlicht, als die Soldaten zur Attacke schritten. Ein junger franzцsischer Offizier lief herbei, um Bolitho abzufan- 267
gen. Er war etwa so alt wie Adam, auch ebenso schwarzhaarig und gut aussehend. Als Stahl gegen Stahl klirrte, zuckte in Bolitho mit betдubendem Schock die Erkenntnis auf, daЯ sein Neffe hцchstwahrscheinlich lдngst tot war. Der junge Offizier verlor die Balance, als Bolitho seinen Sдbel beiseite schlug. Fьr den Bruchteil einer Sekunde weiteten sich seine Pupillen in begreifendem Entsetzen, dann lag er schon am Boden. Bolitho zog den Sдbel zurьck und merkte, daЯ seine Leute an ihm vorbei nach vorn drдngten; ihr Geschrei klang jetzt, da die Rollen plцtzlich vertauscht waren, wieder stark und zuversichtlich. Leutnant Scott winkte mit seinem Sдbel: »Enterer vor!« Jubelnd, fluchend, todesmutig wдlzte sich die Flut menschlicher Leiber hinьber auf das andere Schiff. Bolithos Sдbel hackte abermals einen franzцsischen Offizier aus dem Weg, aber der Arm wollte ihm fast nicht mehr gehorchen. Wie lange konnten sie noch durchhalten? Jetzt stand er auf dem Seitendeck von Argonaute und wurde von der Woge seiner Mдnner nach achtern mitgerissen: zur Poop, denn wer sie hatte, hatte das Schiff. Kaleidoskopartig stiegen Bilder vor Bolithos Auge auf: Adams Gesicht, als er ihm das Mдdchen aus Boston zu beschreiben versuchte; Tyrrells verzweifelter Stolz, mit dem er sich nach einem Land einschiffte, das er noch nie betreten hatte. Der kleine Evans, der das brennende spanische Schiff beobachtete oder ihm wie ein Schatten ьberallhin folgte. Und Allday, der ihn auch dann noch schьtzen wollte, als ihn seine eigene schreckliche Wunde lahmte. Gebrьll und Geschrei erscholl explosionsartig auf dem breiten Ac hterdeck, Mдnner flogen wie blutige Bьndel nach allen Seiten, als eine mцrderische Kartдtschenladung mitten in sie hineinfuhr. Bolitho wischte sich mit dem Дrmel den SchweiЯ aus den Augen und starrte zum Poopdeck hinauf. Narrten ihn seine Augen? Aber nein, er hatte nicht den Verstand verloren, da oben stand wirklich Adam mit einem anderen Offizier und einigen Mдnnern der Achates. Das Rohr der Drehbasse rauchte noch, es war abwдrts gerichtet auf die dichten Reihen der Verteidiger und ihrer Offiziere. Die Kartдtschenladung hatte dieselbe verheerende Wirkung erzielt wie die Salve der Marineinfanterie. 268
Leutnant Scott vergaЯ ganz seine gewohnte Selbstbeherrschung, schlug Bolitho auf die Schulter und schrie: »Bei Gott, das ist der Flaggleutnant, Sir! Der junge Teufel hat ihnen den Rest gegeben!« Damit rannte er seinen Leuten nach, blieb aber noch einmal kurz stehen und sah zu seinem Vizeadmiral zurьck; es war nur ein Blick, aber er sagte mehr als tausend Worte. Trotzdem, der Feind war immer noch in der Ьberzahl, und jetzt muЯte jeden Moment ein Anfьhrer auftauchen, einer, der seine Leute um sich scharen und zum Gegenangriff fьhren wьrde. Bolitho musterte seine keuchenden, abgekдmpften und zum Teil verwundeten Mдnner, die sich auf ihre Entermesser und Piken stьtzten. Noch einem Gefecht waren sie nicht gewachsen. Leutnant Trevenen kam heranmarschiert und tippte mit dem Sдbelgriff grьЯend an seinen Hut: Achates' jьngster Leutnant, den Rivers als Geisel genommen hatte. Die Augen in seinem schmutzigen Gesicht leuchteten, als er berichtete: »Die Franzosen haben die Flagge gestrichen, Sir.« Er verstummte verlegen, als sich Seeleute und Soldaten nдher herandrдngten, dann versuchte er es noch einmal: »Mr. Knocker hat eine Nachricht geschickt...« Die Stimme versagte ihm, er senkte den Blick, wдhrend ihm die blanken Trдnen ьber die ruЯigen Wangen liefen. Leise sagte Bolitho: »Sie haben sich sehr gut gehalten, Mr. Trevenen. Bitte fahren Sie fort.« Der Leutnant sah ihn an. »Mr. Knocker lдЯt Ihnen sagen, daЯ sich von Sьden her ein Schiff nдhert. Eins von unseren 74ern.« Bolitho schritt durch die Umstehenden davon, hцrte sie jubeln und einander auf die Schultern schlagen und fьhlte sich wie ein unbeteiligter Zuschauer. Am groЯen Ruderrad stieЯ er auf den franzцsischen Admiral. Er war am Arm leicht verwundet und wurde von zwei Offizieren gestьtzt. So standen sie einander gegenьber, Auge in Auge. SchlieЯlich sagte Jobert wie beilдufig: »Ich hдtte es wissen mьssen, als ich Ihr Schiff erkannte.« Er setzte zu einem Schulterzucken an, aber der Schmerz hinderte ihn daran. »Sie sollten mir eine Insel ьbergeben...« Ungeschickt nestelte er an seinem Sдbel. »Und jetzt ьbergebe ich Ihnen dies.« 269
Bolitho schьttelte den Kopf. »Nein, M'sieu. Sie verdienen, ihn zu behalten.« Damit wandte er sich ab und schritt zum Schanzkleid hinьber, wд hrend ihm Jubel- und Hurrageschrei in den Ohren gellte. Viele Hдnde packten zu und halfen ihm auf das trьmmerьbersдte Deck von Achates hinьber, wo er als erstes Fдhnrich Ferrier und Bootsmann Rooke gewahrte, die strahlend ihre Hьte schwenkten. Wenn sie doch nur damit aufhцren wьrden! Er lieЯ den Blick ьber die stummen Gestalten schweifen, die auf dem Batteriedeck hingestreckt lagen. Wie war es bestellt um die Ruhe dieser Tapfersten von allen? Und wie um die Verwundeten, die jetzt im Orlopdeck den Preis fьr seinen Sieg entrichteten? Er wandte sich um, als er Alldays schleppenden Schritt nдherkommen hцrte, und sah, daЯ sein alter Bootsfьhrer Joberts Flagge ьber der Schulter trug. Bolitho packte ihn am Arm. »Alter Halunke! Wirst du denn nie tun, was man dir sagt?« Alldays Atem ging pfeifend, aber er schьttelte grinsend den Kopf. »Kaum, Sir. Alter Hund lernt keine neuen Tricks.« Mit feuchten Augen trat Bolitho an die Reling, wo Keen in einem abgesplitterten, blutbefleckten Stuhl lehnte, wдhrend Tuson seine Wunde untersuchte. Heiser sagte Keen: »Wir haben's also geschafft, Sir. Wie ich hцre, ist das Schiff, das auf uns zuhдlt, ein 74er.« Und mit dem Schatten eines Lдchelns: »Auf ihm kцnnen Sie Ihre Flagge setzen und lange vor uns zu Hause sein.« Die Jubelrufe wollten immer noch nicht verstummen, stellte Bolitho fest. Drei gegen einen hatte es gestanden. Aber sie hatten gesiegt, und das wьrde man bald in ganz England erfahren. Leise sagte er: »Nein, Val. Meine Flagge bleibt auf Ihrem Schiff. Wir segeln gemeinsam nach Hause. Und zwar«, schloЯ er mit einem melancholischen Lдcheln, »auf dem alten Kдthchen.« 270
Epilog Bolithos Heimkehr wurde ein grцЯeres Fest, als er wдhrend der langen Monate seiner Abwesenheit zu hoffen gewagt hдtte. Und doch, wie vorausgeahnt, stimmte es ihn auch traurig. Das Abschiednehmen in Plymouth war ebenso bewegend wie der Willkomm, als die narbenbedeckte, arg mitgenommene Achates den Anker hatte fallen lassen; ihre Prise, die Argonaute, wurde sofort ins Trockendock ьbernommen. Fьr das Schiff muЯte es ein stolzer Augenblick gewesen sein, ьberlegte Bolitho, auch wenn alle Pumpen mit Hцchstleistung arbeiteten ­ wie jeden Tag und jede Stunde seit dem Gefecht. Selbst mit dem zusammengebastelten Behelfsrigg schaffte es das alte Kдthchen, noch keЯ und unternehmungslustig auszusehen, auch wenn die Nationale nur auf der Hдlfte ihrer vorgeschriebenen Hцhe auswehte. Achates' Anblick trieb die Menschen in Scharen auf dem Ufer zusammen. Adam hatte Bolitho mit ernstem Gesicht von der zerschossenen Hьtte herabsteigen gesehen, um sich von den Mдnnern zu verabschieden, die ihm seit ihrem Aufbruch vor einem Jahr so vertraut geworden waren: Scott und Trevenen, Hawtayne und der junge Ferrier. Dann Tuson, der Schiffsarzt, der Keen einen daumengroЯen Metallsplitter aus den Rippen geschnitten hatte. Und auch der kleine Evans, aus dem so frьh ein Mann geworden war. Aber Bolitho dachte auch an jene, die er niemals wiedersehen wь rde, die den Triumph der Heimkehr nicht mit ihnen teilen konnten. In wenigen Monaten wьrde das eroberte Linienschiff unter britischer Flagge segeln, eine hochwillkommene Verstдrkung der dezimierten Flotte. Aber Achates hatte das Gefecht schlechter ьberstanden als vermutet. Die blauen Gewдsser der Karibik wьrde sie kaum wi edersehen, sondern ihre Tage als abgetakelte Hulk, als Unterkunft fьr durchreisende Seeleute beschlieЯen. Die Rьckfahrt durch den Kanal war langsam und mьhsam gewesen, und sie hatten sich so dicht unter der Kьste Cornwalls halten mьssen, daЯ Adam in die Besansaling aufgeentert war, um mit dem Fernrohr Ausschau zu halten. Als er wieder unten stand, sagte er nur: »Ich habe ein Stьck vom Haus gesehen, Onkel.« Jetzt erst begriff er, wie nahe er daran gewesen 271
war, es nie mehr wiederzusehen. »Das Vorland ist schwarz vor Menschen, sie stehen bis nach St. Anthony.« Trotz des warmen Frьhjahrswindes kamen sie nur so langsam voran, daЯ Bolitho eine Kutsche nach Plymouth entgegengeschickt wurde. Er war dankbar, daЯ Belinda nicht selbst gekommen war, denn wenn sie gesehen hдtte, wie sein beschдdigtes Schiff in den Hafen hinkte, wдre sie vor Sorge auЯer sich gewesen. Ein letztes Mal hatte Keen ihn in der Barkasse an Land begleitet. Die Menschenmenge am Kai jubelte und warf ihre Hьte in die Luft, Die Frauen hoben ihre kleinen Kinder hoch, damit sie Bolitho sehen konnten. Die Nachricht von seinem Sieg war ihm weit vorausgeeilt. Aber Bolitho bemerkte auch, daЯ unter den Zuschauern nur wenige junge Mдnner waren. Denn wieder einmal lag England im Krieg mit seinem alten Feind, und wen die Werber ьbriggelasen hatten, den hдtten die PreЯkommandos bei dieser Gelegenheit nur zu schnell aufgegriffen. Auch von Tyrrell hatte er sich verabschiedet, mit mehr Rьhrung als erwartet. Aber Tyrrells ve rbissene Halsstarrigkeit machte eine Trennung unumstцЯlich. Tyrrell hatte Bolithos Hдnde in beide Pranken genommen und gesagt: »Ich schaue mich erst ein biЯchen um, Dick. Mal sehen, ob es mir hier gefдllt.« Bolitho beharrte: »Trotzdem, kommen Sie bald in Falmouth vorbei. Und vergessen Sie uns nicht.« Tyrrell warf sich den Seesack ьber die Schulter. »Vergessen hab' ich Sie nie, Sir. Und werd's auch jetzt nicht tun.« Seitdem war schon eine Woche vergangen. Bolitho stand am Fenster, blickte hinaus auf den schattigen, blumenьbersдten Garten und konnte es kaum glauben. Bei ihrem ersten Wiedersehen hatten sich Freude und Rьhrung die Waage gehalten. Belinda preЯte die Stirn an seine Brust und flьsterte: »Ich habe Ferguson ьberredet, mit mir zum Vorland zu fahren. Da sah ich dich vorbeisegeln. Das arme kleine Schiff! Ich war ganz entsetzt, aber auch sehr stolz auf dich.« Sie hob den Blick zu seinem Gesicht, suchte darin die Spuren des Ьberstandenen. »Und alles war voll jubelnder 272
Menschen. Sie wuЯten natьrlich, daЯ du sie nicht hцren konntest, aber sie wollten dich trotzdem willkommen heiЯen.« Bolitho sah, daЯ Allday sich im Garten mit einem Lakai unterhielt; er brachte ihn zum Lachen, wohl mit einem alten Seemannsgarn. Auch mit Allday war ein Bild verbunden, das er nicht so schnell ve rgessen wьrde: wie sein alter Bootsfьhrer steif aus der Kutsche geklettert war und sich bemьht hatte, auf der Stein treppe nicht zu hinken. Belinda war ihm entgegengekommen, hatte ihm die Arme um den Hals gelegt und leise gesagt: »Danke, Allday, daЯ Sie mir meine Mдnner heimgebracht haben. Ich wuЯte, Sie wьrden es schaffen.« So hatte sie ihn langsam wieder zum Leben erweckt ­ wie das alte Haus, dachte Bolitho. Ihre heitere Gegenwart war ьberall fьhlbar. Die Woche war im Nu vergangen, obwohl sie keine Besuche gemacht oder empfangen hatten. Ihre Einfьhlsamkeit, ihre leidenschaftliche Liebe hatte sie einander noch nдher gebracht. Dabei fiel ihm wieder der Augenblick ein, als er seine Tochter zum erstenmal auf den Arm genommen hatte. Halb lachend, halb weinend hatte Belinda ihn ermutigt: »Nimm sie hoch, Richard! Sie ist doch nicht aus Glas!« Elizabeth. Ein ganz neuer Mensch. Belinda hatte den Namen allein ausgesucht, so selbstverstдndlich, wie sie auch das ganze Hauswesen allein gefьhrt hatte. Fьr Bolitho hatte alles auЯerhalb seiner Familie an Bedeutung verloren. Rivers war in derselben Kutsche wie Jobert nach London gebracht worden. Der franzцsische Admiral wьrde eines Tages bestimmt ausgetauscht werden, aber fьr Rivers sah die Zukunft viel ungewisser aus. Wieder warf Bolitho einen Blick aus dem Fenster, aber Allday war verschwunden. An den Gedanken, daЯ sich England wieder im Krieg befand, konnte er sich nur schwer gewцhnen. Wodurch war der Frieden verspielt worden? Die Tьr ging auf, und Belinda trat mit Elizabeth auf den Armen ins Zimmer. Bolitho nahm sie ihr ab und trug sie zum Fenster, wдhrend das Kind nach den Goldknцpfen seiner Uniform grapschte. Sein Glьck war vollkommen und beschдmte ihn fast, wenn er daran dachte, wie viele bittere Not litten oder gestorben waren. 273
Auch Adam kam ins Zimmer und musterte lдchelnd die drei am Fenster. Er gehцrte jetzt zur Familie, alles war arrangiert. DrauЯen auf dem Flur hastete Allday zur Tьr und rьgte eines der Dienstmдdchen: »Beeil dich, du Trine, ein Kurier ist angekommen!« Belinda griff sich an die Brust. »O nein, nicht so bald! Nicht schon wieder«, flьsterte sie. Bolitho hцrte die Verzweiflung in ihrer Stimme und drьckte seine Tochter fester an sich. Adam eilte aus dem Zimmer, kehrte aber kurz darauf mit einem dikken, versiegelten Briefumschlag zurьck. Beruhigend sagte er: »Der Kurier kommt nicht von der Admiralitдt. Die Nachricht ist vom Hof in St. James.« Belinda nickte erleichtert. »Lies bitte vor, Adam. Ich bin zu nervцs.« Adam brach die Siegel auf und las schweigend. Dann hob er den Blick. »Gott sei Dank«, sagte er. Allday und Ferguson drьckten sich noch in der Tьr herum, beobachteten, wie der Leutnant das eindrucksvolle Schreiben an die Hausfrau weiterreichte. Er sah die Ьberraschung in ihrem Gesicht der Freude weichen und sagte: »Tja, Allday, du muЯt hцherenorts gute Beziehungen haben. Dein Wunsch ist erfьllt worden.« Wortlos starrte Allday zum Fenster, wo Belinda jetzt die Arme um Mann und Kind legte und Bolitho auf die Wange kьЯte. Lдchelnd meinte Adam: »Aber ich glaube, mein Onkel ist zufrieden mit dem, was er hat. Das ist fьr ihn der schцnste Lohn.« Allday hцrte ihn nicht; sein Blick war in die Ferne gerichtet, als er sagte: »Also Sir Richard Bolitho.« Dann nickte er nachdrьcklich, und in seinen Augen stand wieder ein Glanz wie in alten Tagen. »Wenn mich jemand fragt: Es wurde auch Zeit!« Ende 274

A Kent

File: der-brander.pdf
Title: der brander.PDF
Author: A Kent
Author: alex kent
Subject: marineliteratur
Published: Tue Oct 15 15:48:24 2002
Pages: 274
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Folk music, 7 pages, 0.14 Mb

Machine Design, 12 pages, 0.51 Mb

Stray dogs, 124 pages, 0.5 Mb
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